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Otto
Friedrich Bollnow entstammt einer alten pommerschen Lehrerfamilie. Als
er sich 1921 nach dem Abitur für
den Lehrerberuf entschied, waren die Berufsaussichten ähnlich wie heute.
So studierte er u. a. in Berlin und Göttingen Mathematik und Physik und
promovierte 1925 bei Max Born in theoretischer Physik. – Schon in dieser
von den Naturwissenschaften geprägten Phase zeichnet sich seine spätere
Entwicklung ab: Als Mitglied einer Studentengruppe der Jugendbewegung
stellt er sich den Fragen des „gelebten“ und ursprünglichen Lebens. Er
hört philosophische und pädagogische Vorlesungen bei Eduard Spranger und
nimmt an den Seminaren von Herman Nohl und Georg Misch teil. – 1925 wird
Bollnow Lehrer an der Odenwaldschule. Hier begegnet er großen Pädagogen
wie Paul Geheeb und Martin Wagenschein. Die glücklichen Erfahrungen an
dieser reformpädagogischen Einrichtung bestimmen dann auch den
Wendepunkt in seiner akademischen Entwicklung: Er beginnt im Sommer 1927
seine Arbeiten an einer Habilitationsschrift über die Lebensphilosophie
Jacobis. Die epochale Wirkung von „Sein und Zeit“ läßt Bollnow zu
Heidegger nach Marburg und Freiburg gehen, zu dessen Philosophie er
jedoch kritisch Distanz wahrt. 1931 habilitiert er sich bei Georg Misch
in Göttingen für Philosophie und Pädagogik. Unter dessen Einfluß
entsteht in der Folge sein Buch über Dilthey. – 1939 erfolgt
die Berufung nach Gießen. In den
Kriegsjahren entstehen für Bollnow prägende Beziehungen zu älteren
Philosophen. Da ist zunächst der enge Kontakt zu Hans Lipps, von dem
Bollnow die für ihn später charakteristische Methode der
phänomenologischen Beschreibung lernt und Anstöße für
sprachphilosophische Arbeiten bekommt. Eine enge Verbindung entsteht
auch zu Heinz Heimsoeth und Nicolai Hartmann. 1941 erscheint das
grundlegende Werk „Das Wesen der Stimmungen“. Bollnow setzt sich in
diesem Buch ausdrücklich mit den durch die Nationalsozialisten verfemten
Vertretern der Dilthey-Schule auseinander; - in dieser Zeit sich auf
einen jüdischen Autor wie Helmuth Plessner oder Georg Misch zu berufen,
erforderte Mut. Bollnow pflegt so eine unterdrückte Denktradition
weiter, die er als „anthropologische Betrachtungsweise“ entwickelt und
durchführt. – 1946 wird Bollnow Professor in Mainz. 1953 übernimmt er
den Lehrstuhl Eduard Sprangers in Tübingen. Seit 1970 ist er emeritiert.
O. F.
Bollnows philosophische Arbeit ist gekennzeichnet durch eine
grundsätzlich skeptische Haltung gegenüber allen philosophischen
Systemen. In diesem Sinne ist seine Zuwendung zur Lebensphilosophie in
der philosophischen und pädagogischen Durchdringung durch Nohl und Misch
konsequent. Sie bedeutet die skeptische Abwendung von einer nur nach
naturwissenschaftlichen Paradigmen ausgerichteten Suche nach Wahrheit.
Ähnlich ist seine Öffnung zur Existenzphilosophie zu sehen. Rückblickend
sagt er dazu, er habe mit dem, was er in der Dilthey-Schule gelernt
habe, nicht zum gläubigen Heidegger-Schüler werden können; er habe sich
philosophisch immer zwischen alle Stühle gesetzt. Heute erscheint uns
das eher als glücklicher Umstand. Gerade die Spannung zwischen
Lebensphilosophie und Existenzphilosophie lieferte den Anstoß für seine
zahlreichen pädagogischen und philosophischen Schriften. Nach 1945 war
Bollnow einer der ersten, der sich mit dem französischen
Existentialismus und seinem phänomenologisch ausgerichteten Umkreis
kritisch auseinandersetzte und Denier wie Sartre, Camus, Marcel,
Merleau-Ponty und später Ricoeur im deutschen Sprachraum einführte. –
Der von Bollnow begangene Weg einer anthropologischen Betrachtungsweise
geht von einzelnen Phänomenen des gelebten Lebens aus, um von diesen her
das Wesen des Menschen im ganzen zu begreifen; das betreffende Phänomen
kann so als sinnvoller Teil des menschlichen Lebens verstanden werden.
