Vor 225
Jahren wurde
in
Schluckenau
(Šluknov)
Friedrich
Egermann,
eine der
bedeutendsten
Persönlichkeiten
der
böhmischen
Glasindustrie,
geboren.
Sein Leben
lang widmete
er sich voll
dem Glase.
Er arbeitete
sich nach
und nach aus
armseligen
Verhältnissen
zu einem
anerkannten
Glasmaler,
Technologen,
gewandten
Glasgeschäftsmann
und
geachteten
Bürger
empor.
Nach einer
kummervollen
Kindheit
lernte er
bei seinem
Onkel, dem
Glashüttenmeister
Anton Kittel
in Falkenau
(Falknov),
das Handwerk
des
Glasmachers
und
Glasmalers.
Er wurde in
die Zunft
der
Kreibitzer
„Glasschneider,
Vergolder
und
Glasmaler“
aufgenommen.
Danach ging
er auf
Wanderschaft.
Als
einfacher
Messerschleifer
und
Drahtbinderjunge
kam er in
bedeutende
sächsische
Porzellanmanufakturen
in Gera und
auf die
Albrechtsburg
in Meissen.
Trotz der
strengen
Geheimhaltung
gelang es
ihm, sich
mit der
Zubereitung
der Farben,
Pinsel und
der Technik
der feinen
Porzellanmalerei
bekannt zu
machen.
Nach
der Rückkehr
in seine
Heimat
lernte er
zwei Jahre
lang fleißig
Zeichnen im
Piaristenkollegium
bei
Professor
Marcellin
Fromm in
Haida (Bor)
und begann
sich
allmählich
als fähiger
Glasmaler
durchzusetzen.
Mit 29
Jahren
heiratete er
Elisabeth,
die Tochter
des
Lusterunternehmers
Benedikt
Schürer aus
Blottendorf
(Polevsko).
Mit dieser
Heirat
sicherte er
sich
finanziell
ab. In
seiner
Werkstatt
befaßte er
sich anfangs
mit fein
gemalten
Dekors auf
Milch- und
Alabasterglas.
Die ersten
kommerziellen
Erfolge
hatte
Egermann im
Jahre 1809
mit der
neuen
Maltechnik
des
Mattierens
von
Milchglas,
dem sog.
Agatieren.
Weitere
Malertechniken,
vor allem
die
Verbesserung
der weißen
Farbe zu dem
glänzenden
Perlmutteremail
und dem
matten
Bisquitemail,
standen im
Jahre 1824
sicher noch
unter dem
Einfluß der
Erfahrungen
aus Meissen.
Diese Emails
wurden auch
in
Pastellschattierungen
getönt:
nämlich in
Gelb, Blau
und
Rotbraun.
Diese
Technik des
Auftragens
des
plastischen
Emails (am
Anfang nur
in Form von
kleinen
Perlen)
wurde
erfolgreich
auch auf die
Verzierung
von
Spiegelrahmen
übertragen.
Egermanns
Beiträge
betreffen
auch die
handwerkliche
Geschicklichkeit
und das
Design.
Obwohl er
selbst kein
Spitzenmaler
war, gelang
es ihm, für
sein Atelier
erstklassige
Maler zu
gewinnen und
junge
begabte
Handwerker
heranzubilden.
Es
arbeiteten
mit Egermann
z.B. Carl
von Scheidt,
Alois
Knispel,
Anton Bendel,
Alois Eiselt,
A.F.
Schierer,
Wilhelm
Görner und
andere
zusammen.
Bei ihm
erlernten
das Handwerk
spätere
Meister, wie
z.B. der
Graveur Karl
Pfohl,
Egermanns
Sohn Anton
Ambrosius
und der
Bildhauer
Emanuel Max.
Bereits ab
1816 befaßte
sich
Egermann
ununterbrochen
mit
Experimenten
des
Glasfärbens
in dünnen
Schichten
durch
Bei-zen.
Zwischen
1817 und
1818 gelang
es ihm, die
Technologie
der gelben
Silberbeize
zu
bewältigen.
Dazu muß
erwähnt
werden, daß
sich mit der
Technik der
Gelbbeize,
die bereits
von der
mittelalterlichen
Kirchenfensterherstellung
her bekannt
und später
vergessen
war, zur
gleichen
Zeit oder
sogar schon
früher, auch
noch andere
bedeutende
Maler
befaßten.
Egermann
nützte aber
alle
Möglichkeiten
der
Silberbeize
aus, so zum
Beispiel bei
der
Produktion
von
Lithyalingläsern
und durch
die
Kombination
von Gravur
und
Transparentfarben.
