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Die Vorfahren Karl Ernst
von Baers wanderten in der Mitte des 16. Jahrhunderts von Westfalen nach
Livland aus. Sein Vater Magnus Johann Baer von Huthorn hatte das Amt
eines estländischen Land- und Ritterschaftsrates inne, seine Mutter
Juliane Louise war eine Tochter des russischen Majors Andreas Magnus
Baer von Huthorn – entstammte also derselben Familie wie der Vater.
Zunächst durch Hauslehrer unterrichtet, besuchte Baer später die
Ritter-Domschule zu Reval mit dem Hauptziel, sich auf eine
Militärlaufbahn vorzubereiten. Nach Bestehen der Reifeprüfung 1810 nahm
er jedoch an der Universität zu Dorpat ein Medizinstudium auf, was einer
Absage an die ursprünglich geplante Offizierskarriere gleichkam. Nach
vierjährigem Studium wurde Baer am 10. September 1814 zum Doctor
medicinae promoviert. Noch im selben Jahr begab sich Baer auf die Reise,
um seine Studien an auswärtigen Universitäten und Kliniken fortzusetzen:
So hielt er sich beispielsweise in Königsberg, Berlin und Wien auf. Im
Herbst 1815 besuchte Baer während eines längeren Aufenthaltes die
Würzburger Alma mater, wo er bei Ignaz Döllinger Embryologie und
Anatomie studierte und sich immer mehr von der praktischen Medizin
entfernte. In der Stadt am Main wurde Baer auch
von
Christian Gottfried Nees von Esenbeck geprägt, einem Botaniker und
Anhänger der zeitgenössischen Naturphilosophie, sowie von Heinrich
Christian Pander, der als Embryologe und Anatom auf Grund einer Anregung
Döllingers die Entwicklung des Hühnchens im Ei erforschte.
Im Jahre 1817 fand Karl
Ernst von Baer nach dreijähriger Wanderschaft bei dem Anatomen Karl
Friedrich Burdach in Königsberg eine Anstellung als Prosektor. In den
folgenden Jahren verlief Baers Karriere steil nach oben: 1819 wurde er
in Königsberg zum außerordentlichen, 1822 zum ordentlichen Professor für
Zoologie ernannt, und 1828 erhielt er den Titel eines Direktors des
Anatomischen Instituts verliehen. Die Universität verdankt ihm die
Institution eines zoologischen Museums, zu dessen Eröffnung er 1821 die
wichtige Schrift Zwei Worte über den jetzigen Zustand der
Naturgeschichte vorlegte. In dieser Arbeit sind die Grundsätze von
Baers wissenschaftlichen Anschauungen prägnant formuliert. Ein
Forschungsschwerpunkt Baers in dessen Königsberger Zeit war im Bereich
der Zoologie die Entwicklungsgeschichte, deren eigentlicher Begründer er
selbst ist. Auf diesem Gebiet, das bereits in Würzburg während der
Zusammenarbeit mit Christian Pander Baers Interesse geweckt hatte,
gelang ihm im Jahre 1827 die epochemachende Entdeckung des Säugetiereies.
In der Schrift De ovi mammalium et hominis genesi epistolam ad
Academiam Imperialem Scientiarum Petropolitanam, Leipzig 1827,
berichtet er über sein aufsehenerregendes Forschungsergebnis. Ein
weiteres Werk Baers, das überaus wirkungsmächtig war, ist das
zweibändige klassische Opus magnum Über Entwickelungsgeschichte der
Thiere. Beobachtung und Reflexion, Königsberg 1828 bzw. 1837. Im
Jahre 1834 schied der bereits international bekannte Naturforscher Baer
aus dem preußischen Staatsdienst, nahm einen Ruf der St. Petersburger
Akademie der Wissenschaften an und siedelte mit seiner Familie – er
hatte 1820 Auguste von Medem geheiratet – nach Rußland über, wo er
länger als drei Jahrzehnte wirken sollte. An der Akademie vertrat er die
Fächer Zoologie, Anatomie und Physiologie und war längere Zeit Vorstand
der Bibliothek. Baer unternahm in Rußland zahlreiche Forschungsreisen,
um Fauna und Flora zu studieren. So untersuchte er beispielsweise im
Auftrag der Regierung das Fischereiwesen. Aber auch andere Themengebiete
wie Geographie und Anthropologie – und hier insbesondere die Kraniologie
– fanden sein Interesse. Dagegen stagnierten
in St.
