Der
Epigrammatiker,
Lyriker und
Kontroversschriftsteller
Johannes
Scheffler,
der heute
allgemein
unter seinem
Dichternamen
„Angelus
Silesius“
bekannt ist,
wurde 1624
in Breslau
als Sohn
eines
wohlhabenden
polnischen
Adeligen
geboren.
Sowohl der
aus Krakau
gebürtige
Vater, der
1618 aus
konfessionellen
Motiven nach
Schlesien
eingewandert
war, als
auch die
Mutter waren
protestantisch.
Nach dem
Besuch des
Breslauer
Elisabeth-Gymnasiums
ging
Scheffler
zum Studium
der Medizin
und des
Staatsrechts
nach
Straßburg,
Leyden und
Padua, wo er
1648 zum
Doktor der
Philosophie
und der
Medizin
promoviert
wurde. Ein
Jahr nach
seinem
Doktorat
trat er im
niederschlesischen
Oels beim
lutherischen
Herzog
Sylvius
Nimrod von
Württemberg-Oels
als Leibarzt
in Dienst,
wo er
intensiv
geistliche
Schriftsteller
las und sich
weiter in
theologische
Fragen
vertiefte.
Hier fand
Scheffler
auch
Anschluß an
den
schlesischen
Mystikerkreis
um Abraham
von
Franckenberg
und Daniel
Czepko von
Reigersfeld.
1652, wenige
Monate nach
dem Tod
Franckenbergs,
gab er sein
Hofamt
jedoch auf,
kehrte nach
Breslau
zurück und
trat im Juni
1653 zur
römisch-katholischen
Kirche über.
Mit seiner
Konversion
nahm
Scheffler
den Zunamen
„Angelus“
an, dem er
später, um
nicht mit
einem
zeitgenössischen
lutherischen
Theologen
gleichen
Namens
verwechselt
zu werden,
noch den
Zusatz „Silesius“
beifügte.
Äußerer
Anlaß für
den
Konfessionswechsel,
der
innerlich
ohne Zweifel
längst
vorbereitet
gewesen war,
war ein
Konflikt
Schefflers
mit dem
Oelser
Hofprediger
aufgrund
einer nicht
erteilten
Druckerlaubnis
für eine
kleine,
seinen
Freunden als
Geschenk
zugedachte
Anthologie
mit
Mystikertexten.
Durch seine
Konversion,
die
innerhalb
wie
außerhalb
Schlesiens
ungeheures
Aufsehen
erregte,
wurde
Scheffler
vollends in
die
konfessionspolitischen
Auseinandersetzungen
nach dem
Dreißigjährigen
Krieg
hineingezogen.
In den
folgenden
Jahren
veröffentlichte
der in
zahlreichen
Flugblättern
als
jesuitischer
Marktschreier
karikierte
Scheffler,
der durch
den neu
ernannten
Fürstbischof
von Breslau
und
kaiserlichen
Oberhauptmann
in
Schlesien,
Sebastian
von Rostock,
politisch
ebenso
protegiert
wurde wie
durch den
Zisterzienserabt
Bernhard
Rosa von
Grüssau,
insgesamt 55
teils
wissenschaftlich-theologische,
teils
populär-apologetische
Traktate.
Biographisch
ist über die
Jahre seit
seiner
Konversion
vergleichsweise
wenig
bekannt.
Vermutlich
blieb
Scheffler in
Breslau und
widmete sich
dem Studium
der
katholischen
Glaubenslehre.
Seine
exzentrische,
heftige
Natur machte
den 1654
durch
Ferdinand
III.
ehrenhalber
zum
kaiserlichen
Hofmedikus
ernannten
Konvertiten,
namentlich
nach seiner
im Mai 1661
in Neisse
empfangenen
Priesterweihe,
allerdings
zu einem
maßlosen,
verbissenen
Polemiker
und
schroffen
Vorkämpfer
der vom
Wiener Hof
forcierten
Gegenreformation
in
Schlesien.
