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Die baltischen Ostseeprovinzen waren in der russischen Zeit, nach dem
Nordischen Krieg (1700-1721), weiterhin militärisches Aufmarschgebiet:
nach Westen gegen Preußen, Polen und Kurland, nach Norden gegen
Schweden. Was für die russischen Gouvernements im allgemeinen galt,
findet besonders in Liv- und Estland seine Bestätigung. Alle
livländischen und estländischen Generalgouverneure waren verdiente und
erfahrene Soldaten. Ein Mitarbeiter der Zarin Katharina, der Livländer
Jakob Johann Graf von Sievers, betonte in einem Schreiben aus dem Jahre
1776, die Kaiserin habe im Jahre 1775 für ihre neugeschaffenen 23
Gouvernements die Auswahl der Gouverneure unter den pensionierten
Militärs vorgenommen. In Livland war Graf George Browne einer der
engsten und treuesten Mitarbeiter der Kaiserin. Von 1762 bis 1792 war er
livländischer, seit 1775 auch estländischer Generalgouverneur. Schon
unter dem Zaren Peter III. wurde er zum Generalgouverneur von Livland
ernannt. Über die baltische Politik hinaus war Browne auch Berater
Katharinas II. für alle Fragen, die das westliche Ausland betrafen, denn
über Riga gelangten zahlreiche Menschen und Informationen aus dem Westen
ins Russische Reich. Das Baltikum war die Brücke zwischen West und Ost.
Mit zahlreichen militärischen, handelspolitischen, finanz- und
agrarpolitischen Problemen trat Katharina II. an Browne heran. Der
Briefwechsel zwischen der Kaiserin und Browne bezeugt dies.
Browne gehörte zu den sogenannten „wilden Gänsen“, jener Gruppe von
katholischen Glaubensflüchtlingen aus Irland und Schottland, die sich
seit Ende des 17. Jahrhunderts über Europa verbreiteten. Die Grafen
Browne finden sich im 18. Jahrhundert in österreichischen, preußischen
und in russischen militärischen und diplomatischen Diensten, wie etwa
auch die ihnen verwandte Familie der Lacy und die Gordon und Keith.
George Graf Browne wurde in der irischen Grafschaft Limerick, einer
dänischen Gründung aus dem 9. Jahrhundert, als Sohn des George Browne
a.d.H. Camas, aus einem normannischen Adelsgeschlecht, und der Honora de
Lacy geboren. Er war 1731 in ein russisches Garderegiment durch
Vermittlung seines Landsmannes Keith eingetreten. 1739 geriet er im
russisch-türkischen Krieg in Gefangenschaft und wurde als Sklave
verkauft. Doch Browne konnte mit Hilfe des französischen Gesandten in
der Türkei fliehen. Er brachte einen türkischen Feldzugplan mit zurück
und wurde dafür zum Generalmajor befördert. Browne hat dann unter seinem
Onkel, dem General und livländischen Generalgouverneur Graf Peter de
Lacy, gefochten und sich weitere militärische Lorbeeren erworben. Nach
Livland war er durch diesen Onkel und schließlichen Schwiegervater
gelangt. 1740 heiratete Browne seine Cousine Helena Lacy, die 1761
starb. Mit dem Geld seiner zweiten Frau, Eleonora Freiin von Mengden,
verwitwete von Vietinghoff, die zur deutschbaltischen Aristokratie
gehörte, kaufte er in Livland das Gut Segewold. Er wurde schließlich
sowohl in die livländische, als auch in die estländische und
kurländische Ritterschaft aufgenommen.
Browne hatte nach dem schwedisch-russischen Krieg 1743 schon vier Jahre
in Livland verbracht. 1747 zog er mit den in Livland stehenden
russischen Truppen aufgrund eines englisch-russischen Vertrages vom
Jahre 1746 an den Rhein. Dort verbrachte er mehrere Jahre. Von 1749 bis
1756 befehligte er dann in Livland russische Truppen, und im
Siebenjährigen Krieg stand Browne längere Zeit in Kurland, das damals
noch polnisches Lehnsherzogtum war. Nach einer Verwundung bei Zorndorf
(1758) bekam Browne von der Kaiserin Elisabeth das Gut Smilten in
Livland geschenkt, und bald darauf erwarb er das Gut Penau in Kurland.
