|
Die Anfänge musikhistorischer Forschung reichen in Österreich in die
Zeit um etwa 1800 zurück, und Männer wie Raphael Georg Kiesewetter,
Ludwig Ritter von Köchel und August Wilhelm Ambros haben neben anderen
auf diesem Gebiet Hervorragendes geleistet. Die Begründung der
Musikwissenschaft als akademische Disziplin, ihre methodische und
organisatorische Grundlegung, die Schaffung wichtiger Institutionen, die
Ausbildung einer „Wiener Schule“ des Faches ist einem Mann zu verdanken,
der alle diese Ziele offensichtlich schon von Jugend an klar vor Augen
hatte und sein Leben lang über Rückschläge und Erfolge hinweg immer
verfolgte: Guido Adler.
„Deutsche und Tschechen lebten damals friedlich neben- und
miteinander“, als Adler in der mährischen Kleinstadt Eibenschitz
geboren wurde. Völkerverbindung, Freundschaft über Grenzen, ja über
Krieg waren für Adler, nach eigenem Bekenntnis „stolz, sudetendeutscher
Abkunft zu sein“ und sein Judentum nie verleugnend, selbstverständliche
Lebenshaltung. Er war das jüngste Kind des Arztes im Adler, der bereits
ein Jahr nach Guidos Geburt starb. Die Witwe zog mit ihren sechs Kindern
nach Iglau, 1864 nach Wien. Hier besuchte Adler das Akademische
Gymnasium, daneben seit 1868 das Wiener Konservatorium, wo unter anderem
Anton Bruckner und Otto Dessoff seine Lehrer waren. Nach der
Reifeprüfung studierte er auf Wunsch der Mutter Jus, arbeitete auch
kurzzeitig beim Wiener Handelsgericht, brach diese Tätigkeit jedoch ab,
um sich der Musik zu widmen
(seinen Lebensunterhalt verdiente er durch Stundengeben). Neben starkem
Engagement in der Wagner-Bewegung (er gehörte zu den Gründern des Wiener
Akademischen Wagnervereins und war mehrere Male bei Wagner in Bayreuth)
widmete er sich vor allem musikhistorischen Studien. Diese vollzogen
sich im wesentlichen auf autodaktischem Weg, während ihm die akademische
Lehrtätigkeit Eduard Hanslicks, bei dem er nach nur drei inskribierten
Semestern 1880 promovierte, kaum ernsthafte Anregung oder Stütze bieten
konnte. Als seine Vorbilder im Fach nennt Adler Otto Jahn, Philipp
Spitta, August Wilhelm Ambros und Friedrich Chrysander, wobei der
letztere, der ihn auch förderte, den stärksten Einfluß ausgeübt haben
dürfte. Daneben verdankte er aber auch Vertretern anderer Disziplinen
bestimmende Eindrücke. Adler selbst nennt seine Universitätslehrer für
römisches Recht und österreichisches Privatrecht, Adolf Exner und Josef
Unger. Während seines Zweitstudiums bei Hanslick hörte er außer bei
diesem nur noch bei zwei weiteren Lehrern, den Philosophen Franz
Brentano und Alexius von Meinong; mit dem letzteren blieb er, wie auch
mit anderen Philosophen – Friedrich Jodl, Christian von Ehrenfels – in
freundschaftlicher Verbindung. Von Adler selbst merkwürdigerweise
nirgends erwähnt (vielleicht auf spätere latente Rivalität innerhalb der
Fakultät zurückzuführen), aber evidentermaßen prägend war die
Vorbildstellung der Kunstgeschichte, namentlich ihres Wiener Pioniers
Rudolf von Eitelberger (etwa in der zentralen Bedeutung des
„Stil“-Begriffes).