In
Prozession
und
Wallfahrt
trat er
bewußt ein
in die
Reihen der
ecclesia
militans.
Anschaulich
schrieb der
Jesuit
Daniel
Schwartz
später in
seiner
Leichenrede
auf
Scheffler,
dieser sei
bei seiner
ersten
Wallfahrt
gen Trebnitz
nicht als
ein „Privat
Clericus,
und minderer
Priester“,
sondern als
ein „Engel
und
Gottes-Both,
unerschrocken
und
unüberwindlich
vorangegangen,
mit einer
brennenden
Fackel in
der Lincken,
mit einem
Crucifix in
der Rechten,
mit einer
dörnern Cron
auff dem
Haupt, mit
einem
Seraphischen
Eyfer und
resolution
im Hertzen“.
Nach einer
kurzen
Tätigkeit
als
Hofmarschall,
Leibarzt und
Rat des
Breslauer
Bischofs zog
sich
Scheffler
schließlich
1666 ins St.
Matthias-Stift
zurück, um
sich ganz
seiner
schriftstellerischen
und
Übersetzungsarbeit
widmen zu
können. Hier
starb er
nach
längerem
Leiden am 9.
Juli 1677.
In der
Stiftskirche
der
Kreuzherren
mit dem
roten Stern,
mit denen er
sich Zeit
seines
Lebens eng
verbunden
gefühlt
hatte, wurde
er auch
begraben.
Berühmt
wurde der
religiöse
Barockpoet
vor allem
durch zwei
Dichtwerke,
die 1657 in
Wien
publizierten
„Geistreichen
Sinn- und
Schlußreime“,
die in Glatz
1675 in
einer
erweiterten
Zweitauflage
unter dem
Titel „Cherubinischer
Wandersmann,
oder
Geist-Reiche
Sinn- und
Schluß-Reime
zur
Göttlichen
Beschauligkeit
anleitende“
erschienen,
und die
ebenfalls
1657 in
Breslau
gedruckten
„Heilige
Seelen-Lust
Oder
Geistliche
Hirten-Lieder
Der in jhren
JESUM
verliebten
Psyche“. Der
„Cherubinische
Wandersmann“
stellt eine
Sammlung von
über 1600
brillant
formulierten
Aphorismen
dar, die
nach dem
Vorbild von
Czepkos „Sexcenta
monodisticha
Sapientium“
in meist
zweizeiligen,
antithetisch
gebauten
Alexandrinern
abgefaßt
sind. In den
meisterhaft
knappen
religiösen
Sinnsprüchen
über das
Verhältnis
des Menschen
zu Gott und
zur
Ewigkeit,
die, so
Scheffler in
seiner
Vorrede,
viele „seltzame
paradoxa“
oder
scheinbar „widersinnische
Reden“
enthalten,
verarbeitete
der Autor
mystisches
Gedankengut
von
Dionysius
Areopagita
über Meister
Eckhart bis
zu Valentin
Weigel und
Jakob Böhme.
In seiner
Liedsammlung
„Heilige
Seelen-Lust“,
wo er die
Lieder der
„Welt-Verliebten,
welche von
ihrer
schnöden und
blinden
Liebe so
viel singen
und sagen“
durch
geistliche
Gesänge „der
Braut
Christi zu
ihrem
Bräutigam“
ersetzte,
wählte er
Motive und
Einkleidungen
aus der
Gesellschaftslyrik,
aus dem
modischen
Schäferspiel
und der
galanten
Liebesdichtung.
