In
Nachschlagewerken,
literaturwissenschaftlichen
Untersuchungen
und
universitären
Vorlesungen
wird
Willibald
Alexis
durchweg als
Begründer
des
historischen
Romans in
Deutschland
und früher
Chronist von
Brandenburg-Preußen
gewürdigt.
Trotzdem ist
die
Erinnerung
an sein Werk
blaß und das
Interesse
daran fast
ausschließlich
historisch
begründet.
Man
betrachtet
es wie einen
liebenswerten,
aber
schrulligen,
nicht mehr
ganz
zeitgemäßen
alten
Verwandten.
Charakteristisch
dafür ist
eine Szene
in Elias
Canettis
Roman Die
Blendung,
einem
Klassiker
der Moderne:
Der
Bibliomane
Peter Kien
sucht in
seiner
riesigen,
kostbaren
Bibliothek
nach einem
möglichst
gering
veranschlagten
Buch, das er
seiner sich
bildungsbeflissen
gebenden
Haushälterin
anvertrauen
kann. Seine
Wahl fällt
schließlich
auf ein
speckiges
Exemplar des
Romans
Die Hosen
des Herrn
von Bredow
– dem wohl
berühmtesten
Buch von
Willibald
Alexis, das
übrigens
1973 in der
DDR verfilmt
wurde.
Der 1846 in
zwei Bänden
erschienene
Roman führt
zurück in
das
Brandenburg
zu Beginn
des 16.
Jahrhunderts.
Kurfürst
Joachim I.
(1499-1535)
steht im
erbitterten
Kampf gegen
den um die
Erhaltung
seiner
Privilegien
besorgten,
alteingesessenen
Landadel.
Ritter Götz
Bredow hat
ein Paar
Hosen aus
Elchleder
ererbt, von
denen er
sich niemals
trennt. Als
seine Frau
Brigitte sie
heimlich in
die große
Herbstwäsche
gibt, werden
sie prompt
gestohlen.
Daraus
entwickelt
sich eine
ebenso
verworrene
wie
dramatische
Handlung, an
deren Ende
die
Domestizierung
des Adels
durch den
Kurfürsten
steht.
Die Hosen
des Herrn
von Bredow
wurden mit
dem Roman
Der Wärwolf
(1848)
fortgesetzt.
„Der Wolf
des
Ungenügens“,
läßt der
Autor
Kurfürst
Joachim I.
die Symbolik
des Titels
erläutern,
„der ewig
sich
wandelnde,
der Wärwolf
der Welt,
der von
Anbeginn
losgelassen
ist – er
wird sie
fressen,
Altäre und
Throne, den
Mond, die
Sterne
auch...“ Der
Kurfürst
versucht,
sich dem
zunehmenden
Einfluß des
Protestantismus
in seinem
Land
entgegenzustemmen.
Vier Jahre
nach seinem
Tod aber
führt sein
Sohn und
Nachfolger
Joachim II.
den
lutherischen
Glauben in
Brandenburg
ein.
Die
literarischen
Eigenarten
von
Willibald
Alexis sind
in diesen
beiden
Büchern voll
ausgeprägt:
Eine
spannende,
konfliktreiche
Handlung,
die am Ende
aufgelöst
wird; das
historisch
verbürgte,
genau
erforschte
Sujet
Brandenburg-Preußens;
sowie sein
patriotischer
Anspruch:
viele seiner
Bücher
heißen im
Untertitel:
„Vaterländischer
Roman“.
Ablesbar
sind aber
auch die
Mißlichkeiten
seiner
Poetik: ein
unbestreitbarer
Provinzialismus,
die
Verliebtheit
in Details,
die auf den
Leser
ermüdend
wirkt, sowie
der
schwerfällige
Erzählduktus.
