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Der als Sohn eines
Landrichters und späteren Reichsgerichtssrates geborene Rudolf Ditzen,
der sich später als Schriftsteller Hans Fallada nannte, begann nach dem
Ersten Weltkrieg sich literarisch zu betätigen, nachdem er in Berlin und
Leipzig das humanistische Gymnasium besucht hatte und danach als
Gutseleve und Wirtschaftsinspektor tätig gewesen war. Bereits mit
dreißig Jahren wurde er beim Generalanzeiger in Neumünster Lokalreporter
und erlebte dort 1929 einen Bauernprozeß mit, der ihm entscheidende
Anregungen für seinen ersten Roman Bauern, Bonzen und Bomben (1931)
vermittelte. 1933 erwarb Fallada in Carwitz bei Feldberg (Mecklenburg)
einen Landsitz (heute Gedenkstätte), den er mit seiner Familie
bewirtschaftete. Hier zurückgezogen lebend, stand er die Jahre der
Hitler-Diktatur weitgehend unangefochten durch. Infolge exzessiver
Trunksucht wurde er 1944 in eine Trinkerentziehungsanstalt in
Neustrelitz eingewiesen. (Dieses Erlebnis fand, autobiographisch kaum
verschlüsselt, in seinem Roman Der Trinker, 1950 aus dem Nachlaß
veröffentlicht, seinen literarischen Niederschlag.) Bevor sich Fallada
nach 1945 in Berlin niederließ, um dort, wie er meinte, am Aufbau einer
neuen demokratischen Kultur in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone
mitwirken zu können, war er noch einige Zeit als Bürgermeister in
Feldberg tätig gewesen, aus dieser Stellung aber bald wegen
offenkundiger Unfähigkeit entlassen worden.
Fallada war der
Schriftsteller des „kleinen Mannes", der mit einer virtuosen
Erzähltechnik seine Schicksale, seine Lebenskämpfe im politisch-sozialen
Gesellschaftsgefüge der bereits in der Auflösung befindlichen Weimarer
Republik gestaltete: so in dem Roman Bauern, Bonzen und Bomben, in dem
er den Prozeß der schärfer werdenden Polarisierung in der Gesellschaft,
weniger im Dorf als in der Kleinstadt, darstellt. Die fiktive Kleinstadt
Altholm kann „für tausend andere und für jede große auch" stehen, sagt
der Autor. Er sieht gerade in den parteipolitischen Auseinandersetzungen
die Wurzel des Übels und der Zerstörung echter Lebensverhältnisse im
„Kampf aller gegen alle." Das von ihm mit Sympathie geschilderte
Kleinbürgertum in seinem duldenden, hoffenden Heroismus möchte „raus aus
all dem Dreck und der Lüge", möchte wieder „ehrlich sein."
Eine beachtliche epische
Leistung stellt auch Falladas Roman Kleiner Mann - was nun? (1932) dar,
der in den Jahren der Weltwirtschaftskrise spielt; der hier am Beispiel
eines kleinen Angestellten dargestellte Alltag in seiner täglichen
Existenznot spiegelt den verheerenden wirtschaftlichen Zusammenbruch im
Endstadium der Weimarer Republik wider. Die Geschichte des
kleinstädtischen Angestellten Pinneberg hat das psychologisch
meisterhaft dargestellte Schicksal eines Opfers des Ausbeutungs- und
Antreibersystems kapitalistischer Entfremdungs- und Verformungspraktiken
zum Gegenstand und wurde damit zur Anklage einer Lebens- und
Zeitsituation, die im Roman bisher nur ungenügenden Niederschlag
gefunden hatte. Damit gestaltete Fallada die Lebenssphäre „jener
Menschen, deren Existenz durch die moderne Großstadt und alle
Schwankungen der modernen Wirtschaft bedingt und bedroht ist und die im
Bescheidenen ein zähes, mühsames Lebensringen auf sich zu nehmen haben."
