Melchior von
Diepenbrock,
der altem
westfälischen
Adel
entstammte,
schien
anfangs mehr
zum Soldaten
als zum
Geistlichen
gemacht zu
sein.
Freilich
zeichneten
ihn von früh
an ein
starker Hang
zum Mitleid
und zur
Mildtätigkeit
aus.
Andererseits
machten ihm
seine
Ungebärdigkeit,
ja Wildheit
eine
militärische
Karriere
unmöglich;
um einer
lebenslänglichen
Festungshaft
wegen
Insubordination
zu entgehen,
schied er,
nachdem er
am Feldzug
1814
teilgenommen
hatte, als
Leutnant
freiwillig
aus dem
preußischen
Militärdienst
aus. Die
entscheidende
Wendung im
Leben des
„trotzigen
Westfalenjünglings“
(F. X.
Seppelt)
bewirkte ein
Besuch des
Theologen
und
Pädagogen
Johann
Michael
Sailer, des
Überwinders
des
Rationalismus
im deutschen
Katholizismus,
in Westfalen
im Jahre
1818, der
auf eine
Einladung
der Brüder
Brentano
zurückging
und der den
Landshuter
Professor
auch in das
Elternhaus
Diepenbrocks
führte.
Diepenbrock
folgte
Sailer nach
Landshut in
Bayern, seit
1800 Sitz
der
Landesuniversität,
die 1826
nach München
verlegt
werden
sollte, und
studierte
dort
Kameralwissenschaften,
ehe er sich
dazu
entschloß,
Priester zu
werden.
Hierfür
dürften das
Vorbild
Sailers und
Einflüsse
Clemens
Brentanos
den
Ausschlag
gegeben
haben.
Diepenbrock
studierte in
Mainz und
Regensburg,
wo Sailer in
fortgeschrittenem
Alter noch
Domherr
geworden war
und später
Bischof
werden
sollte.
Sailer war
es auch, der
ihn am 27.
Dezember
1823 zum
Priester
weihte.
Es folgten
Jahre, in
denen
Diepenbrock
als
Hausgenosse
und Sekretär
Sailers
wirkte, in
echtem
romantischen
Geist seinen
Glauben
stärkte und
dem Gedanken
eines
Ausgleichs
zwischen
Katholizismus
und
Protestantismus
nachging.
Damit
verband sich
eine
Abneigung
gegen das
von Jesuiten
geleitete
Collegium
Germanikum
in Rom;
seiner
Ansicht nach
waren die
dort
erzogenen
Geistlichen
„keine
Deutschen
mehr“, wie
er König
Ludwig I.
von Bayern,
einst
Schüler
Sailers,
einmal
sagte.
Diepenbrock
war auch
literarisch
tätig,
dichtete
selbst
geistliche
Lieder. Von
seinen
Publikationen
ist vor
allem der
Geistliche
Blumenstrauß
aus
spanischen
und
deutschen
Dichtergärten
(1829,
41862)
zu nennen,
mit dem er
eigene
Übersetzungen
spanischer
geistlicher
Lyrik im
Verein mit
deutschen
geistlichen
Liedern
darbot.
Einem
persönlichen
Hervortreten
war
Diepenbrock
in jenen
Regensburger
Jahren der
Versenkung
gänzlich
abgeneigt.
Selbst eine
Domherrnstelle
hatte er mit
Widerstreben
angetreten;
zur Annahme
der Würde
eines
Domdechanten
(1835)
konnte er
nur durch
ein
persönliches
Eingreifen
König
Ludwigs
bewogen
werden. Sein
geistlich-romantisches
Stilleben
und die
dazugehörige
Geselligkeit
waren ihm
teuer. Auch
liebte er
es, als
Reiter und
Jäger in der
Natur zu
sein. Dabei
bedurften
Ludwig I.,
dessen
Mitarbeiter
zu einem
guten Teil
Kommilitonen
Diepenbrocks
in Landshut
gewesen
waren, und
erst recht
König
Friedrich
Wilhem IV.
von Preußen
(seit 1840)
in einer
Zeit, in der
der von
ihnen
behauptete
Gedanke des
monarchischen
Gottesgnadentums
grundstürzend
bezweifelt
wurde, der
kämpferischen
Unterstützung
ökumenisch
gesinnter
Kirchenmänner.
