Es gibt
Erlebnisbereiche,
die dem
Gesetz des
Wachstums
unterworfen
sind, wie
Hanns
Cibulka
einmal
bekennt und
damit
besonders
auch seine
Kindheit und
frühen
Jugendjahre
im
heimatlichen
Jägerndorf
meint. Wie
es auch in
einem
Gedicht
heißt: „Es
ist so
schwer,/ die
Kindheit
aufzugeben...“
Bis heute
ist das
umfangreiche
und
ungewöhnlich
vielgestaltige,
breit
gefächerte
Opus dieses
Autors
getränkt von
Erinnerungen
an dieses
verlorene
Paradies und
seine
Menschen,
ihre
Lebensart
und ihre
Daseinsweise.
Wie es
einmal in
den
Dornburger
Blättern
heißt: „In
Böhmen...
fände man
auch heute
noch mehr
Frömmigkeit
dem Leben
gegenüber...
eine
stärkere
menschliche
Wärme.“ Und:
„Ich sehe
mich“ –
während des
Dornburg-Aufenthaltes
– „durch die
Tannenwälder
nahe meiner
Vaterstadt
gehen...“
Mit einem
Buch. Und
das sind
Rilke-Gedichte.
Und gemeint
sind die
Verse: „Mich
rührt so
sehr
böhmischen
Volkes
Weise...“
Dergleichen
Reminiszenzen
durchziehen
auch
jüngste
Aufzeichnungen
– so Am
Brückenwehr,
dieses
Tagebuch
„Zwischen
Kindheit und
Wende“: Hier
weckt eine
Reise nach
den
Ereignissen
von 1989 ins
heimatliche
Jägerndorf
ungezählte
Erinnerungen
im
Wechselspiel
zu aktuellen
Fragen der
Gegenwart.
Das Phänomen
„Erinnerung“
erweist sich
in der Tat
als ein
unverzichtbares
Element
nicht nur im
lyrischen
Schaffen,
sondern vor
allem in der
Tagebuch-Produktion,
die für
Cibulkas
Werk
vornehmlich
wesentlich
ist. Er hat
das schon
selber früh
erkannt und
häufig
auszudrücken
versucht:
„Das
Tagebuch
gehört zu
den
literarischen
Formen, die
mich am
stärksten
faszinieren...“
(Sanddornzeit,
Tagebuchblätter
von
Hiddensee,
1971). Es
ist das
Offene,
Unfertige,
„die
Skizze“, die
fesselt und
damit viele
Möglichkeiten
der
Gestaltung,
der
reflektorischen
Meditation
eröffnet.
Aber da ist
mehr im
Blick: Es
geht nicht
nur um eine
Ich-Befragung,
ein „Zu-sich-selber-kommen“;
da ist die
Orientierung,
eine Art
Lebenshilfe,
ein Zuspruch
im Spiel.
Daher haben
viele
Aufzeichnungen
Hanns
Cibulkas in
der DDR-Zeit
eine
besondere
Wirkung auf
gar manchen
Suchenden,
Rat- und
Hilflosen,
„Heimgesuchten“
ausgeübt –
und damit
den Autor
für die
SED-Zensoren
in den
Verruf eines
„politisch
Unzuverlässigen“
gebracht,
was zu
Druckverboten
führte – wie
die
Geschichte
von
Swantow,
der
Rügen-Aufzeichnungen,
belegt. Da
gab es klare
Anweisungen,
wie mit
Cibulka zu
verfahren
sei. Der
„Thomas-Mann-Klub“
Nordhausen
schrieb an
Hanns
Cibulka noch
am 2.
November
1989
folgende
Zeilen: „Die
SED-Kreisleitung
war gegen
eine Lesung
von Ihnen,
ohne dieses
Verbot
stichhaltig
begründen zu
können. Wir
haben immer
wieder
versucht,
dieses
Verbot
aufzuheben,
es gelang
uns aber
nicht. Da
sogar unsere
Bezirksleitung
uns riet,
wir sollten
uns nicht
gegen die
SED-Kreisleitung
stellen,
unterwarfen
wir uns
diesem
Diktat. In
letzter Zeit
wurden wir
immer
größeren
Beschränkungen
unterworfen...“
Angst ist es
gewesen vor
einer sehr
gefährlichen
und
mächtigen
Waffe – dem
Wort, „nach
seiner
Natur, die
freieste
unter den
geistigen
Kreaturen...“,
wie das
Hrabanus-Maurus-Zitat
auf der
ersten Seite
der
Sanddornzeit
lautet.
