Der
überzeugte
Ostdeutsche
Alfred
Birnschein,
geboren in
Crossen/Oder,
wo er das
Realgymnasium
absolvierte
und
anschließend
ein
halbjähriges
Praktikum am
Bau
leistete,
konnte es
sich schwer
vorstellen,
im Westen
Fuß zu
fassen. Doch
in Folge der
politischen
Ereignisse
der
Nachkriegszeit
übersiedelte
er 1946,
nach seiner
Entlassung
aus der
britischen
Kriegsgefangenschaft
auf ein Gut
bei
Osnabrück
und folgte
zwei Jahre
danach dem
Ruf als
Kunsterzieher
an das
Städtische
Gymnasium in
Gevelsberg,
wo er bis zu
seinem Tode
am 13.
November
1990 lebte.
Bis zu
seiner
Pensionierung
als
Studiendirektor
führte er
seine
Schüler zur
Kunst und
Kultur mit
viel Erfolg.
Und sein Ruf
als Maler
und Grafiker
überschritt
die Grenzen
des kleinen
westfälischen
Städtchens
und jener
Nordrhein-Westfalens bis weit in den Süden der Bundesrepublik Deutschland.
Vergessen
hatte er
seine alte
Heimat
keineswegs.
In der
nordrhein-westfälischen
Landesgruppe
der
Künstlergilde,
des
Verbandes
der aus dem
deutschen
Osten
stammenden
Künstler,
spielte er
eine
wichtige
Rolle,
organisierte
Ausstellungen
seiner
Kollegen und
vertrat sie
im Vorstand
der Gilde in
Esslingen
und im
Museum
Ostdeutsche
Galerie zu
Regensburg.
Ursprünglich
wollte
Birnschein
den Beruf
des
Architekten
einschlagen,
studierte
auch zwei
Semester an
der
Technischen
Hochschule
zu Berlin.
Doch 1927
fand die
völlige
Umstellung
zur Malerei
und
Kunstpädagogik
statt:
Studium an
der
Kunstakademie
zu Breslau
unter den
berühmten
Künstlern
Otto
Mueller,
Oskar
Schlemmer
und
Alexander
Kanoldt.
Künstlerisches
Staatsexamen
in Berlin
und
Pädagogisches
Staatsexamen
in Breslau.
Von 1934 bis
1940 Freier
Maler und
Kunsterzieher
in
Schlesien.
Lehrer am
Staatlichen
Gymnasium in
Posen und
Fachleiter
für
Kunsterziehung
im Reichsgau
Warteland.
Die
Einberufung
zum
Kriegsdienst
und die
Gefangenschaft
beendeten
Birnscheins
künstlerische
Tätigkeit
und sein
Dasein im
Osten. Durch
den Verlust
seiner
Heimat ging
sein ganzer
Besitz
verloren
einschließlich
seines
gesamten
Frühwerkes.
Hierzu der
Künstler:
„Auch keine
Schülerarbeit
von der
Akademie ist
mir
geblieben.
Wenn diese
Blätter
nicht in
Posen
verbrannt
sind, so hat
vielleicht
in der Not
des Krieges
eine
polnische
Familie
damit den
Ofen zum
Wärmen
gebracht.“
Die
Erlebnisse
in jenen
bedrückenden
Jahren
schilderte
der Künstler
in Gemälden
in Ölfarbe,
Mischtechnik
und Acryl,
deren Titel
u.a. lauten
Vision
des
Schreckens,
Flucht in
Schnee und
Eis,
In den Tod
getrieben,
Vernichtungslager,
Zug ins
Ungewisse,
Verlassenes
Dorf im
Osten,
Zerbombte
Innenstadt,
Straße
durch
Trümmer,
Nur ein
Haus blieb
stehen.
Aber im
gleichen
ausdruckstarken
realistischen
Stil wurde
auch des
Neubeginns
gedacht:
Erste
Neubauten am
Stadtrand,
Neben
Trümmern
entsteht
Neues
und
Wiederaufbau
eines
Betriebes.
Das Einleben
in seine
neue
westfälische
Heimat ging
relativ
reibungslos
vonstatten.
Infolge des
Verlustes
seines
gesamten
bisherigen
Schaffens
musste er
40-jährige
Birnschein
nun beim
Punkt Null
anfangen.