Der eine
Generation
später
geborene
Preußen-Chronist
Theodor
Fontane,
dessen
grandioses
Gesamtwerk
sich – von
heute aus
betrachtet –
vor das
OEuvre von
Alexis
gestellt
hat, meinte
dazu: „Hätte
sich
Willibald
Alexis
entschließen
können, das
Ganze knapp
novellistisch
zu
behandeln...,
so würde
diese
Erzählung
eine Zierde
unserer
Literatur
und völlig
einzigartig
sein.“
Der
Erzähler,
Lustspieldichter,
Herausgeber,
Publizist
und
Übersetzer
Willibald
Alexis wurde
unter dem
bürgerlichen
Namen
Wilhelm
Häring in
Breslau
geboren, wo
er als Kind
die
napoleonische
Belagerung
erlebte. Der
Vater war zu
dieser Zeit
schon tot,
die Mutter
zog mit den
Kindern zu
Verwandten
nach Berlin.
Der
befreiende
Einzug der
russischen
Kosaken dort
Anfang März
1813
begeisterte
den
Gymnasiasten.
1815 nahm er
als
freiwilliger
Jäger an den
letzten
Befreiungskämpfen
gegen
Napoleon
teil. Ab
1817
studierte er
in Berlin
und Breslau
Jura und war
anschließend
in der
preußischen
Hauptstadt
als
Kammergerichtsreferendar
tätig. Nach
dem ersten
Erfolg des
romantisierenden
Romans
Walladmor
(1824) wurde
er
freischaffender
Schriftsteller.
Walladmor
und auch den
zweiten
Roman
Avalon
gab er – ein
publikumswirksamer
Kunstgriff,
nicht der
erste und
einzige
dieser Art
in der
deutschen
Literatur –
als freie
Übersetzung
von Werken
des damals
sehr
populären
Engländers
Walter Scott
aus. Hermann
August Korff,
der später
berühmt
gewordene
Leipziger
Literaturprofessor
und
Verfasser
des
vierbändigen
Klassikers
Geist der
Goethe-Zeit,
schrieb
seine
Heidelberger
Dissertation
über
Scott und
Alexis: Eine
Studie zur
Technik des
historischen
Romans.
Alexis war
als
Mitarbeiter
für
verschiedene
Zeitungen,
so für die
Vossische
Zeitung,
tätig. 1830
brachte er
seinen
ersten in
der Mark
Brandenburg
spielenden
Roman,
Cabanis,
heraus, ein
Buch über
den
Siebenjährigen
Krieg. Seine
Verehrung
für den
Preußenkönig
Friedrich
II. ist
unverkennbar,
doch liegen
die Stärken
des Buches
weniger in
der
Heldenverehrung
als vielmehr
in den
Schilderungen
sozialer
Milieus.
1838
heiratete er
die
Engländerin
Laetitia
Perceval.
Sein Haus
wurde zum
literarischen
Treffpunkt,
wo unter
anderem
Friedrich de
la Motte
Fouqué,
Ludwig Tieck
und der
junge
Theodor
Fontane
miteinander
bekannt
wurden.
Der Roman
Der Roland
von Berlin
(1840) zählt
zu seinen
bekannteren
Werken. Er
spielt von
1442 bis
1470. Die
Feindschaft
zwischen den
Städten
Berlin und
Cölln wird
vom
Kurfürsten
Friedrich
II. („dem
Eisernen“)
geschickt
ausgenutzt
und mündet
in einen
Sieg über
das
patrizische
Bürgertum
ein, der
durch den
Sturz der
Roland-Säule
als Symbol
städtischer
Unabhängigkeit
besiegelt
wird. Der
Roman
Ruhe ist die
erste
Bürgerpflicht
(1852) – der
Titel geht
auf den
vielzitierten
Aufruf des
preußischen
Ministers
von der
Schulenburg
beim
Einmarsch
Napoleons in
Berlin
zurück –
entrollt ein
Panorama der
Berliner
Gesellschaft
in den
Jahren
1805/06. Das
alte
Preußen,
innen morsch
und nach
außen
kraftlos,
sucht
verzweifelt
Halt im
Mythos
Friedrich
II. und ist
überhaupt
nicht in der
Lage, dem
Expansionsdrang
Napoleons
entgegenzutreten.
