Militärische
Karrieren lassen sich meist an den erreichten Dienstgraden und
Dienststellungen ablesen. Generaloberst Ludwig Freiherr von
Falkenhausen war jedoch nicht nur ein fähiger General, sondern auch
ein fruchtbarer Militärschriftsteller, der neben Wilhelm von Blume
und Friedrich von Bernhardi die strategische Diskussion im
Kaiserreich in den Jahren vor Kriegsausbruch stark beeinflußte.
Falkenhausen wurde
als Sohn des späteren Generalleutnants Alexander Freiherr von
Falkenhausen und dessen Gattin Katharina, geborener von Rouanet,
geboren. Nach dem Eintritt in das Kadettenkorps folgte 1862 die
Ernennung zum Sekondeleutnant Ersten Garderegiment zu Fuß, dem
„Ersten Regiment der Christenheit“, wie es damals zuweilen halb
scherzhaft, halb bewundernd genannt wurde. 1865 wurde Falkenhausen
an die Kriegsakademie kommandiert, am Feldzug gegen Österreich 1866
nahm als Regimentsadjutant beim Garde-Reserveregiment teil. Seit
l869 Premierleutnant, zeichnete er sich im Krieg gegen Frankreich
als Regimentsadjutant beim 1. Garderegiment zu Fuß aus. Danach
folgten im Wechsel verschiedene Stabsstellungen auf Divisions- und
Korpsebene. 1879 zum Major befördert, erhielt er 1885 Kommando über
das I. Bataillon des Grenadierregiments Nr. 65.
Von da an
entwickelte sich seine Karriere steil nach oben. 1887 wurde er
Oberstleutnant und Chef des Stabes des Gardekorps, 1889 Oberst und
1890 Kommandeur des Gardegrenadierregiments Augusta Nr. 4. 1892
erhielt er seine Beförderung zum Generalmajor und das Kommando über
die 29. Infanteriebrigade. Von 1893 1895 war er Mitglied der
Studienkommission der Kriegsakademie und zugleich seit März 1894
Oberquartiermeister im Generalstab. 1895 übernahm Falkenhausen das
Allgemeine Kriegsdepartement im Kriegsministerium, ein Jahr später
wurde er zum Generalleutnant befördert. Von 1897 bis 1899 befehligte
Falkenhausen die 2. Gardedivision, um schließlich am 3. Juli 1899
zum Kommandierenden General des XIII. Armeekorps ernannt zu werden.
Die Beförderung zum General der Infanterie wurde am 14. September
1900 ausgesprochen. 1902 wurde Falkenhausen zur Disposition
gestellt.
Hatte Falkenhausen
schon bisher einige vielbeachtete Aufsätze publiziert, widmete er
sich nunmehr mit Verve der Militärschriftstellerei. Sein
Hauptanliegen war die Vermittlung eines zutreffenden Kriegsbildes
für Führer und Truppe, das dem ständigen Wandel der militärischen
und militärtechnischen Gegebenheiten angepaßt war. So schwankte
Falkenhausen in der Beantwortung der operativen Frage, ob
„Durchbruch“ oder „Umfassung“ die günstigere Angriffsart sei, und
zog schließlich den Schluß, daß es auf die richtige Anwendung
ankomme. Die Flankenbewegung hielt Falkenhausen vor allem für den
Angriff auf befestigte Stellungen des Gegners geeignet, da damit
langwierige Stellungskriege vermieden werden konnten. 1916 bei
Verdun ist dieser Grundsatz offenbar in Vergessenheit geraten.
Allerdings räumte auch Falkenhausen dem Angriff prinzipiell den
Vorrang ein, sah diesen aber durch das ständige Anwachsen der
Heeresstärken eingeschränkt. Seiner Auffassung nach konnte dieser
Faktor freilich durch die fortschreitende Motorisierung und die
Verbesserung der Nachrichtenmittel ausgeglichen werden. In seinem
Buch Der große Krieg der Jetztzeit aus dem Jahre 1909
beschrieb er einen Krieg zwischen Blau (Deutschland/Österreich) und
Rot (England/Frankreich/Italien), in dem der Angriff von Rot die
Neutralität der Benelux-Staaten verletzt, während Blau mit einer
Gegenoffensive unter Umgehung der Festungslinie Nancy-Verdun den
linken Flügel von Rot über die Niederlande, Belgien und Luxemburg in
Richtung Sedan zu umfassen sucht. Der Vernichtungsgedanke und die
Bevorzugung der Kampfart „Angriff war damals in der
preußisch-deutschen Armee verbreitet. Falkenhausen hat Clausewitz
und dessen Darlegungen hinsichtlich der Defensive als stärkerer
Kampfart kritisiert; er habe mit ihnen viel Schaden angerichtet.
„Nicht das Abwarten des Stoßes, das Clausewitz als das Merkmal der
Verteidigung hinstellt und so sehr empfiehlt, führt zum Siege,
sondern die schnelle und geschickte Ausführung des Stoßes selbst.“
Allerdings hat Falkenhausen keine eingehende Untersuchung des
Gesamtproblems „Krieg“ unternommen. Beim Ausbruch des Ersten
Weltkrieges wurde der inzwischen 70jährige reaktiviert und
befehligte zunächst eine Armeeabteilung. Ende 1914 erfolgte die
Beförderung zum Generalobersten. 1916 wurde er für kurze Zeit
Oberbefehlshaber der Küstenverteidigung und übernahm am 28. August
1916 die 6. Armee an der Westfront, die er umsichtig und erfolgreich
führte. Ludendorff nannte ihn eine „besonders hervorstehende
Persönlichkeit“. Am 22. April 1911 wurde Falkenhausen zum
Generalgouverneur in Belgien ernannt. Mit dem Ausgang des Krieges
endete seine Dienstzeit. Er starb 92. Lebensjahre.
Lit.:
Die Angaben zur
militärischen Laufbahn Falkenhausens finden sich in der sogenannten
Sammlung Krug im Bundesarchiv/Militärarchiv, Signatur B A-MA MSg
109. - L. Frhr. v. Falkenhausen: Ausbildung für den Krieg, 2 Bde.,
Berlin 1902 – 1904. - ders.: Zeitfragen der Kriegführung und
Ausbildung. Berlin 1908. - ders.: Der Krieg der Jetztzeit. Zweite,
durchgesehene und verbesserte Auflage. Berlin 1911. - ders.:
Kriegführung und Wissenschaft. Berlin 1913. - Erich Ludendorff:
Meine Kriegserinnerungen 1914-1918. Berlin 1919, S. 341.
Romedio Graf von Thun-Hohenstein