Ignaz Brüll
enstammte
einer
wohlhabenden
jüdischen
Kaufmannsfamilie
aus dem
mährischen
Proßnitz,
die 1850
nach Wien
übergesiedelt
war. Seine
außerordentliche
Musikbegabung
zeigte sich
früh und so
erhielt er
neben seinem
schulischen
Unterricht
durch
Hauslehrer
bald eine
besondere
musikalische
Ausbildung
bei besten
Lehrern.
Bereits als
10-Jähriger
war er
Schüler des
berühmtem
Pianisten
Julius
Epstein und
bei den
gesuchten
Theorielehrern
Johann
Rufinatscha
und Otto
Dessoff.
Beachtung
fand sein
erstes
öffentliches
Auftreten
als
Komponist
als
13-Jähriger,
als er mit
Konzertmeister
Joseph
Hellmesberger
eine Sonate
aufführte.
Betrachtet
man Brülls
frühen
Werke, so
ist zu
erkennen,
dass er von
Anfang an
seinen Stil
und Ausdruck
gefunden
hat, der in
der Wiener
Tradition
des
lyrischen
Teils
Schuberts
sowie in der
Nachfolge
von
Mendelssohns
und
Schumanns
stand. Er
hat diesen
Stil in
Hinblick auf
sein
unermüdliches
Opernschaffen
vielleicht
weniger
erweitert,
als
umgeformt
mit seiner
„Fülle
rein
melodischer
Erfindung,
zärtlicher,
graziös
hinschwebender,
heiter
verträumter
Motive“
(Specht).
Als sein
Lehrer
Epstein das
1.
Klavierkonzert
F-Dur
des
15-Jährigen
1861
aufführte,
brachte dies
dem jungen
Komponisten
besondere
Aufmerksamkeit,
die über
Wien
hinausging
und so wurde
bereits 1864
die
Serenade op.
29 für
Orchester in
Stuttgart
uraufgeführt.
Die Studien
beendete er
mit 17
Jahren, da
er
inzwischen
auch schon
große
Erfolge als
Pianist
errungen
hatte, so
hatte er mit
15-jährig
das
Konzert für
zwei
Klaviere
von W.A.
Mozart mit
Epstein in
Wien
aufgeführt.
Es folgten
ausgedehnte
Konzertreisen,
bei denen er
besonders
als
Interpret
von Werken
Ludwig van
Beethovens
und Robert
Schumanns
Anerkennung
fand, aber
auch als
geschätzter
Begleiter
berühmter
Künstler wie
dem bei
Pressburg
geborenen
Geiger
Joseph
Joachim, der
Brünner
Geigenvirtuosin
Wilhelmine
Neruda oder
dem
Breslauer
Sänger Georg
Henschel
sowie dem
berühmten
Kammermusiker
Arnold Rosé.
1872 wurde
er Lehrer an
der
renommierten
Wiener
Klavierschule
Horak, deren
Mitdirektor
er 1881
wurde. Nach
seiner
Heirat mit
der
Bankierstochter
Marie
Schosberg
reduzierte
er im
Interesse
der Familie
seine
Konzerttätigkeit,
die ihn auch
zweimal nach
England
geführt
hatte. Seit
den 1890er
Jahren ist
er fast
ausschließlich
als
Interpret
neuer
Brahmsscher
(Uraufführung
der
Klavierstücke
op. 76, 116
1-3, 117
1-2, 119/2),
Goldmarkscher
und eigener
Werke im
Konzertsaal
zu hören
gewesen.
Einen
Lehrauftrag
am Wiener
Konservatorium
in den
1890er
Jahren
lehnte er
ab.
Die
Uraufführung
der
zweiaktigen
Spieloper
Das goldene
Kreuz
1875 an der
Kgl. Oper
Berlin wurde
zum
durchschlagenden
Erfolg des
Komponisten
und noch
Jahre nach
dem Ersten
Weltkrieg
stand die
Oper auf den
Spielplänen
der
Opernhäuser
der Welt und
wurde für
eine der
„besten
deutschen
Spielopern“
gehalten
(Großer
Brockhaus).
Leider kam
er mit
seinen
anderen
Opern, bis
auf
Gringoire
(1895)
kaum mehr
über
Tageserfolge
hinaus. Das
„lieblich
frische
Singspiel in
seiner
volkstümlichen
Heiterkeit
und seiner
nachdenklich
innigen
Anmut“
(Specht)
entsprach
nicht mehr
dem
Bedürfnis
der Zeit. In
seinem
Nachlass
fand sich
auch das
Fragment
einer Oper
Rübezahl.
Auf den
Konzertprogrammen
und
Tonträgeraufnahmen
berühmter
Sänger, wie
Leo Slezak
und Julius
Patzak,
fanden sich
bis weit ins
20.
Jahrhundert
hinein immer
wieder
Lieder sowie
Arien aus
seinen
Opern.
Seine
menschlichen
Eigenschaften
spiegelten
sich in
einem großen
Freundeskreis
wieder, zu
dem auch
Karl
Goldmark,
Robert
Fuchs,
Eusebius
Mandyczewski,
Eduard
Hanslick,
Gustav
Mahler,
Theodor
Billroth und
viele andere
gehörten. In
der großen
Brahms-Biographie
des in
Breslau
gebürtigen
Max Kalbeck
ist Brüll,
den er als
„Brahms-Pianist
par
Excellence“
bezeichnete,
der häufig
genannte
Freund
„Nazi“
des
Meisters.