Er erwarb im Laufe seines Lebens noch weitere Güter in den
Ostseeprovinzen. Er war nach seiner Verwundung mehrere Jahre aus dem
aktiven Dienst ausgeschieden. Er hatte seit jener Zeit eine Silberplatte
in seinem Schädel; das wurde in Folge als ein Grund für seinen
auffälligen Jähzorn angegeben. 1760 kehrte er zur Armee zurück. 1762 war
er in St. Petersburg. Browne sollte den Oberbefehl des russischen Heeres
gegen Dänemark übernehmen, was er aber verweigerte. Dennoch ernannte ihn
Peter III. zum Generalgouverneur von Livland. Browne gehörte zu jenen
Männern, die den Regierungswechsel von Peter III. zu Katharina II.
politisch überlebten. Er wurde nun Berater der Kaiserin in den
unterschiedlichsten Fragen. So etwa machte sich im Türkenkrieg 1768-1774
ein Mangel an russischen Ärzten in der Armee bemerkbar. Katharina II.
forderte von Browne, er solle Ärzte in seinem Gouvernement ausfindig
machen. Wenn aber in Livland keine zu finden wären, solle man versuchen,
sie in Königsberg und ganz Ostpreußen zu bekommen. Diese Ärzte sollten
eingestellt werden nach den Kontrakten der bereits in der russischen
Armee dienenden Ärzte. Mit solchen und ähnlichen Anliegen trat die
Kaiserin immer wieder an den Generalgouverneur heran. Im September 1770
wurde bekannt, daß in Polen die Pest ausgebrochen war. Der livländische
Generalgouverneur wurde angewiesen, Quarantänestationen einzurichten und
festzustellen, wo an der Grenze die Pest ausgebrochen war. Vor allen
Dingen sei auf die Grenztruppen zu achten, mahnte die Kaiserin ihren
Generalgouverneur.
Browne wurde durch seine Tätigkeit in Liv- und Estland, aber auch durch
seine zweite Frau in den deutschbaltischen ritterschaftlichen Kreis
integriert. Mehrere deutschbaltische Familien zählen Browne zu ihrem
direkten Vorfahren.
Das Leben und die Person des Grafen Browne verdeutlichen in
herausragender Weise, daß
die Deutschbalten international eingestellt waren, gesamteuropäisch
dachten, ein Erbe, das gerade die Esten und Letten übernommen haben. Die
Präsidentin der 1989 in Estland gegründeten „Gesellschaft für
deutschbaltische Kultur in Estland“, Frau Dr. Sirje Kivimäe, schreibt im
Februar 1991 in der Zeitschrift „Baltische Briefe“: „Die Gesellschaft
beschränkt sich jedoch nicht nur auf rein deutschbaltische Aktivitäten.
Was die Deutschbalten selbst, genauer gesagt, die ehemalige
deutschsprachige Oberschicht im Baltikum anbetrifft, so waren sie ja für
Eindrücke und Einflüsse von außen immer offen und flexibel, ein
Charakteristikum, das unseres Erachtens auch für Esten typisch ist.“
Freilich war es gerade die vom 20. Jahrhundert viel geschmähte
europäische Aristokratie, die einen internationalen gesamt-europäischen
Gedanken tradierte, enges nationalistisches Denken ausschließend. Graf
Georg Browne hat aber auch die großen russischen Verwaltungsreformen im
18. Jahrhundert, die große Gouvernementsreform von 1775, die auf
baltischen Vorbildern beruhte und im Jahre 1783 in der sogenannten
Statthalterschaft nun wiederum auf Liv- und Estland übertragen werden
sollte, vorbereitet und mitgetragen. Browne hat für die baltischen
Provinzen, darüber hinaus aber auch für ganz Rußland die Grundlagen
dieser großen Verwaltungsreformen gelegt, die weiter in der Geschichte
des Russischen Reiches fortwirkten. Browne hat sich im übrigen durch
seine Bemühungen um die Verbesserung der Lage der Bauern große
Verdienste erworben, weiterhin ließ er Schulen und Krankenhäuser in den
Ostseeprovinzen erbauen. Browne gehört mit zu den großen Gestaltern des
Russischen Reiches im 18. Jahrhundert und stellt zugleich ein Beispiel
der so bedeutsamen Brückenfunktion zwischen West- und Osteuropa dar. Am
18. September 1792 starb Browne in Riga, beigesetzt wurde er in der
Kirche seines kurländischen Gutes Schönberg.
Lit.:
Nordische Miscellaneen 18/19 (hrsg. von A. Hupel) 1791, S. 70. – Michael
Graf Boren: Leben des Reichsgrafen Georg von Browne, General-Gouverneur
von Liefland und Esthland.
Riga 1795. – Graf Georg Browne. Donesenie grafa Ju. Ju Brouna o krest
janskich volenijach v pribaltijskich guhernijach.
In: Archiv knjazaja Voroncova. Moskwa 1882. Bd. 25, S. 469-471. –
Friedrich Bienemann: Die Statthalterschaft in Liv- und Estland
(1783-1796). Ein Capitel aus der Regierungspraxis Katharinas II. Leipzig
1886. – Hubertus Neuschäffer: Katharina II. und die baltischen
Provinzen. Hannover 1975, S. 217-230ff.
Bild:
Bildarchiv Photo Marburg.
Hubertus Neuschäffer
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