Es sind zwei
sich zwar
nicht
widersprechende,
aber mit
ihren
Jahrzehnten
unterschiedlich
bestimmte
Lebensläufe.
Das sind
einmal die
ersten vier
Jahrzehnte
bis zum Ende
des Zweiten
Weltkrieges
und dann die
45 Jahre des
erfolgreichen
und viel
gerühmten
Malers
Alexander
Camaro in
Berlin. In
Breslau
wurde er am
27.
September
1901
geboren.
Sein
italienisch
klingender
Name soll
ein Stück
Familiengeschichte
sein und von
den
väterlichen
Vorfahren
herrühren –
aber es
wurde auch
kolportiert,
daß Camaros
Name
ursprünglich
ein wenig
slawisch
geklungen
habe. Fest
steht, daß
er in seiner
Heimatstadt
nicht
ansässig
geworden
ist, auch
wenn er nach
1945 nicht
mehr
zurückkehren
konnte und
wohl auch
unter
günstigeren
politischen
Verhältnissen
in Berlin
geblieben
wäre, es so
auch Adolph
Menzel,
seinem
schlesischen
Landsmann,
gleichtuend.
Mit 19
Jahren
begann er
sein Studium
an der
Staatlichen
Akademie der
Künste, und
sein Lehrer
wurde kein
Geringerer
als Otto
Mueller,
expressionistisches
Mitglied der
Künstlergruppe
„Die
Brücke“,
gerade
selbst im
Begriff, zu
den Aufsehen
erregenden
Modernen zu
gehören. Mit
sich selbst
noch nicht
in der
klaren
Bestimmung
seines
Lebensweges
im reinen,
besuchte er
gleichzeitig
in Breslau
auch das
Konservatorium.
Als kühner
Neubeginner
gründete er
mit 25
Jahren eine
eigene
Malschule,
verließ aber
Breslau 1928
und ließ
sich von
Mary Wigman
in Dresden
zum
Solotänzer
ausbilden.
Der Tänzer
Alexander
Camaro
begegnet uns
dann bis zum
Beginn des
Zweiten
Weltkrieges
1930 in
München (mit
Mary Wigman)
und 1931 in
Salzburg
(Festspiele
unter Bruno
Walter), auf
Tourneen
durch
Schlesien
und
Ostpreußen,
als Solist
am
Residenztheater
in Gotha
(eine
Reminiszenz
1946 in den
19 Blättern
des in Öl
gemalten
Zyklus
„Hölzernes
Theater“)
und
schließlich
als
Ballettmeister
des
Landestheaters
Ostpreußen
in
Allenstein.
Daß Camaro
auf diese
Herkunft vom
Ballett
besonderen
Wert gelegt
hat, wird
auch dadurch
dokumentiert,
daß in den
Katalog
einer
Retrospektive
1983 in
Berlin ein
ganzseitiges
Foto des
„Solotänzers
Camaro“
eingelegt
worden ist.
In diesem
ersten Teil
des
Lebenslaufes
eines
Mannes, der
nicht zur
Ruhe kommen
konnte und
auch nicht
wollte,
steht noch
vermerkt:
„ab 1930
Tätigkeit am
Theater,
Cabaret und
Varieté als
Tänzer und
Artist“, und
für die
Jahre des
Krieges
lesen wir:
„bis 1944
Auslandstourneen
durch
Holland und
Frankreich,
anschließend
wehrdienstverpflichtet
zur
Frontbühne
in Rußland
und auf
Kreta, 1944
illegal in
Deutschland
bis
Kriegsende,
von 1933 bis
1945
Ausstellungsverbot.
25 Jahre
Frühwerke
durch
Bombenangriffe
und
Auslagerungen
verloren.
Ein Teil der
graphischen
Arbeiten
blieb
erhalten.“
Dies besagt,
daß der
Tänzer und
Artist
seinen
Anfängen in
Breslau treu
geblieben
ist. Das
Malen,
weniger die
Graphik,
wurde mit
dem Jahre
1945 zum
Beruf, denn
sie war
Camaros
Berufung.
