Eine schwedische
Ermländerin oder
eine ermländische
Schwedin? Schon der
erste Blick auf den
Geburtsort
vermittelt den
Eindruck des
Ungewöhnlichen.
Hedwig Andersson kam
am 8. März 1904 als
2. Kind auf dem
Familiengut in
Ljungbyhed zur Welt,
das der Vater Ernst
Andersson
bewirtschaftete.
Mutter Hedwig, eine
geborene Herrmann
und
Gutsbesitzertochter,
stammte aus
Grünhof(f) im Kreis
Rössel. Beide
Elternteile hatten
1902 geheiratet.
Die Anderssons saßen
seit bald 400 Jahren
auf ihrem
Familienbesitz in
Skåne, der
südlichsten und
landwirtschaftlich
reichsten Provinz
Schwedens. Aus der
Familie gingen nicht
nur Landwirte
hervor, sondern auch
ein Superintendent
und ein Professor,
wie die Chronik
verzeichnet.
Im Alter von 20
Jahren war Vater
Ernst bei den
Jesuiten im nicht so
weit entfernt
gelegenen Kopenhagen
zum katholischen
Glauben konvertiert.
Kurz vor der Geburt
des 3. Kindes, der
späteren Malerin
Ingrid
Wagner-Andersson,
entschloß er sich,
mit seiner Familie
ins Ermland
überzusiedeln.
Das hatte zwei
wesentliche Gründe.
Der eine war, daß er
im lutherischen
Schweden nicht das
gläubige Milieu für
die Erziehung seiner
Kinder zu finden
meinte und
vermutlich als
Konvertit in seiner
Umgebung ziemlich
allein stand. Der
andere, vielleicht
sogar
schwerwiegendere,
lag in dem großen
Heimweh, unter dem
seine Frau litt. So
verpachtete er
zunächst sein Gut,
um mit der Familie
im Oktober 1905 nach
Allenstein
umzuziehen. Hier
erwarb er ein damals
noch am
südwestlichen
Stadtrand gelegenes,
großes Grundstück
mit einem ehemaligen
Gutshaus darauf. Das
Haus war geräumig
genug, um die
schließlich auf acht
Geschwister
angewachsene
Kinderschar zu
beherbergen: es
waren fünf Mädchen
und drei Jungen.
1912 reiste der
Vater mit den beiden
ältesten Töchtern
Maria (Mia) und
Hedwig (Heta)
nochmals nach
Schweden, um sein
Gut zu verkaufen.
Hedwig hatte die
Frömmigkeit vom
Vater, die Liebe zur
Musik und Lyrik von
der musikalisch
überdurchschnittlich
begabten Mutter
geerbt;
Eigenschaften, die
ihr Leben prägten.
Nach Besuch der
Volksschule und der
Absolvierung des
damals zehnklassigen
Allensteiner
Lyzeums, der
Luisen-Schule,
folgte der Eintritt
ins
Lehrerinnen-Seminar,
das sie aber schon
ein Jahr später,
1922, verließ, um
den Baumeister Hugo
Bienkowski zu
heiraten. Sie
bezogen ein eigenes,
auf einer
Eckparzelle des
väterlichen
Grundstücks erbauten
Haus in der späteren
Hohensteiner Straße.
Hedwigs Anlagen
wurden nicht zuletzt
gefördert durch den
frühen Zugang zur
großen väterlichen
Bibliothek, die ein
örtlicher
Buchhändler als die
„größte und
wertvollste der
Stadt“ bezeichnete.
Sie enthielt eine
Reihe
religionswissenschaftlicher
Werke,
handgeschriebene
Kräuterbücher, einen
Paracelsus, vor
allem aber die Werke
der großen Russen
des neunzehnten
Jahrhunderts. Schon
bald begann sie
eigenes zu
schreiben. Ihre
frühen Gedichte
lassen sich bis 1927
zurückverfolgen, als
sie dem Tod der
geliebten und mit
ihr innig
verbundenen Mutter
Verse widmete,
welche die
„Germania“ – eine
zwölfmal wöchentlich
in Berlin
erscheinende, auch
im Ermland
vielgelesene Zeitung
– erstmals druckte.
Dieser für die
Dreiundzwanzigjährige
tiefgehende Verlust
war denn auch der
entscheidende Anstoß
für ihre Dichtung.
Regelmäßig
veröffentlichten das
„Allensteiner
Volksblatt“ wie auch
die „Christliche
Familie“ in jedem
Monat ihre Gedichte.
