Ein
Mönch und Priester, der zum lutherischen
Bischof wird – nicht im 16. Jahrhundert,
sondern im 18. Jahrhundert. Dies ist die
sehr kurze Zusammenfassung des
Lebensweges von Ignaz Aurelius Feßler.
Diese beiden Eckpunkte verdeutlichen die
Spannungen und Wandlungen eines sehr
ereignisreichen Lebens; sie deuten aber
auch an, welchen Fronten er sich
gegenübersah im Laufe seines langen
Lebens.
Am
18. Mai 1756 im damals ungarischen
Zurndorf geboren, wuchs Feßler
zweisprachig auf. Die Familien seiner
Eltern stammten aus Oberdeutschland.
Sein Herz schlug zeitlebens für den
ungarischen Patriotismus, ohne daß es
ihn hinderte, sich dem Volk zugehörig zu
fühlen, bei dem er sich gerade aufhielt
und mit dem er lebte, seien es nun
Österreicher, Deutsche oder Russen. Er
kannte noch keinen Nationalismus.
Sowohl in Zurndorf als auch in den
weiteren Lebensorten seiner Jugend
(schon 1756 siedelte die Familie nach
Preßburg [ung. Pozsony/slow. Bratislava]
und 1766 nach Raab [ung. Győr]) hatte
vor allem seine Mutter Anna Maria, geb.
Kneidinger, Kontakt mit lutherischen
Gemeinden. Zu deren Veranstaltungen nahm
sie auch ihren Sohn mit, der dadurch
schon früh Erfahrungen über die Grenzen
seiner eigenen Konfession hinaus machte.
In
Raab, wo der Vater in den Diensten des
Weihbischofs stand, besuchte er ab 1766
das Jesuitengymnasium und wechselte 1770
im Rahmen des damals beliebten
Kindertausches für eine Zeit nach
Preßburg. Vergeblich versuchte er 1772
in Raab dem Jesuitenorden beizutreten;
wegen seiner Jugend wurde das Gesuch
abgelehnt. U. a. führte dies dazu, daß
er 1773, beeinflußt von seinem Cousin
Georg Kneidinger, Philosophielektor im
Ofener (Budaer) Kloster der Kapuziner,
diesem Orden unter dem neuen Namen
Innocentius beitrat.
Eigene Erfahrungen und der Einfluß des
reformierten Freimaurers Freiherr Joseph
Podmaniczky (1756-1823) erschütterten
seinen noch ganz aus der Kindheit
gespeisten Glauben an die
römisch-katholische Kirche und vor allem
an den Ordensstand. Hochgebildet fand er
Halt bei der Lektüre Senecas und
versuchte, durch die Aufnahme in den
Priesterstand und die mögliche Übernahme
eines Pfarramtes dem Kloster zu
entkommen. 1776 erhielt er in
Großwardein (ung. Nagyvárad) die vier
niederen Weihen. Intensivem Studium
folgte am 29. Mai 1779 die Primiz.
Feßler wurde Priester zu einem
Zeitpunkt, als er – wie er selbst
schreibt – „im Unglauben erstarret“ war.
Es folgten Aufenthalte in verschiedenen
Klöstern.
Auf
seine direkten Beschwerden hin versuchte
Kaiser Josef II. 1784, durch
Untersuchungen und strenge Auflagen
einerseits die Bildung des Klerus zu
erhöhen und andererseits Mißstände in
den Klöstern abzuschaffen. Etwaigen
Nachsetzungen durch seinen Orden entzog
er den Mönch, indem er ihn zum Lektor
für orientalische Sprachen und Altes
Testament in Lemberg berief, wo Feßler
auch seine schriftstellerische Tätigkeit
begann. Für den Unterricht erschienen
seine „Anthologia hebraica“ (1786) und
die „Institutiones linguarum orientalis“
(1787). Seit dem 1. Mai 1784 war Feßler
Mitglied der Freimaurerloge „Phoenix zur
runden Tafel“ in Lemberg. Die
Beschäftigung mit der Philosophie führte
zu literarischer Beschäftigung. In
historischen Romanen wollte er seine
weltanschaulichen Ansichten kundtun.