Seine
Experimente
führte er in
einem
Schuppen in
Blottendorf
aus, wo ein
Muffelofen
mit direkter
Holz- und
Kohlenfeuerung
stand. Bei
den
Versuchen
mit Silber
erlitt er
eine ernste
Verletzung
am Scheitel
–
anscheinend
erzeugte er
Knallsilber
–, worauf er
bis an sein
Lebendsende
eine
typische
Mütze trug,
so wie wir
ihn von der
Zeichnung
nach Johann
Zacharias
Quast kennen
(siehe
Abbildung).
Um 1820 war
Egermann
schon so
erfolgreich,
daß er in
Haida das
Bürgerrecht
erlangte und
in den
Häusern Nr.
100 und 101
auf dem
Stadtplatz
eine
umfangreiche
Glasraffinerie
errichten
konnte. Im
gleichen
Jahr 1820
übernahm er
als
Nachfolger
seines
Onkels, des
Glasmachermeisters
Anton
Kittel, für
die Dauer
von zwei
Jahren die
Verwaltung
der
Glashütte
Neuhütte (Nová
Huť) in der
Gemarkung
Röhrsdorf (Svor),
nicht in
Blottendorf,
wie oft
falsch
angeführt
wird.
Ab der
zweiten
Dekade des
19.
Jahrhunderts,
in der Zeit
des
Biedermeiers,
war das
Interesse
auf Farbglas
gerichtet.
Die edelste
Farbe war
das
Goldrubin,
mit
Golddukaten
gefärbt.
Diese
Technologie
beherrschten
damals in
Böhmen nur
wenige Glas-
und
Kompositionshütten.
Mit höchster
Wahrscheinlichkeit
versuchte
auch
Egermann, in
Neuhütte
Goldrubin zu
erzeugen.
Einige
Erwähnungen
in der
Literatur
und die
Tatsache,
daß er in
jener Zeit
für seine
Experimente
mehr als 200
Thaler
aufbrachte,
weisen
darauf hin,
daß er
offensichtlich
nicht
erfolgreich
war.
Das
scheinbar
zufällige
Ergebnis von
Egermanns
unterschiedlichen
Versuchen
waren
Steingläser.
So
bezeichnen
wir heute
eine
bestimmte
Art von
sattfärbigen,
getrübten
Gläsern mit
wesentlichen
nichthomogenen
Teilen
(Streifen,
Marmorierungen),
die den
Naturhalbedelsteinen
(Marmor,
Jaspis,
Achat u.a)
ähnlich
sind. Diese
Glasschmelzen
waren in den
meisten
Glashütten,
die Farbglas
erzeugten,
allgemein
bekannt.
Egermanns
Beitrag
besteht
darin, daß
er die
Marmorglasschmelzprodukte
dekorativ
schleifen
und auf die
geschliffenen
Flächen und
Medaillons
die Gelb-
und Rotbeize
einbrennen
ließ. Damit
gewann er
einen neuen
Typ des
Erzeugnisses
mit effekt-
und
ausdrucksvoll
verfärbten
nichthomogenen
Teilen und
verschiedenfarbiger
Oberfläche.
An der
Wiener
Technischen
Hochschule
wurde das
Produkt
Lithyalin
(von griech.
„lithos“ =
Stein)
benannt.
Für die
Erfindung
der
Lithyalingläser
gewann er
1829 das
kaiserliche
Privilegium,
und noch im
demselben
Jahr brachte
er
Lithyaline
in großem
Umfang auf
den Markt.
Die
Lithyaline
weisen
aufgrund der
verschiedenen
Sorten von
Glasrohlingen
und den
nachfolgenden
unterschiedlichen
Beizen eine
breite
Palette von
Farbnuancen
auf. Das
zeigen auch
die
erhaltenen
Mustertafeln
im
Kunstgewerbemuseum
in Prag und
im
Technischen
Museum in
Wien.
Große
Erfolge
erzielte
Egermann mit
seinen
Lithyalinen
auf den
Industrieausstellungen.
Im Jahr 1831
gewann er in
Prag die
Silbermedaille,
1835 in Wien
die
Bronzemedaille.
Dies regte
die
Konkurrenten
und vor
allem die
Rohglaslieferanten
Egermanns zu
Nachahmungen
an.
Nach 1840
kam es zu
einem
Rückgang des
Interesses
für
Stein-und
Lithyalingläser.
Da führte
Egermann
bereits
seine
einzigartige
Erfindung –
die Rotbeize
– auf den
Markt ein.
Anlaß für
diese
Erfindung
bildete ein
zufällig
gefundener
Scherben mit
Rotbeize
beim
Muffelofen.