Jetzt ist
nicht mehr
über sich
ablösende
Orte und
Tätigkeiten
zu
berichten,
wohl aber
über viele
Ausstellungen,
und diese
nicht nur in
Deutschland,
und kaum
minder
zahlreiche
Aufträge.
Zum 90.
Geburtstag
des Malers
war unter
anderem
genannt:
Fernsehausstellung
in
Düsseldorf,
Arbeiten für
den
„Bundesverband
der
Deutschen
Industrie“
in Köln, für
die
Außenwand
des
Elefantenhauses
im Berliner
Zoo
(gegenüber
dem Zoo war
Camaros
Domizil),
die
Weltausstellung
in Brüssel,
das
Max-Planck-Institut
in München,
die
Philharmonie
Berlin, den
Bundeskanzler-Bungalow
in Bonn, den
Internationalen
Airport in
Washington,
das
Abgeordnetenhaus
in Bonn, den
Reichstagsanbau
in Berlin,
die Neue
Staatsbibliothek
in Berlin.
In vielen
sein
malerisches
Werk
begleitenden
Texten hat
Camaro sich
selbst,
Intuition
und
Intention
widerspiegelnd
dargestellt,
was sonst
eigentlich
die Maler in
ihren
Selbstbildnissen
tun.
Selbstbildnisse
gehören
nicht zu
seinem Werk,
und es ist
fast
anzunehmen,
daß seine
Texte, in
die er
gelegentlich
fast
verliebt
gewesen ist,
das
Selbstporträt
schriftstellerisch
vermitteln
sollten.
„Ein gutes
Bild trägt
ein
Geheimnis –
es atmet.
Ein Rezept?
Vielleicht –
Mittel
einzusetzen
wie ein
Alchimist,
im Lauf der
Jahre
erarbeitet.
Was mich
bewegt ist
außergewöhnlich
und ist auch
mit
außergewöhnlichen
Mitteln,
Techniken,
das heißt
auch
Dosierungen,
wie Beigaben
von Öl in
welchem
Verhältnis
vermengt ...
wie Haut zu
behandeln,
empfindlich
nervöse Haut
... Die
Frage, ob
die
Imagination
des Malers
sich
gegenstandslos
oder
gegenständlich
darstellt,
wird
belanglos.
Hier
entscheidet
der
Augenblick,
die Stunde
der Arbeit,
das ist
reine
Gegenwart
des Malers
in seinem
Bild.“
1947 stellte
sich Camaro
in der
Berliner
Galerie Gerd
Rosen als
eigenständiger,
eigenwilliger
Maler vor.
Das
„Hölzerne
Theater“, 19
Kartons, war
der große
Paukenschlag.
Die Bilder
sind zu
sehen als
eine
Huldigung an
den Raum des
Theaters und
an die
Besucher,
die
Zuschauer.
In einer
Besprechung
ist zu
lesen:
„Weniger
eine Hommage
auf das
Drama und
die Akteure.
In zarten
vernebelten
Farben –
Mauve und
Türkis –
stellt der
Maler
Fassaden,
Parkett und
Logen,
Kulissenräume
und Vestibül
dar. Die
Perspektive
ist
expressionistisch,
sie nimmt
mehr auf,
als der
Augenwinkel
erfassen
könnte. Der
Zuschauer
und die
Flaneure im
Theater sind
entindividualisiert.“
Will
Grohmann,
Kunsthistoriker
und
-kritiker
schrieb
später:
„Sein
,Hölzernes
Theater‘
gehört zu
den
unvergänglichen
Leistungen
der
vierziger
Jahre in
Deutschland.
Welch eine
Melancholie
steckt in
diesen
Variationen
zum Thema
Theater, vom
,Bühneneingang‘
und dem
,Portier‘
angefangen
bis zu der ,Proszeniumsloge‘
und dem
,Hausdichter‘.
