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Mit dem Tode Friedrichs
des Großen im Sommer 1786 wich die Kühle des traditionellen, in
Konventionen erstarrten französischen Stiles von der Stadt Berlin, um
dem gemütvollen Ton der neuen deutschen Bildung Platz zu machen. Der
Neffe und Nachfolger König Friedrichs, Friedrich Wilhelm II., übergab
das französische Komödienhaus am Gendarmenmarkt in der Friedrichstadt,
das in den Jahren 1774 bis 1776 für eine französische Theatertruppe
gebaut worden war, nun aber schon acht Jahre leer stand, seiner neuen
Bestimmung als „Nationaltheater". Er fügte dem die wohlgesinnten Worte
hinzu: „Wir sind Teutsche und wollen es bleiben.“
Es war Carl Theophilus
Doebbelin, der in der benachbarten Behrenstraße unter sehr bescheidenen
Umständen wirkende Theaterunternehmer, dem der neue König zuvor in einer
Audienz erklärt hatte: „Der deutschen Thalia und Melpomene soll
Unterstützung widerfahren ... Alles Ungemach, so Er bisher großmütig
ertragen hat, soll Ihm jetzt versüßt werden. Ich gebe Ihm das
Komödienhaus auf dem Gendarmenmarkt ..." Doebbelin war ganz überwältigt
gewesen und hatte geantwortet: „Huld und Gnade von Euer Majestät
verjüngen den eisgrauen Doebbelin und machen ihn zum kühnen Jüngling ...
Heil dem Monarchen, dessen Gnade in mir
die Worte
erstickt!" Nach der Aufforderung des Königs: „Geh Er geschwind nach
Hause, denn in meinem Schlosse will ich keine Ohnmächten haben!", war
er, ohne ohnmächtig zu werden, mit theatralischen Gesten davongeeilt, so
wie er seine Lear-Abgänge spielte.
Wer war Doebbelin, wie
kam er zu der königlichen Gnade? Ein Sohn der Neumark, hatte er am
Ersten Schlesischen Krieg 1740/1742 teilgenommen und nach dem Besuch des
Gymnasiums zum Grauen Kloster in Berlin an den Universitäten Frankfurt
a. O. und Halle a. S. Rechtswissenschaften studiert, aber, da er an
studentischen Tumulten beteiligt gewesen war, die Universität verlassen
müssen. Er wandte sich dem Theater zu und debütierte 1750 als
Protagonist bei der Gesellschaft der Neuberin in dem anhaltinischen
Residenzstädtchen Zerbst. Schließlich war er seit 1754 bei der
Ackermannschen Truppe, bis er 1756 die Gründung einer eigenen Truppe
wagte. Mit ihr wirkte er in Weimar, wo er aber mit Herzog Ernst August
Constantin, dem Gemahl der noch minderjährigen Anna Amalia, 1757 in
Unstimmigkeiten geriet. Danach wieder bei Ackermann, dann bei Schuch in
Berlin, dem er bei der Abschaffung der Stegreif-Komödie half, begründete
er 1767 abermals eine eigene Gesellschaft, mit der er mehrere preußische
Provinzen durchzog, seit 1771 aber auch in Halle, Leipzig, Magdeburg,
Braunschweig und Dresden spielte. Als im Jahre 1775 der Prinzipal Koch
in Berlin gestorben war, konnte Doebbelin dessen Generalprivileg
erwerben und mit seiner Truppe in der preußischen Haupt- und
Residenzstadt seßhaft werden. Er erwarb von der Witwe Kochs auch das
Theater seines Vorgängers im Hinterhof des Hauses Behrenstraße 55 mit
etwa 700 Plätzen, das Goethe bei seinem Besuch in Berlin im Mai 1778
nicht zu besuchen versäumte. Doebbelin, dessen (1775 von ihm
geschiedene) Frau Katharina Friederike sowie dessen Kinder Karoline
Maximiliane und Karl Konrad Kasimir ebenfalls spielten, war ein
hochtalentierter Mime, auch ein geschickter, flinker Verseschmied, „ein
richtiger Komödiant bis zur undisziplinierten Schludrigkeit" (H. Knudsen).
Er spielte Könige und Helden, Charakter- und Vaterrollen. Er stand mit
seiner Kunst insofern nicht auf der Höhe der Zeit, als er in Deklamation
und Gestik am französischen Stil des 17. Jahrhunderts festhielt, der im
Lichte der deutschen Natürlichkeitsbestrebungen Ekhofs in Gotha oder
Friedrich Ludwig Schröders in Hamburg und Wien als Schwulst erscheinen
mußte. Doebbelins
Bedeutung
liegt in seinem Wirken als Prinzipal, als der er übrigens seinen
Schauspielern ein wahrer Vater war. Doebbelin war um einen literarisch
anspruchsvollen Spielplan bemüht und hat sich in seinem vaterländischen
Empfinden vornehmlich für das deutsche Drama eingesetzt. Vor allem um
Lessing machte er sich verdient. Im März 1768 hatte er Minna von
Barnhelm, bei ihrer Uraufführung 1767 in Hamburg wenig erfolgreich,
in Berlin herausgebracht und damit so viel Resonanz gefunden, daß in
sechs Wochen 19 Vorstellungen möglich gewesen waren. 1772 hatte
Doebbelin in Braunschweig Emilia Galotti zum ersten Male
aufgeführt. 1783 endlich brachte er in der Behrenstraße Nathan den
Weisen, der bisher als unaufführbar gegolten hatte, heraus. Man
versteht, warum König Friedrich Wilhelm II., der selbst Künstler war,
Doebbelin das neue Nationaltheater anvertrauen konnte. Freilich sollte
dieser die in ihn gesetzten Erwartungen kaum erfüllen. Vielleicht war
seine schöpferische Kraft versiegt. Zudem drohten hohe Schulden, die das
Ergebnis seiner lebenslangen Spielleidenschaft waren, das Theater in
eine geschäftliche Unordnung zu stürzen. Es wurde eine Generaldirektion
berufen und Doebbelins Stellung auf die eines Regisseurs und
Schauspielers begrenzt. 1789 mußte er sich ganz zurückziehen. Doch fand
der König ihn auf die nobelste Weise ab. Er kaufte ihm den gesamten
Fundus, den er in das Nationaltheater eingebracht hatte, ab und setzte
ihm eine lebenslängliche Pension aus.
Lit.:
Alfred Muhr: Rund um den Gendarmenmarkt. Von Iffland bis Gründgens.
Zweihundert Jahre musisches Berlin, Oldenburg i. O. und Hamburg 1965. -
Hans Knudsen: Carl Theophilus Doebbelin, in: Neue Deutsche Biographie 44
(1959), S. 9-10 (hier weitere Literatur).
Bild:
Nach einer Zeichnung von Chodowiecki aus dem Jahre 1779, Bildarchiv des
Süddeutschen Verlages München.
Peter Mast
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