Zuerst
bemühte er
sich, die
rote
Verfärbung
durch Gold
(ähnlich wie
bei der
Silberbeize
durch
Silber) zu
gewinnen.
Später, um
1824, fand
er den
richtigen
Weg durch
die
Verwendung
von
Kupferverbindungen.
Nach 16
Jahren
harter
Arbeit (es
werden rund
5.000
Experimente
angeführt),
kam der
Erfolg. Es
gelang ihm,
die
Grundkomponenten
zu
bestimmen,
die richtige
Aufbereitung
der
Substanzen
festzulegen,
einschließlich
der
komplizierten
Art des
dreifachen
Brennens.
Ab 1832
begann er
die Rotbeize
in seiner
Raffinerie
in Haida
industriell
zu erzeugen.
Die
gebeizten
Rohgläser
wurden
weiter mit
Schliff und
der
„Rutschgravur“
mit den für
die
Biedermeierzeit
und das
zweite
Rokoko
typischen
Motiven
verziert.
Der
ausschließliche
Abnehmer
wurde die
Firma
Vogelsang &
Müller aus
Frankfurt am
Main.
Die
Erfindung
der
Lithyaline
und der
Rotbeize
brachte
Egermann
hohe
Anerkennung.
Es wurde ihm
der Titel
„privilegierter
Erzeuger“
zugesprochen,
und in den
Jahren 1833
und 1848
erhielt er
vom „Verein
zur
Ermunterung
des
Gewerbefleißes
in Böhmen“
die Silber-
und
Goldmedaille.
In seiner
Raffinerie
in Haida
veredelte er
mit seinen
200
Mitarbeitern
Glaserzeugnisse
von hohem
handwerklichen,
technischen
und
ästhetischen
Niveau. So
wurden
allein im
Jahr 1842
etwa 2.000
bis 2.500
Zentner Glas
veredelt.
Mit Ruhm und
Erfolg
pflegt auch
der Neid
anderer
verbunden zu
sein. Da
Egermann den
anderen
Glasveredlern
das Prinzip
und den
Prozeß der
Erzeugung
von der
Rotbeize
nicht
vermitteln
wollte,
ließen die
Konkurrenten
sein
technologisches
Labor, die
„Brennküche“
ausrauben.
Dabei
entwendeten
sie
Rezeptbücher
und Muster
und
kopierten
seinen
speziell
hergerichteten
Einbrennofen
für den
Reduktionsbrennvorgang.
Die Kenntnis
der Rotbeize
verbreitete
sich so
allmählich
in Europa
und gelangte
auch nach
Übersee.
Nach
Egermanns
Tod im der
Neujahrsnacht
1863/64
leitete sein
Sohn Anton
Ambrosius
die Firma
weiter, bis
die
Egermannsche
Raffinerie
Ende 1888
ihren
Betrieb
völlig
einstellte.
Egermanns
Name bleibt
jedoch als
Begriff
eines
Selfmademans
erhalten,
der sich um
die
böhmische
Glaskunst
verdient
gemacht
hatte und zu
einer der
größten
Persönlichkeiten
der
Glasindustrie
in der 1.
Hälfte des
19.
Jahrhunderts
wurde. Seine
bedeutendste
Erfindung –
die Rotbeize
– wird unter
der
traditionellen
Bezeichnung
„EGERMANN“
fortlaufend
erzeugt, und
zwar nicht
nur in Nový
Bor (Haida),
sondern auch
in
Deutschland
von Firmen,
die
ursprünglich
aus dem
Gebiet um
Haida
stammen.
Lit.:
J. Brožová:
Lithyaliny a
Friedrich
Egermann,
in: Ars
vitraria 5,
Jablonec n.
Nisou, S.
75–97. – J.
Brožová:
Bedřich
Egermann a
severočeské
sklo jeho
doby.
Ausstellungskatalog,
Jablonec n.
Nisou 1977.
– A. Busson:
Biedermeier
Steingläser,
Wien 1991. –
M. Kovacek:
Glas aus 5
Jahrhunderten,
Wien 1990. –
G. Pazaurek:
Gläser der
Empire- und
Biedermeierzeit,
Leipzig
1923. – R.
Hais:
Friedrich
Egermann,
in: New
Glassreview
1 (1995), S.
218. – R.
Hais:
Friedrich
Egermann,
in:
Weltkunst,
67.
Jahrgang,
Nummer 17
(1997).
Bild:
Nach dem
Bild von
Johann
Zacharias
Quast aus
dem Archiv
des
Verfassers.
Rudolf Hais