Herold
Belger,
1934 in
Engels,
der
Hauptstadt
der
Wolgadeutschen
Republik,
geboren,
wurde
1941
nach
Kasachstan
in einen
entlegenen
Weiler
namens
Aul
verbannt,
wo er
eine
kasachische
Mittelschule
besuchte.
Er
studierte
an der
philologischen
Abteilung
des
kasachischen
pädagogischen
Abai-Instituts
in
Alma-Ata,
war dann
Russischlehrer
und
anschließend
Mitarbeiter
der
kasachischen
Literaturzeitschrift
„Schuldys“,
bis er
1964
freischaffender
Autor
und vor
allem
auch
Übersetzer
wurde.
Seit
1971 ist
er
Mitglied
des
kasachischen
Schriftstellerverbandes.
In
dieser
Eigenschaft
fühlt er
sich
auch
verantwortlich
für die
russlanddeutsche
Literatur.
Deren
Entwicklung
verfolgt
er
aufmerksam
und er
begleitet
sie mit
Rezensionen
und
Essays.
Die
Russlanddeutschen,
denen in
der
Sowjetunion
das
Anrecht
auf
territoriale
Autonomie
verweigert
wurde,
die
mithin
nicht
über ein
eigenes
Schulwesen
und ein
entsprechendes
lebendiges
Kulturleben
verfügten,
verloren
vor
allem im
sprachlichen
Bereich
viel von
ihrer
ursprünglichen
Mentalität
und
Identität.
Herold
Belger
ist
selbst
ein
anschauliches
Beispiel
dafür.
Da auch
er wie
viele
seiner
Landleute
die
eigene
Muttersprache
Deutsch
– bis zu
seinem
siebenten
Lebensjahr
vor der
Deportation
beherrschte
er sie
noch
fließend
– in der
Verbannung
nicht
mehr
pflegen
konnte,
nahm
seine
muttersprachliche
Sprachkompetenz
erheblich
ab.
Heute
spricht
er
Kasachisch
– er
gilt als
Experte
für die
diffizilsten
Feinheiten
der
kasachischen
Literatursprache
– dann
folgt
Russisch,
in
welchem
er
mühelos
schreibt
und in
welches
er mit
viel
Geschick
und
Sensibilität
aus dem
Kasachischen
und
Deutschen
übersetzt,
und erst
an
dritter
Stelle
folgt
dann
seine
eigentliche
Muttersprache,
in der
er große
Anstrengungen
unternehmen
mußte,
um sich
sowohl
umgangssprachlich
wie dann
später
auch
literarisch
ausdrücken
zu
können.
Seine
deutschsprachigen
literarischen
Werke
sind
deshalb
ein
rührender
Beweis
emotionalen
Wiedererlernens
des
beinahe
Verlorengegangenen,
In dem
Standardwerk
„Anthologie
der
sowjetdeutschen
Literatur“,
in drei
Bänden
1981/82
in
Alma-Ata
erschienen,
schrieb
Belger
für den
dritten
Band,
der der
Prosa
gewidmet
war, die
Einleitung:
Der
Versuch
eines
differenzierten
Überblicks
über die
rußlanddeutsche
Prosa
bis zu
diesem
Zeitpunkt.
Eine
Reihe
von
Rezensionen
waren
der
Einleitung
waren
vorausgegangen,
in denen
Belger
mitunter
große
Konzessionen
an
Partei-
und
Staatsfunktionäre
machte,
vielleicht
auch
machen
mußte.
Im Laufe
der
Perestrojka
und des
Umbruchs
wurde er
indes
immer
kritischer.
Eines
seiner
letzten
Essays
über die
rußlanddeutsche
Literatur
„Sie
besteht
dessen
ungeachtet“
erschien
1993 in
der
Anthologie
„Barfuß
liefen
meine
Kinderträume
–
Deutsche
Stimmen
aus
Kasachstan“.
Hier
macht
sich
Herold
Belger
tiefgehende
Sorgen
über die
Chancen
dieser
Literatur.
