Die Tragödie
der
Vertreibung,
der Verlust
der Heimat
und der
Zwang, in
fremder
Umgebung mit
leeren
Händen ein
neues Leben
zu beginnen,
ist nach dem
Zweiten das
Schicksal
von
Millionen
Deutschen
gewesen. Den
Opfern der
furchtbaren
Ereignisse,
der
Entrechtung,
der
Vergewaltigungen
und des
tausendfachen
Mordes,
wurde später
von weiten
Teilen der
Gesellschaft,
der Medien
und vielen
politischen
Verantwortlichen
ein immer
geringer
werdendes
menschliches
und
politisches
Verständnis
entgegengebracht.
Dennoch
haben die
deutschen
Vertriebenen
im
Unterschied
zu
Leidensgefährten
in anderen
Ländern nie
den Weg der
Gewalt
beschritten,
sondern sich
bereits 1950
in ihrer
Charta der
Heimatvertriebenen
für Frieden
und
Versöhnung
ausgesprochen.
Zu den
führenden
Repräsentanten
der
heimatvertriebenen
Ostdeutschen
gehörte über
mehrere
Jahrzehnte
Herbert
Czaja. Er
hat ihren
Kurs
maßgeblich
mitbestimmt.
Czaja, der
immer den
friedlichen
und
gerechten
Ausgleich
mit den
osteuropäischen
Nachbarn
wollte,
gelang es
nicht, wie
er bis
zuletzt
gehofft
hatte,
wenigstens
Teile der
ostdeutschen
Heimat für
ein
wiedervereinigtes
Deutschland
zu retten.
Er konnte
aber dazu
beitragen,
dass die
Vertriebenen
ihre
kulturelle
Identität
und ihre
Liebe zur
alten Heimat
bewahrten
und ihren
oft
unterschätzten
Anteil beim
Wiederaufbau
der neuen
Heimat
leisteten.
Sachkundig,
oft streng
und
hartnäckig,
stand der im
Grunde
seines
Wesens
liebenswürdige
Mann für
einen
verlorengegangenen
Teil
Deutschlands
ein.
I
Das Teschner
Ländchen im
Kronland
Österreichisch-Schlesien
war die
Heimat
Herbert
Czajas.
Jahrhundertelang
trafen dort
unterschiedliche
Kulturen,
Nationalitäten
und
religiöse
Bekenntnisse
zusammen.
Deutsche,
Tschechen,
Polen und
Angehörige
anderer
Volksgruppen
lebten über
Generationen
friedlich
neben- und
miteinander.
Auch wenn
nicht die
Rede sein
kann von
einer
multikulturellen
Idylle, so
wurden
aufkommende
Spannungen
doch
meist im
Alltagsleben
schnell
überwunden.
Dieses
Zusammenleben
verschiedener
Völker war,
wie in
weiten
Teilen der
Donaumonarchie,
nie
ernsthaft in
Frage
gestellt.
Die
Friedensordnung,
die nach dem
Ersten
Weltkrieg
geschaffen
wurde, hatte
auch hier
tiefgreifende
Folgen.
Offiziere
der Entente
entschieden
1920 ohne
Einbeziehung
der
Bevölkerung,
dass die
Heimat
Czajas
zwischen
Polen und
der
Tschechoslowakei
geteilt
wurde.
Herbert
Helmut Czaja,
so sein
vollständiger
Name, war
damals knapp
sechs Jahre
alt. Geboren
wurde er am
5. November
1914 in
Teschen, und
in dem
beschaulichen
Landstädtchen
Skotschau
wuchs er
auf. Die
Eltern, der
angesehene
und
wohlhabende
k.u.k. Notar
Albert Czaja
(1860-1949)
und seine
Ehefrau
Luise, geb.
Smekal
(1876-1948),
stammten aus
der Region,
aus
Schwarzwasser
bzw. der
Stadt
Teschen.
Sehr bewusst
vermittelten
sie ihrem
einzigen
Kind ein
Gespür für
soziale
Verantwortung
und
menschliche
Toleranz,
Haltungen,
die ihre
Begründung
in einer
tiefen und
traditionellen
katholischen
Religiosität
fanden.
Unmittelbar
nachdem
Skotschau an
Polen
gefallen
war, wurde
der Vater
als Folge
der
politischen
Veränderungen
für kurze
Zeit
interniert.
Im gleichen
Jahr kam
Herbert
Czaja in die
deutsche
Volksschule.
Angesichts
vielfaltiger
Repressalien
der neuen
Herren
bedeutete
dieser
früher
selbstverständliche
Vorgang
bereits ein
politisches
Signal. Im
Herbst 1925
wechselte er
auf das
deutsche
Gymnasium in
der
Kreisstadt
Bielitz, das
einzige
seiner Art
in
Ostoberschlesien.
Die
Schülerschaft
spiegelte
auch die
religiösen
Unterschiede
der Gegend
wieder; je
ein Drittel
war
katholisch,
evangelisch
oder
jüdisch. Als
erste
Fremdsprache
wurde
Polnisch
unterrichtet,
das der aus
einem
polyglotten
Elternhaus
kommende
Schüler bald
fließend
beherrschte.
In Polnisch
wurde auch
der
„nationale“
Geschichtsunterricht
von
polnischen
Lehrern
erteilt – im
schulischen
Alltag ein
Auftakt der
Polonisierungsmaßnahmen,
die bald das
Leben der
Minderheiten
in der
Zwischenkriegszeit
bestimmten.
Kurz vor dem
Abitur, das
er 1933 mit
hervorragenden
Noten
ablegte,
wurde der
Vater aus
angeblich
gesundheitlichen
Gründen von
dem
zuständigen
Woiwoden
seines Amtes
als Notar
enthoben.
Tatsächlicher
Grund war
sein
Eintreten
für die
Interessen
der
deutschen
Minderheit,
die damals
immerhin
noch ein
Viertel der
Teschner
Bevölkerung
ausmachte.
Nennenswerte
finanzielle
Einnahmen
hatte die
Familie
Czaja damit
nicht mehr.
Sie musste
aus dem
Besitz
leben.
Der Sohn
immatrikulierte
sich im
selben Jahr
an der
Universität
Krakau, die
durchaus
noch geprägt
war von dem
jahrhundertelangen
österreichischen
Einfluss. Er
studierte
vorübergehend
Jura, wandte
sich dann
aber der
Germanistik,
Philosophie
und
Geschichte
zu.
Nationalitätenprobleme
gab es für
die
deutschen
Studenten
weit weniger
als für ihre
jüdischen
Kommilitonen.
Das Jahr
1933
bedeutete
für ihn über
die
Studienentscheidung
hinaus eine
weitergehende
biographische
Weichenstellung:
Er schloss
sich
politisch
Senator
Eduard Pant
an, der als
führender
Vertreter
der
deutschen
Minderheit
in Polen den
in
Deutschland
an die Macht
gekommenen
Nationalsozialismus
offen
ablehnte.
Versuche der
deutschen
Machthaber,
ihn
„unschädlich“
zu machen,
schlugen
wiederholt
fehl. In
Pant, der
auch sein
Griechisch-Lehrer
in Bielitz
gewesen war,
sah Czaja
sein erstes
politisches
Vorbild. In
Krakau
übernahm
Czaja 1934
die Leitung
einer
katholischen
deutschen
Studentengruppe,
die unter
Mitwirkung
Pants
regelmäßig
religiöse,
wissenschaftliche
und
politische
Veranstaltungen
durchführte.
Unter
anderem
referierten
dort die
Jesuitenpatres
Johannes
Aßmann und
Friedrich
Muckermann,
die als
offene
Gegner des
Nationalsozialismus
nur noch im
Ausland
wirken
konnten. Sie
trugen zur
politischen
Immunisierung
Czajas und
seiner
Freunde bei,
während die
deutschen
Studenten
auch in
Krakau
mehrheitlich
der
nationalsozialistischen
Ideologie
erlagen.
Im Februar
1937 bestand
er nach elf
Trimestern
das
Gymnasiallehrerexamen.
Sein
polnischer
Germanistik-Professor
Adam
Kleczkowski
ermunterte
ihn zur
Promotion
und empfahl
ihm ein
Auslandsstudium.
Er wechselte
an die
Universität
Wien, wo er
unter
anderem bei
den
Philosophen
Alois Dempf,
der aus
Deutschland
emigriert
war, und
Dietrich von
Hildebrand
hörte, den
die
Nationalsozialisten
ausgebürgert
hatten. Es
konnte daher
nicht
überraschen,
dass er das
Humboldt-Stipendium
für die
Berliner
Universität
nicht
erhielt,
obwohl ihn
die
polnische
Regierung
vorgeschlagen
hatte; Czaja
konnte auf
keinerlei
Referenzen
nationalsozialistischer
Organisationen
verweisen.
