Am 14. Januar 1914 wurde Ernst
Günther Bleisch in Breslau geboren;
zusammen mit seiner Mutter kam er
1945 als Heimatvertriebener nach
München. Schlesien blieb der
Wurzelgrund seines Lebens, aber in
München fühlte er sich geradezu
genießerisch zu Hause. In
Jahrzehnten gerechnet waren ein
Drittel dieses Lebens schlesisch
geprägt, zwei Drittel münchnerisch,
oberbayerisch bestimmt. Man nannte
ihn gern einen Schwabinger, und
Schwabing ist mehr als nur ein
Stadtteil im Norden von München:
Dieses Schwabing bezeichnet einen
Zustand, etwa in dem Sinn, daß
Künstler zu sein und im Kreis von
Künstlern sich zu bewegen,
existenzielle Aussagen sind und mehr
bedeuten als materieller Broterwerb.
In einer Laudatio hieß es einmal: „Bleisch
gehört zu den seltenen Vögeln, die
sich nicht einfangen lassen.
Disziplin herrscht bei ihm in seinen
Gedichten, nicht aber im Tageslauf“.
Hätte er in einem Abfrageverzeichnis
die Rubrik „Beruf“ wahrheitsgemäß
ausfüllen müssen, hätte er schreiben
können, „Ich bin Lyriker“. Geläufig
wurde die Nennung als „Kritiker,
Journalist und Rundfunkautor“.
Seit 1947 ist Ernst Günther Bleisch,
der sich als gelernter Buchhändler
und zeitweiliger Student der
Zeitungswissenschaft bezeichnen
ließ, schreibend tätig, vor allem in
Sendungen des Bayerischen Rundfunks.
Themen seiner vielgehörten Hörfolgen
– der Rundfunk übte in den
Jahrzehnten ohne Fernsehen seine
suggestive Macht aus – waren vor
allem Schlesien als vielgliedrige
Landschaft und die an Namen und
Werken reiche Literatur Schlesiens.
Ein Stück Heimat brachte er den aus
der Heimat vertriebenen Landsleuten
wieder zurück und machte den
Alteingesessenen Schlesien bekannt.
Einen festen Schreibtisch und
Schreibsessel hat er nie angestrebt.
Als sogenannter „Freier Mitarbeiter“
verdiente er sich sein
Lebensminimum, weshalb seine Freunde
ihn nicht ohne Grund einen
Lebenskünstler genannt haben.
Sein Beruf, von ihm zu recht als
Berufung verstanden, war das
Dichten, das gelungene Gedicht
Absicht und Erfolg. Nicht ein
Schriftsteller, sondern ein Poet, so
verstand er sich und so wurde er
auch verstanden. Heinz Piontek,
Landsmann, Freund und
Schriftsteller, schrieb über ihn:
„Wer Bleischs Lyrik nur wenig oder
überhaupt nicht kennt, wird
überrascht sein, wenn ihm hier ein
Dichter begegnet, der offenbar zu
der aussterbenden Spielart der
Poeten gehört. Die Sache des Poeten
ist nicht das Strenge, Gesammelte,
Kunstreiche, der hohe Gedankenflug,
sondern Spiel, Musik, Farben,
Träume“. Und zum Beweis wird dann
Ernst Günther Bleisch selbst
zitiert: „Noch fürchtet der
Frühling/ die Geigen der Gärten,/ Er
zupft erst ein Scherzo –/ wie unter
Gefährten“.
In zehn Bändchen und Bänden liegt
die Lyrik von Ernst Günther Bleisch
vor, die letzte Veröffentlichung
„Anfällig für Romanzen“ zeigt das
Jahr 2002 als das Jahr der Edition.