Petersburg auf Grund ungünstiger Arbeitsbedingungen die Studien zur
Embryologie und Entwicklungsgeschichte. Im Jahre 1867 ging Baer zurück
nach Dorpat, wo er einst studiert hatte und nun seinen Lebensabend
verbringen wollte. Dort verstarb der hochgeehrte Gelehrte – er war
Mitglied in- und ausländischer Akademien, Inhaber angesehener
Auszeichnungen sowie Träger hoher wissenschaftlicher Orden – im Alter
von fast 85 Jahren.
Wichtige Schriften
Baers, die seiner unermüdlichen Forschungsarbeit entsprangen, sind die
Vorlesungen über Anthropologie, für den Selbstunterricht bearbeitet,
Königsberg 1824, dann das Werk Der Mensch in naturhistorischer
Sicht [in russ. Sprache], St. Petersburg 1851, und die von ihm
mitherausgegebene Zeitschrift Beiträge zur Kenntnis des Russischen
Reiches und der angrenzenden Länder Asiens, ein geographisches
Periodikum, das zu St. Petersburg in 26 Bänden von 1839 bis 1871
erschien. Hervorzuheben ist des weiteren die Autobiographie Baers,
welche die Konturen einer vielseitig gebildeten Persönlichkeit
aufscheinen läßt: Nachrichten über Leben und Schriften des Herrn
Geheimrathes Dr. Karl Ernst von Baer, mitgetheilt von ihm selbst.
Veröffentlicht bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen Doctor-Jubiläums
am 29. August 1864, von der Ritterschaft Ehstlands, St. Petersburg
1865. Schließlich ist noch auf die dreibändige Ausgabe seiner Reden
gehalten in wissenschaftlichen Versammlungen und kleinere [n] Aufsätze
vermischten Inhalts hinzuweisen, die zwischen 1864 und 1876
ebenfalls in St. Petersburg herauskam.
Lit.:
Werner Leibbrand: Baer,
Karl Ernst v., in: Lexikon für Theologie und Kirche, hrsg. von Josef
Höfer und Karl Rahner, I, Neudr. der 2. Aufl. Freiburg i.Br. 1957, ebd.
1986, Sp. 1234. – Roswitha Lienert: Karl Ernst von Baer und die
Entdeckung des Säugetiereies, med. Diss. Würzburg 1977. – Jane
Oppenheimer: Baer, Karl Ernst von, in: Dictionary of Scientific
Biography, hrsg. von Charles Coulston Gillispie, I, New York 1970, S.
385-389. – Boris Evgen'evič Raikov: Karl Ernst von Baer. 1792-1876. Sein
Leben und sein Werk, Leipzig 1968 (= Acta historica Leopoldina, 5) [aus
diesem Werk stammt die oben reproduzierte Abb.]. – Goetz v. Seile: Baer,
Edler v. Huthorn, Karl Ernst Ritter v., in: Neue Deutsche Biographie,
hrsg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der
Wissenschaften, I, Berlin 1953, S. 524. – Ludwig Stieda: Baer, Karl
Ernst von, in: Allgemeine Deutsche Biographie, auf Veranlassung Seiner
Majestät des Königs von Bayern hrsg. durch die Historische Commission
bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften, XLVI, Neudr. der Ausg.
von 1902, Berlin 1971, S. 207-212. – Ders.: Baer, Karl Ernst v., in:
Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker,
hrsg. von Franz Hübotter, I, 2. Aufl. Berlin und Wien 1929, S. 282 f.
Werner Gerabek
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