II
Im Sommer
1938 kehrte
Czaja nach
Polen
zurück, um
für ein
Schuljahr
als
Deutschlehrer
am
Staatsgymnasium
im
galizischen
Mielec zu
arbeiten.
Eine feste
Anstellung
blieb ihm
verwehrt,
weil er in
den
einschlägigen
Unterlagen
die
Zugehörigkeit
zur
deutschen
Minderheit
angegeben
hatte.
Parallel zu
seiner
Schultätigkeit
arbeitete er
weiter an
seiner
Dissertation
über das
Thema
Stefan
Georges
Ringen um
ein
autonomes
Menschentum;
die
Promotion an
der
Universität
Krakau
schloss er
im Mai 1939
ab. Er
begann die
Arbeit an
einer
Habilitationsschrift,
aber die
weiteren
Ereignisse
machten eine
akademische
Laufbahn
unmöglich.
Seine von
der
polnischen
Universitätsverwaltung
bereits
länger
vorgesehene
Ernennung
zum
Assistenten
am dortigen
Germanistischen
Seminar
erfolgte
bereits,
nachdem der
Zweiten
Weltkrieg
ausgebrochen
war und
Polen
kapituliert
hatte; Czaja
erhielt die
letzte
Urkunde
dieser Art,
die von den
polnischen
Behörden
ausgestellt
wurde. Da er
ohne Gehalt
blieb,
musste er
seinen
Lebensunterhalt
durch
Deutschunterricht
bestreiten,
den er u.a.
den Kindern
seines
Doktorvaters
und anderen
polnischen
Familien
erteilte.
Anfang
Oktober 1939
wurden 183
polnische
Hochschullehrer
von der
deutschen
Besatzungsmacht
interniert.
Mit
Lebensmitteln
konnte Czaja
Prof.
Kleczkowski
und einigen
seiner
Kollegen
helfen und
sie so vor
dem
Schlimmsten
bewahren.
Gleichzeitig
gelang es
ihm,
Bestände
verschiedener
Universitätsseminare
vor der
Zerstörung
durch die
Besatzungsmacht
zu retten
und
polnischen
Kommilitonen
bei der
Wiederbeschaffung
entzogener
Dokumente zu
helfen, eine
riskante
Tätigkeit,
die ihm von
polnischen
Wissenschaftlern
später
dankbar
attestiert
wurde.
Ebenso half
Czaja auch
jüdischen
Mitbürgern.
Zweimal
wurde er bei
der Gestapo
angezeigt,
und nur
durch eine
Verkettung
glücklicher
Umstände
entging er
der weiteren
Verfolgung.
Im Oktober
1940 fand er
eine Stelle
als
Aushilfslehrer
in Zakopane,
aber erneut
bemängelte
man sein
fehlendes
nationalsozialistisches
Engagement,
und so wurde
er nach
wenigen
Wochen in
das
galizische
Przemischel
(Przemysl)
versetzt.
Weitere
Schikanen
folgten. Als
er Briefe
von
Skotschauer
Juden aus
dem Krakauer
Ghetto
erhielt,
setzte die
systematische
Gestapo-Überwachung
ein. Für
spätere
Generationen
kaum
nachvollziehbar,
empfand er
vor diesem
Hintergrund
die
Einberufung
zur
Wehrmacht im
Mai 1942
fast als
Erleichterung.
Nach
Zwischenstationen
in
Thorn/Westpreußen
und den
Niederlanden
kam Czaja an
die
Ostfront. Im
September
1943 wurde
er in
Russland
schwer
verwundet;
er verlor
ein Auge.
Bei
Kriegsende
geriet er
als
Gefreiter in
amerikanische
Gefangenschaft,
war u.a. in
Remagen und
in
Südfrankreich
interniert
und wurde
schließlich
im September
1945 in die
oberschlesische
Heimat
entlassen.
Über das
Schicksal
der dortigen
Deutschen,
von
Misshandlungen,
Zwangsarbeit
und
Vertreibung,
wusste er –
wie auch die
anderen
Gefangenen –
zu diesem
Zeitpunkt
nichts. Er
fand sein
Elternhaus
ausgeraubt
und als
„Heimstatt“
zahlreicher
deutscher
Familien aus
Skotschau
vor, die in
je einem
Zimmer
hausten. Ein
mitleidiger
polnischer
Bauer nahm
ihn als
Knecht auf
und sicherte
so sein
Überleben.
Die
Anstellung
an der
Universität
Krakau, die
ihm
Kleczkowski
für das
formale
Bekenntnis
zum Polentum
in Aussicht
stellte,
lehnte er
ab. Damit
war auch
seine
Vertreibung
besiegelt.
Czaja musste
seine
Eltern, die
wegen des
schlechten
Gesundheitszustands
des Vaters
bleiben
durften, in
Skotschau
zurücklassen.
Er sollte
sie nicht
wiedersehen.
Mit einem
Vertreibungstransport
kam er 1946
nach
Niedersachsen,
von wo ein
Kriegskamerad
den
körperlich
völlig
Erschöpften
noch im
gleichen
Sommer nach
Stuttgart
holte. Dort
erfuhr er,
dass seine
72-jährige
Mutter wegen
ihres
Bekenntnisses
zum
deutschen
Volkstum
eine
Haftstrafe
verbüßen
musste. Bald
danach
starben
beide
Eltern.
III
Seit
September
1946 konnte
Czaja an
einem
Stuttgarter
Gymnasium
unterrichten,
und auch
sein
politisches
Engagement
nahm er
wieder auf:
Der
inzwischen
32-Jährige
trat der
neugegründeten
Jungen
Union, dann
der CDU bei
und wurde
bereits 1947
in den
Stadtrat
gewählt, wo
er sich als
Vertreter
der
zahlreichen
Vertriebenen
verstand.
Es war
ebenso die
Zeit eines
privaten
Neubeginns.
In der
katholischen
Studentengemeinde
lernte er
Eva-Maria
Reinhardt
kennen,
Tochter
eines
früheren
christlichen
Gewerkschafters
und
Zentrumsmannes.
Als
Caritas-Mitarbeiterin
erlebte sie
täglich die
Probleme der
Menschen in
der
zerstörten
Stadt, der
Einheimischen
wie der
Vertriebenen,
und wurde
ihm eine
wichtige
Ratgeberin.
Aus der 1948
geschlossenen
Ehe gingen
zehn Kinder
hervor, von
denen eines
früh
verstarb.
Im
Mittelpunkt
der
Stadtratsarbeit
standen die
Überwindung
der
Nachkriegsnot
und der
Wiederaufbau.
Vor allem
aber suchte
Czaja seinen
Schicksalsgenossen
bei der
Wohnungssuche,
der
Arbeitsvermittlung
und der
Familienzusammenführung
zu helfen.
Die schier
unermüdliche
Sorge um
Einzelschicksale,
die in
seinem
Nachlass
viele
Dutzend
Ordner
füllen,
beschäftigte
ihn bis an
sein
Lebensende.
Czaja war
maßgeblicher
Mitbegründer
der Union
der
Heimatvertriebenen,
der
landsmannschaftlichen
Organisationen,
des
Hilfsverbandes
der
Heimatvertriebenen
und von
Unternehmen
des sozialen
Wohnungsbaus.
Bei den
Bundestagswahlen
1953 zog er
über die
Landesliste
Baden-Württemberg
in den
Deutschen
Bundestag
ein; aus dem
Stadtrat
schied er im
selben Jahr
aus und ließ
sich aus dem
Schuldienst
beurlauben.
Gleich in
seiner
ersten
Legislaturperiode
im Bundestag
wurde er
Mitglied in
den damals
zentralen
und
arbeitsintensiven
Ausschüssen
für
Lastenausgleich,
Wiederaufbau
und
Wohnungswesen.
Er
engagierte
sich dort
mit der ihm
eigenen
Gewissenhaftigkeit.
Czaja
kämpfte für
das
Bundesvertriebenengesetz
und die
Familiengesetzgebung,
und
frühzeitig
setzte er
sich für die
Einführung
eines
Wohngeldes
ein. In der
politischen
Öffentlichkeit
wurde er
später vor
allem als
leidenschaftlicher
Verteidiger
des
Heimatrechtes
wahrgenommen.
Czaja
gehörte
freilich von
Beginn an zu
jenen, die
alles ihnen
Mögliche
taten, um
den
Vertriebenen
das Leben in
der neuen
Heimat auch
geistig und
seelisch zu
erleichtern
und sie zu
integrieren.
Diese
Integration
ist
umfassend
gelungen –
eine
herausragende
Leistung der
jungen
Bundesrepublik
wie der
Vertriebenen
gleichermaßen.
In der
Innen- wie
der
Außenpolitik
stand er
fest zur
Konzeption
Konrad
Adenauers.