Adler bediente sich, sicherlich unter starker Anregung Chrysanders, zur
Bezeichnung des von ihm vertretenen Faches schon vom Anfang an dezidiert
und programmatisch des Ausdruckes „Musikwissenschaft“, für die er
auch 1882 mit Erfolg um die venia legendi einkam. Er hob sich damit,
wohl ganz bewußt, von der „Geschichte und Ästhetik der Tonkunst“ ab,
welcher der Universitätslehrstuhl Hanslicks gewidmet war. Hanslick stand
den Ideen seines Schülers offensichtlich fremd gegenüber, hat ihn aber
in allen seinen Bestrebungen |gefördert. Die Berufung als
Extraordinarius nach Prag im Jahre 1885, an der dortigen Fakultät
von Carl Stumpf und Ernst Mach betrieben, sollte letztlich die Übernahme
der Nachfolge Hanslicks in Wien vorbereiten. Es kostete jedoch einen
vierjährigen, gelegentlich sogar aussichtslos scheinenden Kampf (in den
unter anderem Johannes Brahm für einen der Konkurrenten Adlers, Eusebius
Mandyczewski, einzugreifen versuchte), ehe Adler 1898 den Wiener
Lehrstuhl übernehmen konnte und noch im selben Jahr das heutige Institut
für Musikwissenschaft begründete.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Adler bereits entscheidende Taten für die
Etablierung der Musikwissenschaft als mit den anderen Fächern
gleichberechtigter akademischer und Forschungsdisziplin getan. Im Jahr
seiner Berufung nach Prag, 1885, gründete er zusammen mit Chrysander und
Spitta – als Dreißigjähriger der jüngste von ihnen – die
Vierteljahresschrift für Musikwissenschaft, das erste eigentliche
wissenschaftliche Organ des Faches. Der Beitrag, mit welchem er die
erste Nummer eröffnete, Umfang, Methode und Ziel der
Musikwissenschaft, war eine epochemachende Leistung, die einen
Meilenstein in der Entwicklung der Disziplin darstellt und bis heute
Gegenstand von Erörterungen zu deren Systematik und Methodik ist. Seit
1888 bemühte sich Adler, im Anschluß an die „Monumenta“-Unternehmungen
anderer Fächer, um die Gründung derartiger, „Denkmäler“ auch für die
Musik, anfangs für den Gesamtbereich der europäischen Musik gedacht,
mündeten diese Bestrebungen schließlich 1893 in die Denkmäler der
Tonkunst in Österreich, die seit dem ersten Band 1894 bis heute
ununterbrochen erscheinen. Wichtig für dieses Unternehmen wie auch für
Adlers Stellung war seine Betreuung mit der Abteilung für Deutschland
und Österreich-Ungarn bei der von Fürstin Pauline Metternich initiierten
Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen in Wien 1892.
Adler, der dabei über staatliche Mittel verfügen konnte, benützte diese
repräsentative Gelegenheit zu einer über den Gesamtbereich der Monarchie
ausgreifenden Bestandsaufnahme der Musiküberlieferung; die damals
angelegten Kataloge befinden sich noch heute im Besitz der Gesellschaft
zur Herausgabe von Denkmälern der Tonkunst in Österreich. Schließlich
fiel in diese Zeit auch noch der Ankauf der berühmten, 1885 von Franz
Xaver Haberl entdeckten Codices, der damals wichtigsten bekannten
Quelle zur Musik des 15. Jahrhunderts, durch das österreichische
Ministerium für Kultus und Unterricht. Adler hat der Erschließung und
Erforschung dieser hochbedeutenden Handschriften innerhalb der Denkmäler
(in deren Rahmen sechs Auswahlbände erschienen) und des Seminars größte
Aufmerksamkeit gewidmet; die Arbeiten konnten auch – wieder ein Zeichen
für Adlers Urbanität und internationales Ansehen – fortgesetzt werden,
als die Codices nach dem ersten Weltkrieg an Italien ausgefolgt mußten.
Ein weiteres bedeutendes wissenschaftliches Unternehmen, das Corpus
scriptorum de musica medii aevi, an dem Adler maßgeblich beteiligt
war, kam infolge des ersten Weltkrieges zum Stillstand.
Den Leistungen Adlers auf organisatorischem und wissenschaftlichem
Gebiet, seinem internationalen Ansehen, seinen Erfolgen als Lehrer steht
in seltsamem Mißverhältnis seine schwache Stellung Universität bzw.
