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Um 1840 meldete sich im
Geistesleben Ostpreußens
eine neue Generation zum Wort. Ihre Repräsentanten in der Literatur
waren fast ausnahmslos Studenten der Albertus-Universität. Um das Jahr
1820 geboren, standen sie um 1840 in ihrer „Sturm- und Drangperiode“.
„Freiheit
und Verfassung“ hieß die Parole. Das Mittel zu ihrer Verwirklichung aber
war den jungen Radikalen der Umsturz. In der Revolution sahen sie die
einzig mögliche Lösung aller anstehenden Probleme. Barrikadenlieder,
dichterische Verherrlichung der Französischen Revolution, Begeisterung
für den Freiheitskampf der Polen und der Magyaren, „Völkermord und
Völkermorgenrot“ waren die Themen und Motive zahlreicher Königsberger
Gedichte aus dem Zeitraum zwischen 1840 und 1848.
Wilhelm Jordan (geb.
1810), Albert Dulk (geb. 1819), Ferdinand Gregorovius (geb. 1820) und
Rudolf Gottschall (geb. 1823) waren die bedeutendsten literarischen
Vertreter dieser Generation. In ihren Gedichten forderten sie den
blutigen Kampf, in dem die Freiheit errungen werden sollte. Die
Kirchenglocken sollten in Kanonen umgegossen werden, das ist Wilhelm
Jordans Parole in seinem Gedichtband
„Ostdeutschland – Glocke und Kanone“ (1842); auf den Trümmern der
Paläste soll die Fahne der Freiheit wehen. Gregorovius singt „Polen- und
Magyarenlieder“ (1849). Die Vorlagen für die verwendeten Bilder lieferte
die Französische Revolution.
Auch im religiösen
Bereich war der Radikalismus Mode geworden. Der Materialismus Ludwig
Feuerbachs und die Göttin der Vernunft von 1791 wurden gleichzeitig
beschworen. Der hochtalentierte Albert Dulk, Sohn eines Königsberger
Universitätsprofessors, war nicht nur der radikalste Vertreter einer
„Religion ohne Gottperson und Kultus“, er war auch in der Gestaltung
seines eigenen Lebens von einzigartiger Konsequenz. Was er in seinem
Drama „Orla“ (1844) dichterisch darzustellen versucht hatte,
verwirklichte er selbst. Er nahm zu seiner ersten eine zweite Frau,
versuchte also in aller Öffentlichkeit eine Doppelehe zu führen,
versenkte sich immer tiefer in orientalische Lebensauffassungen, hauste
eine Zeitlang in einer Höhle des Berges Sinai, um sich auf die
Prophetenrolle vorzubereiten, zu der er sich berufen fühlte.
Am 23.
Februar 1848 wurde sein Drama „Lea“ im Königsberger Stadttheater
uraufgeführt. Als er an die Rampe trat, um für den großen Beifall des
Publikums zu danken, sagte er: „Die Sturmglocken der Freiheit läuten. In
Paris ist die Revolution ausgebrochen. Wir stehen vor einem
welterschütternden Ereignis.“
Das
Trauerspiel „Lea“ soll die Tragik des auf schwindelnde Höhen
emporsteigenden und dann ebenso schwindelnd tief stürzenden Süß
Oppenheimer darstellen. Dem dramatischen Geschehen fehlt aber die
überzeugende innere Konsequenz. Allzusehr stehen die Ereignisse ohne
inneren Zusammenhang nebeneinander. „Das Beste in einzelnen, gut
charakterisierenden
Vorgängen
stammt aus der unter dem Titel genannten Vorlage, der Novelle Wilhelm
Hauffs“, urteilte schon Dulks Zeitgenosse Rudolf Gottschall.
Als
Politiker war Dulk Sozialdemokrat. Sein wichtigstes Streben galt der
Reform der Religion. Er war Mitbegründer des „Deutschen
Freidenkerbundes“ und der Stuttgarter freikirchlichen Gemeinde. Sollte
sein Buch „Die Stimme der Menschheit“ (2 Bände, 1875-1880) eine Art
Bibel der von ihm geforderten neuen atheistischen Menschheitsreligion
sein, so versuchte er in seinem religionsphilosophischen Hauptwerk „Der
Irrgang des Lebens Jesu“ (2 Bände 1884/85), Jesus als eine menschliche
Übernatur zu begreifen, die ihre Zeit zu überwinden versuchte, sich aber
durch den Widerstand gegen seine Lehren beirren ließ und anstelle der
von ihm ursprünglich beabsichtigten neuen Religion eine Lehre stiftete,
die den Menschen auf heidnische Weise vergöttlichte. Offensichtlich sah
Dulk sich selbst als die Riesennatur, dazu berufen, das von Jesus nicht
geleistete Werk seinerseits zu vollbringen. Dulks bedeutendstes Drama
„Jesus, der Christ“ (vollendet 1855, erschienen 1865) arbeitet in neun
„Handlungen“ des vom Verfasser ausdrücklich für die Volksbühne nach Art
der Passionsspiele bestimmten Stückes den Gegensatz zwischen Jesus und
Judas heraus. Judas will den nationalen Befreiungskrieg der Juden gegen
die Römer. Immer wieder spornt er Jesus zur Befreiungstat an.
Schließlich will er ihn verraten, um ihn dann mit Hilfe der ihm
gleichgesinnten Zeloten zu befreien, und ihn so zum Kampf gegen Rom
zwingen. Das Mißlingen dieses Vorhabens in der sechsten Handlung bildet
den Höhepunkt des tragischen Geschehens. Die Ereignisse der drei letzten
„Handlungen“ gleiten dagegen ins Begriffliche, rationalisierend
Belehrende des an D. F. Strauß und F. C. Baur geschulten Freidenkers ab.
Das geschlossenste Werk
Dulks ist die Tragödie
„Simson“ (1859). Das biblische Motiv ist ausgeweitet und verändert:
Delila wird zur scheinbaren Verräterin aus der Sehnsucht heraus, Simson
endlich als nur ihr alleingehörendes
Eigentum in ihren Armen zu halten. Von Simson unerkannt, gibt sie ihm
den Rat, die Säulen
einzureißen. Mit einem „Amen“ bekräftigt sie ihre Rache.
Das 1867
erschienene Doppeldrama „Konrad II“ ist ein historisch-belehrendes
Lesedrama ohne größere Bedeutung.
Dulks Gedichte sind zum größeren
Teil zeittypische politische Verse. Seine Liebesgedichte wenig
verinnerlichte, gedankliche Argumentationen, die religiösen Gedichte in
Verse gefügte Gedankengänge des Freidenkertums.
Aus: Ostpreußische
Literaturgeschichte, München 1977, S. 277-278.
Helmut
Motekat
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