”Herman
Grimms
Goethe-Buch,
das zuerst
im Herbst
1876 im
Druck
erschien,
hat alle
ähnlichen
Werke vor
ihm und nach
ihm
überlebt”,
erklärte
Ernst
Beutler 1940
ohne
Umschweife
zur
Neuausgabe
von Das
Leben
Goethes
von Grimm
und fuhr
fort: ”Auch
heute wird
man auf die
so oft
gestellte
Frage nach
der besten
Goethe-Biographie
immer zuerst
dieses Buch
nennen. Dies
gilt
gleicherweise,
ob ein Leser
sich zum
erstenmal
zur
Beschäftigung
mit Goethe
leiten
lassen oder
ob ein
anderer,
nach langem
Umgang mit
Goethes
Werken und
mit den
Dokumenten
seines
Lebens, sein
eigenes
Verstehen an
dem eines
überlegenen
Führers
messen
will.”
Aussagen
einer so
entschiedenen
Art waren
bereits zum
damaligen
Zeitpunkt,
während des
Zweiten
Weltkrieges,
schon
fragwürdig;
heute ist
nach der
Relevanz
solcher
Werke zu
fragen, die
später
erschienen
sind und
weit mehr um
den ”inneren
Wesenskern”
des Dichters
kreisen als
das
Grimmsche
Buch: der
Relevanz von
Chamberlains
Goethe
(1912), von
Gundolfs
Goethe
(1916) – ein
Werk, das
Wolfgang
Leppmann als
”ein
Meisterwerk
der
deutschen
Biographik”
bezeichnet –
und der von
Korffs
Geist der
Goethezeit
(1923 bis
1953), um
nur einige
bedeutende
herauszugreifen.
Es sind dies
Werke, die
weitgehend
vergessen
oder
gänzlich
unbekannt
sind und zu
denen der
heutige
Leser, der
sich Goethe
nähern
möchte, kaum
greifen
dürfte. Von
dem
”Kulturschwund
der
unheimlichsten
Art”, von
dem Thomas
Mann in
seiner
Schiller-Rede
von 1955
sprach und
hierbei
besonders
”einen
Verlust an
Bildung”
konstatierte,
ist das Erbe
der
Goethezeit
besonders
hart
betroffen;
bestenfalls
drapiert man
sich mit
Bildungsgut.
Es bleibt
beim
Dekorum.
Gerade diese
Erfahrung
machte
Albert
Schweitzer
bereits 1899
in Berlin,
als ihm im
Kreis um
Herman Grimm
Zweifel an
der modernen
Kulturentwicklung
beschlichen,
obwohl hier
noch etwas
vom
Goethe-Geist
in echter
und
lebendiger
Form
vorhanden
war.
Von Albert
Bielschowskys
Goethe.
Sein Leben
und seine
Werke
weiß man
heute erst
recht nichts
mehr. Der
erste Band
des Werkes
erschien
1896,
während der
zweite Band
erst 1904,
nach dem
Tode des
Verfassers
von Th.
Ziegler
ergänzt,
veröffentlicht
wurde. Wird
in Meyers
Großem
Konversations-Lexikon
von 1909
noch mit
einiger
Ausführlichkeit
des Autors
gedacht,
dessen Werk,
”durch
wissenschaftliche
Gründlichkeit
und
gefällige
Darstellung
gleichmäßig
ausgezeichnet,...
als die zur
Zeit beste
Goethebiographie
bezeichnet
werden”
könne, so
kommt
Bielschowsky
in der
Brockhaus-Enzyklopädie
von 1968 als
”Verfasser
einer
volkstümlichen
Goethe-Biographie”
immerhin
noch vor. In
dem von
Klaus
Ullmann
herausgegebenen
Schlesien-Lexikon
(Würzburg
1989) fehlt
er hingegen
vollständig,
ebenso in
Bertelsmann
Neuem
Lexikon
von 1996.
Auch den
meisten
Germanistik-Studenten
ist er kein
Begriff
mehr. Das
dürfte
freilich
ebenso für
Goethe-Biographien
von Autoren
wie Richard
Meyer,
Heinemann,
Wolff,
Haarhaus,
Witkowski,
Geiger und
Engel
gelten, die
in den
Jahren 1894
bis 1909
erschienen
sind.
Albert
Bielschowsky,
der aus
einer
angesehenen
jüdischen
Kaufmannsfamilie
stammte,
studierte
nach dem
Abitur, das
er in seiner
Vaterstadt
ablegte, an
der
Breslauer
Friedrich-Wilhelms-Universität
und an der
Universität
Berlin
Philologie;
er wurde
1869 in
Breslau
promoviert
und war von
1870 bis
1886 in
Brieg im
höheren
Schuldienst
tätig. Nach
Auflösung
seiner
Schule
siedelte er
nach Berlin
über, wo er
sich
ausschließlich
wissenschaftlicher
Arbeit
widmete. In
Brieg hatte
sich seine
Hinwendung
zur
deutschen
Literatur
vollzogen,
vor allem
wurde Goethe
der
Gegenstand
seiner
literaturwissenschaftlichen
Forschungen.