Im
Besonderen
zu
der von ihm
betriebenen
Westintegration
der
Bundesrepublik
sah Czaja
angesichts
der
sowjetischen
Nachkriegspolitik
in Osteuropa
und vor dem
Hintergrund
des
Ost-West-Konfliktes
keine
Alternative.
Für ihn war
die
Stabilisierung
der
Demokratie
des
Grundgesetzes
und der
Sozialen
Marktwirtschaft
im
westdeutschen
Teilstaat
der Weg, der
langfristig
auch zum
Ziel der
Wiedervereinigung
Deutschlands
führen
musste. Die
Geschichte
hat Adenauer
und jenen,
die ihn
unterstützten
bzw. ihm
folgten, in
beeindruckender
Weise Recht
gegeben. Die
zeitgenössischen
Adenauer-Kritiker
von Rechts
und Links
konnten
Czaja nicht
beeindrucken.
Als der
frühere
ostpreußische
Zentrumspolitiker
Linus Kather
ihn Mitte
der 50er
Jahre aus
deutschlandpolitischer
Unzufriedenheit
zum
gemeinsamen
Übertritt in
den nach
rechts
tendierenden
Block der
Heimatvertriebenen
und
Entrechteten
(BHE)
bewegen
wollte,
lehnte Czaja
das
unmissverständlich
ab und
warnte vor
diesem
Irrweg.
Nach seiner
Wiederwahl
in den
Deutschen
Bundestag
wurde er von
Kurt Georg
Kiesinger
vorübergehend
in die
Gespräche
zur
Regierungsbildung
in Stuttgart
(1958)
einbezogen,
aber ein
Wechsel in
die
Landespolitik
kam für ihn
nicht in
Frage. Czaja
sah seine
Aufgabe in
Bonn,
besonders in
der
Vertriebenen-
und der
Wohnungsbaupolitik.
Hier gewann
für ihn die
Eigentumsbildung
eine neue,
auch sozial-
und
familienpolitische
Bedeutung.
Aktiv wirkte
er in
Wohnungsbaugesellschaften
mit und
unterstützte
Wohnungsbauminister
Paul Lücke
nachdrücklich.
Zugleich
wandte er
sich gegen
das
„Kollektiveigentum
und den
Hochhausbau“
(Czaja),
eine
Politik, für
die
stellvertretend
der
gewerkschaftseigene
Großkonzern
Neue
Heimat
stand.
Über seine
Arbeitsgebiete
hinaus waren
Czajas
Möglichkeiten
in der
Fraktion
während
seiner
zweiten
Legislaturperiode
eher gering;
er selbst
sah sich
ohne
nennenswerten
Einfluss und
Mitstreiter,
obwohl
damals 32
(der 278)
Fraktionsmitglieder
der Gruppe
der
Vertriebenen
und
Flüchtlinge
angehörten.
Nachdem er
1961 erneut
über die
Landesliste
in den
Bundestag
eingezogen
war,
verfolgte er
mit
wachsendem
Unverständnis
die Kritik,
die Adenauer
in seiner
Endphase
erfahren
musste. Im
Rückblick
formulierte
Czaja,
damals sei
„durch
personale
Querelen
konzeptionell
Richtiges
ernsthaft
bedroht“
worden.
Czaja
bewunderte
den ersten
Bundeskanzler
aufrichtig,
und trotz
menschlichen
Respektes,
den er für
Ludwig
Erhard
empfand,
teilte er
Adenauers
kritische
Einschätzung
für seinen
Nachfolger.
Nach Czajas
Überzeugung
vertrat
Erhard in
der Frage
der
Oder-Neiße-Linie
nicht die
gleiche
feste
Position,
die er
Adenauer
unterstellte.
Umso
bemerkenswerter
ist es, dass
1964 im Zuge
einer
Kabinettsumbildung
auch eine
Berufung
Czajas
diskutiert
wurde; so
jedenfalls
erfuhr er
von dem
stellvertretenden
Fraktionsvorsitzenden
Rainer
Barzel.
IV
Mitte der
60er Jahre
verlagerte
Czaja den
Schwerpunkt
seiner
politischen
Tätigkeit
auf die
Außen- und
Deutschlandpolitik;
seit 1964
war er
Mitglied des
Auswärtigen
Ausschusses.
Zu seinem
Verständnis
von
Außenpolitik
gehörte ein
unbeirrbares
Engagement
auf dem Feld
der
Menschenrechte.
Im damaligen
Deutschen
Bundestag
war das eher
ungewöhnlich.
Während des
Bürgerkrieges
in
Nigeria/Biafra
beteiligte
er sich an
Gesprächs-
und
Unterstützungskreisen
für
humanitäre
Maßnahmen,
reiste
selbst in
das
Konfliktgebiet
und bemühte
sich um die
Aufnahme von
Flüchtlingen
aus dem
geschundenen
Land. In
ähnlicher
Weise
engagierte
er sich für
die Opfer
von
Menschenrechtsverletzungen
im Nahen
Osten, im
Sudan, in
Zentralamerika
und
Südostasien.
Seine
Versuche zu
helfen
galten auch
den von
Natur- und
Hungerkatastrophen
Betroffenen,
und
wiederholt
wies er auf
ökologische
Ursachen
dieser
vermeintlichen
Naturereignisse
hin.
Zeitweilig
war Czaja
stellvertretender
Vorsitzender
des
Bundestags-Unterausschusses
für
humanitäre
Hilfe. Im
Zentrum
seiner
Arbeit
standen das
Ringen um
Deutschland,
wie er es
verstand,
und die
Rechte der
Vertriebenen.
Bereits in
seiner
frühen
Stuttgarter
Zeit
gründete er
die
Landsmannschaft
der
Oberschlesier,
und nach
langjähriger
Tätigkeit
auf
regionaler
und
Landesebene
wurde er
1964 ihr
Bundesvorsitzender,
1969 ihr
Sprecher.
Bereits in
einer seiner
ersten
Stellungnahmen
als
Bundesvorsitzender
hatte er
deutlich
gemacht, die
Verwirklichung
des
Heimatrechtes
müsse „in
den großen
Rahmen der
europäischen
Einigung“
gestellt
werden, und
war für eine
Verständigung
mit Polen
eingetreten.
In den
frühen 60er
Jahren
begegnete
das
politische
Deutschland
dem Anliegen
der
Vertriebenen
noch in
grundsätzlich
anderer
Weise, als
dies nur
wenige Jahre
später der
Fall sein
sollte.
Ausgangspunkt
und in
gewisser
Weise Teil
der
Staatsräson
der jungen
Bundesrepublik
Deutschland
war seit
1949 die
gemeinsame
Überzeugung
aller
demokratischen
Parteien,
dass
Deutschland
nicht
aufgehört
habe, in den
Grenzen von
1937
fortzubestehen.
Lediglich
die
Kommunisten
vertraten
eine andere
Position.
Diesen
deutschlandpolitischen
Grundkonsens
stellten
kleinere
Diskussionszirkel
innerhalb
der FDP
erstmals
Ende der
50er Jahre
in Frage;
1963 wurde
in der SPD
der Begriff
Wandel
durch
Annäherung
geprägt. Bis
weit in die
zweite
Hälfte der
60er Jahre
hinein waren
solche
Positionen
aber auch im
Lager dieser
beiden
Parteien
nicht
annähernd
mehrheitsfahig.
Noch 1965
wurde in der
SPD im
Hinblick auf
die
Ostgebiete
des
Deutschen
Reiches eine
nationale
Sprache
gepflegt,
die selbst
bei der
CDU/CSU so
kaum üblich
war. Unter
Bundeskanzler
Kurt Georg
Kiesinger,
der seit
1966 einer
Koalition
von CDU, CSU
und SPD
vorstand,
kam
erkennbar
Bewegung in
die Ost- und
Deutschlandpolitik.
Außenminister
Brandt trat
seit 1968
für eine
Respektierung
bzw.
Anerkennung
der
Oder-Neiße-Grenze
ein. Die
Vertriebenen
reagierten
darauf mit
Unverständnis
und
Ablehnung.
Czaja selbst
veröffentlichte
eine Schrift
Ausgleich
mit
Osteuropa –
Versuch
einer
europäischen
Friedensordnung.
Er lehnte –
ganz im
Geist der
Charta der
deutschen
Heimatvertriebenen
von 1950 –
gewaltsame
Grenzänderungen
ab und
setzte auf
eine
friedliche
Verwirklichung
von
Menschen-
und
Gruppenrechten
in
Osteuropa.
Nachdrücklich
betonte er
das Recht
auf Heimat
und forderte
Volksgruppenrechte
für die
Minderheiten.
Die Stimme
der
Vertriebenen
hatte
bereits zu
diesem
Zeitpunkt
sehr an
Gewicht
verloren.
