Es ist oft
das
Schicksal
bedeutender
Persönlichkeiten,
auf
Schlagworte
reduziert zu
werden. So
verbindet
man mit
Hannah
Arendt gerne
das Diktum
von der
„Banalität
des Bösen“,
das aus dem
Untertitel
ihres Buches
Eichmann
in
Jerusalem.
Report on
the Banality
of Evil
(1963)
stammt, mit
dem sie –
wenngleich
es heftig
umstritten
war –
weltberühmt
wurde.
Zu dieser
Zeit war sie
in
Fachkreisen
schon längst
als Autorin
bedeutender
politologischer
und
philosophischer
Werke
bekannt:
1951 etwa
war The
Origins of
Totalitarianism
(dt.
Elemente und
Ursprünge
totaler
Herrschaft,
1955), 1958
The Human
Condition
(dt. Vita
activa oder
vom tätigen
Leben, 1960)
und im
selben Jahr
Rahel
Varnhagen.
The Life of
a Jewess
(dt. Rahel
Varnhagen:
Lebensgeschichte
einer
deutschen
Jüdin aus
der
Romantik,
1959)
erschienen.
Weniger
bekannt ist
in der
breiteren
Öffentlichkeit,
daß Hannah
Arendt ihre
ganze Jugend
in
Ostpreußen
verbracht
hat. Geboren
wurde sie
1906 im
Hannoverschen
als einzige
Tochter des
Ingenieurs
Paul Arendt
und seiner
Frau Martha,
geb. Cohn.
Mit drei
Jahren kam
sie aber
nach
Königsberg
in Preußen,
wohin ihre
Eltern, die
beide aus
bekannten
Königsberger
jüdischen
Familien
stammten,
1909
zurückkehrten.
Martha Cohns
Großvater
hatte ein
Teeimport-Unternehmen
gegründet,
das unter
der Leitung
seines
Sohnes Jacob
unter dem
Namen J.N.
Cohn & Co.
zu einem der
bedeutendsten
Teehandelszentren
des
Kontinents
und zum
größten
Unternehmen
der Stadt
wurde.
Hannahs
Großvater
väterlicherseits,
Max Arendt,
war
Mitglied des
„Centralvereins
deutscher
Staatsbürger
jüdischen
Glaubens“,
Präsident
der
liberalen
jüdischen
Gemeinde und
Stadtverordneter
Königsbergs.
Beide
Familien
gehörten dem
Reformjudentum
an und
standen
geistig in
der
Tradition
der
Aufklärung;
so waren
Hannahs
Eltern seit
ihrer Jugend
in der
sozialdemokratischen
Bewegung
tätig und
von den
Ideen der
Jugendbewegung
und einer
fortschrittlichen
Erziehung
geprägt.
Hannah
Arendt wuchs
im vornehmen
Hufen-Viertel
auf: „Die
Hufen-Kinder
waren anders
als die
Stadtkinder.
Besser
gekleidet,
mit
moderneren
Eltern, die
meistens
auch
wohlhabender
waren. Sie
spielten
andere
Spiele, weil
sie Gärten
hatten,“
berichtet
der
Schriftsteller
Max Fürst in
seinen
Erinnerungen
mit dem
Titel
Gefilte
Fisch.
Dort
begegnete er
einmal der
nur wenig
jüngeren
„Hannah
Arendt,
schön und
klug, für
mich ein
Kind aus
einer ganz
anderen
Welt.“
Schon früh
entwickelte
Hannah ein
besonderes
Interesse
für
Philosophie
und
Literatur;
sie las mit
vierzehn
Jahren zum
erstenmal
Kants
Kritik der
reinen
Vernunft,
außerdem
Karl
Jaspers,
Kierkegaard
und
griechische
Dichtung.
Kurz vor dem
Abitur am
Mädchenlyzeum
mußte sie
wegen
Differenzen
mit einem
Lehrer die
Schule
verlassen,
ging für
kurze Zeit
nach Berlin,
wo sie
Vorlesungen
Romano
Guardinis
besuchte,
und legte
nach ihrer
Rückkehr
nach
Königsberg
im Jahr 1924
als externe
Schülerin
die
Reifeprüfung
ab.