Gleich diesem Titel ist für jedes
Buch eine ebenso subjektive wie
zutreffende Namensgebung gefunden
worden, zugleich Zeugnis für den
großartigen, das heißt
differenzierenden und ziselierenden
Umgang mit unserer deutschen
Sprache. Mit 40 Jahren stellte er
sich 1954 mit dem Lyrikbändchen
„Traumjäger“ vor, und wollte man den
Autor liebevoll charakterisieren,
kam einem das Wort vom Traumjäger in
den Sinn. Dem Erstling folgten 1960
„Frostfeuer“, 1964 „Spiegelschrift“,
1968 „Oboenghetto“, 1973 „Carmina
Ammeri“, eine Huldigung dem neuen
Zuhause in Oberbayern, 1975
„Salzsuche“, 1983 „Zeit ohne Uhr“,
der Sammelband der Gedichte aus drei
Jahrzehnten, 1989 „Die kleinen
Irritationen“, 2000 „Das verwirrte
Herz“.
Zweimal hat Ernst Günther Bleisch
seine Geburtsstadt Breslau
dichterisch besungen, im Erstling
„Traumjäger“ euphorisch, und 1972,
nachdem er Breslau wiedergesehen
hatte, realistisch und trotzig
resignierend, entnommen dem Zyklus
von acht Gedichten „West-östliches
Lamento“ im Sammelband „Zeit ohne
Uhr“. 1954 lesen wir: „War eine
Stadt,/ die stak voller Gold/ und
zärtlichen Namen,/ die die
Erinnerung häuft –/ wenn die Oder
vom Ocker des Abends/ träuft. Der
Ringbuden/ buntes Gewühle/ ums
Rathaus,/ das gotisch berückt –/ wie
Sternstaub ists den Gefährten/ von
gestern auf heute/ entrückt./
Breslau/ Der Schwibbögen/
schwebende Schwere,/ der Staupsäule/
Düstergesicht/ am Schorfe, am
scharfen,/ der malenden Jahre/
zerbricht./ War eine Stadt,/ die
sank in den Sand,/ ihre Kirchen und
Klöster/ verzehrte der Haß –/ doch
immer noch lächelt/ im Domgelaß/ die
Schöne Madonna –/ ohn’ Unterlaß“.
Das andere Gedicht, übrigens in
einen in Breslau 1998 erschienenen
Sammelband „Lyrisches Breslau“ im
deutschen Original und in polnischer
Übersetzung aufgenommen, unter der
Überschrift „An der
Lehmgrubenstraße“ nimmt die
unmittelbare, selbst erfahrene
Gegenwart zur Kenntnis: „... Vom
Süden/ ,erhalten‘/ blieb Asche/ ich
stapfe/ durch Gewesenes/ versuche,/
die Asche zu buchstabieren/ da/
dort/ das müßte/ die
Lehmgrubenstraße sein –/ wenn auch/
im Traum nur/ Verlaß noch auf
Topographie/ Ein Schild sagt/ ,ul.
Gliniana‘ –/ ... Ich suche Nummer 1/
und finde/ eine Wiese –/ ,Wroclaw –
Stadt in Wiesen‘ –/ ... Hier/ auf
Nummer 1/ kam E.G.B. zur Welt –/ ein
,Luftgeborener‘ also/ stelle ich/
glücklich/ unglücklich/ fest./ Wen
wundert es noch/ daß ich/ Gedichte
schreibe/ Gedichte schrieb/ Gedichte
immer schreiben werde/ Auch wenn die
Lehmgrubenstraße/ ihr Kostüm
gewechselt hat/
Nicht nur ihr Kostüm“.
Die
erzählenden Gedichte und diejenigen
mit einem bestimmten Zeitkolorit
sind in der Minderheit, es überwiegt
das Naturgedicht, man wird an
Wilhelm Lehmann, Georg Britting,
Georg von der Vring erinnert, aber
auch an Bleischs Landsmann Friedrich
Bischoff, doch Ernst Günther
Bleisch sieht genauer, hört, wacher
die Farben und Töne der Natur. Karl
Krolow, selbst
ein begnadeter und zu recht
gerühmter Lyriker, schrieb über
Ernst Günther Bleisch: „Die
poetische Wasserfarbenkunst bringt
luftige und leichte Gebilde
zustande, schwebende Texte von
manchmal fast vegetativem Wesen.