Sein erster Roman sollte „Marc Aurel“
werden. Ein in Vorbereitung darauf
verfaßtes Trauerspiel „Sidney“ führte
allerdings dazu, daß er Lemberg
verlassen mußte und nach Breslau floh.
Eine Hauslehrerstelle bei Wilhelm von
Schönaich-Carolath gab ihm ein
Auskommen. Diese Verbindung brachte ihn
mit der herrnhutischen Brüdergemeine
zusammen. 1791 trat Feßler in Beuthen an
der Oder zur lutherischen Konfession
über. Damit war eine von ihm immer
wieder angestrebte Rückkehr nach Ungarn
endgültig aussichtslos geworden.
1796
siedelte er nach Berlin, wo er
maßgeblich an der Gründung der Berliner
Mittwochsgesellschaft beteiligt war und
gemeinsam mit Johann Gottlieb Fichte
(1762-1814) den Auftrag erhielt, die
Statuten der Freimaurerloge „Royal York
zur Freundschaft“ neu zu formulieren und
zu modernisieren. Streitigkeiten und
seine geringe Bereitschaft zu
Kompromissen führten allerdings 1802 zu
seinem freiwilligen Ausscheiden aus dem
Freimaurerbund. Als die polnischen
Gebiete an Preußen fielen, wurde er für
diese nun preußischen Provinzen in
Berlin von 1798 bis 1807 „Rechtskonsulent
in geistlichen und Schulangelegenheiten
Neu-Ost- und Südpreußens“. In diese Zeit
fällt auch das Scheitern seiner Ehe mit
der Tochter des Beuthener Stadtrichters
Henrici – sie dauerte von 1792 bis 1802
und wurde nie vollzogen – und die Heirat
mit seiner zweiten Frau Caroline Marie
Wegeli (1773-1823) am 22. November 1802.
Immer
war er mit Schreiben beschäftigt und im
Gespräch mit den Geistesgrößen seiner
Zeit. Im Wechsel entstanden
philosophische oder theologische
Abhandlungen sowie historische Romane,
die er aber nicht als Romane verstanden
wissen wollte, sondern als
Geschichtsschreibung, der jeweils die
Durchdringung der in den Personen
inneliegenden Ideen zugrundeliegt. Seine
Hoffnung, in Deutschland, am besten in
Berlin, eine Professur zu erlangen,
erfüllte sich nicht. 1809 nahm er
deshalb einen Ruf als Professor für
orientalische Sprachen an die
Alexander-Newsky-Akademie in St.
Petersburg an. Durch sein lutherisches
Bekenntnis waren Auseinandersetzungen
innerhalb der orthodoxen Einrichtung
vorprogrammiert; sie führten zu einem
baldigen Verlust seiner Anstellung.
Feßler zog nach Wolsk, vor allem um in
Ruhe an seinem großen Werk, der
„Geschichte der Ungern und ihrer
Landsassen“ zu arbeiten – der letzte,
10. Band erschien in Leipzig 1825.
Gleichzeitig war er Aufseher einer
philanthropischen Erziehungsanstalt.
1815 band er sich enger an die
Brüdergemeine und zog mit seiner Familie
in ihre Kolonie Sarepta an der Wolga, wo
er 1816 inneren religiösen Frieden und
eine Höchstschätzung der Bibel fand;
seit Jahrzehnten nahm er erstmals wieder
an einem Abendmahl teil.
Als
Kaiser Alexander I. (1777-1825) für die
evangelischen Konfessionen Rußlands eine
gemeinsame Organisation schaffen wollte,
wurde Feßler 1819 Superintendent und
Bischof (im November 1719 in Borgo in
apostolischer Sukzession geweiht) von
Saratov. Sein Gebiet umfaßte schließlich
zehn umliegende Gouvernements und hatte
eine Größe von über 1,1 Mio.