Ihre „Kleine
Schwalbe“ überflog
als erste die Grenze
ins österreichische
„Sonnenland“, wo
ihre Verse neben
denen des damals so
bekannten
österreichischen
Dichters und
Schriftstellers
Richard Schaukal auf
einer Seite gedruckt
waren. Das war als
Anerkennung zu
werten und konnte
ihre Skepsis
gegenüber den
Produkten aus
eigener Feder
vermindern.
Als nach 1933 die
Bauaufträge der
öffentlichen Hand
für das Baugeschäft
Bienkowski
ausblieben,
entschloß sich der
Ehemann zu dessen
vorübergehender
Schließung. Die
Bienkowskis zogen
1939 in den Kreis
Heilsberg, wo sie
sich zwischen den
beiden Paupelseen
(zwischen Gr.
Buchwalde und
Münsterberg) ein
Landhaus gebaut
hatten. Über Pommern
führte sie 1945 die
Flucht vor den
Sowjets nach
Schweden. Auch dort
war die Zeit recht
schwierig, da der
Ehemann keine
Existenzmöglichkeit
fand. So kehrten sie
1949 nach
Deutschland zurück
und ließen sich in
Hochstetten bei
Kirn, dem Wohnsitz
ihrer Malerschwester
Ingrid
Wagner-Andersson
nieder.
Hugo Bienkowski gab
1955 seine Arbeit
endgültig auf. Seine
„Sehnsucht zur
ostpreußischen
Heimat“ verzehrte
ihn, wie Georg
Hermanowski
schreibt. Als er
acht Jahre später
tödlich
verunglückte, war
Hedwig
Bienkowski-Andersson
ganz auf sich allein
gestellt. Nun fand
sie den Weg auch zur
Prosa, besonders
aber zum Aphorismus,
jener knappen,
prägnanten
Formulierung eines
Gedankens.
Ihr Dichten sei die
Erfüllung ihrer
Einsamkeit geworden,
sie empfinde es
dankbar als ihren
„schönen
Lebensabschluß“,
schrieb sie einmal.
Das Schaffen war von
tiefer Religiosität
erfüllt und
Heimatliebe geprägt,
es findet sich in
Anthologien,
Zeitschriften,
Zeitungen und
Kalendern. 1966
veröffentlichte sie
„Unvergessenes
Jugendland“, die
Erinnerungen an ihre
Jugend in
Allenstein, eine
lebendige,
einfühlsame
Schilderung des
Familienlebens und
das zugehörige
Stadtkolorit aus dem
Anfang des 20.
Jahrhunderts. 1969
kamen ein
Gedichtband
„Geliebtes Leben“,
1973 die Aphorismen
„Vertrauen sieht
überall Licht“, 1978
ihr Gesamtwerk mit
Lyrik, Prosa,
Aphorismen, ein Jahr
später die
Bildgedichte heraus.
Geehrt wurde die
Schriftstellerin mit
der Verleihung der
Literaturpreise der
VWM Amsterdam (1975)
und AWMM Zürich
(1979), des Nicolaus
Copernicus-Preises
der Allensteiner
Patenschaft
Gelsenkirchen-Allenstein
und der
Verdienstplakette
des Nahekreises.
Hedwig
Bienkowski-Andersson
war Mitglied der
Künstlergilde, des
deutschen
Schriftstellerverbandes,
der Gemeinschaft
Allensteiner
Kunstschaffender und
gehörte zum
Freundeskreis um die
Lyrikzeitschrift
„Das Boot“.
Lit.:
Adressbuch der
Regierungshauptstadt
und des Kreises
Allenstein, hrsg.
von W. E. Harich,
Ausgabe 1913,
Allenstein 1913. –
Allensteiner
Heimatbrief,
199/1985. – Hedwig
Bienkowski-Andersson:
Unvergessenes
Jugendland, in: Ruth
Maria Wagner
(Hrsg.), Im Garten
unserer Jugend,
Erinnerungen an eine
Stadt, Hamburg 1966.
– Einwohnerbuch von
Allenstein 1936,
hrsg. vom Verlag W.
E. Harich,
Allenstein 1936. –
Georg Hermanowski:
Hedwig
Bienkowski-Andersson
und der Aphorismus,
in: Msgr. Kewitsch
(Hrsg.): Bausteine
zur Kultur –
Allensteiner
Profile, Sonderdruck
des „Allensteiner
Heimatbriefs“, o.O.,
1975. – Kürschners
Deutscher
Literaturkalender
1973, 1978, 1981,
1984. – Archiv „Das
Ostpreußenblatt“,
Hamburg, Parkallee
86.
Bild:
Heimatmuseum „Der
Treudank“,
Allenstein e.V.
Ernst Vogelsang