Doch das Vegetative wuchert nicht,
es bleibt gelichtet und
durchsichtig. Die Poesie des Ernst
Günther Bleisch ist eine Lyrik der
Nuancen geblieben“.
Die Natur ist mein Gedicht, so
könnte sich Bleisch selbst erklären,
denn er spürt den sich in Farbe, Ton
und Gebärde unterscheidenden Monaten
und Jahreszeiten nach und versucht
in seiner Sprache, die aus einem
reichen Sprachschatz kommt, Farbe
und Klang auszudrücken. Was der
Musiker dank des Reichtums der Noten
und Möglichkeiten der Komposition
sich und uns schenkt, tut der Poet
mit dem zutreffenden und
bestimmenden Wort. „Auf der
Hirtenflöte“, unter dieser
Überschrift wird der Herbst
besungen: „Jetzt zieht der Mittag/
die mürben Melonen,/ Die Dahlien
dröhnen dazu./ Die Welt will noch
immer/ im Goldenen wohnen –/ und
nimmt doch an Dunkel zu./ Jetzt hebt
der Hirt/ die Holunderflöte/ das
Lied ist traurig und alt./ Das Licht
hat noch immer/ von Kirschen die
Röte –/ und schmeckt doch schon
kalt.“ Jede Jahreszeit eröffnet ein
neues Spiel der Farben und Tönen,
und so heißt es über den Sommer „Das
Grüne ist zum Blau gegoren“.
Um der Natur in ihrem Reichtum
gewahr zu werden, bedarf es der
Stille, des aufmerksamen
Hineinhörens und des geradezu
rauschhaften Hineinsehens. Hier wird
bisweilen der Leser der Gedichte
überfordert, denn er soll doch beim
Lesen oder beim Zuhören während
einer Lesung, und das Geschäft des
Vorlesens betrieb Bleisch sehr gern,
dem Dichter zustimmen und sein
emphatisches „Ja, so ist es“ sagen.
Bis in die 1960er Jahre hinein
bevorzugte Bleisch den Reim, aber
dann überwog der Strömung der Zeit
entsprechend die rhythmisierte
Prosazeile, wobei der Bedeutung der
Aussage, bewußt der Sprachduktus,
der auch graphisch, deutlich
akzentuiert wird. Dazu des Dichters
Vorliebe für Alliteration und
Assoziation. In einem Gedicht, das
in Rom 1992 während eines des
Dichters Werk anerkennenden
Aufenthaltes in der Villa Massimo
entstanden ist, „Momente in der
Villa Massimo“, heißt es ein wenig
selbstkritisch: „Die Zypressen/ sie
dicken zu einer frommen Sage ein/
das Environnement ist perfekt –/ die
Arena des Abends/ scheint/ über
interpretiert“. Allein die
Vegetation, die in den Gedichten in
einer kaum noch zu übersehenden
Vielfalt mit Namen erscheint, derer
man sich erst in einem
Nachschlagewerk vergewissern muß,
verführt zu der hier angesprochenen
„Überinterpretation“. Dann aber auch
die bildlich ausgedrückte
Spruchweisheit in dem Gedicht „Die
Stille ernten“: „Wir haben das Ohr
nicht mehr/ der Stille zu begegnen
–/ und schlüge sie/ mit
Paukenschlegeln nach uns/ die Nüsse,
die wir ernteten/ sind taub.“
In seinem letzten Gedichtband
„Anfällig für Romanzen“ steckt viel
Melancholie und vom Bewußtein und
der Tragik des Alters, und in dieses
einbezogen ist auch die Heimat, das
Heimatliche. „Das verlorene Idiom“
heißt das Gedicht: „In den
verregneten Nächten/ dem Idiom der
Kindheit/ nachtrauern –/ längst/ ist
dieser Tonfall/ verblaut/ über
Nacht/ verfällt/ auch die
Erinnerung/ und/ sackt/ in Staub./
Das Ich/ ist grau geworden/ sein/
Part/ verbraucht ...“ In dem Gedicht
„Der Galle gewahr werden“ hält der
alt gewordene Dichter Selbstkritik:
„Die Galle des Alters/ schmeckt/
nach Weisheit/ nach Greisenglück –/
und/ ach/ das Abendrot schwappt
über/ schlägt über dem Alten
zusammen/ der Weise ertrinkt“.
