Der Rabbiner Leo
Baeck zählt zu den bekanntesten deutschen Vertretern
des liberalen Judentums. Er trat nicht nur vor dem
Völkermord an den Juden für eine Verbesserung des
deutsch-jüdischen Verhältnisses und ihrer
Verständigung ein, sondern auch nach dem
Jahrtausendverbrechen der Nationalsozialisten war
ihm die Wiederaufnahme der Gespräche zur
Verständigung wichtiger als jede Bestrafung der
Täter.
Vielleicht spielt
seine Herkunft aus dem Posener Land bei dieser
Einstellung zum Zusammenleben eine gewisse Rolle.
Leo Baeck wurde am 23. Mai 1873 in
Lissa (pl. Leszno), damals noch Kreis
Fraustadt in der preußischen Provinz Posen, als Sohn
des Rabbiners Samuel Baeck und seiner Ehefrau Eva
Placzek geboren und wuchs in der aufstrebenden,
deutsch-jüdisch geprägten Stadt mit seinen vier
Schwestern auf.
Die Stadt Lissa
liegt in einer Grenzregion zwischen Schlesien und
Großpolen, zwei alten Siedlungslandschaften, die
zwischen dem Königreich Polen und dem Herzogtum
Glogau lange umstritten war, ehe dann 1343 König
Kazimierz III., der Große, das Fraustädter Ländchen
genannte Gebiet endgültig seinem Staat einverleiben
konnte. Daß er den Namen, der Große zu Recht trug,
zeigt seine kluge Politik den hier siedelnden
deutschen Bauern, Bürgern und Adeligen gegenüber,
deren gewährte Rechte und Privilegien er bestätigte
und sogar eine gesonderte Verwaltungseinheit schuf.
Im Osten dieses
größtenteils von Deutschen besiedelten Landes war
auch die ursprünglich aus Böhmen stammende polnische
Adelsfamilie Wieniara in dem 1393 erstmals genannten
Dorf „Leszczno“ ansässig, wonach sie sich
Leszczyński nannten. Im Jahr 1547 erwirkte der
protestantische Grundherr, Rafał Leszczyński, das
Recht, hier eine Stadt nach deutschem Recht für
Glaubensflüchtlinge, zu gründen. Von Anfang an
siedelten in der Leszno (verdeutscht Lissa)
genannten Stadt verschiedene Glaubensgruppen:
böhmische Brüder, Lutheraner, Calvinisten und seit
1606 auch Juden, deren Kopfsteuer eine gute
Einnahmequelle für den mächtigen Grundherren war,
die seither in Polen große Politik machten bis hin
zur Stellung eines Königs.
Die Stellung der
Juden in Polen war sehr schwierig, da man sie stets
gern als Sündenböcke verfolgte; daher war eine gute
und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Nachbarn
überlebenswichtig. In dieser Tradition scheint Leo
Baeck zu stehen.
In der
Kaiserzeit, also als Baeck geboren wurde,
entwickelte sich Lissa in der Provinz Posen durch
die Eisenbahn zu einer aufstrebenden Stadt. Die
Regierung trug dem Rechnung und bei der
Verwaltungsreform von 1887 wurde Lissa zur
Kreisstadt eines eigenen Kreises erhoben. Im darauf
folgenden Jahr erhielt die Stadt als
Eisenbahnknotenpunkt einen weiteren Bahnanschluß.
In dieser
aufstrebenden, deutsch dominierten Stadt mit einem
polnisch besiedelten Umfeld wuchs Leo Baeck auf und
besuchte von 1881 bis 1890 das bekannte
humanistische Johann-Amos-Comenius-Gymnasium,
benannt nach einem führenden Mann der Böhmischen
Brüder, der in Lissa im 18. Jahrhundert gewirkt
hatte. Durch seinen Vater wurde Leo früh auch in
jüdischer Kultur und Religion unterrichtet, so daß
in ihm der Wunsch geweckt wurde, Rabbiner zu werden.
Zu diesem Zwecke besuchte er von 1891 bis 1894 das
konservative Jüdisch-Theologische Seminar in
Breslau, an dem seine Vorbilder Jacob Levy
(1819-1892) und Heinrich Graetz (1817-1891) lehrten.
