Für den 1964
erschienenen
Band „Meine
schlesischen
Jahre“ war
Werner Finck
um einen
Beitrag
gebeten
worden. Er
überschrieb
diesen:
„Görlitz mit
Knabenaugen“,
im
autobiographischen
Buch „Alter
Narr – was
nun?“ wurde
er 1972
unter dem
Titel „Ich
bin ein
Görlitzer“
nachgedruckt.
Mit ein
wenig Ironie
und der
grandiosen
Fähigkeit,
Worte und
Begriffe mit
gern
entdecktem
Doppelsinn
zu benutzen,
beginnt
Werner
Finck: „Wer
in Berlin
oder in Rom
oder in
Paris oder
in New York
– also eben
in einer
Weltstadt –
zur Welt
gekommen ist
und dann,
sei’s auch
gleich
darauf nach
– sagen wir
Görlitz –
übersiedelt,
wo er dann
bleibt zeit
seines
Lebens bis
zu seinem
Tode, so
einer wird,
wenn er
seine
Vaterstadt
auch niemals
mehr
wiedergesehen
hat, dennoch
immer ein
Pariser oder
Berliner –
und in
diesem Sinne
weiter –
sein und
bleiben:
wenigstens
in seinem
Paß. Ihm
wird der
Weltruhm
seiner
Heimatstadt,
solange er
lebt, einen
Schimmer von
ihrem Glanz
abgeben.
Immer dann,
wenn er
eines der
indiskreten
Formulare
der Behörden
ausfüllt
oder seinen
Paß
vorzeigt.
Umgekehrt
geht es den
in Görlitz
zur Welt
gekommenen
(„Welt?“, so
fängt es
gleich
einmal an).
So einer
kann dann
sofort nach
Rio de
Janeiro
umsiedeln
und dort
bleiben,
zeit seines
Lebens von
„unserem“
Rio oder
„unserem“
Paris
sprechen – :
sobald er
ein
Frageformular
ausfüllen
oder seinen
Paß
vorzeigen
muß, ist es
aus mit dem
Nimbus des
Weltstädters,
der ihn eben
noch umgeben
hatte. Dann
ist er ein
Provinzler,
und dabei
bleibt es
bis an sein
Ende. Erst
der
Grabstein
kann den
Nimbus dann
wieder etwas
auf- oder
umgekehrt
abwenden.“
Zu Görlitz,
das nach
1945 eine
geteilte
Stadt
geworden
war, sagte
der Spötter
und
Tragikkomiker
Werner
Finck:
„Meine
Geburtsstadt
blieb
jahrhundertelang
vom Krieg
verschont
und – was
die Gebäude
betrifft –
auch im
letzten
Krieg fast
ganz. Dann
wurde es
halbiert.
Der Teil, in
dem ich
geboren
wurde, heißt
Gör. Gör
liegt an der
Neiße, und
zwar auf
westlichem
Ufer und ist
– na, also
sagen wir’s
altmodisch:
deutsch. Auf
dem
östlichen
Ufer liegt
Litz und
wurde von
Polen
kassiert.
Die Trennung
von Gör und
Litz: ein
Kalauer?
Natürlich.
Aber kein so
schlimmer
wie die
politische
Regelung,
die ihm
zugrunde
liegt. Also,
Gör liegt an
der Neiße
und Litz an
der
gleichen.
Und alles
zusammen
liegt, ja
woran? Es
liegt an der
Ahnungslosigkeit
der
damaligen
westlichen
Jalta-Diplomatie.“
Als Sohn
eines
Apothekenbesitzers
ist Werner
Finck am 2.
Mai 1902
geboren.
Weder am
Görlitzer
Gymnasium
noch an der
„Presse“ in
Hirschberg
schaffte er
es, bis zum
Abitur zu
gelangen,
aber er
bestand die
Aufnahmeprüfung
an der
Kunstakademie
in Dresden.
