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Als Junge hatte Gustav Gottvertrauen, Pflichttreue, Menschenliebe und
Opferbereitschaft fürs Vaterland gelernt, durch seinen Vater, einen
protestantischen Soldatenpfarrer, war er mit den hohen Militärs jener
Jahre in Berührung gekommen. Nach dem Besuch des Marienstift-Gymnasiums
in Stettin („Geschichte mangelhaft“) wandte sich Droysen an der neuen
Universität Berlin zunächst der Theologie zu. Nachdem er aber den
politisch aktiven Frühgeschichtler Boeck, den Geographen Ritter sowie
Hegel, Schleiermacher, Gans u. a. gehört hatte, wechselte er zum Studium
der Philologie und Philosophie.
In Berlin entfaltete er ein rastloses Leben: Er unterrichtete am
Gymnasium, promovierte (über Äschylus), lehrte an der Universität, war
Mittelpunkt eines gelehrten Kreises und verfaßte erste historische
Werke. Als 25jähriger reihte er sich mit der „Geschichte Alexanders des
Großen“ in die bedeutenden Historiker ein. Es folgte die Erweiterung zur
„Geschichte des Hellenismus“. Für die Zeit vom Fall Athens bis zum
Beginn des Christentums, in der griechisches Wesen mit orientalischem
Kult verschmolz, schuf er den Begriff „Hellenismus“. In diesen Arbeiten
wie auch in der Nachdichtung der Tragödien des Aristophanes kommen seine
Kritik am starren preußischen Absolutismus und seine Forderung nach
Liberalisierung zum Ausdruck.
So wurde eine Anstellung an der Universität in Berlin unmöglich, und
Droysen ging 1840 nach Kiel. Als Dänemark trachtete, das Lehen
Schleswig-Holstein zu annektieren, schloß sich Droysen in Kiel alsbald
den nationalen Bewegungen an. Er nahm am Märzaufstand 1848 und dann an
der deutschen Revolution teil. Gegen den dänischen König verfaßte er
Flugschriften. Da die Presse verboten war, verlangte man politische
Belehrung vom Katheder (Zeit der „Professorenpolitik“). In den
„Vorlesungen über die Freiheitskriege“ schilderte Droysen alle
Bewegungen von der Französischen Revolution bis zum Wiener Kongreß. Als
Mitglied der Kasinopartei wurde Droysen Vertrauensmann der
provisorischen schleswig-holsteinischen Regierung im Bundestag, wählte
man ihn zum Abgeordneten in die Nationalversammlung, wirkte er als
Schriftführer im Verfassungsausschuß. Er war überzeugt, daß sich
Deutschland nur mit Preußen an der Spitze und unter Ausschluß
Österreichs behaupten könne. Nach der Weigerung des Preußenkönigs, die
deutsche Kaiserkrone anzunehmen und Preußen aufzulösen, und nach der
Olmützer Punktation waren die Bemühungen der Paulskirche und auch die
Sache Schleswig-Holsteins gescheitert.
In der dritten Phase seines Lebens, die er nun in Jena (und ab 1859 in
Berlin) in ruhigem Gelehrtendasein verbrachte (über seine zweite Frau
fand er Zugang zu den Honoratioren), wandte sich Droysen von der Politik
ab und vollendete u. a. die „Geschichte der preußischen Politik“, das
populäre „Leben des Grafen York von Wartenburg“ und den „Grundriß der
Historik“. Darin hielt er, enttäuscht über das Scheitern in Frankfurt,
seinen Landsleuten das alte Preußentum vor Augen. Auch hatte er erkannt,
daß ein „volles und ganzes Leben“ nach griechischem Ideal für ihn nicht
möglich war, er ein Professor, ein Spezialist, bleiben würde. Die
einseitige preußische Sicht Droysens muß man freilich bemängeln.
Einflußreich war seine Vorstellung von Geschichte, die man nicht als
Naturwissenschaft (wie Buckle, der auch Kirche und Staat als Feinde des
Fortschrittes sieht) behandeln dürfe, nicht auf „Fakten“ der
Vergangenheit („aus dem Kehrricht auf eine Hochzeitsfeier schließen“)
reduzieren könne (wie Ranke), sondern bei der durch „Verstehen“ ein
historisches Bewußtsein erzeugt werden soll und die mit Politik gepaart
sein muß. Die universalhistorische Idee Hegels und die Theodizee
durchziehen Droysens Werk. Die Geschichte zum Rang einer Wissenschaft
erhoben, eine umfassende Geschichte der neuen Zeit erarbeitet, das
Interesse für Aristophanes geweckt zu haben sowie ein sittliches Vorbild
gewesen zu sein, blieben seine Verdienste.
Die Vielseitigkeit der Arbeiten Droysens, die gerade dadurch breiteste
Aussagekraft erhalten, hat zu einer Unterbewertung seines Schaffens
geführt.
Lit.:
B. Bravo: Philologie, Histoire, Philosophie de l'Histoire; Breslau 1968.
F. Gilbert: Johann Gustav Droysen, in: Pommersche Lebensbilder; Stettin
1934. K.-H. Spieler: Untersuchungen zu Johann Gustav Droysens
„Historik“; Berlin 1970.
Karl
Röttel
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