Als am 10. Dezember
1901 erstmals
Nobelpreise
verliehen wurden,
erhielt den
Nobelpreis für
Medizin Professor
Dr. Emil Adolf von
Behring, Marburg,
und den für Physik
Professor Dr.
Wilhelm Röntgen,
München. Zwei
Deutsche, deren
Namen noch heute
international
bekannt sind.
Emil von Behring
stammt aus einer
Lehrerfamilie im
Kreis
Rosenberg/Westpreußen.
Sein Vater August
Georg hatte dort im
Dorf Hansdorf bei
Deutsch-Eylau die
Lehrerstelle. Das
Schulhaus des
kleinen Dorfes, das
zum Domänenbesitz
des Regierenden
Fürsten Reuß j.
Linie gehörte, war
das Geburtshaus des
Nobelpreisträgers.
Da das Lehrergehalt
sehr gering war,
mußte der Vater des
begabten Jungen auch
18 Morgen Ackerland
bewirtschaften. Emil
Adolf Behring war
das fünfte von zwölf
Geschwistern. Seine
schnelle
Auffassungsgabe fiel
früh auf. Der Vater
schickte ihn daher
zur Stadtschule in
das einige Kilometer
entfernte
Deutsch-Eylau, denn
der Sohn sollte der
Familientradition
folgend Lehrer
werden. Da der
Pfarrer im
benachbarten
Raudnitz in ihm
jedoch eher einen
künftigen
Geistlichen sah,
bereitete er Emil
Adolf auf den Besuch
des Gymnasiums vor,
das dieser dann auch
mit zwölf Jahren ab
1866 in
Hohenstein/Kr.
Osterode in
Ostpreußen besuchte
und 1874 nach
bestandenem Abitur
verließ. Allerdings
wollte der
Abiturient weder
Lehrer noch Pfarrer
werden – sondern
Arzt. Da für das
Studium kein Geld
zur Verfügung stand,
gelang es ihm mit
Hilfe von Gönnern,
am 2. Oktober 1874
das Studium am
Medizinischen und
Chirurgischen
Friedrich-Wilhelm-Institut
in Berlin, der hoch
angesehenen „Pepinière“
(Pflanzenschule),
aufzunehmen.
Vorrausetzung
hierfür war die
Verpflichtung, nach
erfolgreich
abgeschlossenem
Studium dem Staat,
der fast alles
bezahlte, längere
Zeit als Militärarzt
zu dienen. Vier
Jahre später
promovierte Behring,
erhielt die
Approbation und
wurde Unterarzt
unter anderem beim
4. Posenschen
Infanterieregiment
59 in Posen und
danach beim
Westpreußischen
Kürrassierregiement
Nr. 5 in Schlesien.
Seitdem verfügte er
über ein zwar
bescheidenes aber
eigenes Einkommen.
Da die
Seuchenbekämpfung
für Militärärzte von
besonderer Bedeutung
war, wandte sich
Behring bald stärker
der Bakteriologie
zu. Bereits 1882
trat er erstmals
hierzu mit einer
wissenschaftlichen
Arbeit publizistisch
hervor. In diesem
Jahr formte sich
seine Persönlichkeit
und sein Biograph
Prof. Dr. Richard
Bieling stellte
später fest: „Das
Individuum begann,
sich seiner
Einzigartigkeit
bewußt zu werden.“
Als Militärarzt in
Winzig/Kr. Wohlau,
wo er nebenbei auch
eine privatärztliche
Tätigkeit ausübte,
wurde ihm bei einer
Diphterie-Epidemie
klar, wie wenig die
Medizin wirklich
helfen konnte. Er
führte an erkrankten
Kindern
Luftröhrenschnitte
aus, was ihn nicht
zufriedenstellte. Im
Jahre 1885 bestand
er das
Kreisarztexamen;
1887 wurde er zum
Stabsarzt befördert
und zur weiteren
Ausbildung nach Bonn
an das
Pharmakologische
Institut
kommandiert. Dort
veröffentlichte er
sein erstes größeres
Buch. Im selben Jahr
wurde er zum
ordentlichen
Mitglied der
Niederrheinischen
Gesellschaft für
Natur- und Heilkunde
berufen. Von
1888-1894 war die
Hauptstadt Berlin
sein Dienstort. Ab
1889 war Behring
dort Assistent von
Robert Koch, dem
Entdecker des
Tuberkelbazillus und
Begründer der
medizinischen
Bakteriologie. Seine
Forschungsergebnisse
aus diesen Jahren
waren für Behring
das Fundament seiner
Lebensarbeit. Am 4.