Nach den
Bundestagswahlen
von Herbst
1969 kam es
mit der
Bildung der
sozial-liberalen
Regierung zu
einer
offenen
Wende in der
Ost- und
Deutschlandpolitik,
die im
Gegensatz zu
Erklärungen
stand, die
von
denselben
Politikern
noch wenige
Monate zuvor
abgegeben
worden
waren.
V
In dieser
für die
Vertriebenen
und ihre
Zusammenschlüsse
stürmischen
Zeit wurde
Czaja im
März 1970
Präsident
des Bundes
der
Vertriebenen
(BdV), einer
der größten
Organisationen
der
Bundesrepublik
mit damals
zweieinhalb
Millionen
Mitgliedern.
Er trat die
Nachfolge
des
ehemaligen
SPD-Bundestagsabgeordneten
Reinhold
Rehs an, der
aus Protest
gegen die
neue
Ostpolitik
zur CDU
übergetreten
war, aber
kein neues
Mandat
erhalten
hatte. Als
Karrierestation
sah Czaja
die neue
Funktion
nicht,
vielmehr
habe er eine
Stellung
„zum
Verschleiß“
übernommen.
Czaja
unterschied
sich in
Denkweise
und
Auftreten
deutlich von
seinen
Vorgängern.
In ersten
Stellungnahmen
bemühte er
sich, keine
weitere
Polarisierung
aufkommen zu
lassen, und
betonte, er
sei ein
Politiker,
„der bei
aller
Unterstreichung
der
Rechtsprinzipien
um eine
Lösung im
Sinne eines
Ausgleichs
ringt“.
Die neue
Bundesregierung
glaubte
indes, ihre
Politik ohne
die Menschen
betreiben zu
können, die
von ihr am
meisten
betroffen
waren.
Entgegen der
Zusage, die
Brandt als
Außenminister
gegeben
hatte, man
werde die
Vertriebenen
einbeziehen,
fanden im
Laufe des
Jahres 1970
Geheim-Verhandlungen
mit der
Sowjetunion
und der
Volksrepublik
Polen statt.
An ihrem
Ende standen
die Verträge
von Moskau
und
Warschau.
Sie
enthielten
die
faktische
Anerkennung
der
Oder-Neiße-Linie
als
Ostgrenze
Deutschlands.
Es bedurfte
intensiver
Bemühungen
der CDU/
CSU-Opposition
und der
Einschaltung
des
Bundesverfassungsgerichtes,
um
klarzustellen,
dass die
Verträge
lediglich
den
Charakter
von
Gewaltverzichts-,
nicht aber
von
Grenzanerkennungsverträgen
hatten.
Czaja hatte
vergeblich
gefordert,
die
Geheimdiplomatie
zu beenden
und
rechtzeitig
die sonst so
vehement
geforderte
Transparenz
zu
praktizieren.
Tatsächlich
wurden
Politiker
und
Journalisten,
die
vorzeitig
Teile der
Verhandlungsergebnisse
veröffentlicht
hatten,
unter Druck
gesetzt.
Auch gegen
Czaja
richteten
sich
unmäßige
Angriffe.
Unbekannte
Urheber
versandten
unter seinem
Absender
gefälschte
chauvinistische
Texte.
Wiederholt
wurde er an
öffentlichen
Reden
gehindert.
Für Czaja
war es eine
tiefe
Enttäuschung,
dass sich
seine Partei
bzw. die
CDU/CSU-Bundestagsfraktion
unter
Führung des
damaligen
Vorsitzenden
Barzel nicht
geschlossen
zu einer
Ablehnung
der Verträge
durchringen
konnte.
Vergeblich
hatte Czaja,
der immer
wieder
humanitäre,
historische
und
völkerrechtliche
Argumente
vortrug,
auch darauf
hingewiesen,
dass
Gegenleistungen
von
russischer
und
polnischer
Seite
ausgeblieben
seien.
Im Frühjahr
1973 musste
Czaja
feststellen,
dass für die
deutsche
Minderheit
im
polnischen
Herrschaftsbereich
trotz oder
gerade wegen
der Verträge
vieles
schlechter
geworden
sei.
Antideutsche
Propaganda
und
individuelle
Verfolgung
von
Personen,
die sich zur
deutschen
Kultur
bekannten,
seien neu
aufgekommen.
Nachdrücklich
warnte er
vor der
Erfüllung
weiterer
finanzieller
Forderungen
Polens, die
die
Warschauer
Regierung
dann noch im
selben Jahr
erhob. Als
die
polnische
Seite im
Hinblick auf
die deutsche
Minderheit
von
lediglich
50.000
Aussiedlungsberechtigten
sprach,
hielt Czaja
ihr die Zahl
von 280.000
unerledigten
Anträgen
entgegen,
die zu
diesem
Zeitpunkt
den
Organisationen
der
Heimatvertriebenen
bekannt
waren.
Czajas
Detailkenntnisse,
seine
juristische
Argumentation
und seine
Hartnäckigkeit
machten ihn
zu einem für
die
kommunistische
Regierung
Polens
äußerst
unangenehmen
Gegner. Sie
schreckte
vor keinem
Mittel
zurück, um
die
Glaubwürdigkeit
und
Integrität
dieses
Gegners zu
beschädigen.
Von der
amtlichen
polnischen
Nachrichtenagentur
PAP wurde
Czaja im
Frühjahr
1975
beschuldigt,
sich an
verschiedenen
„Verbrechen
am
polnischen
Volk“
beteiligt zu
haben, u.a.
an der
Verschleppung
von 183
Professoren
der
Universität
Krakau im
November
1939.
Damit wurde
die Wahrheit
auf den Kopf
gestellt.
Czaja, der
1939
geholfen und
sich damit
selbst
gefährdet
hatte, nahm
gegen die
bösartigen
Verdrehungen
öffentlich
Stellung –
eine der
wenigen
Gelegenheiten,
bei denen er
auf
persönliche
Angriffe so
vehement
reagierte.
Obwohl
eindeutige
Aussagen
polnischer
NS-Verfolgter
vorlagen,
machten sich
auch
deutsche
Stimmen im
linken Lager
die
ehrabschneidenden
Unwahrheiten
zu Eigen, um
Czaja in die
Nähe der
Nationalsozialisten
zu rücken.
Gerade unter
diesen
Anwürfen hat
er sehr
gelitten.
In seinen
Bemühungen
um
Deutschland
und die
deutsche
Minderheit
jenseits von
Oder und
Neiße ließ
er sich
jedoch nicht
beirren.
Immer wieder
stellte er
die
Bundesregierung
im Deutschen
Bundestag
mit
bohrenden
Fragen und
Zusatzfragen.
Allein
zwischen
1971 und
1975
reichten er
und sein
Fraktionskollege
Herbert
Hupka,
Vizepräsident
des BdV,
etwa 300
Fragen an
die
Regierung
ein.
Wiederholt
forderte
Czaja
Brandts
Nachfolger
Schmidt auf,
die
deutschen
Interessen
nachhaltiger
zu
vertreten.
Trotz der
Milliardenzahlungen
an das
kommunistische
Regime in
Warschau
gebe es für
die deutsche
Minderheit,
zu der eine
Million
Menschen
gehörten, so
Czaja Ende
1977,
„keine
einzige
deutsche
Schule und
keinen
einzigen
deutschen
Verein“.
Deutsche
Namen würden
weiterhin
auf
gesetzlicher
Grundlage
zwangspolonisiert,
deutsche
Grabinschriften
verboten,
Kinder
ausgehorcht,
ob sie zu
Hause
Deutsch
redeten. Als
ein schweres
Hindernis
für eine
wirkliche
deutsch-polnische
Aussöhnung
beklagte
Czaja die
Tatsache,
dass die in
der
Nachkriegszeit
an Deutschen
begangenen
Verbrechen
selbst Ende
der 70er
Jahre noch
nicht
verfolgt
wurden. Für
Czaja und
viele
Vertriebene
stand
stellvertretend
für diese
Verbrechen
der Name des
Todeslagers
Lamsdorf, in
dem viele
Tausend
Menschen
wegen ihrer
bloßen
Zugehörigkeit
zum
deutschen
Volk
ermordet
worden
waren.
Unmissverständlich
aber wies
Czaja
Versuche
zurück,
durch
Vergleiche
die
Verbrechen
der
Nationalsozialisten
zu
relativieren.
Kaum ein
Vertriebenenpolitiker
hat so oft
und so
deutlich von
der
deutschen
Schuld
gegenüber
Polen
gesprochen.
Czaja ließ
aber nicht
zu, dass aus
dieser
Schuld die
Rechtfertigung
für das den
Deutschen
zugefügte
Unrecht
abgeleitet
wurde.
