Leben und Werk Bellmers
bilden ein
Phänomen
besonderer Art. Der Sohn eines
Ingenieurs
wird von
seinem
Vater, um
ihn
– wie es
heißt – von
seinem Hang
zur
Träumerei
abzubringen,
auf die
Realität des
Lebens
hingewiesen.
Er arbeitet
in einem
Kohlenbergwerk
und in einer
Stahlhütte
und beginnt
1924 an der
Technischen
Hochschule
in Berlin
ein
Ingenieur-Studium.
Hier lernt
er 1924
George Grosz
und Otto Dix
kennen,
bricht sein
Studium ab
und arbeitet
als
Graphiker
für den
Malik-Verlag.
Damit gerät
er in ganz
unmittelbaren
Kontakt zu
den
Dadaisten.
Das
verhängnisvolle
Jahr 1933
bringt eine
neue Wende.
Aus Protest
gegen den
aufkommenden
Faschismus
konstruiert
Bellmer im
Herbst
dieses
Jahres sein
erstes
„Provokationsobjekt“,
die „Puppe“.
Anknüpfend
an die
Mechanomanequins
der
Dadaisten
und
Surrealisten
(Duchamp,
Die Braut,
1912) findet
Bellmer zu
seiner ganz
persönlichen
Thematik und
zu seinem
spezifischen
Stil. Eine
Veröffentlichung
der
Bilddokumente
zur „Puppe“,
eigene
Photographien
des
Künstlers
nach
phantastischen
Arrangements
mit der
zerlegbaren
Puppe,
druckte Th.
Eckstein in
Carlsruhe/
Oberschlesien
1934. Nach
einer
zweiten
Variante der
„Puppe“
konstruiert
Bellmer 1937
in Carlsruhe
sein zweites
dadaistisches
Provokationsobjekt,
das
„Maschinengewehr
im
Gnadenstand“.
Die „Puppe“
wurde im
Kreise der
Pariser
Surrealisten
mit großer
Begeisterung
aufgenommen,
Publikationen
darüber 1935
und 1936 in
Paris
veröffentlicht,
zu den
„Spielen der
Puppe“
schrieb Paul
Eluard
1938/3914
Prosagedichte.
Als
„entarteter“
Künstler wie
viele der
besten
deutschen
Künstler
diffamiert,
emigriert
Bellmer 1939
nach
Frankreich,
wird
schließlich
in Paris
zeitlebens
ansässig.
Doch nicht
der
Plastiker
oder
Konstrukteur
der „Puppe“
mit dem
irritierenden
Flair des
Kind-Weibes,
die Bellmers
internationalen
Ruf
begründet,
bestimmt in
der
Folgezeit
das Oeuvre
des
Künstlers,
sondern in
erster Linie
der Zeichner
Bellmer.
Mit brillanter
Meisterschaft
handhabt der
Künstler
das
Lineament
der
Zeichnung,
so wie er
souverän mit
der Anatomie
spielt,
realistisch
in präzis
erfaßten
Porträts wie
in Details,
surrealistisch
in den
figürlichen
Kompositionen.
Das
verführerische
Raffinement
des
Zeichners
Klimt wie
die
erotomanische
Besessenheit
eines
Felicien
Rops finden
in den
surrealistischen
Zeichnungen
Bellmers mit
ihren
schockierenden
Details ihre
Fortsetzung.
Die fast
ausschließlich
einem
ausschweifenden
surreal-phantastischen
Eros
verhaftete
Thematik
bildet das
Signum von
Bellmers
Kunst. In
keinem Werk
über
erotische
Kunst fehlt
sein Name.
Ein wahres
Labyrinth
des Eros tut
sich in
seinen
Zeichnungen
auf.
Freud'sche
Ideen
offenbaren
sich,
„Kleine
Anatomie des
Körperlichen
Unbewußten“
(„Petite
Anatomie de
l'Inconscient
physique“)
heißt eine
der
aufschlußreichen
theoretischen
Schriften
Bellmers. In
hemmungsloser
Phantasie
umreißt
Bellmer eine
Physiologie
und Anatomie
des
Erotischen,
zeigt die
„subkutanen
konstruktiven
Elemente“,
stimuliert
mit dem
„Salz der
Deformationen“
, verwirrt
durch
simultane
Überlagerungen
verführerischer
Posen,
verschmilzt
in
verrückter
Anatomie
Körperteile
zu neuen
befremdlich-faszinierenden
organischen
Gebilden,
die in ihrer
Konzeption
an die
Phantastik
eines Bosch
gemahnen.
Eine
transparente
Darstellungsweise
läßt oft das
Skelett
erkennen,
nicht
unbedingt
als
Beschwörung
des
Vergänglichen,
doch klingt
die alte
Weise von
Eros und Tod
verschiedentlich
an, z.B. bei
der Gouache
„Die drei
Mädchen und
der Tod“.
Bei einigen
der
selteneren
Gouachen
lassen sich
in den
Bildstrukturen
stilistische
Parallelen
zu Max Ernst
beobachten,
den er in
Berlin
kennenlernte
und mit dem
er die Haft
im
Internierungslager
in
Südfrankreich
teilte. Doch
seine besten
Arbeiten
sind auf die
schwingende
Linie
gestellt.
Radierung,
Kaltnadel
und
Kupferstich
bilden dazu
die
druckgraphische
Entsprechung.
Baudelaires
„Künstliche
Paradiese“,
die Werke
von de Sade
und Georges
Bataille
regen ihn zu
Illustrationen
an, ganz
bezeichnend
auch diese
Wahl, sie
bestätigt
den in sich
geschlossenen
Erkenntnisbereich,
um den sich
Bellmer
analytisch
sezierend
wie um
komplexe
Darstellung
zeitlebens
bemüht. 1953
findet in
der Galerie
Springer in
Berlin die
erste
Ausstellung
seiner
Arbeiten in
Deutschland
statt. Dort
lernt er die
Zeichnerin
Unica Zürn
kennen, die
ihm nach
Paris folgt.
Die
umfänglichste
Retrospektive
wurde 1967
von der
Kestner-Gesellschaft
in Hannover
veranstaltet.
Es folgte
1971-72 die
große
Ausstellung
im Centre
National d'
Art
Contemporain
Paris.
Lit.:
Hans Bellmer:
Die Puppe.
Berlin 1962;
Kat. Hans
Bellmer,
Kestner-Gesellschaft
Hannover
1967; Sarane
Alexandrian:
Hans Bellmer,
Berlin 1972;
Hans Bellmer.
Das
graphische
Werk.
Vorwort A.P.
de
Mandiairgues.
Frankfurt/M.,
Berlin, Wien
1973.
Andr Pieyre
de
Mandiargues:
Le Tresor
cruel de
Hans Bellmer.
Paris 1979.
Werner Timm