Daß man von
einer
ungarndeutschen
Literatur
nach dem
Zweiten
Weltkrieg,
nach all den
Katastrophen
und
Schicksalsschlägen,
Demütigungen
und
Benachteiligungen,
denen die
Ungarndeutschen
jahrzehntelang
im Ostbock,
besonders
auch in
Ungarn,
ausgesetzt
waren,
überhaupt
noch
sprechen
kann,
verdankt man
nicht
zuletzt der
mutigen,
gebildeten
und vor
allen Dingen
sprachbegabten
Erika Áts.
Schon ihr
Lebenslauf
gleicht
einer
osteuropäischen
schwermütigen
Ballade, von
der man aber
nur selten
und dann
auch meist
nur in
Bruchstücken
etwas
wirklich
Ursprüngliches
erfährt.
Außer den
spärlichen
Notizen auf
der
Umschlagseite
ihres
einzigen
Einzelbandes
„Gefesselt
ans
Pfauenrad“,
1981 im
Lehrbuchverlag
Budapest
erschienen,
gibt es nur
noch einige
summarische
Andeutungen
als
biographische
Informationen
in nur zwei
der bisher
sieben
ungarndeutschen
Anthologien,
obwohl Erika
Áts in vier
davon
vertreten
ist. In der
ersten
ungarndeutschen
Anthologie
„Tiefe
Wurzeln“
(1974), die
allgemein
als die
Geburtsstunde
der neueren
ungarndeutschen
Literatur
gilt, ist zu
lesen, daß
Erika Áts
1934 in
Miskolc
geboren
wurde,
damals schon
15 Jahre auf
Nationalitätengebiet
für die
ungarndeutsche
Minderheit
tätig war,
und davon
wieder elf
Jahre bei
der „Neuen
Zeitung“,
der einzigen
regelmäßig
erscheinenden
ungarndeutschen
Publikation.
In ihrer
Eigenschaft
als
Redakteurin
dieses
Verbandsorgans
des
Demokratischen
Verbandes
der
Ungarndeutschen
war sie
maßgeblich
am
Zustandekommen
der
Anthologie
beteiligt.
Sie kann
damit
durchaus als
die Urmutter
der neueren
ungarndeutschen
Literatur
betrachtet
werden –
eine junge
Mutter für
eine junge
Literatur.
Erika Áts (Ács,
dasselbe
Wort, nur
anders
geschrieben,
bedeutet auf
deutsch
Zimmermann)
wurde in
einer
bürgerlichen
Familie
geboren, wo
es Tradition
war, sowohl
deutsch als
auch
ungarisch zu
sprechen.
1944 mußte
sie mit
ihrer
Familie und
deren
berühmtem
Gestüt (dem
Debrecener
Gestüt) nach
Deutschland
ziehen. Bei
den „echten“
Schwaben, zu
denen man
auch viele
Ungarndeutsche
zwangsumgesiedelt
hatte,
eignete sie
sich ein
hervorragendes
Hochdeutsch
an, von dem
sie ihr
ganzes
weiteres (Dichter-)Leben
zehren
sollte. 1948
kehrte Erika
Áts mit
ihrer
Familie und
dem
geretteten
Pferdebestand
zurück,
wofür ihre
Mutter von
der
Regierung
belobigt
wurde.
Später
erleichterte
dies dann
wohl auch
ihre
Zulassung
zum Studium.
Ihr Zugang
zur
ungarischen
Lebens- und
Geisteswelt
war damit
weniger
belastet und
ausgesprochen
gleichberechtigt,
was für
viele
Ungarndeutsche
noch Jahre
lang nicht
der Fall
sein sollte.
Umso größer
sind daher
ihre
Bemühungen
einzuschätzen,
für die
gedemütigten,
zunächst
niedergehaltenen,
eingeschüchterten,
im Lande
verbliebenen
Ungarnschwaben
sich
einzusetzen,
ihnen wieder
eine
muttersprachliche
kulturelle
Artikulation
zu
ermöglichen.
