„Er war dick
und rund,
aber
beweglich,
ja, sehr
ästhetisch
in seiner
Fülle: seine
Kleidung war
bequem und
dabei
gewählt,
sein breites
fleischiges
Gesicht
endigte in
einem
Doppelkinn,
aber unter
einer hohen
gewölbten
Stirn saßen
hinter
blanken
Zwickergläsern
tiefblaue,
kluge und
warmherzige
Kinderaugen“.
So ist Otto
Julius
Bierbaum von
Hans
Brandenburg,
dem ihm
verehrend
zugetanen
späteren
Herausgeber
der auf zehn
Bände
angelegten
Bierbaum-Gesamtausgabe
(von denen
dann nur
sieben Bände
erschienen
sind)
gezeichnet
worden.
Andernorts
wird über
seine
„rundliche,
wohlgenährte
Rosigkeit“
berichtet.
In einer
Skizze zum
Porträt
eines
Bekannten
von mir,
geschrieben
nachdem Otto
Julius
Bierbaum
noch nicht
45 Jahre alt
nach
schwerer
Nieren- und
Herzerkrankung
gestorben
war, lesen
wir: „Otto
Julius
Bierbaum
erblickte
das Licht
der Welt am
25. Juni
1865 zu
Grünberg in
Niederschlesien
als Sohn
eines
eingeborenen
Konditors
und einer
sächsischen
Bergmannstochter“.
Aufgewachsen
ist der
Schlesier
Bierbaum in
Leipzig,
wohin der
Vater bald
nach der
Geburt des
Sohnes, der
eines von
vielen
Kindern
gewesen ist,
gezogen war
und wo er
eine
Wirtschaft,
die zugleich
auch eine
Studentenkneipe
war,
unterhielt.
Nach dem
Schulbesuch
in Dresden
und Wurzen
studierte er
in Leipzig,
Berlin und
Zürich Jura,
Geschichte
und
Chinesisch,
doch mußte
er das
Studium aus
finanziellen
Gründen
abbrechen.
Jetzt begann
ein Leben
zuerst
journalistischer
Kunstkritik
und dann der
Schriftstellerei.
Um die
Jahrhundertwende
war Bierbaum
einer der am
häufigsten
gelesenen
Lyriker.
Aber auch
zwei Romane
und
Reiseschilderungen
machten ihn
bekannt und
berühmt.
Thomas Mann
schrieb, als
Bierbaum,
mit dem er
München als
Ort des
Wohnens,
Arbeitens
und vor
allem
Wohlbefindens
teilte,
gestorben
war: „Es
könnte sein,
daß manch
sangbares
Lied seines
Mundes noch
lebt, wenn
vieles, was
heute
gewichtiger
dünkt,
vergessen
ist“. Der
Gedichtband
Irrgarten
der Liebe
erreichte
die für
Lyrik auch
heute noch
als
sensationell
geltende
Auflage von
über
100.000, die
sich mit der
von Heinrich
Heines
Buch der
Lieder
messen
lassen
dürfte. Das
Gedicht
„Traum durch
die
Dämmerung“
gehört in
der
Vertonung
von Richard
Strauss
(nicht der
einzigen von
Bierbaum)
bis in
unsere Tage
zum
Repertoire
der
berühmtesten
Sänger, wie
früher
Richard
Taubers so
später
Dietrich
Fischer-Dieskaus.
Es ist die
Lyrik
Bierbaums,
die sein
Werk über
die
Zeitgebundenheit
heraushebt,
auch wenn
immer wieder
angemerkt
werden muß,
daß man es
am besten
als Zeugnis
der Zeit und
ihrer
damaligen
Atmosphäre
begreift.
Das
Zeitbedingte
ist zugleich
das
Überzeitliche,
auch wenn
man nicht
gleich so
schwärmerisch
wie der
Zeitgenosse
Ernst von
Wolzogen
urteilen muß:
„Es war ihm
nicht
vergönnt,
ein ganz
Großer zu
werden, aber
er war ein
ganz
reicher, und
wir haben
alle unten
im Hofe
seiner
märchenhaften
Luftschlösser
stehen
dürfen, wenn
er sein Geld
zum Fenster
hinauswarf“.
Er war zu
seiner Zeit
und ist es
auch noch
heute in
unserer
deutschen
Literatur:
ein
Epikureer,
ein Leben
frivol und
frech
Genießender,
der auch
seine
Mitmenschen,
die Leser
seiner Verse
zu Genuß und
heiterer
Lebensweisheit
anstimmen
wollte.
