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Aus der kleinen Hauptstadt des eine geschlossene Kessellandschaft
bildenden ostdeutschen Grenzlandes „Grafschaft Glatz“ ging eine nicht
geringe Zahl von Persönlichkeiten hervor, die in die Weite drangen und
außerhalb ihrer Heimat viel Ansehen erlangten. Äußerlich am höchsten
stieg eine Persönlichkeit auf, die heute völlig vergessen ist: Michael
Friedrich Graf von Althann.
Er wurde als Sohn des kaiserlichen Landeshauptmanns der Grafschaft,
Michael Wenzel Graf von Althann, am 12. Juli 1680 in Glatz geboren. Er
besuchte das Jesuitengymnasium der Vaterstadt, wählte den geistlichen
Stand, empfing nach dem Studium in Olmütz und Breslau 1709 die
Priesterweihe; der Hochbegabte vervollkommnete aber auch seine
Kenntnisse in fremden Sprachen und trieb bei den Jesuiten in Rom Studien
in Philosophie und Rhetorik. 1710 erwarb er die theologische, 1714 die
juristische Doktorwürde. Leicht fand er Zutritt zum kaiserlichen Hofe in
Wien und gelangte zu einträglichen geistlichen Pfründen, vor allem in
Prag, Olmütz und Breslau. Einen weiteren Aufstieg bedeutete die
Ernennung zum Auditor am Päpstlichen Gerichtshof (Rota Romana) in Rom.
Dreimal war er auch Rektor der Deutschen Nationalstiftung in Rom, der
berühmten „Anima“, deren Kirche der Mittelpunkt der deutschsprachigen
Katholiken in Rom war. Der Weg des ehrgeizigen Mannes ging steil
aufwärts. Karl VI., Römisch-deutscher Kaiser, ernannte ihn zum Bischof
von Waitzen in Ungarn, Papst Clemens XI. erhob den 39jährigen 1719 zum
Kardinal der römischen Kirche. Auch die weltlichen Ehren häuften sich.
Er legte den Eid als Kaiserlicher Wirklicher Geheimer Rat ab und wurde
sodann zum Gesandten des Kaisers am päpstlichen Hofe ernannt. Althann
ist der einzige Grafschafter, dem der Purpur zuteil wurde. Als
kaiserlicher Gesandter begann er in Rom ein Leben in Glanz und Macht. In
dieser Eigenschaft drängte er zunächst auf die Erhebung des Bistums Wien
zum Erzbistum, die in der Tat nach einiger Zeit erfolgte; dann forderte
der österreichische Botschafter das Patronatsrecht über die heiligen
Stätten im Gelobten Lande, war aber auch erfolgreich bemüht, die
Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Wien zu verbessern. Bald
stellte sich Althann eine noch größere Aufgabe.
1721 starb Papst Clemens XI. Bei der kommenden Papstwahl hatte Althann
eine Doppelfunktion. Als Kardinal war er Mitglied des Konklaves, als
Botschafter des Kaisers, der immer noch das Vetorecht wahrnahm, hatte er
genaue Weisungen erhalten. Mit ungewöhnlichem diplomatischem Geschick
erreichte er, daß der Kandidat seines Kaisers Papst wurde, als Innozenz
XIII. von allen 54 Kardinalen einstimmig gewählt – ein seltener Fall!
Kaiser Karl VI. belohnte seinen erfolgreichen Botschafter königlich:
Althann wurde als Stellvertreter des Kaisers Vizekönig von Neapel.
Dieses Amt übte er 1722-1728 aus. Als er unter dem Donner der Kanonen
und unter dem Jubel des Volkes an Land gegangen war, hatte aber eine
seelische Tragödie begonnen. Dem Vizekönig zur Seite stand der sog. „Kollateral“,
fünf rechtsgelehrte Regenten, drei Neapolitaner und zwei Spanier. Mit
höchstem Mißtrauen betrachteten sie und die Patrizier den Deutschen aus
der fernen Grafschaft Glatz, der mit besten Absichten die
Herrschaftsform der Theokratie praktizieren wollte. Ein beispielloses
Intrigenspiel begann. Alle Sorgfalt, die Althann als Vizekönig anwandte,
half nichts dagegen, und je länger die Amtszeit dauerte, um so tiefer
mußte er in einen Sumpf der Korruption blicken. Langsam verlor er auch,
vom Kollateral denunziert, die Gunst Karls VI. Zudem blieb Althann als
Vizekönig innerlich Kardinal der römischen Kirche. Als er aus Anlaß
einer Diözesansynode gegen den Kaiser den Standpunkt der Kirche vertrat,
würdig und mutig, war das Einvernehmen tief zerstört. Ein Lichtpunkt für
den kunstsinnigen Vizekönig war das blühende Theaterleben. Althanns Name
blieb verknüpft mit dem Pietro Metastasios, des beliebtesten
italienischen Autors seiner Zeit.
Als Karl VI. des Glatzers Amtszeit nicht um drei weitere Jahre
verlängerte, atmete dieser förmlich auf. Angewidert von den Intrigen
seiner Feinde, verließ er Neapel, begab sich nach Rom und von dort nach
seinem Bistum Waitzen in Ungarn. Hier widmete er sich mit vollem Eifer
seiner Diözese.
Ein Wohltäter der Armen zu sein, lag ihm am meisten am Herzen. Der als
geistlicher und weltlicher Machtmensch begonnen hatte, beschloß als
sozialer Bischof sein Leben in einer großen Läuterung. Unerwartet starb
er am 20. Juni 1734.
Lit.:
Neue Deutsche Biographie I, 1953 (hier weitere Literatur); Karl
Schindler, So war ihr Leben, 1975, Seite 27/41.
Karl
Schindler
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