Lang vergessen das Heitere und
Musikalische aus dem Gedichtband
„Oboenghetto“, im Gedicht
„Oboenspieler“: „Auf meinen Ruf/ als
Oboist/ vertrauend/ treibe ich/ die
Koloraturen auf die Spitze/ es
schneit Koloraturen/ den See/
koloriert/ ein
Extra-Monster-Brillantfeuerwerk –/
schnell fertig/ sind die
Fingerfertigen/ auch wenn sie/ nie
zuendekommen.“ Wie auch hier, vieles
lädt zum Nachsinnen, zum Sinnsuchen,
zur Reflexion ein.
In vielen Reisen, die ihn nach
Paris, das er sehr geliebt hat, in
die Türkei und bis in die Karibik,
nach Nordamerika und nach Nordafrika
entführt haben, hat er sich ein Bild
von der Welt geschaffen,
gelegentlich mit poetischen Notizen
in seinem Werk, aber stets blieb er
von der Natur berauscht, zugleich in
Schlesien beheimatet und in München
zu Hause.
Durch viele Preise ist er geehrt und
ausgezeichnet worden, der
Eichendorff-Preis und der
Gryphius-Preis sowie der Sonderpreis
des Kulturpreises Schlesien des
Landes Niedersachsen galten dem
Schlesier, der Schwabinger
Literaturpreis, der Tukanpreis, der
Ernst-Hoferichter-Preis, 1990
verliehen, dem Schlesier in München.
Aber Ernst Günther Bleisch litt
darunter, daß die eigenen Landsleute
sich seiner nicht zu vergewissern
vermochten, wie es angesichts seines
Werkes geboten wäre, und auch, daß
seine Gedichte keine Aufnahme in den
großen repräsentativen Anthologien
gefunden haben. Große Freude
bereitete es ihm, daß er wieder in
Wangen im Allgäu, im schlesischen
Literatenkreis, dem er von 1978 bis
1978 vorgestanden hatte, im
September 2003 seine Gedichte
vorlesen konnte. Aber nur wenige
Tage danach ist er nach einem Riß in
der Hauptschlagader am 24. September
2003 in München gestorben,
dreieinhalb Monate vor seinem 90.
Geburtstag.
Sich selbst hat er einmal als Poet
einen Narren genannt: „Sand zeitigt
Sand –/ wer weiß noch Terzinen,/ im
Öden Oasen –/ dem Sog zu entkommen/
gelingt nur/ dem Narren“. Dies
aufgreifend schrieb Albert von
Schirnding zu des Dichters 70.
Geburtstag 1984: „Bleisch spielt die
Narrenrolle des Unzeitgemäßen ohne
Lamenti und Getramel, mit einer
Grazie, die sich nicht aus dem
Rhythmus bringen läßt.“ Ein großer
Meister des Wortes, ein schlesischer
Sänger der Natur, ein schlesischer
Münchner, ein kenntnisreicher
Essayist, ein Bürger des 20.
Jahrhunderts mit all seinen
Schicksalsschlägen, der es verdient,
gelesen und gerühmt zu werden.
Bild: Privatarchiv des Autors
Herbert Hupka