Hanns
Cibulka, der
bei Ausbruch
des Zweiten
Weltkrieges
zur
deutschen
Wehrmacht
eingezogen
wurde, an
verschiedenen
Kriegsschauplätzen
eingesetzt
war, geriet
in
amerikanische
Gefangenschaft,
die er auf
Sizilien
verbrachte.
Das
Sizilianische
Tagebuch
(1961) gibt
darüber
Auskunft.
Die
Begegnung
mit einer
jungen
Polin,
Halina, in
einem
Lazarett in
Kremenez an
der
damaligen
polnisch-russischen
Grenze wirkt
nach. „Ich
weiß, daß
ich im
Innern von
Kremenez nie
fortgegangen
bin.“ Nach
einem
Menschenalter
versucht der
Autor im
Wasserschloß
Kochberg der
Charlotte
von Stein
eine
Schattenbeschwörung
(„Liebeserklärung
in K“,
1974).
Bei Cibulka
ist häufig
von der
„bedrohten
Sicherheit“
die Rede,
einer Sorge,
die Gerhart
Hauptmann
schon vor
dem Ersten
Weltkrieg
bewegt hat
und die in
vielfältigen
Formen uns
heute
verknechtet
– als Folge
maßlosen
Besitzdenkens,
bedenkenlosen
Ausplünderns
der
Rohstoffe,
des
Vergiftens
der Meere.
Da heißt es
in der
Wegscheide,
daß wir
bezahlen
werden für
diese
rücksichtslose
Besitzergreifung.
Dabei ist
nicht einmal
von Erich
Fromm die
Rede,
sondern vom
großen
Mystiker des
Mittelalters,
Meister
Eckhart, der
das
menschliche
Grundproblem
von Haben
und Sein
bereits
beschrieb
und
bedachte.
Hanns
Cibulka
möchte zum
Nachdenken
anregen,
aber auch
durchaus ein
Art
Vademecum
für das
eigene
Verhalten
und das
eigene Tun
bieten. Und
das nicht
nur
gegenüber
dem eigenen
Ich, auch im
Verhältnis
zum
Mitmenschen,
zur Welt. Da
mag es
vielleicht
oft
romantisch
anmuten,
wenn der
Autor auf
das
Verhältnis
von Geist
und Macht,
die
Ambivalenz
von Kunst
und Politik
zu sprechen
kommt und
sich dabei
auf große
Persönlichkeiten
der
deutschen
und
europäischen
Kulturgeschichte
als Zeugen
beruft –
etwa auf
Goethe, der
von einer
Vergeistigung
des
Politischen
gesprochen
hat, damit
es in der
Welt besser
werde und
mit den
Menschen.
Das ist noch
einmal in
Cibulkas
jüngstem
Tagebuch
formuliert:
„Für den
Politiker
ist der
Künstler der
unberechenbare
Mensch
schlechthin,
auch
innerhalb
der Parteien
scheint er
ein Fremder
zu sein...“
(Tagebuch
einer späten
Liebe,
1998).
Von Gotha
aus, wo sich
Hanns
Cibulka nach
einem
Studium der
Bibliothekswissenschaft
niederließ,
die dortige
„Heinrich-Heine-Bibliothek“
bis zu
seiner
Pensionierung
(1985)
geleitet
hat, betrieb
er eine
etwas
umständlich-komplizierte
„Landnahme
in
Thüringen.“
Sie schloß
die Suche
nach der
deutschen
Landschaft
ein. Im
Blick auf
Dornburg an
der Saale
bekannte er:
Hier habe er
„die
Freundschaft
zur Erde“,
wie Goethe,
erfahren, um
hier vom
Licht, das
ihn an
Italien
erinnert,
überwältigt
zu werden.
