Als Sohn
eines aus
Kopenhagen
ausgewanderten
wohlhabenden
Maklers und
einer aus
der
ungarischen
Musikerfamilie
Böhm
stammenden
Wiener
Mutter kam
Georg Cantor
in der
russischen
Hauptstadt
zur Welt.
Dort
verbrachte
er die
ersten 11
Jahre seines
Lebens, bis
die Familie
nach
Frankfurt
a.M.
übersiedelte.
In Frankfurt
besuchte er
Privatschulen,
in Wiesbaden
das
Gymnasium
und in
Darmstadt
von 1859 bis
1862 die
Höhere
Gewerbeschule
(aus der
später die
heutige
Technische
Hochschule
wurde).
Anstelle des
vom Vater
bevorzugten
Ingenieurstudiums
durfte sich
Georg der
Mathematik
widmen:
Zürich,
Berlin -
wohin die
Familie nach
dem Tode des
Vaters zog
-, Göttingen
und wieder
Berlin waren
die
Universitäten,
an denen er
studierte.
In Berlin,
wo er
Kummer,
Weierstraß
und
Kronecker
begegnete
sowie den
Kommilitonen
H. A.
Schwarz zum
Freund
gewann,
promovierte
er. 1868
legte er die
Staatsprüfung
für das
höhere
Lehramt ab.
Schwarz
bewog ihn,
sich in
Halle 1869
zu
habilitieren,
wo ihm dann
nach langem
Hin und Her
1879 eine
Professur
übertragen
wurde, die
er bis zur
Emeritierung
1913
innehatte.
Wertvoll für
ihn waren
Freundschaften
mit den
Fachgenossen
Richard
Dedekind und
Gustaf
Mittag-Leffler,
der ihm in
der von ihm
gegründeten
mathematischen
Zeitschrift
Acta
Mathematica
ein
Podium
verschaffte.
In einem
scharfen
Gegensatz
stand Cantor
zu dem
Berliner
Kollegen
Leopold
Kronecker,
der als
Formalist
für ihn als
Intuitionisten
und seine
Mengenlehre
(Lehre der
Mannigfaltigkeiten)
nichts übrig
hatte.
Cantors
Urteil, daß
Kronecker
nur ein
Virtuose,
aber kein
Komponist
sei, hat die
Fachwelt
freilich
bald
bestätigt.
Eine
Aussöhnung
mit
Kronecker
fand 1884
statt,
jedoch ohne
eine
wirkliche
Entspannung
zu bewirken.
Von ihm
gehegte
Hoffnungen
auf einen
Ruf an eine
größere
Universität
mußte Cantor
schließlich
begraben.
Das
Interesse
für Mengen
trat zurück,
philosophische
und
theologische
Überlegungen
beschäftigten
ihn
zunehmend.
Ab 1900
zeigten sich
bei ihm
manisch-depressive
Erscheinungen,
die er aber
immer wieder
bezwang. Er
starb in der
Psychiatrischen
Klinik zu
Halle.
Von seinem
Hallenser
Kollegen E.
Heine war
Cantor
geraten
worden, sich
mit der
Eindeutigkeit
der
Fourieranalyse,
wonach
beispielsweise
ein Klang
genau in
seine Töne
zerlegt
werden kann,
zu befassen.
Mit der
Veröffentlichung
über die
Ausdehnung
eines Satzes
aus der
Theorie der
trigonometrischen
Reihen
und der
darin
entwickelten
Theorie der
reellen
Zahlen sowie
der
Einführung
des für die
Topologie
grundlegenden
Begriffes
der
Ableitung
einer
Punktmenge
hatte sich
Cantor
bereits 1872
in der
Geschichte
der
Mathematik
verewigt.
Alles
Frühere
stellte
jedoch die
in den
Mathematischen
Annalen
abgedruckte
sechsteilige
Aufsatzreihe
über
unendliche
lineare
Punktmannigfaltigkeiten
(1879
bis 1884) in
den
Schatten.
Zusammen mit
Schwarz war
Cantor um
den Ausbau
der
Weierstraßschen
Analysis
bemüht, wie
ihr
Briefverkehr
um 1870
bezeugt.
Letzterer
brach aber
ab, da
Schwarz
Cantors
Einstellung
zu den
Grundlagen
der
Mathematik -
Cantor sah
sie in einem
philosophisch-religiösen
Zusammenhang
- nicht
teilte.
Im
Briefwechsel
mit mehreren
Mathematikern,
insbesondere
Dedekind,
entwickelte
Cantor die
Mengenlehre,
jenes
"Paradies,
aus dem uns
niemand mehr
vertreiben
kann", wie
Hilbert
urteilte.
Den
"Geburtstag"
der
Mengenlehre
kann man
genau
datieren: Am
7. Dezember
1873
erbrachte
Cantor in
einem Brief
an Dedekind
den Beweis
der
Nicht-Abzählbarkeit
des
Kontinuums,
wodurch es
zum ersten
Mal möglich
wurde,
Unterscheidungen
im
Unendlichen
zu
begründen.
1874
veröffentlichte
Cantor die
erste
Abhandlung
zur
Mengenlehre;
die
synoptische
Arbeit als
Abschluß des
Lebenswerkes
erschien
1895. Die
"Mengenlehre"
im heutigen
Schulunterricht
bildet
freilich nur
einen
bescheidenen
Teil der
Cantorschen
Schöpfung.
Schon allein
die
unendlichen
Mengen ("transfiniten
Mannigfaltigkeiten")
werfen
philosophische
Probleme
auf. Gibt es
in der Natur
unendlich
viele Atome?
