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Im Jahre 1742 trat Giovanni Baptista Angelo Graf Ballestrem di
Castellengo, einem in Savoyen beheimateten Geschlecht entstammend, in
die Armee Friedrichs des Großen ein. Er vermählte sich mit der ältesten
Tochter des Freiherrn Franz Wolfgang von Stechow, Majoratsherrn auf
Plawniowitz, Ruda und Biskupitz, dessen Besitz nach dem Aussterben der
von Stechow im Mannesstamm an die Grafen Ballestrem fiel. Franz Xaver
Graf Ballestrem, ein Urenkel des Grafen Giovanni, wurde am 5. September
1834, zu Plawniowitz geboren. Nach häuslicher Erziehung kam er auf das
adlige Konvikt nach Lemberg, besuchte danach das katholische Gymnasium
in Glogau und von 1851-1852 die philosophische Lehranstalt der Jesuiten
in Namur, worauf er sich auf der Akademie in Lüttich von 1835-1855 dem
Studium des Bergfachs widmete. Im Jahre 1855 trat er in den Heeresdienst
ein und nahm an dem Feldzug gegen Österreich und am
Deutsch-französischen Kriege teil. Im November 1871 schied er nach einem
Sturz vom Pferde aus der Armee aus, um sich fortan der Politik
zuzuwenden.
Zu Beginn der 1870er Jahre reiste er in Oberschlesien von Ort zu Ort, um
dort die Zentrumspartei einzubürgern. Im März 1872 wurde er, bei einer
Nachwahl, für den Kreis Oppeln in den Reichstag entsandt. Mit einer
Unterbechung von 1893-1898 hatte er dieses Mandat bis zum Jahre 1906
inne. Graf Ballestrem gehörte bald zu den angesehensten Führern der
Zentrumspartei. Auf den Katholikentagen seiner Heimatprovinz präsidierte
er wiederholt mit Erfolg, besonders jedoch tat er sich als Präsident der
Generalversammlung der Katholiken Deutschlands im Jahre 1887 in Trier
hervor. Als Vorsitzender der schlesischen Zentrumspartei und des
katholischen Volksvereins in Breslau leitete er die katholische Bewegung
in Schlesien. Im Jahre 1890 wurde er Vorsitzender der Zentrumsfraktion
und erster Vizepräsident des Reichstags, nach dem Tode von Ludwig
Windthorst dessen politischer Testamentsvollstrecker. Graf Ballestrem
war 64 Jahre alt, als er im Jahre 1898 zum Präsidenten des Deutschen
Reichstags gewählt wurde. Von ihm heißt es, er habe getreu seinem
Wahlspruch „Tue recht und scheue niemand, aber auch wirklich niemand,
weder nach oben noch nach unten“ mit Entschiedenheit die Interessen des
Hauses gegen Übergriffe der Regierung zu wahren gewußt. Weltmännische
Formen, persönliche Liebenswürdigkeit, das Selbstbewußtsein und die
durchgreifende Art des Grandseigneurs wurden ihm nachgerühmt. Als
Reichskanzler Bülow im Jahre 1906, ohne vorherige Benachrichtigung des
Präsidenten, den Reichstag auflöste, verließ Graf Ballestrem den
Reichstag für immer. Es hat ihm an hohen Auszeichnungen nicht gefehlt:
Papst Pius IX. ernannte ihn zum Geheimen Kämmerer, der König im Jahre
1900 zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Titel Exzellenz. Im Jahre 1903
wurde er als erbliches Mitglied in das Herrenhaus berufen.
In Schlesien war Graf Ballestrem Besitzer ausgedehnter Ländereien und
wichtiger Steinkohlengruben. Die Arbeiterzahl in seinen Betrieben stieg
von 1.340 im Jahre 1885 auf 5.759 im Jahre 1910, dem Todesjahr des
Grafen, die Kohlenförderung im gleichen Zeitraum von 299.000 Tonnen auf
1.880.000 Tonnen. Darüber hinaus hat Graf Ballestrem mit großem Erfolg
die Entwicklung von Handel und Verkehr in Oberschlesien gefördert und
für seine Arbeiter Wohlfahrtseinrichtungen in großer Zahl geschaffen –
Ferienkinderheime, Kinderbewahranstalten, Witwenhäuser,
Arbeiterwohnhäuser, Krankenhäuser, Waisenhäuser, Erholungsgärten, eine
Volksbibliothek und mit Lesezimmern verbundene Arbeiterkasinos, und, zur
Hebung des Sinnes für Sparsamkeit, im Jahre 1900 ein bedeutendes Kapital
gestiftet. Als Graf Ballestrem am 23. Dezember 1910 starb, verlor
Deutschland einen hervorragenden Politiker, Schlesien eine um die
Provinz verdiente Persönlichkeit.
Lit.:
Schlesische Lebensbilder, Bd. 1: Schlesier des 19. Jahrhunderts (Breslau
1922).
Erik
Thomson
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