Trotz
aller
Schicksalsschläge
–
Schweigejahre
in der
Verbannung,
Benachteiligung
danach,
Probleme
auch
nach dem
Umbruch
und
nicht
zuletzt
nach der
Aussiedlung
eines
großen
Teils
der
russlanddeutschen
Bevölkerung
in die
Bundesrepublik
Deutschland
kommt er
zu der
Schlußfolgerung,
daß
rußlanddeutsche
Literatur
auch
weiterhin
bestehe.
Von den
anderthalb
Dutzend
ernstzunehmenden
Autoren,
die er
aufzählt,
sind
sicherlich
beachtenswert
der
Prosaautor
Viktor
Klein,
der
Lyriker
Robert
Weber,
der
Dramatiker
Viktor
Heinz
und der
Literaturkritiker
Woldemar
Ekkert,
um nur
die
bekanntesten
Vertreter
ihrer
literarischen
Gattung
anzuführen.
Auch die
Kinderliteratur
von Nora
Pfeffer,
Ewald
Katzenstein
und dem
österreichischen
Zuwanderer
Sepp
Österreicher
(alias
Boris
Brainin)
sind
Belger
zufolge
von
nicht zu
unterschätzender
Bedeutung.
Nicht
zufällig
betrug
indes
das
Durchschnittsalter
der
rußlanddeutschen
Autoren
im Jahre
1993,
also zum
Zeitpunkt
des
Erscheinens
von
Belgers
Essay,
bereits
66
Jahre.
Es
handelte
sich
durchweg
um
Personen,
die noch
vor dem
Zweiten
Weltkrieg
deutsch
lernen
konnten.
Wirklicher
Nachwuchs
war kaum
vorhanden.
Gleichwohl
gab
Belger
der
rußlanddeutschen
Literatur
noch
eine
Chance
für die
Zukunft.
Was
Belgers
eigenes
literarisches
Werk
anbelangt,
sind vor
allem
seine
zahlreichen
Übersetzungen
–
insgesamt
über 200
– aus
dem
Kasachischen
und
Deutschen
ins
Russische
sehr
beachtlich.
Seine
eigenen
Werke
schreibt
er auf
kasachisch,
russisch
und
deutsch.
Die im
dritten
Band des
Standardwerkes
„Anthologie
der
sowjetdeutschen
Literatur“
enthaltene
Erzählung
„Am
Meerbusen
Tustschi-Bas“
kann
anschaulich
ebenso
Belgers
literarische
Möglichkeiten
wie auch
seine
zeittypischen
Schwächen
und
Versäumnisse
aufzeigen.
Mit viel
Sinn für
die
eigenartige
Schönheit
der
Übergangsgegend
von der
Steppe
zum
„Meer“,
dem
Aralsee,
verknüpft
Belger
dort
Naturbeschreibung
mit der
Schilderung
der
Sitten
und
Bräuche
der
Menschen,
die
vormals
nomadisierten
und sich
dann als
seßhafte
Fischer
am Ufer
des
Aralsees
niederließen.
Belger
gelingt
es mit
viel
Einfühlungsvermögen,
komplexe
Beziehungen
der
uralten
Sitten
und
Bräuchen
verhafteten
Menschen
zueinander
dem
Leser
nahe zu
bringen.
Er
schildert
eine
fast
archaisch
anmutende
Harmonie
von
Mensch
und
Natur.
Heute
indes
hat sich
die
kasachische
Idylle
um den
Aralsee
bekanntlich
zu einer
Umweltkatastrophe
unbeschreiblichen
Ausmaßes
verwandelt.
Obwohl
es
hierfür
bereits
zur Zeit
der
Veröffentlichung
der
Anthologie
Anzeichen
gab,
ignorierte
sie der
Autor.
Dennoch
sollte
man die
unbestreitbare
Leistung
dieser
rußlanddeutschen
Prosa
Herold
Belgers,
die
einen
Einblick
in eine
unbekannte,
zum Teil
archaisch
unberührte
Welt
gewährt,
nicht
übersehen.
Ihr
Hauptmangel,
die
drohende
Katastrophe
einer
die
Realität
außer
Acht
lassenden
Planwirtschaft
nicht
angesprochen
zu
haben,
sollte
als eine
zeittypische
Schwäche
Belgers
betrachtet
werden,
zumal
anderes
die
Zensur
kaum
zuließ.
Ingmar
Brantsch