Zudem besuchte er seit 1892 das Philosophische
Seminar der Universität Breslau. 1894 wechselte er
nach Berlin, um auf der einen Seite das
Rabbinatsstudium an der liberalen „Lehranstalt für
die Wissenschaft des Judentums“ zu beginnen, auf der
anderen sein Studium der Philosophie, Geschichte und
Religionsphilosophie zu vertiefen. 1895 schloß er
seine Studien mit der Promotion bei seinem Förderer
Wilhelm Dilthey (1833-1911) ab und veröffentlichte
seine vielbeachtete Dissertation über „Spinozas
erste Einwirkungen auf Deutschland“.
Noch im Herbst
desselben Jahres trat er seine erste Stelle als
Rabbiner in der großen jüdischen Gemeinde im
oberschlesischen Oppeln an. Hier lernte er auch
seine Frau kennen, Nathalie Hamburger, die Enkelin
seines Vorgängers im Amt, die er 1896 heiratete. In
Oppeln entwickelte er seine religionsphilosophischen
Ideen und brachte sie zu Papier: Sein Hauptwerk „Das
Wesen des Judentums“ erschien 1905, als er bereits
die Stelle eines Rabbiners in Duisburg angetreten
hatte. Seine Arbeit war als kritische Antwort auf
Adolf von Harnacks Buch „Das Wesen des Christentums“
konzipiert und zeigt ihn bereits damals als
führenden Vertreter des jüdischen Liberalismus.
Von 1907 bis 1912
war Baeck als Rabbiner in Düsseldorf tätig, ehe ihn
die jüdische Berliner Gemeinde 1912 in die neu
errichtete Synagoge in der Fasanenstraße berief.
Gleichzeitig erhielt er einen Lehrauftrag an der als
liberal bekannten „Hochschule für die Wissenschaft
des Judentums“.
Der Erste
Weltkrieg unterbrach seine Arbeit, und er trat
seinen Militärdienst ebenso an, wie Tausende andere
jüdische und christliche Staatbürger. Baeck wurde
als Feldrabbiner an der West- und Ostfront
eingesetzt, ehe er 1919 in seine Berliner Gemeinde
zurückkehren konnte.
Als Folge des
verlorenen Krieges ging auch seine Geburtsstadt dem
Deutschen Reich verloren, obwohl der lokale
Widerstand und Grenzschutz Lissa gegen die
polnischen Aufständischen hatte behaupten können.
Die Entente-Grenzkommission entschied anders, und
Lissa kam mit Inkrafttreten des Versailler Vertrages
zu Polen. Viele deutsche und jüdische Bewohner
verließen damals ihre Heimat und optierten für
Deutschland oder wanderten gar nach Amerika
aus.
Baecks
Lebensmittelpunkt war inzwischen Berlin und die
Arbeit an der Verständigung sein Lebenszweck. Im
Jahr 1919 rief er die christlich-jüdischen Gespräche
ins Leben, die zu einer interreligiösen und
kulturellen Verständigung zwischen Christen und
Juden in Deutschland führen sollten. Er war dabei
eine der treibenden und beeindruckenden Kräfte. Als
einer der führenden Rabbiner Deutschlands, zumal in
direkter Nähe zum Machtzentrum Berlin, wurde er zur
Hauptkontaktperson zu den politischen Repräsentanten
der Weimarer Republik. Bereits 1919 berief man ihn
als Sachverständigen für jüdische Angelegenheiten
ins preußische Kultusministerium. Seiner wachsenden
Bedeutung zollte auch der Allgemeine Deutsche
Rabbinerverband Respekt und wählte ihn 1922 zu ihrem
Vorsitzenden. Ihm gelang das Kunststück, eine
Zusammenarbeit zwischen dem liberalen und dem
orthodoxen Flügel des Verbands zu schaffen. Leo
Baeck war ein gefragter Mann und Mitglied in vielen,
vor allem auch wohltätigen jüdischen Organisationen.
Trotz all seiner
Bemühungen wandte sich die positiv begonnene Politik
der Weimarer Republik ins Negative. Auf der Straße
und bald auch in den Regierungsbüros erhielten die
antisemitischen Nationalsozialisten das Sagen. 1933
erklärte Baeck
vorausahnend, daß die „tausendjährige Geschichte“
der Juden in Deutschland zu Ende gegangen
sei.