Quadratkilometer. Von nun an galt seine
ganze Aufmerksamkeit dem Aufbau und der
Festigung einer evangelischen Kirche in
Rußland.
1823
starb seine zweite Frau und Feßler
heiratete ein weiteres Mal: die Witwe
Amalia Mauvillon, geb. von Reimers (*
1789). Schon 1824 zog er ein Resümee
über sein Leben, obwohl dieses noch 15
Jahre dauern sollte. Hochbetagt, auf ein
überaus bewegtes Leben zurückblickend,
starb er am 15. Dezember 1839 in St.
Petersburg, wohin er schon 1827 gerufen
worden war, um an der Neuordnung der
evangelischen Kirche in Rußland
mitzuarbeiten.
Feßlers Verdienste um die Organisation
der russischen lutherischen Kirche sind
gar nicht hoch genug einzuschätzen, sein
Einfluß auf das europäische Geistesleben
war jedoch eher mittelbar. Er war zu
seiner Zeit ein mit allen geistigen
Strömungen vertrauter Mann, auch wurde
er von allen diesen Strömungen
wahrgenommen. Besonders das literarische
Deutschland las ihn. Seine Geschichte
der Ungarn, die er, der ein glühender
ungarischer Patriot gewesen ist, auf
Deutsch verfaßte, wurde für viele zum
Schlüssel für ein authentischeres
Verständnis des östlichen Mitteleuropas,
besonders der Gebiete des ungarischen
Reiches.
Lit.: ADB 6, 723-726. – RE 4 (1855),
375-377. – Peter F. Barton, Ignatius
Aurelius Feßler: vom Barockkatholizismus
zur Erweckungsbewegung, Wien/Köln 1969.
Werke (Auswahl): Anthologia hebraica
e sacris hebraeorum libris depromta
adjecta versione latina et
annotationibus, Leopoli 1787. –
Institutiones linguarum orientalium,
Hebraicae, Chaldaicae, Syriacae et
Arabicae, cum Chrestomathia Arabica J.
G. Eichornii. Pars
prior. Vratislaviae, 1787.
Pars posterior:
Institutiones linguae Chaldaicae et
Arabicae complectens. Leopoli
1789. – Die Geschichte der Ungern und
ihrer Landsassen, 10 Bde., Leipzig
1815-1825. – Sämmtliche Schriften über
die Freimaurerei, 3 Bde., Freyberg 1804.
– Fesslers Ansichten von Religion und
Kirchenthum, Berlin 1805. – Dr. Fesslers
Rückblicke auf seine siebzigjährige
Pilgerschaft: ein Nachlaß an seine
Freunde und an seine Feinde, Breslau
1824. – Dr. Fesslers Resultate seines
Denkens und Erfahrens als Anhang zu
seinen Rückblicken auf seine 70 jährige
Pilgerschaft, Breslau 1826. – Hist.
Romane: Marc. Aurel, 4
Bde., Breslau. 1790-1792. –
Aristides und Themistocles, 2 Bde.,
Berlin 1792. – Mathias Corvinus, 2 Bde.,
Breslau 1793-94. – Attila, Breslau 1794.
– Alexander der Eroberer, Berlin 1797. –
Theresia, 2 Bde., Breslau 1806. –
Abälard und Heloisa, 2 Bde., Berlin
1807. – Bonaventura’s mystische Nächte,
Berlin 1807. – Alonso, 2 Bde., Leipzig
1808. – Der Groß-Hof- und Staats-Epopt
Lotario, Berlin 1808. – Die drey großen
Könige der Hungarn aus dem Árpádischen
Stamm, Breslau 1808. – Der Nachtwächter
Benedict, Berlin 1809. – Die alten und
die neuen Spanier, 2 Bde., Berlin 1810.
Bild: Porträt von János
Rombaum, 1821.
Markus Hein