In der
wahrscheinlich ersten deutschen Ansiedlung (vor 1150)
Nordsiebenbürgens – in der heutigen Stadt Sächsisch-Regen (rum.
Reghin, ung. Szászrégen, damals zur k. k. Monarchie gehörend) –
wurde Helmut Czoppelt als zweiter von drei Söhnen des Apothekers
Friedrich Ernst Czoppelt (1877-1913) und seiner Ehefrau Ida
Albertine, geb. Wermescher (1884-1907) geboren. In seiner
Vaterstadt besuchte er 1912 bis 1920 die Deutsche Volksschule
und das Evangelische Untergymnasium, das Obergymnasium hingegen
mit Abiturabschluß (1924) im nahe gelegenen Bistritz, dem
kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt des Nösnerlandes
und des Deutschtums Nordsiebenbürgens. Obwohl nach dem
verlorenen Weltkrieg Siebenbürgen 1919 dem Königreich Rumänien
einverleibt wurde, begann Czoppelt sein forstliches Studium in
der altehrwürdigen Hauptstadt der einstigen Monarchie – in Wien
(1924-1928) – an der renommierten Hochschule für Bodenkultur,
der „Alma mater viridis“. Nach dem Vorexamen in Wien entschloß
er sich, sein Studium an der Forstlichen Fakultät Tharandt der
Technischen Hochschule Dresden weiterzuführen (1926-1928); das
akademische Forststudium schloß er als Diplom-Forstingenieur (Techn.
Univ.) 1928 ab. In die Heimat zurückgekehrt, leistete er in den
Jahren 1928 bis 1929 den Wehrdienst im königlich rumänischen
Heer als Einjährig-Freiwilliger ab (Reserveoffiziersausbildung
in Deutsch Sathmar/rum. Satu Mare) und wurde als Unterleutnant
entlassen.
Schon
als Schüler fasziniert von der Geschichte Siebenbürgens –
bekannt als „Land jenseits der Wälder“, sollte Czoppelt als
Student seine Diplomarbeit in Tharandt der alten Heimat widmen,
unter dem Thema: „Siebenbürgische Forstwirtschafts A.G. in
Sächsisch-Regen“ (1928). Nach Praktikum 1929 am staatlichen
Forstamt Sankt Georgen (rum. Sfântu Gheorghe, ung.
Sepsiszentgyörgy) im Szeklerland (er beherrschte neben der
rumänischen, auch die ungarische Sprache), trat er bis 1931 als
Vermessungsingenieur bei der Sächsisch Regener Waldindustrie A.G.
ein (ehem. Erste Sächsisch-Regener Floßhandelsgesellschaft,
gegründet 1866) und arbeitete überwiegend bei der Erschließung
des Kelemen-Gebirges (Munţii Călimani) in den Ostkarpaten). Im
Juni 1931 bestand Czoppelt das sogenannte „Nostrifikationsexamen“
(die rumänische große Staatsprüfung zur Anerkennung des in
Österreich und Deutschland erworbenen akademischen Grades eines
Diplom-Forstingenieurs) an der Technischen Hochschule Bukarest
(Fakultät für Forstwissenschaften).
Die
Versuche des Königreiches Rumänien, den Anschluß an Westeuropa
(Erreichung des Wirtschaftniveaus der nach 1919 erhaltenen
Gebiete Siebenbürgen, Banat und Buchenland/Bukowina) zu
bewerkstelligen, führte dazu, daß auch zahlreiche Fachkräfte aus
Österreich, Deutschland und Siebenbürgen für das Altreich
(Gebiet Rumäniens bis 1919) angeworben wurden. Dank seinen
Erfahrungen in der Erschließung der Urwälder, gelegen auf den
Westhängen der Ostkarpaten, wurde ihm die Forsteinrichtung
(Planung der langfristigen Betriebsregelung) der Forstdomäne des
Prinzen Nikolaus von Rumänien in Broşteni (Moldau, Osthänge der
Ostkarpaten) angeboten. Hier arbeitete er 1932 bis 1938, mit den
aus Siebenbürgen stammenden Forstleuten O. E. Hager (1901-1979,
Tharandt-Absolvent 1924), O. Paulini (1904-1982, Forst- und
Jagdpfleger, Schriftsteller) und anderen.