Das galt um
so mehr, als
der durch
das
Mischehenproblem
ausgelöste
Kölner
Kirchenstreit
(seit 1837)
und der
darin
liegende
Konfessionalismus,
dem sich
später auch
der
Bayernkönig
unter dem
Einfluß
seines
Ministers
Abel ergab,
die
hochkonservativen
Bestrebungen
in München
und Berlin
nachhaltig
störten.
Auf die
Länge hat
sich
Melchior von
Diepenbrock
dem Ruf der
Kronen nicht
versagt. Am
15. Januar
1845 wurde
er vom
Breslauer
Domkapitel
im Beisein
und nach
Wunsch des
königlichen
Wahlkommissars
zum
Fürstbischof
von Breslau
gewählt.
Diepenbrocks
fester
Entschluß,
die Wahl
nicht
anzunehmen
(wie er es
abgelehnt
hatte, die
Nachfolge
des 1832
gestorbenen
Sailer in
Regensburg
anzutreten),
wurde durch
den
ausdrücklichen
Wunsch Papst
Gregors
XVI., ihn
auf dem
Breslauer
Stuhl zu
sehen, ins
Wanken
gebracht; in
tiefer
Resignation
folgte er
dem Ruf an
die Oder. Im
Sinne eines
Bündnisses
von Kirche
und Staat
gegen die
Mächte der
Revolution
nahm König
Friedrich
Wilhelm IV.
den Treueid
in eigener
Person ab,
während er
bisher vor
dem
jeweiligen
Oberpräsidenten
abgelegt
worden war,
worin
Diepenbrock
(wie auch
der Kölner
Erzbischof
Geissel)
eine
Bevorzugung
des
Staatseides
vor den
kirchlichen
Pflichten
hatte sehen
wollen. Auch
sonst
verzichtete
der König
auf eine
Reihe von
Staatskirchenrechten.
Nach der
Aufklärungszeit
sollte
Diepenbrock,
dem eine
höchst
eindrucksvolle
Erscheinung
und die
Macht des
gesprochenen
Wortes zu
Gebote
standen,
Breslau,
„diese
größte
abendländische
Diözese zum
Mittelpunkte
des
kirchlichen
Wiederaufbaues
im Osten“
machen (F.
Schnabel).
Ein
wichtiger
Punkt der
oberhirtlichen
Tätigkeit
Diepenbrocks
war die
Bekämpfung
der
sogenannten
deutsch-katholischen
Gemeinden,
einer
Sektenbildung,
die sich
auch des
Schutzes und
der
Förderung
der Behörden
erfreute.
Bei dem
äußerlichen
Erfolg
dieses
Kampfes, der
sich
schließlich
einstellte,
ließ es
Diepenbrock
nicht
bewenden; er
bemühte sich
im folgenden
um eine
Hebung des
kirchlichen
Lebens in
der
Erzdiözese
und eine
Vertiefung
des
religiösen
Sinnes der
ihm
unterstellten
Geistlichen
sowie der
ihm
anvertrauten
Gläubigen.
Der
Heranbildung
des Klerus
dienten die
Begründung
des
Knabenkonvikts,
die
Ausgestaltung
und
Sicherung
des
theologischen
Konvikts
sowie die
Förderung
der
katholisch-theologischen
Fakultät an
der
Schlesischen
Friedrich-Wilhelm-Universität,
in der auf
seine
Initiative
hin seit
längerem
vakante
Lehrstühle
wieder
besetzt
wurden. In
das Leben
der
Gläubigen,
auf das er
mit
wirkungsvollen
Hirtenbriefen
Einfluß nahm
und das
durch das
seinerzeit
begünstigte
katholische
Vereinswesen
und die
Neugründung
klösterlicher
Niederlassungen
gefördert
wurde, griff
er durch die
Einführung
von
Volksmissionen
ein, die
vielfach den
Vorwurf der
Störung des
interkonfessionellen
Friedens
hervorriefen,
den
Diepenbrock
aber
energisch
abwehrte.