Ebenfalls
aus dieser
Erfahrung
hat Erika
Áts ihre
Sensibilität
für
Verfolgte
und
Diskriminierte
jeder Art –
politisch,
rassisch,
kulturell –
gewonnen,
die dann
später
sowohl in
ihrem
eigenen
lyrischen
Werk, wie
auch in
ihren
Übersetzungen
aus dem
Ungarischen
zugute
kamen. Einer
ihrer
Lieblingsautoren,
den sie auch
übersetzte,
ist nicht
zufällig
Radnóti
Miklos
(1909-1949),
ein
ungarischer
Autor
jüdischer
Herkunft,
der auf
einem
Gewaltmarsch
von einem
faschistischen
Konzentrationslager
in ein
anderes ums
Leben kam.
Sein von ihr
mustergültig
übersetztes
Gedicht
„Gewaltmarsch“
steht nicht
zuletzt auch
für das
Schicksal
der
ebenfalls
zwangsumgesiedelten,
zum Teil in
Gewaltmärschen
aus dem Land
vertriebenen
Ungarndeutschen.
Die
Sprachgewalt,
mit der
Erika Áts
Verse von
einer
eindringlichen
Wucht
nachbaut,
hat den
bekannten
zeitgenössischen
ungarischen
Autor Kalász
Márton (1930
als
Ungarnschwabe
Martin
Christmann
geboren),
zum Lob
hingerissen,
in Erika Áts
Übertragungen
eröffne sich
ein weiterer
Horizont als
der nur
einer
Sprache, sei
sie nun
„vermacht
oder
gewählt“.
Die
Übersetzertätigkeit
von Erika
Áts beweist,
daß die
Existenz
einer
literarisch
ernst zu
nehmenden
ungarndeutschen
Literatur
für die
adäquate
Verbreitung
der
ungarischen
Literatur
von nicht zu
unterschätzender
Bedeutung
ist, zumal
sonst die
Übersetzer
aus dem
Ungarischen
ins Deutsche
– alles
ehemalige
Kollegen aus
der
verblichenen
DDR – kein
Ungarisch
konnten, auf
Interlinearübersetzungen
angewiesen
waren und
oft das
spezifisch
„Ungarische“
gar nicht
sehen
konnten.
Bei Erika
Áts
eigentlichem
poetischem
Œuvre ist
leider zu
beklagen,
daß außer
den
Gedichten
ihres
Eigenbandes
„Gefesselt
ans
Pfauenrad“
(1981) und
denen in der
Kindernanthologie
„Igele,
Bigele“
(1980) so
gut wie
keine
weiteren
neuen Texte
von ihr
anzutreffen
sind. In den
Anthologien
„Tiefe
Wurzeln“
(1974) hat
sie ihr
Erzählgedicht
„Die Linde“
veröffentlicht,
das etwas
untypisch
für sie dann
später noch
einmal in
der Sammlung
ungarndeutscher
Autoren
„Bekenntnisse
eines
Birkenbaumes“
(1980)
enthalten
ist,
zusammen mit
den
Gedichten
„Zu zweit am
Strand“,
„Der Ästhet“
und
„Winterwalzer“,
während die
10 Gedichte
aus der
Sammlung
„Erkenntnisse
Bekenntnisse“
(1979)
allesamt
dann 1981 in
ihren
Eigenband
eingingen.
Durch diese
Umstände ist
der
Verbreitungsgrad
von Erika
Áts Lyrik
bedauerlicherweise
etwas
eingeschränkt,
zumal es ihr
in ihrem
seinerzeit
viel
gelobten
umfangreiches
Erzählgedicht
„Die Linde“,
das am
meisten
veröffentlicht
wurde, nicht
gelingt,
über gewisse
Klischees
und
Lippenbekenntnisse
hinauskommt.