Theater als
Gleichnis
des
Vergänglichen,
aber auch
des
seltsamen
Wechsels von
Aktion und
Leere. Mit
diesen
wenigen
Blättern
hätte Camaro
eine
erfolgreiche
Karriere
aufbauen
können. Das
gerade
wollte er
nicht, das
,Hölzerne
Theater‘ war
ein Weg zu
Weiterem,
ein
Durchgang.“
Man muß
seine eigene
Zeit – als
Stichwort
fiel unter
anderen
aktuellen
Begriffen
das Wort von
der
Stratosphäre
– erfahren
und sie
atmosphärisch
begreifen
und ins Bild
umsetzen,
selbstverständlich
nicht
direkt,
sondern als
Chiffre.
Darum ist
Camaro der
Moderne, der
sich nicht,
wie man es
gestern tat,
ausdrücken
will, aber
keineswegs
modernistisch
zeithörig.
In diesen
Jahrzehnten
nach 1945
wurde sowohl
dem
Realismus
als auch dem
Expressionismus
eine
deutliche
Absage
erteilt. Die
Abstraktion
triumphierte,
und auch
Camaro stieß
in die
Abstraktion
vor, aber er
machte sie
sich nicht
zu eigen. Er
ist unter
den Modernen
der Lyriker,
der
Romantiker,
der
Mystiker.
Will
Grohmann,
der große
Forderer und
Förderer des
Abstrakten
in der
Malerei,
weiß Camaros
eigene
Malweise
richtig zu
werten und
einzuordnen:
„Es ist
nicht die
Ungegenständlichkeit,
die ihn
reizt,
sondern die
visionäre
Wirklichkeit,
die zwar
eine
Identifikation
ermöglicht,
aber nicht
eine bei
allen
Betrachtern
übereinstimmende.
Aus
Interpretation
wird
Abwandlung
und
Metamorphose,
aus ihr die
bedeutungsvolle
Abkürzung,
aus dieser
das
vieldeutige
Zeichen.“
In den
Bildern
Camaros
steckt ein
bewußt
gewollter,
aber stets
subjektiver
Hintersinn,
sie sollen
etwas Neues,
Unbekanntes,
fast möchte
man sagen
Irreales,
aussagen.
Das einzelne
Bild, das
sich
absichtlich
frei macht
von jeder
fotografischen,
realistischen
Gleichheit
oder auch
nur
Ähnlichkeit,
hat jeweils
eine
doppelte
Bedeutung,
einmal
diejenige
für den
Maler, „was
will ich
ausdrücken?“,
und zum
anderen für
den
Betrachter,
„wie sieht
er dieses
Bild, was
bedeutet es
ihm?“. Und
es gibt dann
das
bewegende,
enthusiasmierende
Wechselspiel
zwischen
Maler und
Betrachter.
Das
Unbekannte
und
Unsichtbare,
das in den
Gegenständen
erfinderisch
Entdeckte
soll in
Camaros
Bildern
transparent
werden. Es
ist ein
ständiges
Neubeginnen
und
Experimentieren,
um zu den
tiefen
Gründen
vorzudringen.
Darum auch
das Wort von
der Mystik,
wenn man
Camaros
Bilder zu
charakterisieren
unternimmt.
Es mag sein,
daß hier ein
schlesisches
Erbe
durchscheint,
das
Sinnsuchen
und auch
Sinnfinden
im Hier und
Heute, um
überhaupt
leben,
überleben zu
können. Es
seien aus
dem Œuvre
die Bilder
„Nachtlicht“
(1956) und
„Wintersonne“
(1958)
herausgegriffen.
Poetische
Spiele, die
Flächen sind
durch zart
angedeutete
Zeichen
geradezu
lyrisch
heiter
aufgelockert.
Es herrscht
keine
abgrundtiefe
Ruhe in den
Bildern, die
Farbe, das
eine Mal ein
dunkles
Blau, das
andere Mal
helles Grau,
und immer
wieder
durchsetzt
vom
romantischen
Mond,
Halbmond und
Vollmond,
aber in
beiden
Bildern
nicht
vordergründig
auffallend,
sondern als
Chiffre
eingebracht.
Zu den
Themen, die
den Maler
immer wieder
in das Reich
der
Phantasie
entführt
haben,
gehören die
zahlreichen
Winterbilder.
