„Ich wurde
in Beuthen,
Oberschlesien,
in der
Bahnhofstraße,
wo laut
Heeresbericht
die ersten
Granaten des
Zweiten
Weltkrieges
einschlugen,
Ende des
vorigen
Jahrhunderts
geboren.“
Mit diesem
Satz beginnt
Ernst Josef
Aufricht,
der als
ältester von
drei Söhnen
eines
wohlhabenden
jüdischen
Holzgroßhändlers
zur Welt
kam, seine
Lebenserinnerungen.
Sie tragen
den Titel
Erzähle,
damit Du
Dein Recht
erweist.
Als der
Knabe vier
Jahre alt
war, zog die
Familie in
das
benachbarte
Gleiwitz, wo
er das
humanistische
Königlich-Katholische
Gymnasium
besuchte.
Vom
Vortragskünstler
Marcel
Salzer
beeindruckt,
veranstaltete
der
literarisch
interessierte
Gymnasiast
Rezitationsabende,
auf denen
vor allem
Dramen von
Goethe und
Schiller mit
verteilten
Rollen
gelesen
wurden.
Als
Freiwilliger
meldete sich
der
Siebzehnjährige
zur
Teilnahme am
Ersten
Weltkrieg.
Er wurde
Feldartillerist
in Posen,
war aber nur
garnisonsdienstfähig.
Auf die
Begeisterung
bei
Kriegsausbruch
folgte die
Ernüchterung
nach
Kriegsende.
Angesichts
der
Kriegsopfer
wurde
Aufricht
Pazifist und
angesichts
der Armut
Sozialist.
Während der
Militärzeit
hatte er
Gelegenheit,
in Berlin
eine
Aufführung
der Tragödie
Der
Erdgeist
von Frank
Wedekind zu
sehen, in
der Ludwig
Hartau die
Rolle des
Zeitungsverlegers
Dr. Schön
spielte. Die
Begegnung
mit diesem
großartigen
Schauspieler
führte dazu,
daß sich
Aufricht für
den
Schauspielerberuf
entschied.
Gegen den
Willen
seines
Vaters, der
für den Sohn
ein
Medizinstudium
vorsah,
hielt
Aufricht an
seinem
Berufsziel
fest. Er
ging nach
Berlin und
nahm – nach
nur kurzem
medizinischen
Studium –
bei Ludwig
Hartau
Privatunterricht
in der
Schauspielkunst.
Sein erstes
Engagement
als
Schauspieler
erhielt er
1920 am
Staatstheater
in Dresden,
wo er bis
1923 blieb.
Danach war
er an
folgenden
Berliner
Bühnen
tätig:
1923/24 am
Deutschen
Lustspielhaus,
1924/25 am
Deutschen
Künstlertheater,
1925/27 am
Volkstheater
und 1927/28
am
Thaliatheater.
Zusammen mit
Berthold
Viertel, der
sich als
Regisseur am
Dresdner
Staatstheater
auf moderne
Autoren
spezialisiert
hatte,
gründete
Aufricht
1923 in
Berlin das
Ensemble
„Die
Truppe“, für
das er das
Lustspielhaus
an der
Friedrichstraße
mietete. Zur
Eröffnung
wurde die
Shakespeare-Komödie
Der
Kaufmann von
Venedig
aufgeführt,
die trotz
hervorragender
Besetzung
kein Erfolg
wurde. Zur
„Truppe“
gehörten so
arrivierte
Schauspieler
wie Paul
Bildt,
Rudolf
Forster,
Heinz
Hilpert,
Fritz
Kortner,
Lothar
Müthel,
Erich Ponto
und Aribert
Wäscher. Das
geradezu
revolutionäre
Ziel dieses
Ensembles
bestand
darin, daß
seine
Mitglieder
für eine
Einheitsgage
spielten, am
Reingewinn
beteiligt
wurden und
sich
verpflichteten,
die
Probenarbeit
nicht für
den Film zu
unterbrechen.
Denn wegen
der
wachsenden
Inflation
wechselten
damals viele
Schauspieler
zu dem neuen
Medium.
1928
pachtete
Aufricht mit
finanzieller
Unterstützung
seines
Vaters das
Theater am
Schiffbauerdamm
in Berlin,
dessen
Direktor er
bis Ende der
Spielzeit
1931 war.
Nach nur
vier Wochen
Probenzeit
wurde das
Theater am
31. August
1928 mit der
Uraufführung
der
Dreigroschenoper
von Bertolt
Brecht
eröffnet.