(Fritz Martini). Johannes R. Becher kritisierte Falladas Schaffensweise
mit der vorwurfsvollen Feststellung: „Er registrierte und vibrierte mit,
wo er hätte sich entgegensetzen . .. müssen", anerkannte jedoch die
Qualität der Charakteristik seiner Gestalten, „was an Großem in diesen
kleinen Leuten träumte."
Falladas berühmter Roman
Wer einmal aus dem Blechnapf frißt (1934) erinnert in seiner
schonungslosen Zeichnung übermächtig wirkender Milieu- und
Gesellschaftsfaktoren an naturalistische Determinationszwänge, die
unausweichlich das Lebensschicksal eines Menschen bestimmen: hier
demonstriert an dem aussichtlosen Versuch eines entlassenen Sträflings,
wieder in der Welt bürgerlicher Wohlanständigkeit Fuß zu fassen, durch
die Anerkennung einer Moral, die bei Arbeitsamkeit und Fleiß ein
angemessenes Dasein verspricht. Schließlich begeht der durch eine
verlogene Gesellschaft deformierte Sträfling abermals ein Verbrechen, um
in jene Zuchthauswelt zurückzukehren, in der trotz aller individuellen
Einschränkungen jene primitivsten Lebensgrundlagen bestehen, die die
Gesellschaft in ihrer verlogenen Freiheitsmoral nicht zu bieten
vermochte. Auch in dem Roman Wolf unter Wölfen (1937) gelang Fallada
eine treffend-realistische Gestaltung – hier der Inflationswirren und
des Kräftespiels rechter und linker Gruppierungen in der Weimarer
Republik bis zu den Anfängen des Nationalsozialismus. Im Roman Der
eiserne Gustav (1938) geißelt Fallada zunächst in der Figur des
ehemaligen preußischen Wachtmeisters (und späteren Fuhrunternehmers
Gustav Hackendahl) das wilhelminische Deutschland. Dann aber wertet er
im Verlauf der Erzählung diese Figur um: Der Weimarer Staat wird zum
bürgerlich-moralischen Sumpf, aus dem der ,eiserne‘ Gustav als ein
Vorbild, als ein positiver Vertreter der guten alten Vorkriegsjahre
herausragt. Es nimmt nicht wunder, daß der Nationalsozialismus diese
Wendung des Romans durchaus begrüßte und für sich in Anspruch zu nehmen
wußte.
Mit seinem Roman Jeder
stirbt für sich allein (1947), der als eine Art Vermächtnis des Autors
gelten kann, zeigt Fallada am Schicksal eines kleinbürgerlichen
Ehepaares in Berlin einen stillen, unzulänglichen, moralisch freilich
ungebrochenen Kampf gegen die nationalsozialistische Tyrannis - ein
Appell an „das über Elend und Not triumphierende Leben."
Weitere Werke: Der junge
Goedeschal (1920, R. ). - Anton und Gerda (1923, R.). - Wir hatten mal
ein Kind (1934, R.). - Märchen vom Stadtschreiber, der aufs Land flog
(1935, M.). - Altes Herz geht auf die Reise (1936, R.). - Süßmilch
spricht. Ein Abenteuer von Murr und Maxe (1938, Kb). - Kleiner Mann,
großer Mann - alles vertauscht (1940, R.). - Der ungeliebte Mann (1940,
R.). - Damals bei uns daheim (1941, Aut.). - Heute bei uns zu Haus
(1943). - Erinnerungen (1946). - Der Alpdruck (1947). - Ein Mann will
hinauf (1953, R., aus dem Nachl.). - Die Stunde, eh du schlafen gehst
(1954, R. aus dem Nachl.). - Junger Herr - ganz groß (1965, R. aus dem
Nachl. e. 1943). - Ausg.: Ausgew. W. in Einzelausgaben, hg. v. G. Caspar
(1962ff., bis 1970 6 Bde.); Ges. En. (1967).
Lit.:
Tom Crepon: Leben und Tod des Hans Fallada, Halle a.S./Leipzig 91992.
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W. J. Loohnis: Hans Fallada in der
Literaturkritik. Ein Forschungsbericht, Bad Honnef 1979.
Bild:
Bildarchiv Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat.
Günter Gerstmann
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