Das Streben
nach
„Daseinserfassung“,
„Wesensvertiefung“
wird zum
bleibenden
Auftrag,
Bilanz zu
ziehen: Was
war – und
was sollte
sein. Man
hat keine
Zeit mehr zu
verlieren.
Im Sinne von
Novalis
müssen wir
den Menschen
heller,
größer und
freier
machen.
Dieser
Glaube
durchzieht
das ganze
Tagebuchwerk
Cibulkas –
bis in die
Aufzeichnungen,
die nach der
„Wende“
vorgelegt
wurden.
Cibulka ist
sich treu
geblieben.
Da mag so
viel Neues
nicht zur
Sprache
kommen,
dafür steht
er nicht an,
das
Notwendige
zweimal zu
sagen, wie
Empedokles
von Agrigent,
den Cibulka
seinem
Kriegstagebuch
Nachtwache
voranstellte.
Es sind dies
Aufzeichnungen,
die Cibulka
zum 50.
Jahrestag
des
Ausbruchs
des Zweiten
Weltkrieges
publizierte
und damit
seine
Teilnahme am
Kampfgeschehen
in Sizilien
1943
beschrieb,
vielleicht
als eine Art
Vermächtnis:
„Am
Totenbett
der
Diktatoren
sollten wir
Nachtwache
halten,
damit sie
nie wieder
auferstehen...
Wenn unsere
Söhne und
Töchter das
Jahr
zweitausend
erleben
wollen,
müssen wir
die
Nachtwachen
in der Welt
verdoppeln.“
Werke:
Gedichte:
Märzlicht,
Halle 1954.
– Zwei
Silben,
Weimar 1959.
– Arioso,
Halle 1962.
– Windrose,
Halle 1968.
–
Lichtschwalben,
Halle 1973.
–
Lebensbaum,
Halle 1977.
– Der
Rebstock,
Halle-Leipzig
1980. –
Poesiealbum
Nr. 181,
Berlin 1982.
–
Losgesprochen,
Leipzig
1986.
Tagebücher:
Umbrische
Tage, Halle
1963. – Das
Buch Ruth
(Aus den
Aufzeichnungen
des
Archäologen
Michael S.),
Halle-Leipzig
1978. – Am
Brückenwehr.
Zwischen
Kindheit und
Wende,
Leipzig
1994. – Die
Heimkehr der
verratenen
Söhne.
Tagebucherzählung,
Leipzig
1996. –
Tagebuch
einer späten
Liebe,
Leipzig
1998. –
Sammelbände:
Tagebücher
(enthalten:
Sizilianisches
Tagebuch,
Umbrische
Tage,
Sanddornzeit,
Dornburger
Blätter,
Liebeserklärung
in K.). –
Thüringer
Tagebücher
(enthalten:
Liebeserklärung
in K.,
Dornburger
Blätter,
Wegscheide),
Leipzig
1993. –
Ostseetagebücher
(enthalten:
Sanddornzeit,
Swantow,
Seedorn),
Leipzig
1990.
Lit.:
Bernd
Leistner:
Cibulkas
Tagebücher,
in: Weimarer
Beiträge
9/78. –
Gerhard
Wolf:
Losgesprochen
von der
Natur. Zu
den
Gedichten
Hanns
Cibulkas,
in: Wortlaut
– Wortbruch
– Wortlust,
Leipzig
1988. – „Ich
habe nichts
als das
Wort“.
Günter
Gerstmann im
Gespräch mit
Hanns
Cibulka, in:
Der
gemeinsame
Weg 10/95. –
„Ich glaube
an das
spirituelle
Zeitalter.“
Günter
Gerstmann im
Gespräch mit
dem Gothaer
Schriftsteller
Hanns
Cibulka in:
PALMBAUM
2/96.
Auszeichnungen:
Louis-Fürnberg-Preis
(1973),
Francesco-de-Sanctis-Preis
(1978),
Johannes-R.-Becher-Preis
(1978),
Kulturpreis
der Stadt
Gotha
(1979),
Diploma di
merito
Accademia
Italia
(1982),
Prof. h. c.
Universität
Florida
(1988),
Sudetendeutscher
Kulturpreis
(1991).
Bild:
Archiv G.
Gerstmann.