Ihr Studium
begann sie
in Marburg
beim jungen
Martin
Heidegger,
mit dem sie
auch eine
persönliche
Beziehung
verband;
1925
wechselte
sie nach
Freiburg zu
Edmund
Husserl,
1926 zu Karl
Jaspers nach
Heidelberg,
bei dem sie
mit einer
Dissertation
über den
Liebesbegriff
bei Augustin
1928
promoviert
wurde.
Anschließend
ging sie mit
Günter
Anders, den
sie kurze
Zeit später
heiratete,
nach Berlin,
wo sie
bereits die
Arbeit an
ihrem erst
sehr viel
später
erschienenen
Werk über
Rahel
Varnhagen
begann. In
der
Auseinandersetzung
mit dieser
Frau und
gleichermaßen
durch die
Zeitläufe
bedingt,
begann sie
sich nun
verstärkt
mit der
Frage nach
der
Identität
der Juden
und ihrer
Stellung in
der
Gesellschaft
zu
beschäftigen.
Nach kurzer
Verhaftung
1933 verließ
sie
Deutschland
und reiste
nach Paris
zu ihrem
Mann, der
kurz zuvor
dorthin
emigriert
war. Sie
arbeitete in
jüdischen
Organisationen,
wurde 1940
in ein
Internierungslager
gebracht,
nach fünf
Wochen aber
wieder
freigelassen.
Zusammen mit
Heinrich
Blücher, den
sie
heiratete,
nachdem sie
sich schon
1937 von
Günter
Anders hatte
scheiden
lassen,
sowie mit
ihrer
Mutter, die
nach den
Pogromen
Königsberg
verlassen
hatte,
gelangte sie
über
Lissabon
nach New
York. Sie
arbeitete
als
Publizistin
und verfaßte
Aufsätze
über das
europäische
Judentum und
die aktuelle
politische
Situation,
1946 wurde
sie
Cheflektorin
im Verlag
Salman
Schockens.
Noch vor
Kriegsende
begann sie
mit der
Arbeit zu
ihrem
wahrscheinlich
wichtigsten
Buch
Elemente und
Ursprünge
totaler
Herrschaft,
das ihr nach
seiner
Veröffentlichung
1951
zahlreiche
Einladungen
zu Vorträgen
an
Universitäten
einbrachte.
In diesem
Werk
analysiert
sie
Nationalsozialismus
und
Stalinismus
als
verwandte
Herrschaftstypen
und
Folgeerscheinungen
von
Antisemitismus
und
Imperialismus.
Von 1948 bis
1952 war
Hannah
Arendt
Geschäftsführerin
der „Jewish
Cultural
Reconstruction,
Inc.“ –
einer
Gesellschaft,
die sich der
Rückgabe
während des
Dritten
Reichs
geraubter
jüdischer
Kulturgüter
bzw. ihrer
Verteilung
an jüdische
Organisationen
annahm. In
dieser
Funktion
reiste sie
mehrmals
wieder nach
Deutschland,
ließ sich
aber 1951
endgültig in
New York
nieder und
erhielt auch
die
amerikanische
Staatsbürgerschaft.
In den
folgenden
Jahren
schrieb sie
weiterhin
für
Zeitschriften,
verfaßte ein
Buch über
Ideologie
und Terror:
eine neue
Staatsform
(1953), ein
philosophisches
Werk über
die
Differenz
von
Arbeiten,
Herstellen
und Handeln
(Vita
activa,
1958) sowie
eine Schrift
Über die
Revolution
(1963).
Bereits 1958
hatte sie an
der
Universität
von Chicago
eine
Teilzeitbeschäftigung,
seit 1963
eine
Teilzeitprofessur
erhalten.
1961 fuhr
sie im
Auftrag des
New
Yorker
zum
Eichmann-Prozeß
nach Israel.
Aus dieser
Mission
entstand ihr
eingangs
schon
erwähnter
Bericht
Eichmann in
Jerusalem,
der sofort
nach
Erscheinen –
auch und
gerade in
jüdischen
Kreisen –
einen Sturm
der
Entrüstung
hervorrief.
Nicht nur
hatte sie es
darin
unternommen,
die
Verbrechen
des
Nationalsozialismus
zu
entdämonisieren;
auf
besonderen
Widerstand
stieß, daß
sie sich
auch mit der
Rolle der
sogenannten
Judenräte
kritisch
auseinandersetzte.
