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Johann Wilhelm von Archenholtz wurde nach einem Vermerk im Taufregister
der St. Marienkirche in Langfuhr bei Danzig am 3. September 1743
geboren. Andere Belege sprechen von einem Geburtsdatum im September
1741. Er stammte aus einer hannoverschen Adelsfamilie und wurde nach
seiner Ausbildung in der Berliner Kadettenanstalt Offizier in
preußischen Diensten. Im Siebenjährigen Krieg schwer verwundet, nahm er
1763 im Range eines Hauptmanns seinen Abschied. Danach unternahm er
ausgedehnte Reisen; sie führten ihn vor allem nach England, Frankreich,
Italien, Polen und Dänemark. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1780 widmete
er sich dann der Schriftstellerei und wuchs als Herausgeber von
umfangreichen Zeitschriftenreihen allmählich in die Rolle eines der
maßgeblichen Vermittler in der politischen und literarischen Debatte
seiner Zeit hinein. So pflegte er Kontakte zu allen wichtigen
Schriftstellern seiner Zeit und trat besonders mit Christian Friedrich
Daniel Schubart, Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Christoph Martin
Wieland in regen Briefwechsel. „In seinem Streben nach dem
weltbürgerlichen Ideal des freien und reinen Menschentums und als
Freimaurer“ (Emil Dovifat) suchte er auch die Bekanntschaft von Georg
Forster und siedelte unter seinem Einfluß 1791 nach Paris über. Er
beobachtete hier die revolutionäre Entwicklung aus nächster Nähe und
versuchte sich wiederum als Herausgeber einer Zeitschrift, die auf das
politische Geschehen unmittelbaren Einfluß ausüben sollte. Mit Beginn
der kriegerischen Verwicklungen im Juni 1792 verließ er Paris aber
fluchtartig, um sich zuletzt auf die Gutsherrschaft Luisenhof in
Oejendorf in der Nähe von Hamburg zurückzuziehen. Dort starb er am im
Februar 1812 nach zwei Jahrzehnten intensiven Wirkens als Pulblizist und
Herausgeber.
Sein bekanntestes Werk, das bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts immer
wieder in Neuauflagen und zahlreichen Übersetzungen veröffentlicht
wurde, stellt seine Geschichte des Siebenjährigen Krieges in
Deutschland dar. Sie ist aus den Erfahrungen erwachsen, die
Archenholtz als aktiver Offizier gemacht hatte, aber erst gegen Ende der
80er Jahre des 18. Jahrhunderts zu Papier gebracht worden. Sie gehört
gleichwohl zu den großen Beispielen einer Zeitgeschichtsschreibung, die
sich so eng wie möglich am tatsächlichen Geschehensverlauf zu
orientieren versuchte, aber zugleich auch dem Geist des freimütigen
Urteils und der aufgeklärten Rationalität verpflichtet blieb. Daneben
sind es seine zahlreichen, häufig mehrbändigen Reisebeschreibungen, die
ihn einem größeren Publikum bekanntgemacht haben. Diese glänzend
geschriebenen Erlebnisberichte gehören zu den meistgelesenen
Reisejournalen der Zeit und wurden in alle großen Sprachen übersetzt.
Sie stellen groß angelegte „Sittengemälde“ dar, „die sich als Vorform
der modernen Soziologie verstehen lassen“ (Reinhart Koselleck). Von
außerordentlicher Bedeutung ist darüber hinaus die Rolle, die
Archenholtz als Herausgeber einer ganzen Fülle von zum Teil kurzlebigen,
zum Teil aber auch sehr lange erscheinenden Zeitschriften gespielt hat.
So gab er von 1782 bis 1786 die Zeitschrift für Literatur-und
Völkerkunde heraus. Nach seiner Rückkehr aus Paris begründete er
1792 die Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts,
die erst im Jahre 1858 ihr Erscheinen einstellte und durch
Jahrzehnte hindurch ein maßgebliches Forum des politischen und
literarischen Diskurses in Deutschland gewesen ist. Ferner betreute er
auch zwei englischsprachige, in Hamburg erscheinende Zeitschriften,
The British Mercury (1181-1190) und The English Lyceum (1787-1788).
Archenholtz nahm als Herausgeber wie in der Funktion des
Historiographien und des ganz Europa bereisenden Zeitzeugen wesentlichen
Anteil an jenem öffentlichen Diskurs, wie er charakteristisch ist für
die bürgerliche Emanzipationsbewegung in Deutschland in den letzten
Dezennien des 18. Jahrhunderts. Er zählt ohne Zweifel nicht zu den
exponierten Vertretern dieses umfassenden Wandlungsprozesses; dazu waren
seine politischen Vorstellungen trotz seines zeitweiligen Engagements
für die Ideale der Französischen Revolution zu unpräzise und schwankend.
Aber besonders in seiner Herausgebertätigkeit hat er sich mit solchem
Nachdruck und unermüdlichem Eifer für die Herstellung einer neuen Form
von Öffentlichkeit eingesetzt, daß er als einer der profiliertesten
Persönlichkeiten des literarischen Lebens in Deutschland an der Wende
vom 18. zum 19. Jahrhundert zu gelten hat.
Werke in Auswahl:
England und Italien, 2. Aufl., 5 Bände, Karlsruhe 1791. – Annalen der
Britischen Geschichte, 20 Bände, Hamburg 1788-98. – Geschichte des
Siebenjährigen Krieges in Deutschland von 1756-1763, erstmals erschienen
in: Historisch-Genealogischer Calender oder Jahrbuch der merkwürdigsten
neuen Welt-Begebenheiten für 1789, Berlin (Haude und Spener 1789). –
Kleine Historische Schriften, 2 Bände, Tübingen 1803. – Miscellen zur
Geschichte des Tages, 2 Bände, Hamburg 1975. – Geschichte Gustav Wasa's,
König von Schweden, nebst einer Schilderung des Zustandes von Schweden
von den ältesten Zeiten an bis Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, 2
Bände, Tübingen 1801.
Lit.:
Friedrich Ruof: Johann Wilhelm von Archenholtz. Ein deutscher
Schriftsteller zur Zeit der französischen Revolution und Napoleons (1741
-1812) (Historische Studien, 131), Nachdruck der Ausgabe von 1915, Vaduz
1965. – Emil Dovifat, Johann Wilhelm von Archenholtz, in: Neue Deutsche
Biographie l (1953), 335 f.
Bild:
Kupferstich von F. Grögory nach einer Zeichnung von Anton Graff
(Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin).
Johannes Kunisch
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