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Georg von Albrecht ist
das fünfte von acht Kindern des deutschen Mathematikers Johann Gottlieb
David von Albrecht – zuletzt Geheimrat in Petersburg – und seiner
Ehefrau Barbara, geb. Miscenko, einer Pianistin. Den ersten
Musikunterricht erhält er bei seiner Mutter; als Junge begegnet er in
Petersburg dem gleichaltrigen Prokofjew. Nach einem glänzenden Abitur am
Gymnasium in Zarskoje Selo studiert er königlichen Konservatorium in
Stuttgart bei Max von Pauer, Theodor Wiehmayer und Heinrich Lang Klavier
und Komposition und legt dort noch vor dem Ersten Weltkrieg die
künstlerische Reifeprüfung ab. In Moskau erhält er bei Tanejew
(1914-1915) eine vorzügliche kontrapunktische Schulung; es folgen
1917-1918 in Petrograd Studien bei Glasunow und Withol. Georg von
Albrecht begegnet Skrjabin und entwickelt später dessen Obertontechnik
fort; mit dem russischen Neutöner Rebikow und dem Dichter Ostroumow ist
er befreundet. 1919 begründet er mit anderen ein Konservatorium in
Jalta; 1921 lehrt er in Moskau am Musiktechnikum des Baumannschen
Bezirks. Bald kehrt er jedoch in die Heimat seiner deutschen Vorfahren
zurück, um seine Oper Das Vaterunser, die er als seine
Lebensarbeit betrachtet, zu vollenden. 1923 studiert er in Stuttgart bei
Ewald Sträßer (Straesser) Instrumentation. Seit 1925 lehrt er ebendort
an Karl Adlers Konservatorium, seit 1936 an der Staatlichen Hochschule
für Musik, deren Geschicke er in mehr als zehn Nachkriegsjahren, auch
als stellvertretender Direktor, wesentlich mitbestimmt, Besonders setzt
er sich dafür ein, daß Kriegsteilnehmern und Flüchtlingen aus dem Osten
ein Abschluß ihres Musikstudiums ermöglicht wird. 1946 erhält er den
Professorentitel, 1962 verleiht ihm die Belaieff-Stiftung Bonn den
Glinka-Preis, 1966 die Künstlergilde Eßlingen den Stamitz-Preis. In
Heidelberg, wo er seit 1956 an der Musikhochschule wirkte, ist er am
15.3.1976 gestorben.
Seine erste Gattin,
Wanda Dydziul, die ihn nicht nach Deutschland begleitet hat, ist in
seinen Liedern als Textdichterin vertreten und hat ihm den Zugang zum
litauischen Volkslied eröffnet; sie wurde im Zweiten Weltkrieg in ihrer
litauischen Heimat von der SS ermordet. Der zweiten Ehe mit der
Toneurythmielehrerin Elise, geb. Kratz (+ 1968), entstammen ein Sohn und
drei Enkelkinder. Viele Werke seiner letzten Lebensjahre schreibt er in
Sandhausen bei Heidelberg, umsorgt von seiner dritten Ehefrau Elisabeth
Charlotte, geb. Hose. Sein Schaffen ist so reich und vielschichtig wie
sein Leben. Neben bedeutenden Klaviersonaten (die unter anderem von
Walter Rehberg aufgeführt wurden) stehen 24 Preludes sowie
mehrere Variationswerke und Zyklen. Die Violinliteratur verdankt ihm
Solosonaten, eine Sonate für Violine und Klavier und das
preisgekrönte Violinkonzert. Die Kammermusik umfaßt unter anderem
zwei Streichquartette, eine Sonate für Viola und Klavier,
ein Klaviertrio, ein Streichtrio, ein Bläserquintett,
Präludium und Fuge für Flöte und Klavier. Die Kompositionen für
Kammerorchester, die in seinem Schaffen einen hervorragenden Platz
einnehmen, wurden unter anderem von Johann Nepomuk David und Karl
Münchinger aufgeführt. Daneben stehen Werke für großes Orchester und
zwei Opern sowie ein reiches Liedschaffen, dessen Texte von Goethe und
Puschkin bis zu Tagore und zeitgenössischen deutschen Dichtern reichen.