1967 nahm
Hannah
Arendt eine
Professur an
der „New
School for
Social
Research“ in
New York an,
wo sie mit
den
Vorarbeiten
zu ihrem
letzten Werk
Vom Leben
des Geistes
begann, das
sie nicht
mehr
vollenden
konnte. Den
ersten Teil
unter dem
Titel Das
Denken
trug sie
1973 im
Rahmen der
Gifford-Lectures
an der
Universität
von Aberdeen
in
Schottland
vor. Den
zweiten Teil
der
Vorlesung
(Das Wollen)
verhinderte
1974 ein
Herzinfarkt,
von dem sie
sich jedoch
wieder
erholte, so
daß sie im
Sommer 1975
im Deutschen
Literaturarchiv
in Marbach
den Nachlaß
ihres
Lehrers und
lebenslangen
Freundes
Karl Jaspers
ordnen
konnte. Im
Dezember
desselben
Jahres erlag
sie jedoch
einem
zweiten
Herzinfarkt.
Hannah
Arendt wurde
für ihre
Arbeit mit
zahlreichen
Preisen
ausgezeichnet:
Sie erhielt
unter
anderem 1954
den Preis
der American
Academy for
Arts and
Letters,
1959 den
Lessing-Preis
der Stadt
Hamburg,
1967 den
Sigmund-Freud-Preis
der
Deutschen
Akademie für
Sprache und
Dichtung
(Darmstadt)
sowie 1975
den
Sonning-Preis
der
Universität
Kopenhagen.
Unter den
großen
Frauen
jüdischer
Abstammung
im 20.
Jahrhundert
wie Nelly
Sachs und
Edith Stein
war sie
wahrscheinlich
die
rationalste
und
politischste
Persönlichkeit.
Und gewiß
ist es sehr
treffend,
was Joachim
C. Fest
einmal über
die
Grundstruktur
ihres
Geistes
sagte:
„Zeit ihres
Lebens hat
Hannah
Arendt, mit
nahezu allem
Denken und
Reden,
Anstoß
erregt.
[...] Die
Anstößigkeit
Hannah
Arendts hat
vor allem
damit zu
tun, daß sie
mit ihrer
ganzen
intellektuellen
Natur quer
zu dem
Grundbedürfnis
nach
Anschluß,
nach
wärmender
ideologischer
Gruppenbildung
stand und
ihr Denken
nie durch
emotionale
Bindungen
korrumpieren
ließ. Ihre
Vernunft
hatte einen
Zug von
Verwegenheit
[...].“
Lit.:
Seyla
Benhabib:
Hannah
Arendt. Die
melancholische
Denkerin der
Moderne. Mit
einem Nachw.
v. Otto
Kallscheuer.
Aus d.
Amerikanischen
v. Karin
Wördemann.
Hamburg
1998. –
Friedrich
Georg
Friedmann:
Hannah
Arendt. Eine
deutsche
Jüdin im
Zeitalter
des
Totalitarismus.
München
1985. –
Hannah
Arendt.
Materialien
zu ihrem
Werk. Hrsg.
v. Adelbert
Reif. Wien
u.a. 1979. –
Wolfgang
Heuer:
Hannah
Arendt mit
Selbstzeugnissen
und
Bilddokumenten.
Reinbek b.
Hamburg
1987. – Die
Kontroverse.
Hannah
Arendt,
Eichmann und
die Juden.
Hrsg. v. F.A.
Krummacher.
Frankfurt/M.
1964. –
Ernst G.
Lowenthal
in:
Altpreußische
Biographie
IV, 2. Lfg.,
S. 1172. –
Helen Wolff:
„Hannah
Arendt.“ In:
Vordenkerinnen.
Zehn
außergewöhnliche
Lebensbilder.
Hrsg. von
Stefan
Bollmann und
Christiane
Naumann.
München
1999, S.
113-118. –
Elisabeth
Young-Bruehl:
Hannah
Arendt.
Leben, Werk
und Zeit.
Frankfurt/M.
1986.
Bild:
Hannah
Arendt.
„Lebensgeschichte
einer
deutschen
Jüdin...“
[Begleitbuch
zur
Ausstellung]
Hrsg.: Alte
Synagoge
[Red.:
Karl-Heinz
Klein-Rusteberg]
2. Aufl.
Essen 1995.