1934
heiratete Czoppelt in Sächsisch-Regen Mathilde, geb. Keintzel
(1908-1996); aus der Ehe gingen die Söhne Christian (*1936) und
Lothar (*1937) hervor. In Broşteni forschte und sammelte er
Daten, welche er anschließend fachschriftstellerisch verwertete,
wie: „Die Geschichte der Sächsisch-Regener Waldindustrie A.G.“
(1932), „Die natürliche Verbreitung der Gemeinen Kiefer auf der
Forstdomäne Broşteni“ (1938), „Schwarzstörche im Barnar“ (1939),
„Die Kiefer von Drăgoiasa“ (1939), u. a. Im November 1938 wurde
Czoppelt in das Sachgebiet Forsteinrichtung der Staatlichen
Forstdirektion Bacău berufen; hier machte er sich um die
langfristige Planung der Wälder der Ostkarpaten verdient. Nach
Abtretung der Nordbukowina im Jahre 1940 (1775 bis 1918 war die
Bukowina Herzogtum des österreichischen Kaiserstaates) an die
Sowjetunion wurde die deutsche Bevölkerung der Bukowina und der
Dobrudscha 1940/41 in den Warthegau (damals Deutsches Reich,
heute Polen) übersiedelt. Als im Juni 1941 die Umsiedlung der
Familie Czoppelt in den Warthegau erfolgte, konnte er nicht
ahnen, welches Schicksal ihm und seinen Lieben bevorstand. Nach
der Einbürgerung (August 1941) in Litzmannstadt (Lodz), war er
an der Forsteinrichtungsabteilung des Landesforstamtes Posen,
tätig; 1942 als Forstmeister in den Forstreichsdienst
übernommen, wurde er zum Leiter des Forstamtes Leslau a.d.
Weichsel ernannt. Doch schon im Herbst 1943 wurde Czoppelt zur
Deutschen Wehrmacht einberufen. Was nun folgte, war eine
vierjährige Odyssee mit glücklichem Ausgang für jene Zeiten, die
ihn quer durch Europa von West nach Ost und von Ost nach West
trieb, bis er schließlich am 8. Mai 1945 in amerikanischer
Kriegsgefangenschaft landete. Seine
Gattin – mit den beiden
minderjährigen Söhnen – teilte das Schicksal aller deutschen
Soldatenfrauen jener schweren Zeit. Die überstürzte Flucht aus
dem Forsthaus von Leslau, den Überfall polnischer
Partisanen, Gefangenschaft und Verschleppung, sowie den weiten
Weg in die Freiheit schilderte im Jahr 2000 der jüngere Sohn
Alexander L. Czoppelt (Künstlername) im Roman „Wo bleibt Hitler,
Mathilda?“ Trotz ihres biographischen Hintergrunds ist die
Geschichte dieser Flucht zeitlos und allgemeingültig, da
stellvertretend für das ähnliche Schicksal Tausender
Rumäniendeutscher, die in den Warthegau umgesiedelt wurden.
Czoppelt
kam in das amerikanische Entwaffnungslager Feldkirchen bei
München; von hier wurde er – als ehemaliger k.u.k. Staatsbürger
– nach Österreich entlassen. Da er – nun in Atzbach lebend –
keine Beschäftigung erhielt, suchte er Arbeit in Bayern. Dem
passionierten Forstmann gelang bei bescheidener
Tagegeldvergütung von 9 RM und in primitiven Wohnverhältnissen
der Einstieg in den Bayerischen Forstdienst als Forstarbeiter in
Oberteisendorf und am Forstamt Teisendorf, bzw. im Torfwerk
Ainring. 1947 wurde er in den bayerischen Staatsforstdienst im
Angestelltenverhältnis übernommen und betreute die
Revierförsterei Waging. 1949 in das Forsteinrichtungssachgebiet
München übernommen, arbeitete er als Forsteinrichter in den
Forstämtern Geisenfeld, Moosburg und Kösching. Es blieb dem
inzwischen Fünfundvierzigjährigen nicht erspart, erneut alle
Stufen seines erlernten Berufes durchzuschreiten, um schließlich
1968 als Oberforstmeister pensioniert zu werden. Auch blieb ihm
– wie den anderen Heimatvertriebenen des höheren Forstdienstes –
nicht erspart, erneut das Staatsexamen (Ergänzungsprüfung)
ablegen zu müssen. Die guten Prüfungsergebnisse öffneten ihm den
Einstieg in den höheren Dienst der Bayerischen
Staatsforstverwaltung: 1952 Forstmeister am Forstamt
Schrobenhausen, 1966 Ernennung zum Oberforstmeister. Hier sei zu
erwähnen, daß in der erst 1952 wiederhergestellten
Staatsforstverwaltung Bayerns 21 % der Beamten Heimatvertriebene
waren.