Die
Retrospektive
1983 in
Berlin
zeigte als
Plakat das
dritte Bild
des
Triptychons
„Caza muerta“
(1980). Drei
Aussagen
will dieses
Triptychon
machen: Der
Käfig, Der
weiße Fuchs,
Die Falle.
Es sind
schon
deswegen
Bilder des
Winters,
weil der
Winter zum
Erfinden,
zum
Gegensätzlichen,
zum Epischen
einlädt.
Gewürfelte
Bilder,
bestimmt vom
Zufall der
farbigen
Einfälle,
mit zum
einzelnen
Thema sich
fügenden
Symbolen,
alles so
aufeinander
abgestimmt,
daß das Eine
das Andere
bedingt. Es
sind,
vergleichbar
einer
Sonate, ins
Bild
gesetzte
Kompositionen.
Wenige Jahre
nach dem
Neubeginn
wurde Camaro
1951 als
Professor an
die
Hochschule
für bildende
Künste in
Berlin
berufen, und
Berlin
zeichnete
ihn in
demselben
Jahr mit dem
Kunstpreis
der Stadt
aus. Unter
den vielen
Auszeichnungen
seien nur
der
Lovis-Corinth-Preis
1980 und der
Kulturpreis
Schlesien
des Landes
Niedersachsen
genannt.
Ernst
Scheyer,
Zeitzeuge
der
Breslauer
Kunstakademie,
die 1932
(aus
Sparsamkeitsgründen)
geschlossen
worden ist,
hat 1961 die
Verbindung
der Kunst
Camaros mit
der seines
Lehrers Otto
Mueller
herausgestellt:
„Alexander
Camaro ist
ganz
östlich-schlesische
Melodie, die
Stimme
seines
Lehrers Otto
Mueller über
das Grab
hinaus, das
Vermächtnis
der toten
Breslauer
Akademie an
die
Lebenden, an
Deutschland,
an die Welt.
Kein anderer
seiner
Meisterschüler
hat sich
bisher –
nach
schweren
Wanderjahren
– solche
Geltung
verschafft
wie Camaro.“
Camaro
selbst
schrieb
1953: „Wenn
heute Namen
wie Oskar
Moll, Otto
Mueller,
Hans
Scharoun,
Molzahn,
Poelzig,
Schlemmer
und anderer
Toter und
Lebender
eine
geistige
vollgültige
Aussage
bekunden, so
ist dies um
so
erfreulicher,
denn über
ein
Jahrzehnt
der Barbarei
und die
Lostrennung
der Heimat,
die
leichtsinnig
verspielt
wurde,
hinweg,
taucht die
versunkene
Stadt wieder
auf.“
„Der große
Poet in
unserer
Mitte“, „Ein
metaphysischer
Realist“,
„Romantiker
unter den
Abstrakten“,
„Ein Tänzer
in Farbe“,
„Der
transzendente
Maler“, das
sind einige
Kennzeichnungen
der
Kunstkritiker
aus den
Jahrzehnten
nach 1945.
Um die
gelegentlich
rätselhafte
Aussagekraft
seiner
Bilder zu
charakterisieren,
hat man
Camaro mit
Paul Klee
verglichen,
denn gleich
ihm will
auch Camaro
Horizonte
des
Verstehens
aufreißen,
im Spiel der
Phantasie
die Welt der
Zeichen und
Symbole als
dem Schönen
verpflichteter
Entdecker
begreifen
helfen. In
der
Besprechung
der Berliner
Retrospektive
hieß es:
„Alexander
setzt die
Reihe
berühmter
Maler aus
schlesischen
Wurzeln von
Menzel über
Meidner,
Mueller und
Moll fort.“
Lit.:
Ausstellungskatalog:
Alexander
Camaro. Das
Werk in
einer
Auswahl von
106
Ölbildern,
Pastellen
und
Mischtechniken
aus den
Jahren
1946–1960.
Hg. von der
Kunsthalle
Bremen,
Braunschweig
1961.
Bild:
Aus Camaro.
Ölbilder,
Aquarelle,
Zeichnungen.
Katalog aus
Anlaß der
Ausstellung
in der
Staatlichen
Kunsthalle
Berlin,
1983.
Herbert
Hupka