Gewiß, der
Reim, und an
diesen hielt
er sich
streng,
wurde ihm
leicht,
vielleicht
sogar zu
leicht, und
zu schnell
ist er in
einem
„Reimkarussell“,
wie der
Titel seines
Gedichtes
und einer
1961
erschienenen
knappen
Auswahl
seiner
Gedichte
lautet,
wiederzufinden.
Manches ist
ob seiner
Leichtigkeit
zum gängigen
Schlager der
Zeit
geworden
(übrigens
sei der
Begriff des
„Schlagers“
eine
Wortschöpfung
Bierbaums,
wie
behauptet
wird); man
denke an
„Ringelringelrosenkranz“
(in der
Vertonung
von Oskar
Straus) oder
„Laridah“.
Gerade mit
diesem Lied
hat Bierbaum
seine eigene
betrübliche
Liebeserfahrung
in Verse
umgesetzt,
denn seine
Frau, mit
der zusammen
er ein
Schloß in
Südtirol
bewohnte,
war ihm mit
einem
befreundeten,
daselbst
einquartierten
Opernkomponisten
durchgebrannt.
Erst wenn
man Bierbaum
an anderen
Zeitgefährten
mißt, etwa
an Richard
Dehmel, dem
von ihm
Geförderten,
der zugleich
auch ein
Förderer
Bierbaums
gewesen ist,
wird man des
eigenen und
einmaligen
Tonfalls
gewahr.
Dehmels
Dichtung ist
düster und
ernst,
triebhaft
und
grübelnd,
Bierbaums
Dichtung
hingegen ist
heiter und
verspielt,
sinnentrunken
und tanzfroh
gelaunt.
Selbstverständlich
kann man ihn
dafür
schelten,
daß Liebe
nichts
anderes denn
bloße
Verliebtheit,
Schönheit
oft genug
nur
vergoldeter
Schein sei,
das
stimmungsselige
Lied
lediglich
als eine
zeitgemäße
Melodie
erklingt.
Man wird dem
Urteil Ernst
von
Wolzogens
zustimmen:
„Er war ein
reicher
Verschwender,
ein frommer
Heide“. Der
Lyriker
Bierbaum,
von dem wir
heute nur
noch selten
Gedichte in
Anthologien
jüngeren
Datums
wiederfinden,
war ein
reger und
persönlich
engagierter
Promotor und
Umsetzer
seiner
vielen
eigenen
Einfälle. So
ist es ihm
zu danken,
daß es, wenn
auch nur für
kurze Zeit,
die
Zeitschriften
Pan
und Die
Insel
gegeben hat.
Er
begründete
einen
Goethe-Kalender,
in München
einen
„Verein für
modernes
Leben“, und
auch in
Berlin gab
er ein
Gastspiel,
wie es
überhaupt zu
bewundern
gilt, an wie
vielen Orten
und
Projekten
Bierbaum,
ein wahrer
Vagant,
beteiligt
war. All
dies war
kein bloßer
Aktionismus,
dahinter
steckte eine
feste
Überzeugung,
nämlich die
des
Liberalismus,
zugleich
antiklerikal
und die
kaiserliche
Oberhoheit
im
oppositionellen
Visier. Hier
wäre zu
erwähnen,
daß aus der
Insel
der berühmte
Insel-Verlag
hervorgegangen
ist und daß
Bierbaum ein
Wegbereiter
der Druck-
und
Buchkunst
war, durch
die sich in
seinen
frühen
Jahren
gerade der
Insel-Verlag
ausgezeichnet
hat.
Mit den
beiden
Romanen
Stilpe
(1897) und
Prinz
Kuckuck
(1906f.)
erschrieb
sich
Bierbaum
nicht nur
freudige
Leser,
sondern
erregten
auch großes
Aufsehen.
Nannte er
Stilpe
einen „Roman
aus der
Froschperspektive“,
so wurde
Prinz
Kuckuck
zum
erregenden
Schlüsselroman,
denn sein
früherer
Freund und
Gönner,
Alfred
Walter
Heymel, mit
dem zusammen
er seit 1903
die
Zeitschrift
Die Insel
herausgegeben
hatte, und
Rudolf
Alexander
Schröder,
der
gleichfalls
an der
Zeitschrift
beteiligt
war, mußten
sich in
diesem
dreibändigen
Werk
wiedererkennen.
Bierbaum,
der gern
spottete und
über den
auch gern
gespottet
wurde, hatte
sich jetzt
Protest,
Feindschaft
und Prozesse
eingehandelt.