Größere Vokalwerke verarbeiten Anregungen aus mehreren Kulturkreisen:
Byzantinisches finden wir in der Liturgie des Johannes Chrysostomus,
hebräische Folklore im Lied der Lieder, Gregorianik in
Messe, Requiem, Te Deum und dem nachgelassenen Sonnengesang des
Franziskus von Assisi, den Gerhard Frommel vollendete. Die Oper
Das Vaterunser verbindet russische und griechische Volks- und
Kirchengesänge mit Texten großer deutscher Lyriker zu einer
schöpferischen Synthese. Seit seiner Jugend ein begeisterter Sammler von
Liedern und Tänzen seiner osteuropäischen Heimat, leitete Georg von
Albrecht in Stuttgart die Musikalisch-Ethnographische Vereinigung, einen
sehr guten Chor, der wegen seiner Beschäftigung auch mit außerdeutscher
Musik im „Dritten Reich" verboten wurde. Auch dem Komponisten drohte
Unterrichtsverbot, da er als Lehrer keine der modernen Richtungen
ablehnte. Er beharrte aber auf dem Grundsatz, nicht plumpe Verbote
aufzustellen, sondern seine Schüler diejenigen Gebiete der Neuen Musik,
die ihnen reizvoll erschienen, „abschreiten“ zu lassen, damit sie dann
selbst entscheiden konnten, was zu ihrer Art paßte.
Dies ist auch der Geist,
in dem er seit persönlichen Begegnungen mit Skrjabin und Rebikow –
ebenso wie später als Kritiker bei den Donaueschinger Musiktagen – die
Entdeckungen der Neuen Musik aufnimmt und weiterführt: Obertonreihen und
ihre spiegelbildliche Umkehrung, die „Untertöne“, verwendet er als
gewissermaßen naturgegebene Dur- und Mollskalen; sie kommen seinem
Streben nach Ökonomie der Mittel und Durchsichtigkeit der Struktur
entgegen; die Zwölftontechnik, die von ihm auch in größeren Werken
(Violinkonzert, Messe) mit logischer Folgerichtigkeit gehandhabt
wird, bewahrt bei ihm die melodische Linie. Polytonalität und
Polyrhythmik dienen nicht äußerlichen Effekten, sondern der farbigen
Gegenüberstellung selbständiger Stimmen; in
Sonatenhauptsatzdurchführungen und Fugen bildet das gleichzeitige
Erklingen mehrerer Tonarten ein musikalisches
Steigerungsmittel, das in dieser
Form und Funktion ein Novum darstellt. Er selbst hat darin gelegentlich
ein Symbol für das harmonische Zusammenleben verschiedener Völker und
Weltanschauungen sehen wollen.
Gesamtausgabe
(9 Bände) der
Kompositionen im Verlag Peter Lang, Frankfurt, Bern 1984-1991.
Bläserquintett (Möseler). Preludio e fuga per Flauto traverso (Belaieff).
Lieder und Tänze der Randvölker Rußlands für Violine und Klavier (Belaieff).
Buch: Vom
Volkslied zur Zwölftontechnik,
Frankfurt, Bern 1984.
Lit.:
Festschrift G. v. Albrecht, Stuttgart 1962. – Werner Schubert:
Elemente antiker Musik im Schaffen G. v. Albrechts, in: Musik in Antike
und Neuzeit, Frankfurt 1987, 31-50. – Gerhard Frommel: Tradition und
Originalität, Frankfurt 1988, 215-232. – Peter Andraschke:
Tagore-Vertonungen, in: Musik und Dichtung, Festschr. Viktor Pöschl.
Frankfurt 1990, 485. – Michael v. Albrecht: Ein Stimmer zieht durch die
Lande, ebd. 515-523. – Elliott Antokoletz: History of 20th Century
Music, 1990. – Karl Michael Komma: Klangbilder –Bildklänge, Frankfurt
1991. – Alexander Schwab: Der Komponist Georg von Albrecht. Studien zu
Leben und Schaffen, Frankfurt 1991. Michael v. Albrecht, in: Die Musik
in Geschichte und Gegenwart, Neuausg. 1991 ff. -
Schallplatte:
Klavierwerke, gespielt von Karl Heinz Lautner, Da Camera Magna SM
113141.
Bild:
M. von Albrecht
Michael von Albrecht
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