Unter den
zahlreichen
Deutschbalten,
die in
Rußland
tätig waren,
hat Ernst
Johann von
Biron die
höchste
Stellung
erlangt. Der
Angehörige
einer
einfachen
kurländischen
Adelsfamilie,
deren Name
ursprünglich
„von Bühren“
lautete,
verdankte
dies neben
seiner
Intelligenz
und seinem
Ehrgeiz auch
der
historischen
Fügung. Nach
dem Studium
in
Königsberg
trat Biron
nämlich 1718
als Sekretär
in den
Dienst von
Anna
Ivanovna,
der Witwe
des 1711
gestorbenen
kurländischen
Herzogs
Friedrich
Wilhelm.
Diese Nichte
Peters des
Großen aber,
deren
uneingeschränktes
Vertrauen
Biron
erwarb,
wurde 1730
Kaiserin von
Rußland. Ihr
folgend,
siedelte der
Kurländer,
der 1723 mit
Benigna von
Trotta-Treyden
eine Hofdame
Annas,
geheiratet
hatte, aus
Mitau nach
Moskau und
St.
Petersburg
über. Ohne
bis zum Tode
der Kaiserin
(1740)
offiziell
ein
Regierungsamt
zu
bekleiden,
beeinflußte
Biron nun in
starkem Maße
die
russische
Politik
wobei ihm
der Westfale
Heinrich
Ostermann
als Lenker
der
Außenbeziehungen
und an der
Spitze der
Armee der
Oldenburger
Burchard
Christoph
von Münnich
zur Seite
standen.
Diese
„Deutschenherrschaft“
bestand noch
während des
nominellen
Kaisertums
des kleinen
Ivan VI.
(1740-1741)
fort, ja
Anna hatte
für die Zeit
der
Minderjährigkeit
dieses ihres
Großneffen
Biron sogar
zum
offiziellen
Regenten des
Russischen
Reiches
ernannt.
Nach dem
Tode Annas
traten
jedoch
sogleich
Gegensätze
zwischen den
Deutschen
hervor.
Biron wurde
von Münnich
verhaftet,
und ihn traf
das
Schicksal
der
Verbannung
nach
Sibirien,
das
allerdings
bald, nach
der
Thronbesteigung
der Kaiserin
Elisabeth
(gegen Ende
l741), durch
seine
Verlegung
nach
Jaroslavl'
an der Wolga
gemildert
wurde.
In der
älteren
russischen
und in der
sowjetischen
Literatur,
aber auch in
unkritischen
westlichen
Publikationen
wurde und
wird die Ära
Biron
(russisch:
bironovscina)
oft sehr
negativ
beurteilt.
Man
kennzeichnete
sie als Zeit
maßloser
Korruption
und
grausamer
Verfolng von
politischen
Gegnern.
Solchen
Urteilen
liegt jedoch
ein
deutschfeindliches
Ressentiment
zugrunde. In
Wirklichkeit
sicherten
die
deutschen
Staatsmänner
das
gefährdete
Fortschreiten
Rußlands auf
dem von
Peter dem
Großen
gewiesenen
Weg. Dies
galt für die
damalige
Außenpolitik,
durch die
Rußland
seine
Großmacht-Stellung
behauptete,
und dies
galt ebenso
für die
innere
Entwicklung,
die u. a.
durch
Bemühungen
um eine
geordnete
Verwaltung
und durch
Fortschritte
auf dem
Gebiete des
Bildungswesens
gekennzeichnet
ist.
Nachdem
Biron zwei
Jahrzehnte
in der
Verbannung
verbracht
hatte, wurde
er
amnestiert.
Kaiserin
Katharina
II. setzte
ihn 1763
sogar wieder
als Herzog
von Kurland
ein. Zu
einem
solchen
hatte ihn
die
kurländische
Ritterschaft
1737
gewählt,
nachdem
Ferdinand,
der
kinderlose
letzte
Herzog
Kurlands aus
dem Hause
Kettler,
gestorben
war. 1769,
drei Jahre
vor seinem
Tode,
verzichtete
Biron
zugunsten
seines
Sohnes Peter
auf das
herzogliche
Amt, um
dessen
Stärkung
gegenüber
dem
einheimischen
Adel er
bemüht
gewesen war.
Vom
einstigen
Geltungsstreben
und vom
künstlerischen
Geschmack
des Vaters
zeugen die
Schlösser
von Mitau
und
Ruhenthal in
Kurland, mit
deren
Errichtung
der Herzog
den
hervorragenden
Architekten
Bartolomeo
Francesco
Rastrelli
beauftragt
hatte.
Lit.:
Deutschbaltisches
Biographisches
Lexikon
1710-1960,
hg. von
Wilhelm
Lenz,
Köln-Wien
1970, S. 67
f; Handbuch
der
Geschichte
Rußlands,
Bd. 2,1, hg.
von Klaus
Zernack,
Stuttgart
1986;
Alexander
Lipski, A
Reexamination
of the „Dark
Era“ of Anna
Ioannovna,
in: The
American
Slavic and
East
European
Review 15
(1956), S.
477-488;
August
Seraphim,
Die
Geschichte
des
Herzogtums
Kurland
(1561-1795),
2. Aufl.,
Reval 1904.
Norbert
Angermann