Auch die
Konferenz
für
Sicherheit
und
Zusammenarbeit
in Europa
(KSZE) hatte
für die
deutsche
Minderheit
in den
Vertreibungsgebieten
nicht die
erhofften
positiven
Folgen. Im
Zusammenhang
mit dem
KSZE-Überprüfungstreffen
in Belgrad
1978 rügte
Czaja erneut
die
mangelhafte
Vertretung
deutscher
Interessen
durch die
sozialliberale
Bundesregierung.
Czaja
gehörte zur
kleinen Zahl
jener, die
die
Wiedervereinigung
und die
Ablehnung
der
Oder-Neiße-Grenze
zum Ceterum
censeo ihrer
Politik
machten,
bisweilen in
einer Weise,
die nicht
nur die
Gegner,
sondern
manchmal
auch
politische
Freunde
enervierte.
Das galt
besonders
für seine
rechtliche
Argumentationsweise.
Die Zeit
schien gegen
Czaja zu
arbeiten.
Hatten seine
Themen
früher viele
Leitartikel
bestimmt, so
war er Ende
der 70er
Jahre
außerhalb
der
Vertriebenenpresse
meist darauf
angewiesen,
seine
Positionen
in
Leserbriefen
zu
vertreten.
In oft
bestechender
Argumentation
reagierte er
dort selbst
auf einzelne
Äußerungen
führender
Regierungspolitiker,
etwa die
Ansicht des
Sozialdemokraten
Ehmke, der
ebenso
töricht wie
verfassungsrechtlich
bedenklich
behauptet
hatte,
Deutschland
sei „ein
juristisches
Schattenreich“.
Für Herbert
Czaja blieb
die Einheit
Deutschlands
dagegen eine
Realität.
VI
Sehr
aufmerksam
verfolgte
Czaja Ende
der 70er
Jahre
oppositionelle
Ansätze im
Ostblock.
Gleichzeitig
beobachtete
er mit
Sorge, wie
sehr man im
Auswärtigen
Amt diese
Ansätze und
die sich
daraus
ergebenden
politischen
Möglichkeiten
unterschätzte.
Seine
persönliche
Sympathie
galt der
Gewerkschaftsbewegung
Solidarität
in Polen.
Zum einen
sah er sich
durch ihre
ersten
Erfolge in
seiner
christlich
begründeten
Überzeugung
bestärkt,
dass der
Mensch zur
Freiheit
geboren sei
und daher
alle
freiheitsfeindlichen
Systeme
langfristig
scheitern
müssten; zum
anderen
hoffte er,
mit einer
freigewählten
demokratischen
Regierung in
Warschau
eher zu
einem
Ausgleich
über die
Probleme zu
kommen, die
das
Verhältnis
beider
Länder so
schwer
belasteten.
Zutreffend
schätzte er
bereits
damals das
Ausmaß der
wirtschaftlichen
Schwierigkeiten
des
Ostblocks
ein –
zutreffender
jedenfalls
als nicht
wenige, die
den
ostpolitischen
Kurs
maßgeblich
beeinflussten.
Für ihn
schien es
zwingend,
dass eine
deutsche
Regierung
aus diesen
Schwierigkeiten
politische
Vorteile
ziehen
müsse.
Tatsächlich
aber blieben
die
erheblichen
finanziellen
bzw.
wirtschaftlichen
Hilfen für
die Moskauer
Regierung
und das
inzwischen
herrschende
polnische
Militärregime
ohne die
Gegenleistungen,
die er für
möglich
hielt: den
Abbau der
Berliner
Mauer und
der
deutschen
Teilung
sowie für
alle
Deutschen
das
„Recht auf
Heimat in
einem freien
Europa“.
Czaja musste
erkennen,
dass die
sozial-liberale
Bundesregierung
die
europäische
Nachkriegsordnung
für
endgültig
hielt und
die
Freiheitsbestrebungen
in Osteuropa
als eher
irritierend
empfand.
Vergeblich
forderte er
die
Sozialdemokraten
auf, mit der
Solidarität
in einen
ernsthaften
Dialog
einzutreten.
Auf
deutscher
Seite blieb
der Kontakt
im
Wesentlichen
auf
Journalisten,
kirchliche
Kreise und
Teile der
CDU/CSU-Opposition
beschränkt.
Für die
Union ging
im Herbst
1982 mit dem
von Helmut
Kohl
gewonnenen
konstruktiven
Misstrauensvotum
die
13-jährige
Oppositionszeit
zu Ende. Der
Koalitionswechsel
der FDP
bedeutete
freilich
nicht den
von Czaja
für
notwendig
gehaltenen
Kurswechsel
in der Ost-
und
Deutschlandpolitik,
blieb doch
Hans-Dietrich
Genscher,
der die
Liberalen an
die Seite
der CDU und
CSU geführt
hatte,
weiterhin
Außenminister.
Ihn machte
Czaja nicht
nur für
Fehlentscheidungen,
sondern für
eine aus
seiner Sicht
grundsätzlich
falsche
Konzeption
verantwortlich.
Seine
Auffassung
sah er
dagegen seit
1985 durch
den
amerikanischen
Präsidenten
Reagan
nachhaltig
bestätigt,
der auf
einen
friedlichen
Wandel in
Moskau
setzte,
während das
Auswärtige
Amt immer
noch die
„friedensstiftende
Funktion der
Erhaltung
des Status
quo“
betonte.
Aber auch in
der eigenen
Partei gab
es für Czaja
enttäuschende
Entwicklungen,
und obwohl
er 1983
seinen
Stuttgarter
Wahlkreis
erstmals
direkt
gewonnen
hatte,
stärkte das
seinen
innerparteilichen
Einfluss
kaum. Er
geriet in
eine
Konfrontation
mit dem
„linken
Flügel“ der
CDU, und
selbst
Parteifreunde
rechneten
ihn – einen
polemischen
Begriff der
Hamburger
Magazinpresse
aufnehmend –
zu einer
angeblichen
unionsinternen
Stahlhelmfraktion.
Sachlich
ging es
dabei vor
allem um die
Familien-
und die
Ostpolitik.
Der
stellvertretende
CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende
Ruhe
attestierte
den
Ostverträgen
eine
„politische
Bindungswirkung“
auch für ein
wiedervereinigtes
Deutschland.
Für Czaja
waren damit
Positionen
gefährdet,
für die er
seit
Jahrzehnten
gekämpft und
die er mit
dem
Bundesverfassungsgerichtsurteil
von 1973
dauerhaft
bestätigt
geglaubt
hatte.
Die Kette
unerfreulicher
Auseinandersetzungen
riss nicht
ab. Durch
eine Rede
des
Bundespräsidenten
von
Weizsäcker
zum 40.
Jahrestag
des
Kriegsendes
sah Czaja
die Sache
der
Vertriebenen
erneut
beschädigt.
Die Form
wahrend,
aber in der
Sache
unmissverständlich,
attackierte
er von
Weizsäcker
und hielt
ihm vor, zu
einer
konstruktiven
Friedensordnung
müssten
beide
Seiten,
Polen und
Deutschland,
beitragen
und nicht
nur die
Vertriebenen
durch
Verzicht auf
Heimat,
Eigentum und
Achtung.
Als es im
selben Jahr
noch zu
einer
heftigen
Auseinandersetzung
um das
missverständliche
Tagungsmotto
des
Schlesiertages
„40 Jahre
Vertreibung
– Schlesien
bleibt
unser“
kam, das die
Landsmannschaft
Schlesien
gewählt
hatte, und
Czaja kurz
darauf nicht
mehr in den
Landesvorstand
seiner
Partei in
Baden-Württemberg
gewählt
wurde,
schien er in
der CDU vor
dem
politischen
Ende.
Dennoch wies
er ohne
Zögern ein
Angebot der
Republikaner
zurück, die
ihn „mit
offenen
Armen“ –
so ihr
Vorsitzender
Schönhuber –
aufnehmen
wollten.
Eine andere
Entscheidung
des höchsten
Repräsentanten
der
Vertriebenen
hätte in
dieser
Situation
möglicherweise
eine fatale
Signalwirkung
gehabt und
den weiteren
Aufschwung
der
Republikaner
begünstigt.
Czaja
entschied
sich fernab
aller
taktischen
Überlegungen
aus tiefer
christlicher
Überzeugung
gegen den
rechten Rand
und für die
politische
Mitte, so
sehr er sich
durch die
eigene
Partei
enttäuscht
sah.
Aufgeben
wollte er
indes nicht.
Obwohl im
Wettbewerb
um die
Bundestagskandidatur
ein
innerparteilicher
Gegenkandidat
aus der
Stuttgarter
Jungen Union
antrat,
erhielt er
Unterstützung
gerade auch
von jungen
Menschen.
