Über Otto Alscher
schrieb Wilhelm Schneider im Jahre 1936: „Alscher ist einer der
besten Tierschilderer der gesamten Literatur. Seine Tiergeschichten
füllen eine Lücke in der deutschen Literatur, die an gehaltreichen
Tiergeschichten so arm ist.“ In seiner Geburtsheimat, im Banat,
wurde der Erzähler erst in den späten zwanziger Jahren bekannt. Bis
dahin waren seine Erzählungen und Romane nur außerhalb des Banats
erschienen. Zunächst in der Kronstädter Zeitschrift Die Karpathen
(1909), danach in Innsbrucker Periodica (am bekanntesten ist
Alschers Mitarbeit am Brenner, wo er neben Georg Trakl zu den
Hausautoren von Ludwig von Ficker gehörte) und auch in Franz
Pfemferts Aktion. Alschers Bücher erschienen bei S. Fischer
und bei Langen-Müller, und ihre Wirkung war von Anfang an nicht auf
die deutsche Literaturprovinz in Südosteuropa beschränkt.
Das änderte sich
nach 1918, als die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie
verschwand und die kleinen deutschen Gruppen in Siebenbürgen, im
Banat, in der Bukowina gezwungen waren, ihre Identität als
Minderheiten in den Nachfolgestaaten des Habsburgerreichs zu finden
und zu behaupten. Für Alscher, Kappus, Reiter und andere deutsche
Autoren aus dem Banat war dies ein Anlaß, in die Provinz
zurückzukehren und ihre Tätigkeit dort in den Dienst gruppeneigener
Interessen zu stellen.
Otto Alscher ist als
Sohn eines Fotografen in dem kleinen Ort Perlasz (heute
Perles/Jugoslawien) geboren worden. In Orschowa an der Donau
besuchte er die ungarische Schule. Wien gab ihm die Gelegenheit,
nicht nur eine Berufsausbildung in einer graphischen Anstalt
abzuschließen, sondern auch literarische Vorbilder kennenzulernen.
Es ist symptomatisch, daß Alscher mit Versversuchen und einem
Lustspielentwurf begann und sich der Tiroler Literaturprovinz
anschloß. Beginnend mit dem Jahr 1911, war er als Journalist in
Budapest tätig und konnte hier auf die bemerkenswerte deutsche
Theatertradition und auf die langlebige deutsche Presse
zurückgreifen, wenn er ein Publikum suchte. Beim Pester Lloyd,
einer auch im deutschen Sprachraum bekannten Tageszeitung,
gestaltete er das Feuilleton mit, das Budapester Tageblatt
führte Alscher zeitweise in eigener Regie und förderte hier die
literarischen Versuche Banater deutscher Autoren (Adam
Müller-Guttenbrunn, Nikolaus Schmidt, Johann Eugen Probst).
Während des Ersten
Weltkrieges gelangte Alscher zwar an die Front, wurde jedoch bald
aus gesundheitlichen Gründen dem Pressequartier zugewiesen.
Gemeinsam mit dem Empfänger von Rilkes Brief an einen jungen
Dichter, mit Franz Xaver Kappus, war Alscher in der Redaktion
der Belgrader Zeitung anzutreffen. 1919 wurde er als
verantwortlicher Redakteur des Budapester Deutschen Tagblattes zum
bewußten Mitgestalter des revolutionären Ungarn: Alscher trat für
die Minderheitenrechte der Deutschen in Ungarn ein. Seine
Mitgliedschaft im Deutschen Volksrat, sein politisches Engagement
also, führte dazu, daß er Budapest verlassen mußte. Bei der
Deutschen Wacht in Temeswar, einer Tageszeitung, die für die
Kulturautonomie der Banater Deutschen eintrat, wurde Alscher an der
Seite von Kappus erneut aktiv. Nach dem Anschluß des größeren Teils
des Banats an Rumänien wurde die Tageszeirung Schwäbische
Volkspresse der Ausgangspunkt für kulturelle Reformpläne von
Alscher und Kappus. Sie versuchten, im Banat den literarischen
Expressionismus bekannt zu machen, setzten sich für ein deutsches
Theater im Temeswar ein und scheiterten letztlich am Desinteresse
ihrer Umgebung. Kappus zog nach Berlin um, Alscher fand in dem
Gebirgstal Gratzka bei Orschowa eine Zufluchtsstätte, wo er inmitten
einer fast unberührten Natur leben und arbeiten konnte.