Brahms
selbst
urteilte:
„Wie etwas
klingt, was
ich gemacht
habe, weiß
ich erst,
wenn ich’s
von Brüll
gehört
habe.“
Brüll galt
als der
gewandteste
Prima vista
und
Partiturspieler
Wiens,
Eigenschaften,
die nicht
nur Brahms
besonders
schätzte,
sondern in
seinem
großen
Freundeskreis
und darüber
hinaus gerne
in Anspruch
genommen
wurden, wie
in der
Gesellschaft
zur
Förderung
der
„Denkmäler
der Tonkunst
in
Österreich“
für deren
herausgeberische
Tätigkeit.
Brüll schuf
ein
umfangreiches
kompositorisches
Werk von
annährend
100
Opus-Zahlen.
Im Zentrum
seines
Schaffens
stehen zehn
Opern.
Orchesterwerke
sowie
konzertante
Werke für
Klavier und
Violine,
Kammermusik,
ca. 70
Lieder,
Chorwerke
und
zahlreiche
Klaviermusik
sind zu
nennen. Es
gibt einige
Aspekte in
seinem Werk,
welche die
Brahmsnähe
erkennen
lassen,
Details wie
die Tonart
seiner
einzigen
Sinfonie op.
31 e-moll
(Brahms
4. Sinfonie)
oder
Werkparallelen
wie
Serenaden
für
Orchester,
Variationswerke
für Klavier,
zwei
Klavierkonzerte
wie Brahms
oder die
Beschäftigung
mit
deutschen
Volksliedern
(op. 19),
aber es wäre
doch falsch,
ihn als
Epigonen zu
bezeichnen,
nur weil er
keine neuen
Richtungen
eingeschlagen
hat. Brüll
ist durchaus
seinen
eigenen Weg
gegangen,
der schon
durch seine
zehn Opern
deutlich
wird. Brülls
Weg ist aber
ohne ein
Bemühen um
„Genauigkeit
der Seele“
(Robert
Musil) nicht
zu ergründen
und dies ist
nur mit
eigener
Werkkenntnis
dieser
feinsinnigen
und
qualitätvollen
Musik zu
erfühlen,
die zu
schöner
musikalischer
Bereicherung
führen würde
und von
fortgeschriebenen
Urteilen
frei macht.
Bei
Zeitgenossen
und Freunden
stand er in
dem Ruf,
„harmlose
Musik“
zu
komponieren
und so sind
zahlreiche
diesbezügliche
Urteile
überliefert.
Seine großen
künstlerischen
Erfolge als
Komponist
und Pianist,
Familienglück
und
finanzielle
Freiheit
haben wohl
solche
Urteile
einer nach
mehreren
dieser
Richtungen
ringenden
Neidgesellschaft
hervorgerufen,
welche die
allseits
empfundene
Gutmütigkeit
des Menschen
Ignaz Brüll
wohl noch
provozierte.
Nicht nur
der
Fortschrittsglaube,
sondern auch
seine
jüdische
Herkunft
stand der
Rezeption
des Werks
entgegen. In
einem Brief
an Bogumil
Zepler (s.a.O.)
schrieb
Brüll:
„Die
jüdischen
Komponisten
komponieren
... nicht
anders als
christliche;
ihr Stil ist
teils
persönlich,
teils
deutsch (wie
bei
Mendelssohn)
oder
französisch,
italienisch
(wie bei
Meyerbeer),
je nach
ihrem
musikalischen
Bildungsgang“.
Eine
umfängliche
Einspielung
seiner Werke
wäre
wünschenswert,
abgesehen
von einer
gelegentlichen
Begegnung im
Konzertsaal.
Das
Jubiläumsjahr
scheint
dies,
allerdings
eher im
angelsächsischen
Raum, zu
ermöglichen.
Ob eine
kommerzialisierte
Internetseite
„Brüll
Rediscovery
Project“
mehr als
eigene
finanzielle
Bedürfnisse
befriedigt,
ist nicht so
ganz
ersichtlich.
Brülls
Schaffen ist
auch ein
Beleg für
die geistige
Welt Wiens
im letzten
Drittel des
19. bis ins
20.
Jahrhundert
hinein,
abseits des
bestimmenden
„Wien um
1900“ mit
den großen
Persönlichkeiten
und deren
Leistungen.
Doch trägt
sein Werk
zum Reichtum
jener Zeit
bei, wenn
auch der
Pracht der
„Ringstraße“
und den
Bestrebungen
der „Secession“
entlegen.
Lit.:
Div.
Musiklexika.
– Franz
Pazdirek,
Universal-Handbuch
der
Musikliteratur
usw.,
(Werkübersicht),
Wien 1904f.
– Bogumil
Zepler,
Ignaz Brüll
(Nachruf),
in: Ost
und West H.
10, 1907. –
Richard
Specht,
Ignaz Brüll,
in
Deutscher
Nekrolog
XII. Bd.
1907, Berlin
1909. –
Hermine
Schwarz,
Erinnerungen
an meinen
Bruder Ignaz
Brüll,
Brahms und
Goldmark,
Wien 1922. –
Hartmut
Wecker, Der
Epigone.
Ignaz Brüll,
ein
jüdischer
Komponist im
Wiener
Brahmskreis,
Pfaffenweiler
1994. –
Eckard
Jirgens,
Ignaz Brüll,
in:
Lexikon zur
Deutschen
Musikkultur
– Böhmnen,
Mähren,
Sudetenschlesien,
München
2000, Bd. 1,
S. 216ff.
CD-Einspielungen:
Klavierkonzerte
Nr. 1 u. 2,
Andante und
Allegro für
Klavier und
Orchester
op. 88
(Hyperion);
Symphonie
und Serenade
(in Vorb.).
Abbildung:
Porträt
Franz von
Lenbach.
Helmut
Scheunchen