Der
Landesvorstand
korrigierte
die
Entscheidung
des
Parteitages
insofern,
als er ihn
einstimmig
und damit
überzeugend
kooperierte.
Auch aus
Bonn kam
Rückenwind.
Czaja gewann
die
Nominierungsabstimmung
und holte im
September
1987 den
schwierigen
Wahlkreis
erneut
direkt.
Seinen
politischen
Kurs haben
diese
Erfahrungen
nicht
verändert,
zumal er
davon
überzeugt
war, dass
„Fortschritte
auf dem Weg
zum Abbau“
der
europäischen
und
deutschen
Teilung
„aktuell
erreichbar“
seien. Er
selbst
prognostizierte
die deutsche
Wiedervereinigung
–
entschlossenes
Handeln
vorausgesetzt
– für das
nächste
Jahrzehnt.
Zugleich
kritisierte
er seine
eigene
Partei, weil
sie nicht
über eine
deutschlandpolitische
Gesamtkonzeption
verfüge;
Czaja hielt
es für nicht
ausreichend,
die deutsche
Frage nur
offenhalten
zu wollen.
Czaja stand
mit dieser
parteiinternen
Kritik
keineswegs
allein.
Gerade die
Ereignisse
des Jahres
1989 machten
aber
deutlich,
dass die
deutschlandpolitischen
Modelle und
„Gesamtkonzeptionen“,
die 1987/88
von
einzelnen
CDU/CSU-Politikern
und -zirkeln
vorgelegt
wurden, ein
sehr kurzes
Verfallsdatum
hatten: In
Osteuropa
und in der
DDR
beschleunigte
sich die
Entwicklung
rapide, und
Einwirkungsmöglichkeiten
von außen
gab es
praktisch
nicht.
Angesichts
dieser
Situation
konnten
vorgefertigte
und meist
langfristig
angelegte
Konzeptionen
kaum
hilfreich
sein – die
notwendigen
Entscheidungen
mussten
allzu oft
vor dem
Hintergrund
sich
überstürzender
Ereignisse
situationsabhängig
getroffen
werden.
Czaja sah
nicht erst
in dieser
Phase für
die
Vertriebenen
die konkrete
Gefahr, dass
sich die
Wiedervereinigungsdiskussion
auf
Westdeutschland
und das
historische
Mitteldeutschland
beschränken
würde;
nachdrücklich
forderte er
die
Einbeziehung
der
Ostgebiete
des
Deutschen
Reiches in
alle
Erörterungen.
Immer wieder
verwies er
auf die
alliierten
Festlegungen
der
Nachkriegszeit,
auf die
völkerrechtliche
Situation
und nicht
zuletzt die
historische
Tatsache,
dass diese
Gebiete seit
700 Jahren
von
Deutschen
besiedelt
und geprägt
worden
waren.
Im
Unterschied
zu anderen
Vertriebenenpolitikern
ging er aber
seit den
60er Jahren
davon aus,
dass
grenzkorrigierende
Kompromisse
notwendig
sein würden.
Konkrete
Vorschläge
hat Czaja
aus
naheliegenden
Gründen
nicht
vorgelegt.
Sie wären,
so ist
sicher
anzunehmen,
von
polnischer
Seite ebenso
zurückgewiesen
worden wie
von weiten
Teilen der
Vertriebenen.
Vorstellungen,
die Czaja im
Frühjahr
1990 für
Oberschlesien
entwickelte
und die auf
einen
Sonderstatus
hinausliefen
oder aus den
umstrittenen
Gebieten
insgesamt
ein
„neues
europäisches
Territorium
mit eigener
Souveränität“
zu schaffen
suchten,
hatten auf
den Fortgang
der
Ereignisse
keinen
Einfluss.
Die
Anerkennung
der
Oder-Neiße-Linie
als
Ostgrenze
Deutschlands
war 1990 der
Preis für
die
staatliche
Wiedervereinigung
des
historischen
Mitteldeutschland
mit
Westdeutschland.
Dieser hohe
Preis ist
außerhalb
der
Vertriebenengemeinschaft
nur noch von
einer
Minderheit
als
schmerzlich
empfunden
worden. Für
die
Vertreibung,
das größte
Verbrechen
der
europäischen
Nachkriegsgeschichte,
gab es in
der
deutschen
Gesellschaft
über verbale
Bekundungen
hinaus kaum
noch ein
moralisches
oder
historisches
Empfinden.
In diesen
für die
deutsche
Einheit
entscheidenden
Monaten kam
aus
Vertriebenenkreisen
heftige und
bisweilen
unmäßige
Kritik an
Bundeskanzler
Helmut Kohl,
obwohl
gerade er
sich um das
Verständnis
der
Vertriebenen
stets bemüht
hatte. Czaja
schloss sich
dieser
Kritik nicht
an, vielmehr
war er
dankbar
dafür, dass
Kohl
demonstrativ
die
Vertriebenenveranstaltungen
besuchte.
Der Kanzler
erfuhr dafür
eine zum
Teil in
Schmähungen
ausartende
Kritik von
linker
Seite. Als
Angehöriger
der
Erlebnisgeneration
wusste Kohl,
wie
schmerzhaft
gerade für
die Opfer
der
Vertreibung
der Weg war,
den er gehen
musste, um
wenigstens
diese
Wiedervereinigung
zu
erreichen.
Die meisten
Vertriebenen
erkannten
nicht, dass
Kohl selbst
die von
Czaja als
„zu klein“
empfundene
Lösung gegen
den
anfanglichen
Widerstand
nahezu aller
Mächte
durchsetzen
musste, die
sich zur
Mitsprache
berechtigt
fühlten.
Viele
Vertriebene,
die sich in
ihrer
Stuttgarter
Charta von
1950 zur
Gewaltlosigkeit
und zum
Ausgleich
mit den
östlichen
Nachbarn
verpflichtet
hatten, die
auf das
Recht als
die Waffe
des
Schwächeren
vertrauten,
wie Czaja
immer wieder
hervorhob,
sahen sich
durch das
Ergebnis des
Wiedervereinigungsprozesses
und die
Regelung des
Verhältnisses
zu Polen
bitter
enttäuscht.
Zu sehr
hatten sie
auch
geglaubt,
die
Grenzfrage
könne
maßgeblich
von einer
deutschen
Regierung in
ihrem Sinne
entschieden
werden und
waren damit
einer
schwerwiegenden
Fehleinschätzung
erlegen. Es
gab in der
entscheidenden
Phase keinen
führenden
ausländischen
Politiker,
der sich die
Sache der
deutschen
Vertriebenen
zu Eigen
gemacht oder
wenigstens
ihre
Position
unterstützt
hätte.
Das galt im
übrigen auch
für die
Mehrheit der
westdeutschen
Bevölkerung
– die
Ostpolitik
der
sozial-liberalen
Koalition
hatte
hinsichtlich
der
Grenzfrage
„bewusstseinsbildend“
gewirkt, und
wer
innerhalb
oder
außerhalb
des
Vertriebenenlagers
unter
Hinweis auf
Recht und
Geschichte
andere
Auffassungen
vertrat, sah
sich dem
Verdacht
ausgesetzt,
den Frieden
zu gefährden
und alte
politische
Gespenster
heraufbeschwören
zu wollen.
Diese
Bewusstseinsveränderung
in ihrer
Tragweite
nicht
erkannt zu
haben,
gehörte zur
persönlichen
Tragödie
vieler
Vertriebenenpolitiker,
auch der
Herbert
Czajas.
Im Deutschen
Bundestag
gehörte er
zu einer
kleinen
Gruppe von
Abgeordneten,
die der
Grenzanerkennung
im Juni 1990
ihre
Zustimmung
verweigerten.
Czaja
betonte, der
Ausgleich
mit Polen
und den
übrigen
Vertreibungsstaaten
sei nicht zu
erreichen,
wenn eine
Seite nichts
und die
andere Seite
alles
erhalte. Die
Anerkennung
des
territorialen
Totalverlustes
von
Ostdeutschland
könne er
nicht als
Preis für
die
staatliche
Wiedervereinigung
West- und
Mitteldeutschlands
akzeptieren,
zumal Polen
und die
Tschechoslowakei
nicht bereit
waren, sich
zu den
moralischen,
strafrechtlichen
und
materiellen
Konsequenzen
der
völkerrechtswidrigen
Vertreibung
zu bekennen.
Vergeblich
rief Czaja
zusammen mit
sieben
Fraktionskollegen,
von denen
keiner zu
den
führenden
Politikern
der CDU/CSU
gerechnet
werden
konnte, das
Bundesverfassungsgericht
an. Die
Kläger sahen
sich durch
das
Gesetzgebungsverfahren,
das zur
endgültigen
Anerkennung
der
Oder-Neiße-Grenze
führte, in
ihren
Rechten
verletzt.