Es ist ein
langatmiges
Gedicht, das
sich mit der
jüngsten
ungarndeutschen
Vergangenheit
zum Teil
recht
schematisch
auseinandersetzt,
und in der
Erika Áts
die
Verstrickungen
und
Verführungen
der
Ungarndeutschen,
die die
Politik des
Dritten
Reiches
innerhalb
der
Volksgruppe
zeitigte, in
den Griff zu
bekommen
sucht. Noch
ganz dem
„sozialistischen
Realismus“
verpflichtet,
wird das
Talent der
Autorin nur
dadurch
erkannt, daß
sie nicht
gar so
„dick“
aufträgt,
wie man es
sonst in
dieser Zeit
gewohnt ist.
Bemerkenswert
ist indes
die dort
eingebaute
erschütternde
„Totenklage
einer Mutter
unter dem
Lindenbaum“,
in der Erika
Áts
überzeugend
versteht,
den Schmerz
der Mutter
über ihren
im Krieg
gefallenen
Sohn in
seiner
ganzen
Abgründigkeit
zu zeigen.
Dieses
Fragment
allein ist
hier
dichterische
Verarbeitung
einer
tragischen
Geschichtsphase
und nicht
didaktisch
aufbereitete
vulgärmarxistische
Geschichtslektion.
Erika Áts’
großes
Talent kommt
selbst im
sozialistischen
Alltag dort
voll zur
Entfaltung,
wo sie es
versteht,
Alltägliches
mit
Kosmischem
zu vereinen.
Dieser
Einbezug des
Kosmischen –
in allen
Ostblockländern
zu jener
Zeit in
großer Mode
– war ein
Versuch, dem
grauen
sozialistischen
Alltag mit
Hilfe
unendlicher
kosmischer
Weiten und
Mannigfaltigkeiten
auszudehnen.
Ein
Eskapismus
ins
Universale.
In ihrem
Gedicht, „Zu
dir laß mich
beten“,
verfaßt, als
sie auf
einen
Krebsbefund
wartet,
symbolisiert
sie die
Unermeßlichkeit
und Buntheit
des Weltalls
durch ein
Pfauenrad,
an das sie
sich
gefesselt
fühlt und an
das sie ihr
Stoßgebet
richtet.
Alles wird
vom Leben
durchwallt,
von
Milchstraßen
bis zu den
Ameisenhaufen,
vom
poetischen
Harmonikaspiel
in den
Vorstädten
bis zum
muttermilchwarmen
Pupsen aus
Säuglingspopos.
Hier
gebraucht
Erika Áts
eines ihrer
beliebtesten
künstlerischen
Mittel, die
Enumeration,
die
Aufzählung
einer ganzen
Reihe von
sehr
beeindruckenden
bis hin zu
alltäglichen,
kaum noch
wahrgenommenen
Erscheinungen.
In
„Weihnacht
1965“
gelingt es
ihr, eine
Verbindung
zwischen
einem
Weihnachtskriegstag
in Vietnam
1965 mit
ihren
Kriegserlebnissen
Weihnachten
1944 so nahe
zusammenzubringen,
daß die
Ereignisse
sich
überschneiden
und die
Autorin sie
noch einmal,
gewissermaßen
doppelt
schrecklich,
erlebt. Die
Kriege
werden
geführt im
Namen der
Menschlichkeit,
im Mißbrauch
des
christlichen
Gedankengutes
zum Angriff
auf das
Humane statt
zur
Verteidigung
des
Menschlichen.
Dabei werden
die Wölfe
aus den
Märchenbüchern
zu blutigen
Fabelwesen
der
Gegenwart,
die
Weihnachtsgeschenke
gehen unter
im
Granatenhagel
und das
Kinderspielzeug
begleitet
den
Bombentod
der Kinder.
Hier wird
das
Kinderschicksal
zum Symbol
für das
ungeheure
Ausmaß der
Unmenschlichkeit,
der sich das
christliche
Abendland
schuldig
macht.
In „Ecce
Homo“ übt
Erika Áts
Kritik an
den völlig
verweltlichten
Weihnachtsfeiern
–
gleichzeitig
auch ein
Angriff auf
die
Gleichschaltung
von
„Väterchen
Frost“ und
Jesus
Christus,
vom
„Machtstreben
durch Krieg
und Politik“
und „einem
Leben in
Nächstenliebe
nach dem
Evangelium“.