Dezember 1890 wurde
die Öffentlichkeit
mit der Arbeit „Über
das Zustandekommen
der
Diphtherie-Immunität
und der
Tetanus-Immunität
bei Tieren“ bekannt
gemacht. Darin heißt
es, es sei gelungen,
„sowohl infizierte
Tiere zu heilen wie
die gesunden
vorzubehandeln, dass
sie später nicht
mehr an Diphtherie
bzw. Tetanus
erkranken.“ Dieses
Forschungsergebnis
stellte Behring
zusammen mit dem
Japaner Dr.
Shibasaburo Kilasato
vor. Ähnliche
Veröffentlichungen
folgten, wie auch
der Streit mit
anderen Forschern.
Behring schrieb 1894
dazu, es komme ihm
vor allen darauf an,
kranke Menschen zu
heilen und
krankheitsbedrohte
zu schützen. Er war
ein besessener
Forscher mit einer
kompromisslosen
Kämpfernatur und mit
immer neuen Aufgaben
und Zielen. Auf
seine eigene
Gesundheit achtete
er nicht. 1883
erschien sein Werk
„Das neue
Diphtheriemittel“,
1894 „Die Geschichte
der Diphtherie“ und
1901 unter anderem
sein Hauptwerk „Die
Diphtherie“.
Selbstbewußt stellte
er fest: „Mein
Diphtherieheilserum
hat kein Analog in
der Geschichte der
Medizin.“ Das erste
nach Behrings
Angaben von den
Höchster
Farbenwerken
hergestellte Serum
reichte für die ganz
schweren Fälle noch
nicht aus. Aber
bereits 1897 betrug
die Heilungsziffer
97 %. Das Ausland
wurde auf Behring
aufmerksam wie z.B.
in Paris die
Bakteriologen Pièrre
P. Emil Roux und der
Russe Elias
Metschnikoff. Das
Behring-Serum wurde
im In- und Ausland
patentiert, zuletzt
1898 in Amerika.
Dem Forscher waren
zu dem Zeitpunkt
bereits zahlreiche
Ehrungen zuteil
geworden. Der
preußische Staat
jedoch war auch
damit sparsam. Er
hatte Behring
lediglich den
Professorentitel
verliehen. Zum
Wintersemester 1894
war der Stabsarzt
zum
außerordentlichen
Professor an der
Universität Halle
ernannt und dort mit
der Wahrnehmung des
Ordinariats für
Hygiene betraut
worden. Die Aufgabe
in Halle brachte ihm
weder besonderen
Erfolg noch machte
sie ihm Freude. In
der Folge wurde er
Direktor des
Hygienischen
Instituts an der
Universität in
Marburg. Behring war
nun Ordinarius und
Institutsdirektor.
Die Ernennung zum
Geheimen
Medizinalrat folgte.
In Marburg fühlte
sich der Westpreuße
wohl. Er heiratete
die Tochter des
Verwaltungsdirektors
der Berliner
Charité. Als der
erste Sohn geboren
wurde schrieb
Behring: „Der Junge
kriegt seinen
Rufnamen Friedrich
nach meinem
Großvater und nach
unserem König, der
vor 120 Jahren die
Behrings in
Westpreußen
angesiedelt hat.“
Bald vergrößerte
sich seine Familie.
In Deutschland waren
1894 genau 89.548
Menschen und
weltweit
hunderttausende an
der Tuberkulose
gestorben. Behring
suchte nach einem
Gegengift, dem
Antituberkulin,
blieb dabei aber
erfolglos. Zehn
Jahre später, 1904,
machte Behring aus
seinem privaten
Forschungsinstitut
ein selbständiges
Unternehmen,
zunächst zur
Verwertung seiner
neuen
Forschungsergebnisse
unter anderem für
die
Tuberkulosebekämpfung
und auf dem Gebiet
der Milchhygiene,
später auch zur
Serumherstellung.
Aus diesem Werk
entstanden in
Marburg die
Behring-Werke. Als
Behring am 31. März
1917 im Alter von 63
Jahren starb, war er
Ehrenmitglied von
etwa 35
wissenschaftlichen
Körperschaften des
In- und Auslandes.
Er war Wirklicher
Geheimer Rat,
Exzellenz und
Ehrenbürger von
Marburg. Der Sohn
des Schulmeisters
aus Hansdorf bei
Deutsch-Eylau war am
18. Januar 1901 von
Kaiser Wilhelm II.
und König von
Preußen sogar in den
erblichen Adelsstand
erhoben worden.