Beispielhaft
für Verfall
und
Erstarrung
steht die
Affäre um
die
Giftmörderin
Lupinus, die
ihren Mann,
einen Diener
und die
beiden
Kinder ihres
Schwagers
umbringt.
Die
verlorene
Schlacht bei
Jena und
Auerstedt
läutet das
Ende des
maroden
Staatswesens
ein. Der
Folgeroman
Isegrimm
(1854) führt
die Handlung
bis zum
Frieden von
Tilsit und
der
Ernennung
des
Freiherrn
vom Stein
zum Minister
fort. Ein
Epilog
skizziert
das
Nachleben
der Figuren
bis in die
Mitte des
19.
Jahrhunderts.
Geplant war
eine
Trilogie,
der dritte
Roman blieb
aber
unausgeführt.
Die
Stoffwahl
mag den
Historiker
Heinrich von
Treitschke,
der für eine
deutsche
Einigung
unter
Preußens
Führung
kämpfte,
veranlaßt
haben,
Alexis als
Propagandisten
von
Hohenzollern-
und
Preußenherrlichkeit
zu
verstehen.
Das
Königshaus
schätzte die
Intentionen
des
Schriftstellers
anders und
wohl auch
zutreffender
ein. Alexis
war,
obgleich
überzeugter
Monarchist,
Mitarbeiter
liberaler
Zeitschriften,
die einen
oppositionellen
Geist
verbreiteten.
Als er sich
einmal mit
einer
Beschwerde
über die
Zensur an
Friedrich
Wilhelm IV.
wandte,
antwortete
ihm der
Monarch, der
am Gedanken
des
„Gottesgnadentums“
festhalten
und keine
Verfassung
zwischen
sich und
seinem Volk
dulden
wollte, mit
unerwarteter
Schärfe: Von
einem Manne
seiner
Einsicht und
seines
Talents, so
der
Romantiker
auf dem
Königsthron,
hätte er
besseres
erwartet. Er
rechnete
Alexis denen
zu, „die es
sich zum
Geschäft
machen, die
Verwaltung
des Landes
durch hohle
Beurteilung
ihres Tuns,
durch
unüberlegte
Verdächtigung
ihres nicht
von ihnen
begriffenen
Geistes vor
der großen
meist
urteilslosen
Masse
herabzusetzen“.
Willibald
Alexis zog
sich aus dem
politischen
Leben
zurück. Er
arbeitete
als
Buchhändler,
Immobilienmakler
und
unternahm
1847/48 eine
längere
Italienreise.
Von 1842 bis
1862 gab er
für
Brockhaus
den Neuen
Pitaval
heraus, eine
populäre
Sammlung von
Kriminalgeschichten.
1852
übersiedelte
er von
Berlin in
das
thüringische
Arnstadt, wo
er 1856
einen
Gehirnschlag
erlitt. 1860
folgte ein
zweiter
Schlaganfall.
Fortan war
er ein
gebrochener
Mann und auf
die
Unterstützung
der
Deutschen
Schillerstiftung,
die
notleidenden
Autoren
half,
angewiesen.
1867 erhielt
er immerhin
den
Hohenzollerschen
Hausorden.
Er starb
rund ein
Jahr nach
der unter
preußischer
Führung
vollzogenen
Reichsgründung
im Alter von
73 Jahren.
Weitere
Werke:
Die
Treibjagd.
Versepos.
Berlin 1820.
– Walter
Scott: „Das
Gedicht des
letzten
Minstrels:
ein Gedicht
in sechs
Gesängen“.
Übersetzt
von
Willibald
Alexis.
Zwickau
1824. –
Alladmor.
Roman.