Zum Glück
haben die
Kulturfunktionäre
damals Erika
Áts Kritik
an der
repressiven
Entsublimierung
einer alles
gleichgeschalteten
Diktatur
nicht
begriffen
und das
Gedicht
veröffentlichen
lassen –
hatten doch
die
Funktionäre
nicht nur
Bildungslücken,
sondern
manchmal
geradezu
Bildungsabgründe,
in die im
realexistierenden
Sozialismus
dann meist
die Autoren
als
Zensuropfer
gestürzt
wurden.
In der
Anthologie
„Igele,
Bigele“
(1980)
verweist
Erika Áts
auf die
Einmaligkeit
der
Kindheit,
auf die
Naivität und
Unvoreingenommenheit,
mit der
Kinder sich
die Welt
aneignen,
auf deren
Fähigkeit zu
intuitivem
Lernen, das
weit über
das
rationale
Erlernen
hinausgehen.
Mit Hilfe
des
gereimten
Wortes, das
sich auch
rein
zufällig
reimen kann,
wird eine
ungeheure
Vielfalt und
Weite der
Assoziationen
und
Vorstellungen
zusammengebracht,
ganz im
Sinne der
kindlichen
Intuition.
Erika Áts
hat mit
ihrer
Kinderlyrik
für die neue
ungarndeutsche
Literatur
Pionierarbeit
geleistet,
denn gerade
innerhalb
einer
Minderheit
kommt der
Kinderliteratur
eine
ungeheure
Bedeutung
für die
intuitive
Aneignung
der
Muttersprache
und deren
Sprachkultur
zu. In „Ahnerls
Lied“, einem
ihrer
berühmtesten
Kindergedichte,
bildet sie
in
zauberhaft
einfachen
eingängigen
melodischen
Versen einen
Spannungsbogen
von der
Wiege bis
zur Bahre.
Hier setzt
Erika Áts
der
Großelterngeneration
zu recht ein
Denkmal, ist
sie es doch
gewesen, die
die deutsche
Muttersprache
in Ungarn
nach dem
Zweiten
Weltkrieg
vor dem
Verschwinden
bewahrt hat.
Es wäre
indes
blauäugig,
diese
Betrachtungen
über Erika
Áts so
zauberhaft
harmonisch
mit ihren
wunderbaren
Kinderversen
ausklingen
zu lassen,
denn Erika
Áts ist
alles andere
als naiv.
Sie hat die
Fähigkeit,
die ganze
Tiefe und
Dramatik
dieser Welt
in
einprägsame
Bilder zu
fassen,
schön in
ihrer
Anschaulichkeit,
aber hart,
manchmal
sogar
grausam, in
der
Intensität
ihrer
Leidenschaft.
Das Gedicht
„Der
Ästhet“,
eine
bildhafte
Umschreibung
auch der
unmenschlichen
Seite der
Kunst, der
Opfer im
Vollbringen
eines
grausamen
künstlerischen
Spiels, soll
hier am Ende
stehen, umso
mehr, als
alle
ungarndeutschen
Autoren ihre
Verwundungen
und
alltäglichen
Schwierigkeiten
zu
überwinden
versuchen in
der Kunst,
in der
Sprachkunst,
dies in
ihrer
Muttersprache
Deutsch, die
sie meist
nur unter
abenteuerlichen
Bedingungen
sich
aneignen und
erhalten
konnten.
Der Ästhet
(Neue
Zeitung Nr.
29/1988)
Hinter
der Brücke
beim Damm
gibt es noch
die
Hundewiese,
wo man
kläffen,
sich balgen,
mal auch
beißen darf,
wo jeden
Morgen einer
frische
spitze
Glasscherben
ausstreut
wider uns
unhygienische
Bestien.
Auf dem
Heimweg
treten wir
mit unseren
zerfetzten
Pfoten
rote
Blümchen auf
das
Pflaster.
So legt er
sich
einen Garten
an.
Bild:
Erika Áts,
Gefesselt
ans
Pfauenrad
Ingmar
Brantsch