Adelung gilt als einer der herausragenden
Wissenschaftler auf dem Gebiet der deutschen Sprache im
18. Jahrhundert (das Wort „Germanist“ war noch nicht
geprägt), und sein umfangreiches Werk hat bis heute
nicht an Bedeutung eingebüßt. In Spantekow südwestlich
von Anklam als Sohn eines Pfarrers geboren, besuchte er
zunächst in Anklam die Stadtschule, dann das unter
pietistischem Einfluß stehende Gymnasium Kloster Berge
bei Magdeburg (heute zu Magdeburg gehörig) und studierte
1752 bis 1758 Theologie in Halle. Nach einer Tätigkeit
als Gymnasialprofessor in Erfurt war er 1762 bis 1763
(oder 1765) herzoglicher Bibliothekar in Gotha,
privatisierte seit 1763 (oder 1765) in Leipzig als
Schriftsteller, Lexikograph, Rezensent, Übersetzer
historischer Werke, Zeitschriftenredakteur und als
Herausgeber des „Magazins für die Deutsche Sprache“
(1782-1784), bis er 1787 Hofrat und Oberbibliothekar in
Dresden wurde, wo er bis zu seinem Tode lebte.
Besonders wichtig ist sein fünfbändiges Wörterbuch, das
1774 bis 1786 in
Leipzig unter dem Titel „Versuch eines vollständigen
grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen
Mundart“ erschien. 1766 hatte er im Auftrag des
Verlegers Breitkopf damit begonnen, Gottscheds Plan
eines Wörterbuchs zu realisieren, schuf dann aber – in
kritischer Distanz zu Gottscheds Methode – ein
eigenständiges Werk“, das erstmals alle Wortartikel in
alphabetischer Reihe brachte und nicht mehr nach dem
Stammwortprinzip, wo unter „Ruf“ „Anruf, „Beruf“,
„zurufen“ aufgeführt werden. Mit über 55.000 Artikeln
gibt es Einblick in den deutschen Wortschatz des späten
18. Jahrhunderts und gilt bis heute in seiner
Bedeutungserklärung als vorbildlich: Auf das Lemma
folgen grammatische Angaben, und sofort werden die
Definitionen, untergliedert in „eigentliche“ und
übertragene („figürliche“) Bedeutung, entsprechend
der Bedeutungsstruktur des Wortes, gegeben. Die
Beispiele und Belege zur Konkretisierung sind nicht nur
der „Büchersprache“, sondern auch „den verschiedenen
Lebensarten und dem täglichen Umgang“ entnommen. Wichtig
sind die Hinweise auf regionalen oder sonderspachlichen
Gebrauch und auf Stilfärbungen wie „verhüllend“,
„spöttisch“ usw. Auch die Sprachschichtung beachtete er
(allerdings nicht mehr in der Zweitauflage 1793-1801):
„1. die höhere oder erhabene Schreibart; 2. die edle; 3.
die Sprechart des gemeinen Lebens und
vertraulichen Umgangs; 4. die niedrige; 5. die ganz
pöbelhafte Sprechart“. Über seine Wörterbucharbeit kam
Adelung zu den anderen Gebieten der allgemeinen und
deutschen Sprachwissenschaft, zur Grammatik, Stilistik
und Sprachgeschichte.
Sein Ruhm trug ihm den Auftrag des preußischen
Kultusministers Karl Abraham v. Zedlitz ein, eine
deutsche Sprachlehre zu verfassen, da dieser den Erlaß
Friedrichs d. Gr. von 1779 realisieren wollte, den
Deutschunterricht an den Gymnasien zu reformieren. So
erschien 1781 in Berlin Adelungs „Deutsche Sprachlehre.
Zum Gebrauche der Schulen in den Königlichen Preußischen
Landen“, die bis 1828 14 Neuauflagen und Nachdrucke
erlebte (eine Kurzfassung unter dem Titel „Auszug aus
der Deutschen Sprachlehre für Schulen“, ebenfalls 1781
in Berlin veröffentlicht, brachte es auf zusätzliche
acht Neuauflagen und Nachdrucke bis 1818). Bis heute
gehört die ausführliche Fassung, die 1782 in zwei Bänden
unter dem Titel „Umständliches Lehrgebäude der Deutschen
Sprache, zur Erläuterung der Deutschen Sprachlehre für
Schulen“ in Leipzig herauskam, zum Lesekanon eines
Germanistik-Studenten.
Zur Orthographie hatte er schon Wesentliches in drei
Aufsätzen in seinem „Magazin für die Deutsche Sprache“
1782 publiziert. Sein Hauptwerk hierzu bleibt seine 1788
in Leipzig erschienene „Vollständige Anweisung zur
Deutschen Orthographie, nebst einem kleinen Wörterbuche
für die Aussprache, Orthographie, Biegung und
Ableitung“, die bis 1820 vier Auflagen erlebte. Die
Prinzipien-Schreibung nach der „allgemeinen besten
Aussprache“, nach der Stammbewahrung und dem allgemeinen
Gebrauch wurden jeder künftigen Orthographiediskussion
zugrunde gelegt.