Die
besondere
Aufmerksamkeit
des
Fürstbischofs
beanspruchte
Oberschlesien.
Zunächst war
es der Kampf
gegen den
dort
verbreiteten
übermäßigen
Branntweingenuß,
dann die
Hilfe
angesichts
der
Hungersnot
des Jahres
1847 und der
Typhuskatastrophe
von Februar
1848, zu der
noch ein
Oderhochwasser
kam.
Diepenbrock
wie auch
König
Friedrich
Wilhelm IV.
drängte es,
in das
Katastrophengebiet
zu reisen.
Doch das
Domkapitel
in Breslau
wie die
Berater des
Königs
wußten ihr
Erscheinen
dort zu
verhindern.
In der
Umgebung des
Königs
fürchtete
man, an die
Stelle der
helfenden
Tat könne
die bloße
Geste
treten. Ein
Plan zur
Errichtung
eines
Waisenhauses
und die
Absicht,
Notstandsarbeiten
einzuleiten,
gingen
freilich in
den Wirren
der
Revolution
unter.
Im
Revolutionsjahr
1848, das
der
Eigenschaft
des
Breslauer
Fürstbischofs
als
Landesherr
im
österreichischen
Bistumsanteil
ein Ende
machte,
wuchs
Diepenbrock
sogar eine
offen
politsche
Rolle zu.
Allenthalben
mahnte er zu
Mäßigung und
zur Achtung
des
Eigentums
und des
Lebens der
Mitbürger.
Als Im
November
1848 die
preußische
Nationalversammlung
den Beschluß
gefaßt
hatte, die
Zahlung von
Steuern zu
verweigern,
und der
Breslauer
Magistrat
sowie sogar
der
Oberpräsident
dem
beigetreten
waren,
erklärte
Diepenbrock
in einem
Hirtenwort
vom 18.
November
1848 vor
„Gottes
Angesicht
und vor
aller Welt“
an seine
Diözesanen,
„daß, da
Seine
Majestät der
König nicht
aufgehört
hat, unser
rechtmäßiger
König, d.h.
unsere von
Gott
gesetzte
Obrigkeit zu
sein, die
Pflicht des
Gehorsams
gegen ihn
und
insbesondere
die Pflicht
der
Fortentrichtung
der
gesetzlichen
Steuern an
die dazu
bestellten
königlichen
Behörden für
jeden
katholischen
Christen
eine
unzweifelhafte
Gewissenspflicht
ist.“
Dieses Wort
wurde
seitens des
Königs und
des
Staatsministeriums
mit größter
Dankbarkeit
aufgenommen
und fand
auch sonst
eine starke,
weit über
Schlesien
hinausgehende
Resonanz. Es
wurde vom
Staatsministerium
im Druck
verbreitet,
den Soldaten
vorgelesen
und von
vielen
evangelischen
Geistlichen
von der
Kanzel
verkündet.
Diepenbrock
stand schon
vordem
tief im
politischen
Leben; er
war –
freilich
gegen alle
Neigung –
für
den
Wahlkreis
Oppeln in
die
Frankfurter
Nationalversammlung
eingezogen.
Der ihm
freundschaftlich
zugetane
König wußte
ihm das zu
danken.
Begegnungen
in Berlin
und auf
Schloß
Erdmannsdorf
im
Hirschberger
Tal, in
jenen Jahren
häufig
Sommersitz
der
königlichen
Familie,
sowie ein
eingehender
Briefwechsel
hatten ein
tiefes
Einverständnis
zwischen
beiden
Männern
ergeben. Am
15. Mai 1848
hatte der
König
Diepenbrock
geschrieben,
die Anzeige
von dessen
Wahl
erfüllte ihn
„mit
ungemeiner
Befriedigung“.
Es sei „ein
wohltuendes
Gefühl,
einen Herrn
wie Sie an
einem Orte
zu wissen,
wo die
höchsten
Interessen
Teutschlands
entschieden
werden
sollen.