Dieser
Allerweltskerl
Bierbaum hat
übrigens
auch das
Auto in die
Literatur
eingeführt,
denn er
verfaßte
Eine
empfindsame
Reise im
Automobil
von Berlin
nach Sorrent
und zurück
an den Rhein,
geschrieben
als eine
Folge von
Briefen von
einer
abenteuerlichen
Autofahrt
über die
Alpen an
Freunde im
Jahre 1902.
Das Auto
fuhr nicht
schneller
als 30 bis
35 Kilometer
pro Stunde,
ein Fahrzeug
der
Adler-Werke.
Ein bis
heute
gültiges
Wort „Reisen
sage ich,
nicht
rasen“,
wurde von
Bierbaum
damals
geprägt.
1909
erschien
noch ein
weiteres
Reisebuch
Yankeedoodlefahrt.
Die Reise
nach Italien
hatte
Bierbaum mit
seiner
zweiten Frau
Gemma, einer
Italienerin
aus Florenz,
von ihm
selbst und
allen, die
sie kannten,
als große
Schönheit
gepriesen,
unternommen,
und es wurde
von den
zeitgenössischen
Literaten
vermerkt:
„Die schönen
Frauen muß
man den
phantasielosen
Männern
überlassen.
Dieser
Bierbaum,
der Schurke,
hat immer
Glück mit
Häusern und
Weibern“.
Wer Bierbaum
schildern
und erklären
will, muß
gerade diese
Art des
Lebensstils
als Ausdruck
der
Persönlichkeit
und der Zeit
begreifen.
Es ist die
Zeit, da das
Kabarett
erfunden
wurde, das „Überbrettl“
1901 mit
Hilfe von
Bierbaum in
Berlin;
später kamen
die „Elf
Scharfrichter“
in München
dazu. Man
lebte ein
leichtes,
ein
unbeschwertes
Leben,
jedenfalls
tat man so,
und das war
dann die
Freude am
dichterischen
Ausdruck
angesichts
dieses
leichten
Lebens.
Es ist
leider an
dem, daß
Otto Julius
Bierbaum
heute in der
Literaturgeschichte
eingesargt
ist. Er
gehört aber
zum
Charakteristikum
einer Zeit,
die
eigentlich
nur in ihren
Gegensätzen
zu verstehen
ist, ohne
daß das
vielfältige
Nebeneinander
gleich auch
als
Gegensatz
verstanden
werden
wollte, von
den fast
gleichaltrigen
Stefan
George und
Gerhart
Hauptmann
bis zu
Detlev von
Liliencron,
Frank
Wedekind und
diesem Otto
Julius
Bierbaum.
Hier ist das
Einmalige
dieses
Dichters
festzuhalten.
Er nennt
sich selbst
einen
„Adoranten
der
Schönheit“
und preist
diese:
„Schönheit
ist der Sinn
der Welt. –
Schönheit
genießen
heißt die
Welt
verstehen“.
Es ist eine
bewußt in
Kauf
genommene
Portion
Oberflächlichkeit
in diesem
Berauschen
an der
Schönheit,
eine Art
Selbstgefälligkeit
ohne Zeit
zum
Verweilen:
„So will ich
an der
Oberfläche
nur/ Vom
Quell des
Schönen
schöpfen./
Griff ich
tiefer,
ach,/ Es
käme wieder
Schlamm mir
in das
Glück“. Die
kritische
Gegenantwort
lautet:
Selbsttäuschung,
Oberflächlichkeit,
dem
Augenblick
vertrauen,
der Schwere
und dem
Ernst
ausweichen.
Aber mit
solcher
Kritik wird
man Otto
Julius
Bierbaum und
seiner mit
leichter
Hand
betriebenen
Kunst des
Dichtens
nicht
gerecht. Es
gilt vor
allem für
den Lyriker
sein Wort:
„Und lasse
Verse
steigen, wie
die Kinder
bunte
Drachen
steigen
lassen“,
denn des
Dichters
Handwerk ist
es, „Einsam
sein und
Verse
fangen“.
Es waren
gerade 25
Jahre, da
Otto Julius
Bierbaum
dieses
Handwerk des
Dichters um
die
Jahrhundertwende
vor allem in
München, der
von ihm
innig
geliebten
Stadt,
betrieben
hat.
Lit.:
Alfred von
Klement:
Bierbaum-Bibliographie,
Wien [u.a.]
1957. –
Julius Bab:
Berliner
Boheme,
Berlin 1904.
– Dushan
Stankovich:
Bierbaum –
eine
Werkmonographie,
Bern und
Frankfurt
a.M. 1971.