Seine
westdeutsche
Ehefrau
Marie-Luise
(1908-1994),
die als
Malerin
Erfolge
aufzuweisen
hatte, war
ihm eine
fürsorgliche,
beratende
und auch
kritische
Partnerin.
Bald konnte
er seine
Werke in
Einzelausstellungen
präsentieren
und an
thematischen
Grupppenausstellungen
der
Künstlergilde
teilnehmen.
Genannt
seien
Landschaften
(1977),
Künstler
porträtieren
Künstler
(Mai 1981),
Stilleben
heute
(Juni 1981),
Linie-Fläche-Raum
(1986) sowie
Künstlergilde
90 im
Museum
Ostdeutsche
Galerie
Regensburg,
gefolgt von
der Galerie
der Stadt
Esslingen
Villa Merkel
und dem Haus
Schlesien in
Königswinter,
wo Birschein
mit einem
gegenstandsfreien
Ölgemälde
aufwartete.
Die
genannten
Ausstellungen
zeigen, wie
weit der
Bogen der
Thematik im
Œuvre des
Künstlers
gespannt
ist. Ein
Jahr vor
seinem Tod
erschien die
reich
illustrierte
Publikation
Alfred
Birnschein –
Landschaftszeichnungen
1946-1988.
Hierzu
äußerte sich
der
Künstler:
„Die Freude
an der
Wiedergabe
von
Natureindrücken
ist bis
heute in mir
wachgeblieben.“
Inspiriert
wurde er auf
seinen
Studienreisen
während der
Schulferien
und im
Ruhestand in
Deutschland
und im
Ausland.
Doch auch
Autofriedhöfe
boten Motive
an. Hier
waren es
technische
Fragmente,
die er
abstrahierte
und zu
konstruktivistischen
Kompositionen
zusammenfügte.
Am Gegenpol
stehen seine
Malereien,
die die
Spuren des
Pinsels
aufzeigen.
Birnschein
experimentierte
gerne mit
Ölfarbe,
Acryl,
Aquarell,
Kohle- und
Filzstiften
und gelangte
über die
écriture
automatique
zu
informellen
Kompositionen,
also zur
sogenannten
abstrakten
Kunst. Neben
diesen
freien
künstlerischen
Tätigkeiten
widmete er
sich auch
der
Illustration.
Unter
anderem
illustrierte
er
Dichtungen
des unter
dem
Decknamen
Klabund
berühmt
gewordenen
Lyrikers und
Romanschriftstellers
Alfred
Henschke
(1891-1928),
der wie
Birnschein
in Crossen
geboren
wurde.
Anlässlich
des 50.
Todestages
Klabunds gab
es eine
Ausstellung
jener
Tuschzeichnungen
in mehreren
Städten, die
vom Publikum
begeistert
aufgenommen
wurden. Und
da sich
Birnschein
auch für die
zahlreichen
Ausstellungen
seiner
Kollegen der
Künstlergilde
eingesetzt
hatte, deren
Fachgruppe
Bildende
Kunst er
seit 1967 in
Nordrhein-Westfalen
leitete,
gehört
dieser im
westfälischen
Gevelsberg
sesshaft
gewordene
Künstler von
der Oder zu
den
wichtigsten
Brückenbauern
der
deutschen
Kultur
zwischen Ost
und West.
Lit.:
Günther
Ott, Alfred
Birnschein,
in:
Künstlerprofile
– im Osten
geboren – im
Westen
Wurzeln
geschlagen,
hrsg. von
der Stiftung
Ostdeutscher
Kulturrat,
Düsseldorf
1980. –
Günther Ott,
Marie-Luise
Birnschein,
in: Kunst
und Künstler
aus
Ostmitteleuropa,
Vorwort
Peter
Nasarski,
Berlin/Bonn
1985. –
Alfred
Birnschein,
Reflexionen
und Visionen
1946-1986.
Mit
Beiträgen
von Ernst
Schremmer
und Günther
Ott,
Recklinghausen
1986. –
Alfred
Birnschein –
Landschaftszeichnungen
1946-1988.
Einführung
Elisabeth
Siebenbürger.
Mit einer
Liste von 14
Veröffentlichungen
über den
Künstler,
Hagen/Westfalen
1989.
Bild:
Michael
Euler, Köln.
Günther Ott