Wie sinnvoll
ist die
Grenzwertrechnung
in der
Analysis?
Haben
verschieden
lange
Strecken
verschieden
viele Punkte
(wie Cusanus
schon
fragte)?
Gemäß seinem
Hang zum
platonischen
Idealismus
steht bei
Cantor
Philosophie
über der
Mathematik.
Nicolaus
Cusanus
verwandte
gute 400
Jahre zuvor
mathematisches
Gedankengut,
das sich auf
das
Unendliche
bezog, um
klarer über
Gott und
Glaubensdinge
zu sprechen.
In gleicher
Weise zogen
Theologen
Cantors
Mengenlehre
heran, um
das
Aktual-unendliche,
den
Gottesbegriff
"mathematisch
zu
erklären".
Cantor blieb
zwar Glied
der
evangelischen
Kirche,
neigte aber
immer mehr
zum
Katholizismus
und empfahl
dessen
Würdenträgern
seine
diesbezüglichen
Abhandlungen.
Einen
Stellvertreter
Gottes auf
Erden hielt
er jedoch
nicht für
notwendig.
Er bemühte
sich auch um
den
Nachweis,
daß Joseph
von
Arimathäa
Jesus'
leiblicher
Vater
gewesen sei.
Selbst in
den
zeitgenössischen
Streit um
die Herkunft
der
Shakespeare-Werke
mischte er
sich ein; er
glaubte
nachweisen
zu können,
daß Bacon
als der
Urheber der
Werke
Shakespeares
angesehen
werden
müsse.
Nicht
zuletzt die
Gründung der
Deutschen
Mathematiker-Vereinigung
im Jahre
1890 geht
auf die
Initiative
Cantors
zurück. Die
1896 von ihm
beabsichtigte
Ausweitung
auf
internationale
Ebene, auch
zur
Förderung
des
Friedens,
fand beim
preußischen
Unterrichtsministerium
kein
Wohlwollen.
Mehrere hohe
Ehrungen
krönten
Cantors
späte Jahre:
Mitten im
Weltkrieg
feierte man
bescheiden,
aber
würdevoll
seinen 70.
Geburtstag.
Er wurde
Ehrenmitglied
der Londoner
Mathematical
Society und
der
Mathematischen
Gesellschaft
zu Charkow.
Die
Mengenlehre,
die schon zu
Lebzeiten
Cantors
weiter
entwickelt
wurde (Namen
wie E. Borel,
Hausdorff
und Zermelo
sind in
diesem
Zusammenhang
zu nennen),
wird heute
von den
Formalisten
beherrscht -
ganz im
Widerspruch
zu Cantors
Intuitionismus.
Doch in
jüngster
Zeit
beginnen
sich ganz
neue Formen
abzuzeichnen,
die wieder
vom
Formalismus
abkommen,
weil die
Philosophen
etwa das
Postulat des
"ausgeschlossenen
Dritten"
(ein Satz
ist wahr
oder falsch,
etwas
anderes gibt
es nicht)
nicht mehr
aufrechterhalten
wollen.
Unverrückbar
bis in die
Gegenwart
dürfte
Cantors
Auffassung
geblieben
sein, daß
Reine
Mathematik
Mengenlehre
ist.
Werke und
Briefe:
Gesammelte
Abhandlungen
mathematischen
und
philosophischen
Inhalts.
Herausgegeben
von Ernst
Zermelo.
Berlin 1932
(Reprint
1980). -
Briefe,
herausg. v.
H.
Meschkowski
und W.
Nilson.
Berlin,
Heidelberg
1991. - Die
Rawley'sche
Sammlung von
zweiunddreissig
Trauergedichten
auf Francis
Bacon. Ein
Zeugnis zu
Gunsten der
Bacon-Shakespeare-Theorie.
Mit einem
Vorwort
herausgegeben
von Georg
Cantor.
Halle a.S.
1897.
Lit.:
Cohen P.J.
und Hersh
R.: Non-Cantorian
Set Theory.
Scientific
American 217
(1967) 6,
104-116. -
Finsler P.:
Der
platonische
Standpunkt
in der
Mathematik.
Dialectica
10 (1955),
250-270. -
Ilgauds H.J.:
Zur
Biographie
von Georg
Cantor:
Georg Cantor
und die
Bacon-Shakespeare-Theorie.
In:
Schriftenreihe
f. Gesch. d.
Naturwissenschaften,
Technik und
Medizin 19
(1982) 2,
31-49. -
Lorey W.:
Der 70.
Geburtstag
des
Mathematikers
Georg
Cantor. In:
Zeitschrift
für math.
und naturw.
Unterricht
46 (1915),
269-274. -
Meschkowski
H.: Georg
Cantor -
Leben, Werk
und Wirkung.
Mannheim,
Wien, Zürich
1983. -
Reichel
H.-Ch.: Zum
Realitätsproblem
mathematischer
Begriffe.
In: Oeser E.
u. Bonet E.
M. (Hrsg.):
Wiener
Studien zur
Wissenschaftstheorie,
Band 2. Wien
1989. -
Röttel K.:
Nikolaus von
Kues - seine
Eichstätter
Mitteleuropakarte
von 1491,
sein Beitrag
zur
Mathematik
und Physik,
sein
theologisches
Wirken. In:
Globulus 1
(1993),
65-74. -
Schröder E.:
Über G.
Cantorsche
Sätze. In:
Jahresbericht
der
Deutschen
Mathematiker-Vereinigung
5 (1896),
81-82. -
Wußing H.
und Arnold
W.:
Biographien
bedeutender
Mathematiker.
Berlin 1975.
Bild:
W. Arnold,
Berlin.
Karl Röttel