Die Klage
scheiterte
im September
1990. Czajas
Position in
der
Grenzfrage
wie zum
Deutsch-Polnischen
Vertrag von
1991 blieb
im Lager der
Vertriebenen
nicht ohne
Widerspruch.
Im Rückblick
musste er
einräumen,
es habe
großer
Anstrengungen
bedurft, um
den
Zusammenhalt
zu sichern.
Gerade
jüngere
Vertriebenenpolitiker
opponierten
gegen Czajas
Kurs, der
sich
menschlich
tief
enttäuscht
zeigte.
VII
Nach
37-jähriger
Zugehörigkeit
zum
Deutschen
Bundestag
kandidierte
Czaja bei
den Wahlen
im Dezember
1990 nicht
mehr. Für
seine
Überzeugungen
und sein
politisches
Arbeiten ist
kennzeichnend,
dass seine
letzte
Initiative
als
Abgeordneter,
die Klage in
Karlsruhe,
noch einmal
eine für ihn
ethisch wie
rechtlich
und
politisch
zentrale
Frage
betraf.
Gegenstand
der Klage,
die er und
seine
Mitstreiter
einreichten,
war u.a. die
Übernahme
des
DDR-Abtreibungsrechtes
im
Einigungsvertrag
zwischen der
Bundesrepublik
Deutschland
und der DDR.
Das
Engagement
für das
ungeborene
Leben war
für den
tiefgläubigen
Katholiken
im Sinne des
Wortes die
natürlichste
Sache
überhaupt.
In den 70er
Jahren
widersetzte
er sich mit
seiner
Fraktion
vergeblich
der
sozial-liberalen
Koalition,
die durch
die sog.
Reform des
Paragraphen
218 StGB den
Schutz des
ungeborenen
Lebens
faktisch
preisgab.
Ihm war
bewusst,
dass es in
dieser
Auseinandersetzung
nicht nur um
eine
christliche
Grundüberzeugung,
sondern um
Werteüberzeugungen
ging, die
der
freiheitlichen
Verfassungsordnung
der
Bundesrepublik
Deutschland
zugrunde
liegen. Für
Czaja nicht
überraschend
hat das
Bundesverfassungsgericht
die von der
damaligen
Regierungsmehrheit
durchgesetzte
Fristenlösung
als
verfassungswidrig
verworfen.
Ihn
entsetzten
aber die in
der
veröffentlichten
Meinung
betriebene
Diskussion
und die
Tatsache,
dass in der
westdeutschen
Wohlstandsgesellschaft
nahezu jede
dritte
Schwangerschaft
meist mit
der
Begründung
einer
sozialen
Notlage
abgebrochen
wurde.
Vor diesem
Hintergrund
trat Czaja
dafür ein,
dass nur
noch solche
Beratungsstellen
staatlich
gefordert
werden
sollten, die
Frauen in
Konfliktsituationen
in erster
Linie
seelische
und
materielle
Hilfe
anboten.
Zutreffend
sah er ein
Hauptproblem
in dem
veränderten
Rechtsbewusstsein.
Es
orientiere
sich, so
Czaja, mehr
an der
rechtswidrigen
Praxis als
am Gesetz.
Grund für
die
schleichende
Veränderung
des
Rechtsbewusstseins
sei u.a. die
Zurücknahme
des
Strafanspruchs
und die
Finanzierung
der
Abtreibung
durch die
Krankenkassen.
Die
faktische
Sanktionslosigkeit
führe in der
Gesellschaft
zu der
Annahme, die
Tötung
ungeborenen
Lebens sei
erlaubt.
Folgerichtig
gehörte
Czaja 1983
im Deutschen
Bundestag zu
den
Mitinitiatoren
eines
Antrages,
der die
Krankenkassenfinanzierung
von
Abtreibungen
beenden
sollte. Der
Antrag
veranlasste
den der FDP
angehörenden
Justizminister
Engelhardt,
von einer
bewussten
„Störung des
Koalitionsfriedens“
zu sprechen.
Erfolg war
der
Initiative
angesichts
der
Mehrheitsverhältnisse
nicht
beschieden.
Trotz dieses
Fehlschlages
ließ Czaja
sich nicht
entmutigen,
weiterhin
für den
Lebensschutz
einzutreten.
Er half im
Hintergrund
und äußerte
sich dort
öffentlich,
wo es ihm
geboten
schien. Als
ein
bayerisches
Krankenhaus
von
Stellenbewerbern
die
Bereitschaft
verlangte,
bei
Abtreibungen
mitzuwirken,
sorgte er
dafür, dass
die
bayerische
Staatsregierung
dieses
rechtswidrige
Vorgehen
stoppte.
Czaja wusste
sich in der
Abtreibungsproblematik
wie in allen
Fragen der
Glaubens-
und
Sittenlehre
in
Übereinstimmung
mit seiner
Kirche.
Dort, wo
Papst und
Bischöfe
über diesen
Bereich
hinausgingen,
scheute er
sich nicht,
den Dissens
offen zu
artikulieren.
Das galt
etwa für die
vatikanische
Ostpolitik
der 70er
Jahre. Die
oppositionelle
Rolle der
Kirche in
Polen
würdigte er
nachdrücklich,
kritisierte
aber auch
die
Verweigerung
deutschsprachiger
Gottesdienste
und schwieg
nicht zu dem
schlimmen
Verhalten
des Primas
Hlond in der
Nachkriegszeit.
Auch Primas
Glemp, der
bemerkte,
Mitglieder
der
deutschen
Volksgruppe
in Polen
würden nicht
einmal ihre
Sprache
beherrschen,
hätten aber
Anspruch auf
die deutsche
Staatsbürgerschaft,
erfuhr
Czajas
Widerspruch.
Er hielt dem
Kardinal
entgegen, er
berufe sich
auf die
Ergebnisse
einer
„40jährigen
Zwangspolonisierung
und
Diskriminierung“
von mehr als
einer
Million
Deutschen,
ohne dies
als
Verletzung
von Sitte
und Moral zu
verurteilen.
Dagegen
stellte er
sich
wiederholt
vor Papst
Johannes
Paul II. und
nahm ihn
gegen den
von rechten
Kreisen in
Deutschland
erhobenen
Vorwurf in
Schutz, er
vertrete
chauvinistische
polnische
Positionen.
Der
tieffromme
Czaja besaß
eine
Glaubensstärke,
die groß
genug war,
einzelne
Repräsentanten
der Kirche
nicht mit
ihr
gleichzusetzen.
In den
Laiengremien
arbeitete er
offen,
konstruktiv
und kritisch
mit. Er
gehörte der
Ackermann-Gemeinde
an und
begründete
die
Arbeitsgemeinschaft
der
katholischen
Vertriebenenorganisationen
mit. Seit
1957 war er
Leiter des
Arbeitskreises
Kirche
und Heimat,
von 1967 bis
1987
Vollmitglied
des
Zentralkomitees
der
deutschen
Katholiken
(ZdK). Auch
hier galt
sein Bemühen
von Beginn
an der
ostdeutschen
Heimat und
dem
Ausgleich
mit Polen.
Für ihn
bedingte das
eine das
andere. Es
kennzeichnet
ihn, dass er
in diesem
Kreis 1958
kritisierte,
die
Landsmannschaften
seien
national-liberal,
zum Teil
aber auch
von Personen
bestimmt,
die während
des „Dritten
Reiches“
Einfluss
gehabt
hätten. Mit
ihnen konnte
die
deutsch-polnische
Aussöhnung
nicht
gelingen,
und so
setzte sich
Czaja dafür
ein, sie
durch
zweifelsfrei
demokratische
Persönlichkeiten
möglichst
mit
christlicher
Grundüberzeugung
zu ersetzen.
Das ist in
der Folge
gelungen,
und Czaja
hat für den
von ihm in
den
Vertriebenenorganisationen
verfolgten
Kurs lange
Zeit großen
Rückhalt im
ZdK gehabt.
Im Jahre
1965 kam es
zu einem
Briefwechsel
zwischen der
Polnischen
und der
Deutschen
Bischofskonferenz,
in dem beide
Seiten sich
zu der
historischen
Schuld ihrer
Völker
bekannten.
Der
hoffnungsvoll
begonnene
Dialog kam
ins Stocken,
als die
polnischen
Bischöfe nur
wenig später
ihr
Schuldbekenntnis
in einem
Hirtenbrief
relativierten.
Im deutschen
Katholizismus
löste der
Briefwechsel
eine
Diskussion
aus, die
bald stärker
von der
Politik als
von
kirchlichem
Denken
bestimmt
wurde.
Der
Bensberger
Kreis,
ein nach
seinem
Tagungsort
benannter
linkskatholischer
Zirkel,
veröffentlichte
1968 ein
Memorandum,
in dem die
Unterzeichner
die
Anerkennung
der
Oder-Neiße-Grenze
forderten.