Nicht übergangen werden darf seine 1785 in Berlin
veröffentlichte dreiteilige Arbeit „Ueber den Deutschen
Styl“, in der er beabsichtigte, „die so wichtige und
noch von vielen verkannte Lehre von dem Style auf eine
ausführliche und überzeugende Art vorzutragen“. Zu Recht
ist dieses Werk von Anke Schmidt-Wächter als „das erste
umfassende Lehrbuch zum deutschen Stil im heutigen
Verständnis“ bezeichnet worden.
Rege Diskussionen lösten damals seine sprachhistorischen
und dialektologischen Arbeiten aus. Ganz der Aufklärung
verpflichtet, schrieb er in seinem 1781 bei Breitkopf in
Leipzig erschienenen Buch über die „Geschichte
der Deutschen Sprache, über Deutsche Mundarten und
Deutsche Sprachlehre“ (S. 7): „Sprache und Erkenntniß
oder Cultur stehen in dem genauesten Verhältnisse mit
einander.“ Deshalb war für ihn die Höherentwicklung der
Sprache immer durch kulturelle Impulse ausgelöst worden.
„Mit Carl dem Großen brach die Dämmerung der Deutschen
Literatur an, und seine Verdienste sowohl um seine
Nation, als deren Sprache sind allerdings groß ... Unter
den Schwäbischen Kaisern (1136-1254) brach endlich um
die Mitte des zwölften Jahrhunderts der schöne Morgen
für die Sprache und schönen Künste an“ (S. 37, 50). Der
eigentliche Fortschritt sei aber erst zu Beginn der
dritten Periode mit der Reformation erzielt worden, wo
„Obersachsen Sitz der Künste und Wissenschaften war“ und
Luther v. a. in „den verschiedenen
Ausgaben seiner
Bibelübersetzung“ seine „Mundart“ „durch die Meißnische
zu verfeinern suchte“. „Alle Deutsche, denen es um
vernünftige und gründliche Gelehrsamkeit zu thun war,
kamen nach Obersachsen, und lernten diese Mundart, als
die zierlichste und wohlklingendste in Deutschland“ (S.
64).
Dieser Alleingültigkeitsanspruch rief sofort heftige
Kritik hervor, schon 1782 durch Christoph Martin Wieland
in seinem im „Teutschen Merkur“ veröffentlichten Aufsatz
„Über die Frage: Was ist Hochdeutsch? und einige damit
verwandte Gegenstände“: „Indessen sind und bleiben es
doch ihre Gelehrten, und unter ihren Gelehrten die
Schriftsteller von Genie, Talenten und Geschmack, ...
die zu ihrer (= der Schriftsprache der ganzen Nation)
Bereicherung, Ausbildung und Polierung das Meiste
beitragen, und diese Männer finden sich durch alle
Provinzen der Nazion verstreut.“ Goethe und Schiller
ließen 1796 in den „Xenien“ die Elbe prahlen: „All ihr
andern, ihr sprecht nur ein Kauderwälsch. Unter den
Flüssen/ Deutschlands rede nur ich, und auch in Meißen
nur, Deutsch.“
Andererseits griff
Goethe immer wieder auf Adelung zurück. So
zog er bei der
Überarbeitung seiner Jugendwerke dessen Wörterbuch
heran, und in der Orthographie war Adelung für ihn
unanfechtbare Autorität. Der Lexikograph,
Grammatiker, Stilforscher
und Orthograph Johann
Christoph Adelung, der 1785 Mitglied der
Deutschen Gesellschaft in Leipzig und 1787 auswärtiges
Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften in
Berlin wurde, hinterließ ein umfangreiches und
bedeutendes Werk, das zu großen Teilen bis heute
nachwirkt. Schon die Brüder Grimm setzten ihm im I. Band
ihres Deutschen Wörterbuches, Leipzig 1854, durch einen
eigenen Artikel ein Denkmal: „ADELUNG, m. vir nobilis,
ahd. adalunc, und gangbarer mannsname, der wolklingende
durch sein wörterbuch ein hohes verdienst um unsere
sprache sich errungen hat.“
Lit.: Werner
Bahner (Hrsg.),
Sprache und Kulturentwicklung im Blickfeld der deutschen
Spätaufklärung. Der Beitrag Johann Christoph Adelungs,
Berlin l984. – Peter von Polenz, Deutsche
Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart,
Band II., 17. und 18. Jahrhundert, Berlin/New York 1994.
– Anke
Schmidt-Wächter, Die Reflexion kommunikativer Welt in
Rede- und Stillehrbüchern zwischen Christian Wiese und
Johann Christoph Adelung. Erarbeitung einer
Texttypologie und Ansätze zu einer Beschreibung der in
Rede- und Stillehrbüchern erfaßten kommunikativen
Wirklichkeit unter besonderer Beachtung der Kategorie
des Stils, Frankfurt/M. (u. a.) 2004. – Claudia
Stockinger,
Adelung, Johann Christoph,
in: Christoph König (Hrsg.):
Internationales
Germanistenlexikon 1800-1950, Band I: A-G, Berlin/New
York 2003, S.
4-6.
Bild:
Werner Bahner/Werner Neumann, Sprachwissenschaftliche
Germanistik. Ihre Herausbildung und Begründung, Berlin
1985, Tafel 3.
Rudolf
Bentzinger/Harro Kieser