Daraus
erwuchs sein
Goethe,
der 1922 in
42. Auflage
erschien.
Walther
Linden hat
später eine
Überarbeitung
vorgenommen
(1928; 148.
und 149.
Tausend der
Gesamtauflage).
Sicherlich
war hier ein
Goethe-Buch
entstanden,
das eine
souveräne
Kenntnis des
großen
Gegenstandes
und
umfangreichen
Stoffes
zeigte – und
daher von
der
Literaturwissenschaft
wohlwollend
aufgenommen
wurde – ,
wenngleich
der
Verfasser in
weitaus
stärkerem
Umfang als
er begründen
konnte, Züge
Goethes oder
ihm
nahestehender
Personen in
Bühnenfiguren
des Dichters
wiederzuerkennen
meinte (Iphigenia
– Charlotte
von Stein,
Leonore
Sanvitale –
Anna
Amalia).
Neben dieser
methodischen
Fragwürdigkeit
steht ein
Denken in
gar zu
konventionellen
Kategorien,
das den
Verfasser
oft genug
daran
hinderte,
die
Beweggründe
der
Goetheschen
Menschen zu
erfassen und
zu verstehen
sowie zum
Kern der
Konflikte
vorzudringen,
in die sie
gerieten.
Wenn
Bielschowsky
die Bindung
der jungen
Ottilie an
Eduard,
einen
älteren,
welterfahrenden
Mann, als
”unglaublich”
bezeichnete,
so wird das
schon seiner
Zeit als
veraltet
empfunden
worden sein.
Es ist
durchaus ein
Vorzug von
Bielschowskys
Goethe-Buch,
daß er
einige
Schwächen
des Dichters
benennt,
wenngleich
manches
dabei – aus
heutiger
Optik –
unscharf
oder gar
unwesentlich
erscheinen
mag. ”Goethe
hatte von
allem
Menschlichen
eine Dosis
empfangen”,
heißt es
einmal, ”und
war darum
der
menschlichste
aller
Menschen.
Seine
Gestalt ...
war ein
potenziertes
Abbild der
Menschheit
an sich.
Demgemäß
hatten auch
alle, die
ihm näher
traten, den
Eindruck,
als ob sie
noch nie
einen so
ganzen
Menschen
gesehen
hätten.”
Und: ”Diese
wunderbare,
vollkommene
Mischung
seiner Natur
gibt ihr den
Charakter
des
Außerordentlichen
und bedingt
zugleich
ihre
gegensätzlichen
Erscheinungen.
Die
Gegensätzlichkeit
aber ist es,
die es den
meisten so
erschwerte
und noch
erschwert,
eine
sichere,
zutreffende
Anschauung
von ihm zu
gewinnen.”
Bei allen
Mängeln, die
Bielschowskys
Goethe-Darstellung
aufweist
(und die sie
uns heute
als
”verstaubt”
und als
unvollständig
erscheinen
lassen
müssen, was
manches
schiefe
Urteil zu
Goethes
naturwissenschaftlichen
Arbeiten,
seinen
staatsmännischen
Aktivitäten,
auch seinem
Denken
angeht),
bleibt sein
Goethe-Buch
eine
bemerkenswerte
Leistung und
kann
weiterhin
nützlich
sein im
Ringen um
manches
Detail für
unsere
Goethe-Adaption.
Für dieses
Buch trifft
zu, was
Wolfgang
Leppmann von
ihm sagt; es
gebe ”ein
Bild
[Goethes]
mit
liebevollem
Eingehen
aufs
einzelne,
mit einem
tiefen
Gefühl für
das
Einzigartige
an diesem
Menschen und
Dichter und
mit
enzyklopädischem
Wissen.”
Werke:
Friederike
Brion,
Breslau
1880. – Das
Schwiegerlingsche
Puppenspiel
vom Dr.
Faust, Brieg
1882
(kommentierte
Ausgabe). –
Geschichte
der
deutschen
Dorfpoesie
im 13.
Jahrhundert
(Bd. 1:
Leben und
Dichten
Neidharts
von
Reuenthal,
Berlin
1890). –
Über
Echtheit und
Chronologie
der
Sesenheimer
Lieder, in:
Goethe-Jb.
1891. –
Friederike
und Lili,
hrsg. von G.
Klee (o.g.
Schrift über
Friederike
und
Aufsätze),
München
1906.
Lit.:
G. Witkowski,
A.B., in:
Goethe-Jb.
24,
1903, S.
285-89. – G.
Klee, A.B.,
Biographisches
Jahrbuch und
Deutscher
Nekrolog
VII, S. 212
bis 128. –
Kosch,
Li.-Lex. I.
– Neue
Deutsche
Biographie,
Bd. 2 (W.
Kunze),
Berlin 1955.
– Wolfgang
Leppmann.
Goethe und
die
Deutschen.
München-Leipzig
1994. S. 103
ff.
Günter
Gerstmann