Emil Adolf von
Behring hatte die
Diphtherie, den
„Würgeengel der
Kinder“, besiegt und
trug den Ehrennamen
„Retter der Kinder“.
Sein Tetanus-Serum
war das Schutzmittel
gegen
Wundstarrkrampf, mit
dem er bereits im
Ersten Weltkrieg
unzähligen Soldaten
das Leben rettete.
Viele nannten ihn
daher den „Retter
der Soldaten“. Vor
Einführung seines
Serums hatte die
Tetanussterblichkeit
bei 88 % gelegen.
Die Bekanntgabe der
Nobelpreisverleihung
an Emil von Behring
am 30. Oktober 1901
„für seine Arbeiten
über Serumtherapie
und besonders für
deren Anwendung
gegen Diphtherie,
wodurch er einen
neuen Weg auf dem
Gebiet der
medizinischen
Wissenschaft gebahnt
und dem Arzt eine
zwingende Waffe im
Kampf gegen
Krankheit und Tod
gegeben hat“, war in
Deutschland mit
Begeisterung
aufgenommen worden.
In Marburg erinnert
in einer kleinen
Grünanlage gegenüber
der Elisabethkirche
ein Denkmal an Emil
Adolf von Behring.
In seinem Geburtsort
Hansdorf wurde die
nach 1945
abgebrannte Schule
in sehr ähnlicher
Form wieder
aufgebaut, die alte
beschädigte
Erinnerungstafel aus
einem Stall geholt,
an der
ursprünglichen
Stelle wieder
angebracht und
darunter durch eine
zweite Tafel
ergänzt, welche die
Inschrift der Tafel
aus deutscher Zeit
in polnischer
Übersetzung
wiedergibt. Vor dem
Schulhaus steht eine
imposante
Behring-Büste. In
dem Gebäude wird den
Kindern und den
Besuchern sowohl im
Treppenhaus als auch
in einem kleinen
Gedächtnisraum der
Nobelpreisträger
durch eine ständige
Emil-von-Behring-Ausstellung
vorgestellt, die in
Verbindung mit dem
westpreußischen
Heimatkreis
Rosenberg von der
Gesellschaft der
deutschen Minderheit
Deutsch-Eylau
betreut wird. Um den
Vorschlag des
Nachkommen Dr. Otto
von Behring aus dem
Jahre 2001, in der
Marburger Villa des
großen Forschers das
Arbeitszimmer und
die umfangreiche
Bibliothek wieder
herzurichten und
damit ein kleines
Behringmuseum zu
schaffen, ist es
allerdings wieder
still geworden.
Lit.: H.
Zeiss und R. Bieling:
Behring – Gestalt
und Werk,
Berlin-Grunewald
1941. – Bruno
Schulz: Behring zum
Gedächtnis,
Berlin-Grunewald
1942. –
Behring-Archiv
Marburg: Dokumente
eines großen Lebens
als Arzt und
Forscher – Emil von
Behring,
Marburg/Lahn. – Dr.
Richard von Bieling:
Der Tod hatte das
Nachsehen, Bielefeld
1954. – Dr. Hans
Bernhard Meyer: Emil
von Behring in DER
WESTPREUSSE 17/18,
Lübeck 1957. –
Walter Schussaus:
Bahnstation Raudnitz,
in: Große Ost- und
Westpreußen, München
1959. – H. von
Behring: 75 Jahre
Serumtherapie im
Fortschritt der
Medizin, Gauting
1966. – Wolfgang
Bartsch: Zäher Kampf
gegen Würgeengel,
Die Welt, Hamburg,
12.03.1979. – John
Halding: Emil von
Behring, Lübecker
Nachrichten,
02.04.1967. – Georg
Carol: Emil von
Behring entwickelte
Diphterieserum,
Bremer Nachrichten,
19.03.1975. –
Hans-Jürgen Schuch:
Emil von Behring –
Besieger von
Diphterie und
Wundstarrkrampf,
Münster 1967. –
Jürgen Ostermeyer:
Mit dem
Krankheitsgift die
Krankheit
verhindern, FAZ
31.03.1992. – Hans-
Jürgen Schuch: Emil
von Behring – Zur
ersten Verleihung
des Nobelpreises für
Medizin 1901, DER
WESTPREUSSE,
Münster, 08.11.
2001. – Sonja
Kastilan: Behring
war der erste
Biotech-Unternehmer,
Die Welt,
26.11.2001.
Bild:
Westpreußen-Archiv
Münster
Hans-Jürgen Schuch