Die Regie
führte Erich
Engel, das
Bühnenbild
entwarf
Caspar Neher
und für die
Einstudierung
der Songs
war Theo
Mackeben
verantwortlich.
Bertolt
Brecht und
Kurt Weill
waren von
der guten
Besetzung
der Rollen
beeindruckt.
Zu dieser
Aufführung
merkt
Aufricht in
seinen
Memoiren an:
„Ich wußte
nicht, daß
dieser Abend
als der
größte
Erfolg der
zwanziger
Jahre in die
Theatergeschichte
eingehen
wird.“
Tatsächlich
erwarben
sehr viele
in- und
ausländische
Bühnen die
Aufführungsrechte
für die
Dreigroschenoper,
so daß der
erst
dreißigjährige
Aufricht
diesem Werk
zu Weltruhm
verhalf.
Im März 1933
emigrierte
der berühmte
Theaterdirektor
in die
Schweiz,
dann nach
Frankreich.
In Paris
wandte er
sich wieder
dem Theater
zu, ohne
jedoch
besonders
erfolgreich
zu sein.
Wohl deshalb
wurde er in
der
Landwirtschaft
tätig, mit
der er auf
dem
schlesischen
Gut
Adelsbach,
einem
Familienbesitz
im
Waldenburger
Bergland,
von Jugend
auf vertraut
war. In der
Nähe von
Deauville an
der
normannischen
Küste
pachtete er
eine Farm,
die er als
Lehr- und
Ausbildungsbetrieb
führte. Nach
Paris
zurückgekehrt,
gelang es
ihm, das
Théâtre de
l’Etoile zu
mieten, in
dem er für
das zur
Pariser
Weltausstellung
1937
erwartete
Publikum die
inzwischen
international
bekannte
Dreigroschenoper
unter dem
französischen
Titel
L’Opéra de
quat’sous
auf die
Bühne
brachte.
Obwohl die
Premiere
eine gute
Presse hatte
und das Werk
50
Aufführungen
erlebte,
wurde es
nicht zum
Publikumsrenner.
Nach dem
Einmarsch
der
deutschen
Truppen in
Frankreich
flüchtete
Aufricht
1941 in die
USA. Seinen
ersten
Eindruck von
New York
gibt er in
den Memoiren
folgendermaßen
wieder: „Wir
fuhren durch
Brooklyn und
über die
endlose
düstere
Brooklynbridge,
deren
tausende
Tonnen von
Eisen mich
bedrückten.
Die
Kantstraße
[in Berlin]
ist keine
Schönheit,
das rußige
Oberschlesien
gewiß nicht,
die Häuser
aber, die
hier die
Spekulation
zusammengehauen
hatte, mit
dem
fixierten
Gestänge der
Feuerleitern
an der
Vorderfront
und den
unförmigen
Wasserbehältern
auf den
Dächern,
waren von
einer
penetranten
Häßlichkeit.“
In New York
versuchte
Aufricht am
Broadway Fuß
zu fassen.
Für das
Radio
produzierte
er die
Hörspielserie
Die
Schulzes in
Yorkville,
die der
politischen
Aufklärung
der
Deutsch-Amerikaner
dienen
sollte.
Nachdem
Aufricht in
New York zum
katholischen
Glauben
konvertiert
war – Pater
Benno
Aichinger,
der
ehemalige
Generalobere
des
Kapuzinerordens,
spendete ihm
die Taufe –,
kehrte er
schließlich
1953 aus der
Emigration
nach Berlin
zurück, wo
er noch 1955
im Stück
Herr
Nachtigall
von Claus
Hubalek auf
der Bühne
stand, dort,
wo er einst
als
Theaterdirektor
das
Theaterleben
der Weimarer
Republik
nicht
unwesentlich
beeinflußt
hatte.
Lit.:
Ernst Josef
Aufricht:
Erzähle,
damit Du
Dein Recht
erweist.
Berlin 1966.
– Georg
Hensel:
Spielplan.
Schauspielführer
von der
Antike bis
zur
Gegenwart.
Berlin 1966.
– Günther
Rühle:
Theater für
die Republik
1917-1933.
Im Spiegel
der Kritik.
Frankfurt
a.M. 1967. –
Herbert
Ihering: Von
Reinhardt
bis Brecht.
Hamburg
1967.
Waldemar
Zylla