Leipzig
1827. –
Cabanis:
vaterländischer
Roman.
Berlin 1832.
Neuauflage:
Leipzig
1912, hrsg.
und gekürzt
von Helmut
Neumann. –
Der Roland
von Berlin.
Leipzig
1840.
Neuauflage:
Berlin 1987.
– Ruhe ist
die erste
Bürgerpflicht.
Vaterländischer
Roman.
Berlin 1851.
Neuauflage:
Frankfurt a.
M./Berlin/Wien
1985. – Die
Hosen des
Herrn von
Bredow.
Vaterländischer
Roman.
Berlin 1846.
Neuauflage:
Berlin 1985.
– Der
Wärwolf.
Vaterländischer
Roman in
drei
Büchern.
Berlin 1848.
Neuauflage:
Berlin 1894.
– Isegrimm.
Vaterländischer
Roman.
Berlin 1854.
– Gesammelte
Werke o. O.
1861/66, 18
Bände; 1874,
20 Bände. –
Als
Kriegsfreiwilliger
nach
Frankreich
1815.
Leipzig
1915. –
Vaterländische
Romane: acht
Bände. Hrsg.
von Ludwig
Lorenz und
Adolf
Bartels.
Leipzig
1912-1925. –
Eine Jugend
in Preußen.
Erinnerungen.
Berlin 1991.
– Reise
durch
Ostdeutschland,
Süddeutschland
und die
Schweiz.
Berlin 1992.
Lit.:
Hermann
August Korff:
Scott und
Alexis. Eine
Studie zur
Technik des
historischen
Romans,
Diss.
Heidelberg
1907. –
Theodor
Fontane:
Willibald
Alexis (in:
Gesammelte
Werke, 2.
Ser., Bd. 9,
Berlin o. J.
S. 169-218).
– Paul K.
Richter:
Willibald
Alexis als
Literatur-
und
Theaterkritiker,
Berlin 1931,
Neuauflage:
Nendeln/Liechtenstein
1967. –
Lionel
Thomas:
Willibald
Alexis. A
German
writer of
the 19th
century.
Oxford 1964.
– Wolfgang
Beutin:
Königtum und
Adel in den
historischen
Romanen von
Willibald
Alexis.
Berlin 1966.
– Willibald
Alexis „Ruhe
ist die
erste
Bürgerpflicht“
(1852), in:
Horst
Denkler
(Hrsg.):
Romane und
Erzählungen
des
bürgerlichen
Realismus.
Neue
Interpretationen,
Stuttgart
1989, S.
65-79. –
Wolfgang
Gast: Der
deutsche
Geschichtsroman
im 19.
Jahrhundert:
Willibald
Alexis.
Untersuchungen
zur Technik
seiner
‘vaterländischen
Romane’.
Freiburg i.
Br. 1972. –
Fritz
Martini:
Deutsche
Literatur im
bürgerlichen
Realismus
1848-1898.
Stuttgart
1974, S. 940
ff. – Anni
Carlssohn:
Willibald
Alexis – ein
Bahnbrecher
des
deutschen
Romans.
Zeitschrift
für deutsche
Philologie
102, (1983),
S. 541-563.
– Lynne
Tatlock:
Willibald
Alexis’
Zeitroman
„Das Haus
Düsterweg
and the
Vormärz“.
Frankfurt
a.M./Bern [u.a.]
1984. –
Eberhard
Schütte:
Brandenburgisches
Welttheater.
Zu den
„Vaterländischen
Romanen“ von
Willibald
Alexis, in:
Deutsches
Vierteljahresheft
für
Literaturwissenschaft
und
Geistesgeschichte
61 (1987),
S. 480-509.
– Henri
Poschmann:
Nachwort zur
Neuausgabe
des „Roland
von Berlin“,
Berlin 1987,
S. 763-782.
Bild:
Süddeutscher
Verlag
München.
Thorsten
Hinz