Die
publizistische
Wahrnehmung
des Kreises,
die seine
innerkirchliche
Bedeutung
weit
überstieg,
zwang Czaja
zu einer
Entgegnung.
Er hielt ihm
vor, den
Gedanken
eines
Miteinanders
von Polen
und
Deutschen in
den
strittigen
Gebieten gar
nicht erst
aufgenommen
und
einseitig
das
Heimatrecht
der heute
dort
Lebenden
betont zu
haben. Für
Czaja stand
außer Frage,
dass es
nicht zu
einem
neuerlichen
„Bevölkerungsaustausch“
kommen
dürfe, aber
er bestand
ebenso
nachdrücklich
auf dem
Heimatrecht
der
Vertriebenen.
Maßgeblich
beteiligte
er sich im
ZdK an
Überlegungen
zur
Entschädigung
polnischer
NS-Opfer,
und eine
entsprechende
Stellungnahme
von 1974, in
der es auch
um
Aussiedlungsfragen
und um
Hilfen für
deutsche
Heimatvertriebene
ging, trug
seine
Handschrift.
Ganz
selbstverständlich
unterstützte
er das
Maximilian-Kolbe-Werk,
das zur
Versöhnung
beiträgt und
polnischen
Überlebenden
des
nationalsozialistischen
Terrors
hilft.
Aus
Altersgründen
verzichtete
Czaja 1987
auf eine
Wiederwahl
in das ZdK,
stand aber
weiterhin
als
offizieller
Berater zur
Verfügung.
Letztmalig
wirkte er an
einer
Europa-Erklärung
von Mai 1989
mit, in der
das ZdK den
Zusammenhang
zwischen der
europäischen
und der
deutschen
Teilung
betonte. Im
August
desselben
Jahres
veröffentlichten
polnische
und deutsche
Katholiken,
darunter
namhafte
Persönlichkeiten
des ZdK,
eine
Erklärung
zum 50.
Jahrestag
des
Kriegsausbruches
von 1939.
Darin hieß
es, es gebe
„noch
keine
Friedensregelung
für
Deutschland
als Ganzes“,
gleichwohl
träten die
Unterzeichner
dafür ein,
„dass die
Westgrenze
Polens
dauerhaften
Bestand“
haben solle.
Czaja sah
nur eine
Konsequenz.
In einer
scharfen
Erklärung
verwahrte er
sich gegen
die
„Ausgrenzung“
der
ostdeutschen
Katholiken
und stellte
seine mehr
als
30-jährige
Tätigkeit
für das ZdK
ein.
VIII
Herbert
Czaja hat
auch nach
der
völkerrechtlichen
Anerkennung
der
Oder-Neiße-Grenze
nicht
aufgegeben,
sondern für
die deutsche
Minderheit
die
Möglichkeiten
zu nutzen
gesucht, die
sich aus dem
Deutsch-Polnischen
Vertrag von
1991
ergaben.
Noch einmal
kandidierte
er 1992 für
das Amt des
BdV-Präsidenten.
Trotz der
Kritik, die
im Vorfeld
an seiner
Führungsarbeit
geübt wurde,
erhielt er
eine
Zweidrittelmehrheit.
Entscheidende
neue Akzente
konnte er
nicht mehr
setzen,
zumal er nur
wenige
Monate
später bei
einer
Wallfahrt
der
Vertriebenen
in
Süddeutschland
einen ersten
Herzinfarkt
erlitt. Als
er 1994
endgültig
aus dem Amt
schied,
wurde der
aus dem
Sudetenland
stammende
CSU-Bundestagsabgeordnete
Fritz
Wittmann
sein
Nachfolger;
Sprecher der
Landsmannschaft
der
Oberschlesier
und
Vorstandsvorsitzender
der
Kulturstiftung
der
deutschen
Vertriebenen
blieb Czaja
bis zu
seinem Tode.
Er widmete
sich ganz
wesentlich
seinem
letzten
Buch, das
eine
Mischung aus
Memoiren,
völkerrechtlicher
und
historischer
Argumentation
sowie
kommentierter
Dokumentation
darstellt.
In der
Ahnung, dass
ihm die Zeit
für eine
Überarbeitung
nicht mehr
blieb,
betrieb er
das
Erscheinen.
Ein Zitat
des früheren
US-Botschafters
Vernon
Walters’
aufnehmend,
stellte er
im Titel die
beziehungsreiche
Frage „Unterwegs
zum
kleinsten
Deutschland?“
– es sollte
sein
Vermächtnis
sein an eine
Generation,
die mit dem
ostdeutschen
Erbe besser
umzugehen
wüsste.
Eine
Festschrift
für Herbert
Czaja trug
den Titel
Frieden
durch
Menschenrechte,
gleichsam
die
Leitlinie
seines
politischen
Handelns.
Er, der im
Leben so
viel
Schweres
erfahren
hatte und
fünfzig
Jahre für
die Sache
der
Vertriebenen
eintrat,
wusste, dass
Versöhnung
und
Gerechtigkeit
einander
bedingen.
Dies war
auch sein
besonderes
Anliegen im
Verhältnis
zu Polen,
und so
warnte er
vor
oberflächlichen
Meinungen
und einer
wirklichkeitsfernen
Polen-Romantik,
die er
vereinzelt
auch bei
hohen
geistlichen
Würdenträgern
in
Deutschland
ausmachte.
Wie Czaja
dachte und
fühlte,
belegten
schon frühe
Äußerungen
aus den 50er
Jahren: Die
Annäherung
an Polen
müsse, so
trug er im
ZdK vor,
„zuerst dem
Menschen,
dem Volk,
der Kultur,
der Kirche
sehr weit
entgegenkommen,
sie
hochachten,
ja lieben“.
Er forderte
zugleich
aber auch,
Sachkenntnis
walten zu
lassen und
den
christlichen
Tugenden der
Klugheit,
Weisheit und
Gerechtigkeit
Raum zu
geben.
Czaja hat
zwischen
seinen
Bemühungen
um die
Integration
der
Vertriebenen
und seinen
politischen
Forderungen
im Hinblick
auf die
Gebiete
jenseits von
Oder und
Neisse
keinen
Gegensatz
gesehen. Es
gehört zu
den größten
Friedensleistungen
dieses
Jahrhunderts,
dass mehr
als zwölf
Millionen
Menschen,
die aus
ihrer Heimat
vertrieben
wurden, ohne
den Gedanken
an Revanche
und Gewalt
in eine
freiheitliche
Gesellschaft
und einen
demokratischen
Staat
integriert
werden
konnten.
Dazu hat
Czaja
wesentlich
beigetragen.
Er war
zugleich ein
Repräsentant
der aus den
Vertreibungsgebieten
stammenden
Katholiken,
die das
Schicksal
aus dem
Ermland, aus
Oberschlesien,
aus anderen
Regionen und
nicht
zuletzt aus
ehemals
habsburgisch
geprägtem
Gebiet nach
Westdeutschland
verschlagen
hatte. Hier
haben sie
einen bis
heute
unterschätzten
Beitrag zum
Aufblühen
des
Katholizismus
in der
jungen
Bundesrepublik
geleistet.
Czaja ist
ein
außerordentlich
bescheidener
Mann
gewesen.
Gleichwohl
hat er sich
über die
Vielzahl der
ihm
verliehenen
Auszeichnungen
gefreut. Er
erhielt die
höchsten
staatlichen
und
kirchlichen
Orden, die
Landsmannschaften
der
Vertriebenen
würdigten
ihn mit
zahlreichen
Ehrenerweisen.
Wie es in
einem
Nachruf
hieß, haben
Czaja auch
Vertreter
anderer
Auffassungen
Respekt und
sogar
Sympathie
entgegengebracht,
aber er sah
sich ebenso
schlimmen
Anfeindungen
ausgesetzt.
Dabei war er
im
persönlichen
Umgang ein
Mann von
großer
Sensibilität,
Hilfsbereitschaft
und, wie es
die
Frankfurter
Allgemeine
Zeitung
formulierte,
„warmherziger
Freundlichkeit“,
den nach
nichts mehr
verlangte
als nach
Verständigung.
Er scheute
aber auch
nicht den
offenen
Konflikt,
wenn es um
die Sache
ging, die
ihm am
Herzen lag.
Das war im
Besonderen
das
Schicksal
derer,
„die den
bittersten
Teil der
Rechnung
begleichen
mussten, die
dem
deutschen
Volk in
diesem
Jahrhundert
entstanden
ist“.
Herbert
Czaja starb
am 18. April
1997 in
seiner
schwäbischen
Ersatzheimat
Stuttgart.
Bild:
Kulturstiftung.
Jürgen Aretz