Die beiden
zur
göttlichen
Beschaulichkeit
und Liebe
anleitenden
geistlichen
Dichtungen,
die
Epigramme
und die
Sammlung von
Andachtsliedern,
verdeutlichen
zugleich die
traditionellen
Wege der
mystischen
Annäherung
an Gott und
der
Vereinigung
mit ihm: den
intellektuellen,
auf
Erkenntnis
ausgerichteten
Weg über die
scharfsinnige
Reflexion
und,
gleichsam
als
notwendige
seraphische
Ergänzung
zur
cherubischen
Gottesschau,
den
affektiven
Weg über die
Sinne. In
der zweiten,
vermehrten
Ausgabe des
„Cherubinischen
Wandersmann“
erklärte
Scheffler
dem Leser
seine
Absicht mit
folgenden
Worten: „Glückseelig
magst du
dich
schätzen,
wann du dich
beyde
lässest
einnehmen,
und noch bey
Leibes Leben
bald wie ein
Seraphin von
himmlischer
Liebe
brennest,
bald wie
Cherubin mit
unverwandten
augen Gott
anschawest“.
Einige von
Schefflers
geistlichen
Liedern
gehören bis
heute zum
Liedgut
beider
Konfessionen.
Weniger
bekannt sind
heute
dagegen
seine
Übersetzung
der
mystischen,
1545 in Köln
gedruckten
Schrift
„Margarita
Evangelica“
(Evangelische
Perle, Glatz
1676) ins
Deutsche und
sein als
Bekehrungsaufruf
gedachtes,
in
Schweidnitz
1675
erschienenes
letztes
poetisches
Werk
„Sinnliche
Beschreibung
Der Vier
Letzten
Dinge Zu
heilsamen
Schröken und
Auffmunterung
aller
Menschen“.
In dieser
für die
katholische
Missionsliteratur
typischen
Mahnpredigt
in 309
Strophen
über den
Tod, das
Jüngste
Gericht, die
ewigen
Peinen der
Verdammten
und die
nicht
endenden
Freuden der
Seligen wird
den
Gläubigen
das Paradies
verheißen,
während den
Ungläubigen
in gezielt
drastisch-übertreibender
Sprache die
Höllenstrafen
angedroht
werden.
Lit.:
Joachim
Bahlcke:
Religion und
Politik in
Schlesien.
Konfessionspolitische
Strukturen
unter
österreichischer
und
preußischer
Herrschaft
(1650–1800),
in: Blätter
für deutsche
Landesgeschichte
134 (1998),
S. 33–57. –
Louise
Gnädinger:
Angelus
Silesius,
in: Harald
Steinhagen/Benno
von Wiese
(Hg.):
Deutsche
Dichter des
17.
Jahrhunderts.
Ihr Leben
und Werk,
Berlin 1984,
S. 553–575.
– Arno Lubos:
Geschichte
der
Literatur
Schlesiens,
Bd. I/1,
Würzburg
1995. –
Ernst Otto
Reichert:
Johannes
Scheffler
als
Streittheologe.
Dargestellt
an den
konfessionspolemischen
Traktaten
der „Ecclesiologia“,
Gütersloh
1967. –
Hans-Joachim
Pagel:
Angelus
Silesius,
Stuttgart
1985. –
Jeffrey L.
Sammons:
Angelus
Silesius,
New York
1967. – Karl
Viëtor:
Johann
Scheffler,
in:
Schlesische
Lebensbilder,
Bd. 3:
Schlesier
des 17. bis
19.
Jahrhunderts.
Hg. v.
Friedrich
Andreae u.a.,
Sigmaringen
21985
[Breslau
11928],
S. 78–89.
Werke:
Angelus
Silesius.
Sämtliche
poetische
Werke, Bde.
1–3. Hg. v.
Hans Ludwig
Held,
München
31949–1952
[11922–1923].
– Angelus
Silesius.
Sämtliche
poetische
Werke und
eine Auswahl
aus seinen
Streitschriften.
Hg. v. Georg
Ellinger,
Bde. 1–2,
Berlin
[1923].
Bild:
Gemälde nach
unbekanntem
Künstler,
nach 1677
(Kloster
Grüssau,
Schlesien).
Joachim
Bahlcke