In der
bedrohlichen Situation nach der „Machtergreifung“
Hitlers schlossen sich die jüdischen Verbände und
Gemeinden in der „Reichsvertretung der deutschen
Juden“ zusammen und wählten Baeck einstimmig zum
Präsidenten (17. September 1933). Baeck reiste nun
viel ins Ausland, um auf die Lage der Juden im
Deutschen Reich aufmerksam zu machen. Trotz der
großen persönlichen Gefahr agierte er wie ein
Kapitän, der das sinkende Schiff auf keinen Fall
verlassen will, ehe nicht der letzte Mann gerettet
ist.
Die
Diskriminierung und Verfolgung wuchs in den 1930er
Jahren immer weiter an, und Baeck organisierte die
jüdische Emigration. Ihren ersten Höhepunkt
erreichte die Judenverfolgung in der verharmlosend
so genannten „Reichskristallnacht“ am 9. zum 10.
November 1938. Die frei gewählte „Reichsvertretung
der Juden“ wurde aufgehoben und 1939 die
„Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ mit Leo
Baeck als Vorsitzendem vom NS-Regime geschaffen.
Auch die „Hochschule für die Wissenschaft des
Judentums“, an der er unterrichtete, wurde 1939 von
der Gestapo (Geheime Staatspolizei) unter seinem
Protest geschlossen.
Mit dem Zweiten
Weltkrieg steigerte sich die Judenverfolgung in
Judenvernichtung. Die „Reichsvereinigung der Juden
in Deutschland“ wurde nicht mehr benötigt und daher
1943 von der Gestapo beseitigt. Baeck selber wurde
im Juni 1943 mit seiner Familie in das
Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo
er seinen Mitgefangenen als Mitglied im Ältestenrat
des Ghettos eine große geistige Stütze war,
Predigten und Vorträge hält, wofür er schwer
mißhandelt wurde. Auch zum deutschen Widerstand nahm
er Kontakt auf, so zu der Gruppe um Carl Friedrich
Goerdeler.
Nur durch Glück
und Zufall überlebte er den Völkermord. Im Mai 1945
wurde er von der Roten Armee befreit. Seine vier
Schwestern jedoch wurden ermordet.
Im Juli 1945
verließ Baeck Deutschland, um das Amt des
Präsidenten der „Weltunion für progressives
Judentum“ und des „Rates der Juden aus Deutschland“
in London anzutreten. 1947 begründete er das später
nach ihm benannte „Institut zur Erforschung der
Geschichte des Judentums in Deutschland seit der
Aufklärung“.
Trotz des gerade
erst beendeten Holocausts dachte Baeck weiter und
bemühte sich um die Wiederaufnahme der von ihm 1919
initiierten Gespräche zwischen den Glaubensgruppen.
Bis zu seinem Tod wurde er nicht müde, sich um den
Ausgleich und das Wissen der Religionsgeschichte zu
bemühen. Leo Baeck starb am 2. November 1956 in
London.
Eine Vielzahl von
Einrichtungen erinnern an diesen außergewöhnlichen
Mann, von denen nur die wichtigsten genannt werden
können: 1.) Das „Leo-Baeck-Institut“ mit der
Aufgabe, die Geschichte der Juden im
deutschsprachigen Raum zu erforschen, mit Standorten
in London, New York, Jerusalem und Berlin, das seit
1978 in unregelmäßigen Abständen die
Leo-Baeck-Medaille vergibt, 2.) das bereits 1938
gegründete „Leo-Baeck-Education-Center“ in Haifa
oder 3.) das „Leo-Baeck-Institut“ in London, dessen
erster Präsident er auch war, an dem liberale
Rabbinerinnen und Rabbiner ausgebildet werden und
4.) der seit 1956 vom Zentralrat der Juden in
Deutschland vergebene „Leo-Baeck-Preis“ für
Personen, die sich für die Ideale von Leo Baeck
einsetzen. Zu diesen Preisträgern gehören u. a.
Ralph Giordano, Iris Berben, die Bundespräsidenten
Dr. Richard von Weizsäcker, Prof. Dr. Roman Herzog
und Johannes Rau, Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl,
Bundesminister Dr. Hans-Jochen Vogel und
Außenminister Joschka Fischer.
Bild: Kulturstiftung der deutschen
Vertriebenen.
Martin Sprungala