Bis in die zweite Hälfte
des 19.
Jahrhunderts
stellten die
vom
deutschen
Bürgertum
begründeten
Städte
Ungarns noch
einen
lebendigen
Bestandteil
des
deutschen
Kulturraumes
dar. Es sei
nur auf das
Deutsche
Theater in
Pest (fiel
1889 einem
Brand zum
Opfer und
wurde nicht
wieder
aufgebaut)
und die
Tätigkeit
des
Verlegers
Gustav
Heckenast in
dieser Stadt
verwiesen,
der Werke
von Nikolaus
Lenau,
Adalbert
Stifter und
anderen
deutschen
Dichtern
dieser Zeit
herausbrachte.
Nach dem
Ausgleich
des Jahres
1867
verloren
diese Städte
mit der
fortschreitenden
madjarischen
Überfremdung
weitgehend
ihre
Bedeutung
als
Pflegestätten
deutscher
Kultureinrichtungen
sowie als
Arbeitsfeld
für Talente,
die aus dem
deutschen
Element in
Ungarn
hervorgingen.
Diese
schöpferischen
oder
kulturpflegerischen
Kräfte
mußten sich
jetzt selbst der
Überfremdung
fugen oder
im
binnendeutschen
Sprachraum
ein
Betätigungsfeld
suchen,
viele mußten
auch daheim
bleiben und
resignieren.
Einer, der
aus der
donauschwäbischen
Kleinstadt
Apatin über
Budapest in
den
binnendeutschen
Kulturraum
vorstieß, um
dort dann
zum
weltbekannten
Operettenkomponisten
zu werden,
war Paul
Abraham. Als
er am 6. Mai
1960 in
Hamburg
starb,
berichteten
fast alle
Zeitungen
und
Rundfunkstationen
darüber.
Dabei war
bei der
Schilderung
seines
Lebenslaufes
gewöhnlich
auch
vermerkt,
daß er in
Apatin in
Ungarn
geboren und
ein
ungarischer
Komponist
sei.
Die Familie Abraham, der
der
Komponist
entstammt,
ist seit
1758 in
Apatin ansässig,
also fast
seit der
Gründung und
Besiedlung
dieser
Marktgemeinde
durch
deutsche
Handwerker
und Bauern.
Die
Angehörigen
der Familie
widmeten
sich als
solide
Kaufleute
dem Handel,
und sie
spielten bis
zur
Vernichtung
eine
führende
Rolle in der
wirtschaftlichen
Entfaltung
der
Kleinstadt,
in der sie
Inhaber des
bestgeführten
Warenhauses
waren. Die
Eltern von
Paul Abraham
waren
Getreidehändler
in Apatin,
als er hier
am 2.11.1892
geboren
wurde. Er
besuchte die
Apatiner
Realschule,
die er im
Schuljahr
1905/ 06
absolvierte.
In Budapest
widmete er
sich dem
Studium der
Musik. Als
junger
Musiker
wirkte er
aktiv im
Apatiner
Salon-Orchester
mit. In
Budapest
absolvierte
er die von
Franz Liszt
begründete
Musikhochschule.
Seine musikalische
Laufbahn
begann er
mit
„ernsten“
Ambitionen
und Studien:
Er
komponierte
Streichquartette,
und es gibt
ein
Cellokonzert
von ihm.
1922 wurde
bei den
Salzburger
Festspielen
ein
Streichquartett
aufgeführt.
Er war schon
36 Jahre
alt, als er
sich seiner
eigentlichen
Begabung
bewußt wurde
und den
Sprung zur
Operette
wagte. Die
erste, „Der
Gatte des
Fräuleins“,
aufgeführt
1928, war
kein Erfolg,
der ihn
sonderlich
hätte
ermutigen
dürfen. Aber
schon „zwei
Jahre später
errang er
den
durchschlagenden
Erfolg mit
„Victoria
und ihr
Husar“,
aufgeführt
an der
Städtischen
Oper in
Leipzig
1930, dann
auch in
Berlin und
Wien. Ein
großer Teil
der Melodien
aus dieser
Operette hat
bis heute
seine
Volkstümlichkeit
nicht
verloren.
Überboten
wurde dieser
Erfolg schon
ein Jahr
später mit
der „Blume
von Hawai“,
uraufgeführt
am 24. Juli
1931 in
Leipzig. Mit
der Operette
„Ball im
Savoy“
gelang ihm
ein
ähnlicher
Erfolg in
Berlin 1932;
Richard
Tauber und
Gina Alpar
waren die
Sterne des
Abends. Paul
Abraham
schrieb 13
Operetten
und Musicals
und mehr als
30
Filmmusiken.
Zu dem
Umkreis der
Matadore des
„silbernen
Zeitalters“
der
Wiener
Operette mit
Franz Lehar,
Oskar
Straus, Leo
Fall,
Emmerich
Kalman u.a.
gehört
auch der aus
dem
donauschwäbischen
Apatin im
pannonischen
Batscherland
(bis 1918
Österreich-Ungarn,
heute
Jugoslawien)
stammende
Paul
Abraham.
Die Ereignisse des Jahres
1933 zwangen
den Künstler,
seinen
Berliner
Wohnsitz
aufzugeben
und
Deutschland
zu
verlassen.
Über Wien
und Paris
führte ihn
sein Weg als
Emigrant
schließlich
nach New
York. Das
Interesse
des
amerikanischen
Publikums zu
erwecken ist
ihm aber
nicht mehr
gelungen.
Sein Stern
war im
Sinken.
Geldnot und
Erfolglosigkeit
führten zu
einem
Nervenzusammenbruch.
Einflußreiche
Freunde
setzten sich
seit 1955
für seine
Rückkehr
nach
Deutschland
ein. Sie
gründeten
die
„Paul-Abraham-Gesellschaft“
in Hamburg,
die sich um
eine
moralische
Wiedergutmachung
für den
Künstler
bemühte. Am
6. Mai I960
ist Paul
Abraham im
Eppendorfer
Krankenhaus
in Hamburg
an einer
Herz- und
Kreislaufschwäche
gestorben.
Die Melodien von Paul
Abraham sind
heiter und
traurig, keß
und
gefühlvoll,
sehnsüchtig
und
hinreißend;
ihre
rhythmische
Eleganz, ihr
exotischer
Reiz, das
Chroma ihres
Klangs und
Klanggewandes,
das
großstädtisch
Mondäne, der
Seelenraum
zwischen
Wien und
Hawai, die
Folklore-Farbigkeit,
die
Charakterisierung
der
russischen,
japanischen,
ungarisch-pannonischen
Stimmungslandschaften,
das alles
macht sie
unverkennbar,
das alles
lebt über
den hinaus,
der sie
schuf.
Lit.:
Hans
Schnorr,
Oper,
Operette,
Konzert
1955; Hans
Renner,
Oper,
Operette,
Musical, München
1969;
Brockhaus/Riemann,
Musik
Lexikon 2.
Bände, 1978,
S. 10; Josef
Volkmar Senz,
Wir bleiben
dem Strum
verbunden.
Apatiner
Betrachtungen
und
Berichte.
Straubing
1977, S. 65;
Clemens
Wolthens,
Oper und
Operette,
Köln; Anton
Würz,
Reclams
Operettenführer,
Stuttgart
1953, S.
268.
Josef
Volkmar Senz