Dies bedeutet, den Menschen in allen seinen
Dimensionen „vor sich selber zu
bringen“, ohne dabei der Fiktion eines geschlossenen Menschenbilds zu
erliegen. Das bedeutet aber auch, daß jedes
philosophisch-anthropologische Phänomen immer auch pädagogisch bedeutsam
ist. Berühmt geworden ist dabei Bollnows Versuch, Fragen der
Existenzphilosophie für die Pädagogik zu erschließen. Hatte sich die
traditionelle Pädagogik mehr den „stetigen“ Formen der Erziehung
zugewandt, d. h. Modellen passiven Wachsenlassens oder geplanten Bildens
und Führens, so wurde durch die Aufnahme existentieller Kategorien wie
Begegnung, Krise, Erweckung ein theoretischer Rahmen sichtbar, in dem
das „Unstete“ zu einem konstituierenden Teil der Pädagogik wird. – Vor
dem Hintergrund der wissenschaftstheoretischen Diskussion mit ihrem
unfruchtbaren Gegensatz Natur- und Geisteswissenschaften setzt sich
Bollnow mit einer Theorie des Verstehens auseinander, die vom
grundsätzlich hermeneutischen Charakter allen Erkennens ausgeht: Ort der
Wahrheit ist das Gespräch; sein Prinzip der Offenheit und
Gleichberechtigung der Partner kann weder durch geschlossene logische
Systeme noch durch taktische Finessen eines Diskurses ersetzt werden. In
der Pädagogik wird das Vertrauen des Kindes zum Erzieher und des
Erziehers zum Kind zur grundlegenden Kategorie einer erzieherischen
Praxis. Dies ist für Bollnow letztlich der religiöse Grund aller
Erziehung. Mit Otto Friedrich Bollnow gedenken wir dankbar eines
Philosophen und Pädagogen, der die deutsche Pädagogik international
bekannt gemacht hat. Seine Schriften sind in die wichtigsten Sprachen
übersetzt, insbesondere ins Japanische und Koreanische, da das
ostasiatische Denken für die hermeneutische Philosophie Bollnows
besonders aufgeschlossen ist.
Hauptwerke: Die
Lebensphilosophie F. H. Jacobis, Stuttgart 1933,2. Aufl. 1966; Dilthey.
Eine Einführung in seine
Philosophie, Leipzig 1936, 4. Aufl. Schaffhausen 1980; Das Wesen der
Stimmungen, Frankfurt a. M. 1941, 6. Aufl. 1980; Existenz-Philosophie,
1. Aufl. in: Systematische Philosophie, hrsg. von N. Hartmann, Stuttgart
1943, 8. Aufl. 1978; Die Pädagogik der deutschen Romantik, Stuttgart, 3.
Aufl. 1977; Neue Geborgenheit, Stuttgart, 4. Aufl. 1979; Wesen und
Wandel der Tugenden, Frankfurt a. M. 1958 (fortlaufend nachgedruckt);
Existenzphilosophie und Pädagogik. Versuch über unstete Formen der
Erziehung, Stuttgart, 5. Aufl. 1977; Mensch und Raum, Stuttgart, 4.
Aufl. 1980; Die pädagogische Atmosphäre, Heidelberg, 4. Aufl. 1970; Die
Macht des Worts. Sprachphilosophische Überlegungen aus pädagogischer
Perspektive, Essen, 3. Aufl. 1971; Sprache und Erziehung, Stuttgart, 3.
Aufl. 1979; Philosophie der Erkenntnis, Stuttgart 1970, 2. Aufl. 1981;
2. Bd.: Das Doppelgesicht der Wahrheit, Stuttgart 1975; Vom Geist des
Übens, Freiburg i.Br. 1978, 2. Aufl. Oberwil bei Zug 1987; Studien zur
Hermeneutik. Bd. I: Zur Philosophie
der Geisteswissenschaften, Freiburg/München
1982. Bd. II: Zur hermeneuti-schen Logik von Georg Misch und Hans Lipps,
Freiburg/München 1983.
Eine
Bibliographie Otto Friedrich Bollnow 1925-1982
befindet sich in: O. F. Bollnow im Gespräch. Herausgegeben von
Hans-Peter Göbbeler und Hans-Ulrich Lessing, Freiburg/München 1983.
Gerhard
Schneider(1988)
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