überhaupt im akademischen Leben gegenüber, wie sich dies auch schon in
den Vorgängen um seine Berufung nach Wien angekündigt hatte. Adler hat
nie ein akademisches Ehrenamt bekleidet und wurde auch nicht Mitglied
der Akademie der Wissenschaften, wiewohl diese verschiedene seiner
Unternehmungen unterstützte. Offensichtlich hat er es nicht verstanden,
sich den schwierigen Usancen in Wien anzupassen, scheint auch
gelegentlich provokant gewirkt zu haben, was natürlich den ohnehin
starken antisemitischen Effekt verstärkte. So stand er auch auf
verlorenem Posten, als nach seiner Emeritierung 1927 Robert Lach, mit
dem er nach anfänglich guten Beziehungen fachlich und persönlich in
einem äußerst gespannten Verhältnis stand, entgegen allen Vorstellungen
Adlers zu dessen Nachfolger ernannt wurde – in eben dem Jahr, als Adler
beim Wiener Beethoven-Kongreß, der durch die Mitwirkung hervorragender
Persönlichkeiten wie Pietro Mascagni, Edouard Herriot und Romain Rolland
ausgezeichnet war, im Mittelpunkt der musikalischen Weltöffentlichkeit
gestanden war.
In seinem System der Musikwissenschaft hat Adler versucht, den
Gesamtbereich des Musikalischen zu erfassen, das heißt — damals
keineswegs selbstverständlich – unter Einschluß der systematischen
und
musikethnologischen Fächer. Allerdings war diese Einbeziehung dich doch
eher äußerlich, mehr dem Streben nach Vollständigkeit zuzuschreiben. Ein
überzeugendes Konzept hatte Adler, wenigstens in der effektiven
wissenschaftlichen Anwendung, nur für die abendländische Musik. Hier war
es seine Leitidee, den Ablauf der Musikgeschichte als eine
Aufeinanderfolge von Stilepochen zu verstehen. Zur Erkenntnis eines
Stiles führt die analytische Untersuchung der Kunstwerke jedes
Stilbereiches (solche können nicht nur von der jeweiligen Periode,
sondern zusätzlich durch andere Kriterien, etwa nationale oder soziale,
bestimmt sein). Das Werk steht daher im Mittelpunkt der
wissenschaftlichen Arbeit, wie dies in dem pädagogischen Schlagwort der
Adlerschule „Die Quellen zum Werk – Das Werk als Quelle“ zum Ausdruck
kommt. Alle Einzelmethoden – biographische, philologische,
Quellenforschung etc. – sind nur insofern von Belang, als sie der
Untersuchung des Werkes dienen, die Erkenntnis des Werkes aber dient der
Erkenntnis des jeweiligen Stiles; die Abfolge, das Ineinandergreifen der
Stile bestimmt den Gang der Musikgeschichte. Neben zahlreichen Aufsätzen
hat Adler seine Grundsätze in den Büchern Der Stil in der Musik
(1911,1929), Methode der Musikgeschichte (1919) und dem von ihm
herausgegebenen Handbuch der Musikgeschichte (1924, 1930)
niedergelegt.
Die letzten Lebensjahre Adlers waren vor allem der Weiterarbeit an den
Denkmälern gewidmet. Die weltweite Anerkennung für den
Wegbereiter der Disziplin kam auch in der Wahl zum Ehrenpräsidenten der
von ihm mitbegründeten Internationalen Gesellschaft für
Musikwissenschaft (1927) zum Ausdruck. Dieses Ansehen bewahrte ihn nach
der nationalsozialistischen Machtergreifung auch vor dem Schicksal der
Deportierung, die unter Hinweis auf die Bedeutung und den Ruhm Adlers
durch Interventionen bei den maßgeblichen Stellen verhindert werden
konnte. Adler konnte in seiner Wiener Villa, wenn auch dort konfiniert,
verbleiben und ist hier mitten im Zweiten Weltkrieg verstorben. Seine
Tochter Melanie, die bei ihm geblieben war, kam in Theresienstadt um.
Der Sohn Hubert Joachim, der längst vor dem Anschluß nach Amerika
ausgewandert war, konnte nach dem Krieg den Nachlaß des Vaters
übernehmen; dieser ist heute als eigener Bestand in der Georgia
University, Poughkeepsie/USA erhalten.
Lit.:
Guido Adler: Wollen und Wirken. Aus dem Leben eines Musikhistorikers.
Wien 1935. – Volker Kalisch: Entwurf einer Wissenschaft von der Musik:
Guido Adler. Baden-Baden 1988 (dort weitere Literatur S. 352 ff. und
Schriftenverzeichnis Adlers S. 327 ff).
Bild:
Bildarchiv Verlag Bärenreiter Kassel.
Theophil Antonicek
nach oben
|