Darum danke
ich Ihnen
von ganzem
Herzen, daß
Sie der
guten Sache
ein so
schweres
Opfer
bringen und
nach
Frankfurt
gehen
werden. Das
lohne Ihnen
Gott, und
zwar
zunächst mit
einem
Einfluß und
Erfolg, den
gewiß Gottes
Segen allein
schenken
kann!!!“
Es hätte der
im Grunde
unpolitischen
und jedem
Kampf
abgeneigten
Natur
Diepenbrocks
widersprochen,
wenn er in
der
Nationalversammlung
führend
hervorgetreten
wäre.
Immerhin
brachte er
dort die
Gründung des
„Katholischen
Vereins“ zur
Vertretung
katholischer
Belange
zuwege, an
dessen
Spitze
Joseph Maria
von Radowitz
und August
Reichensperger
traten. Eine
schwere
Erkrankung
zwang
Diepenbrock
dann dazu,
im August
1848 sein
Mandat
niederzulegen.
Ein letztes
Mal trat er
kirchenpolitisch
im Frühjahr
1849 auf der
Wiener
Konferenz
der
österreichischen
Bischöfe
auf, wo er
sich
nachdrücklich
gegen den in
der
Monarchie
von
Aufklärungszeiten
her
weiterwirkenden
Josephinismus
wendete.
Sein
Interesse an
Österreich,
das unter
der Wirkung
des modernen
Nationalgedankens
in Italien
in die
Defensive
geraten war,
beleuchtet
ein durch
Anton Graf
von
Stolberg-Werningerode,
einem
Angehörigen
der
Kamarilla um
Friedrich
Wilhem IV.,
überlieferter
Ausspruch,
der im
Zusammenhang
mit der
Gefahr eines
preußisch-österreichischen
Krieges im
Herbst 1850
steht.
Diepenbrock
habe gesagt,
so Stolberg,
daß er als
Christ, als
Deutscher,
als Bischof
und als
Preuße
beteiligt
sei, den
Frieden zu
wünschen.
„Aber auch
als Preuße
bin ich
dabei
betheiligt,
daß die
ehrenreichen
Preußischen
Waffen
keinen Sieg
erfechten,
über die
sich Mazzini
und
Consorten
freuen, die
schon jetzt
wie die
Aasgeier
frohlockend
krächzen,
hoffend, daß
sie am Ende
den
Hauptteil
haben würden
an der Carée,
wenn der
Preußische
Adler
Edelwild
erlegt haben
würde. ...
Wer in
Deutschland,
wer in
Preußen
könnte
solche Siege
wünschen,
wenn er ein
deutsches
Herz hat?“
Wenig mehr
als zwei
Jahre später
erlag
Diepenbrock,
der 1849 auf
Wunsch des
Königs zum
apostolischen
Vikar für
die
preußische
Armee
ernannt und
1850
Kardinal
geworden
war, der
Krankheit,
die sich in
Frankfurt
zuerst
nachhaltig
bemerkbar
gemacht und
sich
schließlich
zu einem
schmerzhaften
Unterleibsleiden
ausgewachsen
hatte. Im
Dom zu
Breslau fand
er seine
letzte Ruhe.
Weitere
Werke:
Gesammelte
Predigten,
Regensburg
1841-43,
21849.
– Sämtliche
Hirtenbriefe,
Münster i.W.
1853.
Lit.:
Franz
Schnabel:
Deutsche
Geschichte
im
neunzehnten
Jahrhundert,
Bd. 4: Die
religiösen
Kräfte,
Freiburg i.
Br. 21951. –
Franz Xaver
Seppelt:
Melchior von
Diepenbrock;
in:
Schlesische
Lebensbilder,
Bd. 1,
Breslau
1922. –
Allgemeine
Deutsche
Biographie 5
(1877), S.
130-138 [Reinkens].
– Neue
Deutsche
Biographie 3
(1957), S.
651 f. [J.
Gloßner-Gitschner].
– Heinz
Gollwitzer:
Ludwig I.
von Bayern.
Königtum im
Vormärz,
München
21987.
– Erich
Kleineidam:
Die
katholisch-theologische
Fakultät der
Universität
Breslau
1811-1945,
Köln 1961.
Bild:
Diepenbrock
nach einem
Stahlstich
von
Christian
Mayer.
Peter Mast