Schon
1948 begann erneut die zweite Phase seiner
fachschriftstellerischen Tätigkeit; er befaßte sich sehr
intensiv mit forstgeschichtlichen Themen, sowie mit orts- und
regionalhistorischen Fragestellungen sowohl seiner alten Heimat
Siebenbürgen, als auch seiner Wahlheimat Bayern. Czoppelt
veröffentlichte 137 Arbeiten, gegliedert nach Themen: Forst- und
Jagdwesen (29), Heimatgeschichte (31), Siebenbürgische Kuriosa
(20), Ereignisse und Gestalten (33), Verschiedenes (24); er
hinterließ auch 39 unveröffentlichte Manuskripte:
Forstgeschichte (7), Heimatgeschichte (16), Familiengeschichte
(1), Verschiedenes (15).
Leider
ist das Werk dieses verdienstvollen Forstmannes und Historikers
mehr oder weniger in Vergessenheit geraten; bisher wurde sein
Leben und Schaffen in nur zwei biographischen Würdigungen
erwähnt. Unsere Biographie soll dazu beitragen, Leben und Werk
Czoppelts einem größeren Publikumskreis bekannt zu machen. In
seinen letzten 40 Lebensjahren wohnte er in Ingolstadt, wo er
nur wenige Tage vor seinem 89. Geburtstag an Herzversagen starb.
Alle, die diesen vielseitigen Menschen erleben durften – und das
sind nicht wenige Forstleute – werden ihn in bleibender
Erinnerung behalten.
Werke:
Das Verzeichnis der Veröffentlichungen von H. Czoppelt siehe
bei H. Hienz (1995), S.479-489.
Lit.:
Christian Czoppelt: Zum Gedenken an Helmut Czoppelt.
Siebenbürgische Zeitung, 44. Jg., 14, 1994, München, S. 16. – L.
Alexander Czoppelt: Wo bleibt Hitler, Mathilda? Geschichte und
Dokumentation einer Flucht. Egelsbach/Frankfurt a.M./München/New
York 2000, 312 S.; H. H. (Heinz Heltmann), Czoppelt, Helmut
Eduard Friedrich – Forstmann, in: W. Myß (Hrsg.), Lexikon der
Siebenbürger Sachsen, Thaur bei Innsbruck, 1993, S. 95. –
Hermann Hienz, Schriftsteller – Lexikon der Siebenbürger
Deutschen, Bd. 7/V, Köln/Weimar/Wien, 1995, S. 478-489. – Hans
Meschendörfer, Dokumentation eines Kulturerbes, in:
Siebenbürgische Zeitung, 46. Jg. 19, 1996, München, S. 8. –
Rudolf Rösler, Helmut Eduard Friedrich Czoppelt. Dipl.-Forsting.,
Oberforstmeister. Tiposkript für H. Killian (Hrsg.),
Österreichisches Forstbiographisches Lexikon, Wien 1994, 5 S.;
Ernst Wagner, Siebenbürgische Nachkommen des Exulanten Paul
Regius, in: Siebenb. Archiv, Bd. 27, Köln/Weimar/Wien 1993, S.
333.
Bild:
Privatarchiv des Autors.
Rudolf Rösler