Immer wieder
versuchte Alscher, im gesellschaftlichen und kulturellen Leben des
Banats eine Rolle zu spielen. Er ist als Journalist sowohl bei der
Lugoscher Zeitung als auch bei anderen Publikationen
anzutreffen gewesen. Immer wieder erschienen seine Tiergeschichten
im Banat und in Deutschland. Trotz mannigfacher Ehrungen hat sich
Alscher nie in den Städten und in einer Gruppe wohlgefühlt. Ob das
an den – aus seiner Sicht negativen – Wirkungen der modernen
Zivilisation lag und er es vorzog, die Chancen einer Symbiose
Mensch-Natur auszuloten, ist nicht immer feststellbar.
Da Alscher, wie die
meisten seiner Stammesgenossen, für die – auch politische –
Selbstbestimmung der deutschen Minderheiten gewirkt hatte und von
den NS-gekürten Amtswaltern ausgezeichnet worden war, wurde er 1944,
als Rumänien dem Dritten Reich den Krieg erklärt hatte, in ein Lager
eingewiesen, wo er starb. Alschers Wirkung begann mit Romanen, die
Einzelgänger oder Außenseiter darstellten (Ich bin ein
Flüchtling, 1909; Gogan und das Tier, 1912). Auch die
frühen Erzählungen sind auf eine Typenreihe von Exoten (Zigeuner,
rumänische Bauern) festgelegt. Im Mittelpunkt steht meist das Thema
Freiheit, das in unterschiedlichen Konstellationen erscheint. Wenn
dabei auch die Konfrontation Stadt/Wildnis eine Rolle spielt, so
tritt hierin eine biographische Komponente des Autors und ebenso wie
in der Zigeunerthematik eine Hinwendung zur Romantik zutage. Die
Darstellungsweise ist bei Alscher auf Sachlichkeit und nüchternes
Abwägen ausgerichtet, so daß es zwischen Thema und Erzählweise zu
einer oft fruchtbaren Spannung kommt.
Obwohl sich Alscher
auch in den zwanziger und dreißiger Jahren immer wieder an der
großen Form versucht hat (ohne allerdings Romane wie Der
Löwentöter und Die Versprengten zu publizieren, die erst
aus dem Nachlaß herausgegeben wurden), wird – einerseits bedingt
durch seine journalistische Tätigkeit, andererseits veranlaßt durch
Alschers Vorliebe für exemplarische, prägnante und damit knappe
Handlungsabläufe – die Erzählung zum wichtigsten Ausdrucksmittel der
Banater Jahre. Die biographisch getönten Texte sind deutlich in der
Unterzahl, Jagdgeschichten, Naturbild-Serien, Tiergeschichten, die
ein Sich-Einleben in die „andere Existenz" als Faszinosum wirken
lassen, stehen im Vordergrund. Und immer wieder wird das natürliche
Leben, wird die animalische Existenz an sich Ausgangspunkt für
symbolhafte Darstellungen, die an Ursprungsmythen denken lassen.
Wenn Alscher damit den Toleranzgedanken verbindet, der auf alle
Andersdenkenden und auf jedes fremde Dasein angewendet werden kann,
steht er in deutlichem Gegensatz zu seiner ideologisch belasteten
Umgebung. Ziel Alschers war die Selbstbestimmung der Region als
Mittelpunkt einer zivilisatorisch unverfälschten Welt, eines
sonstwie verlorenen Paradieses. Damit hängt es zusammen, daß Alscher
immer wieder kleinste Ereignisse aus dem Universum der Tiere
gestaltet. Wie sehr seine expressionistischen Ansätze dabei
fortwirken, kann nach vollzogen werden.
Weitere Werke:
Mühselige
und Beladene, Nov. 1910. - Zigeuner, Nov. 1914. - Die Kluft, E.,
1917. - Mensch und Tier, E., 1928. - Die Bärin, E., 1943. - Die
Straße der Menschen, E., hg. von H. Stanescu. - Tier- und
Jagdgeschichten, hg. von F. Heinz, 1977.
Lit.:
Heinz Stanescu: O.A.,
in Marksteine. Literaturschaffende des Banats, 1974, S. 145-155. -
Franz Heinz: O.A. - ein Banater Schriftsteller, in: Neue Literatur
25 (1977), H. 12, S. 30-44. - Horst Schuller-Anger: Das Rumänienbild
bei O.A., in: Neue Literatur 31 (1980), H. l, S. 39-49. - Walter
Engel. Schwerpunkte im erzählerischen Werk O. A.s, in: Beiträge zur
deutschen Kultur, I (1984), H. l, S. 27-35. - Walter Engel: O.A.,
in: J. Wittstock/St. Sienerth: Die rumäniendeutsche Literatur in den
Jahren 1918-1944, 1992, S. 342-333.
Horst Fassel