Es folgten
wechselnde
Berufsanfänge
als
Redaktionsvolontär,
„vagabundierender
Märchenerzähler“,
wie er diese
Tätigkeit
selbst
benannte,
nach
Schauspielunterricht
in Dresden
mit 23
Jahren
erstes
Theaterengagement
in dem
Görlitz
benachbarten
Bunzlau und
anschließend
in
Darmstadt.
1928 wurde
in Berlin
von neuem
begonnen,
dieses Mal
an
verschiedenen
Kabaretts
als
Conférencier
und
Schauspieler.
Als das neue
Kabarett
„Katakombe“
1929
gegründet
wurde,
gehörte er
zum Ensemble
und wurde
Theaterdirektor.
Die
schlechteste
Zeit – so
paradox es
auch klingt
–, die Zeit
des
aufmarschierenden
Nationalsozialismus
und der seit
1933
herrschenden
Diktatur,
war für die
„Katakombe“
und Werner
Finck die
beste Zeit.
Selbst hatte
man auf die
Freiheit
gesetzt und
kämpfte
nunmehr mit
der Waffe
des Wortes
gegen die
Übermacht
der
gewaltsam
Herrschenden,
als David
gegen
Goliath.
Salopp
gesprochen:
der
Conférencier
Werner Finck
lief zu
großer Form
auf. Er
beherrschte
die deutsche
Sprache so
ausgezeichnet,
daß er mit
ihr in
geistreichen
Andeutungen
spielen
konnte und
dabei das
Ziel nicht
vergaß. Das
Ziel hieß
das Dritte
Reich mit
all seinen
Unmenschlichkeiten,
und es
sollte
spürbar
verletzend
getroffen
werden. Zu
vernichten
war es mit
der Waffe
des Wortes
nicht. Es
war ein
Widerstand
des Geistes,
der geistig
überlegenen
Klasse im
deutschen
Volk. Eine
zum
Schweigen
verurteilte
Opposition
nahm sich in
der Berliner
„Katakombe“
das Wort und
ihr Sprecher
war Werner
Finck.
„Gestern
waren wir
zu, heute
sind wir
offen, wenn
wir morgen
zu offen
sind, werden
wir
übermorgen
wieder zu
sein“, ein
solcher Satz
machte
schnell in
ganz
Deutschland
die Runde.
Eifrig
schrieben
die Wächter
des Staates
das Gesagte
mit, wobei
genüßlich
angemerkt
werden
durfte, daß
den
Mitschreibern
nicht alles
gleich
aufgegangen
ist, wie es
gemeint war.
Aber das
dramatische
Ende blieb
nicht aus,
1935 wurde
das Kabarett
„Katakombe“
geschlossen,
Werner Finck
und weitere
Mitwirkende
verhaftet
und zur
„Umerziehung“
kurzfristig
ins
Konzentrationslager
Elsterwegen
im Emsland
verbannt.
Vor dem
Landgericht
Berlin wurde
Anklage
wegen
„Vergehens
gegen das
Heimtückegesetz“
erhoben.
Noch endete
der Prozeß
„mangels
Beweisen“
mit einem
Freispruch,
aber es
folgte
zunächst ein
Berufsverbot.
1936 fanden
die
Olympischen
Spiele in
Berlin
statt, für
den
Kabarettisten
boten sie
die Chance,
sowohl im
Berliner
„Kabarett
der Komiker“
aufzutreten
als auch für
das
„Berliner
Tageblatt“
im
Feuilleton
unter der
Überschrift
„Von mir aus
– jede
Woche“
Glossen zu
schreiben,
in der
Mehrzahl
allerdings
unpolitische.
Aber dann
mußten die
beiden
Erstveröffentlichungen
„Neue
Herzlichkeit“
(eine
Paraphrase
zum Stil der
„Neuen
Sachlichkeit“)
aus dem
Jahre 1931
und das „Kautschbrevier“
(hier
absichtlich
das Wort und
den
Gegenstand
„Couch“
verdeutschend)
aus dem
Jahre 1938
auf
Anordnung
des
Propagandaministers
Dr. Joseph
Goebbels
eingestampft
werden. Aus
der
„Reichskulturkammer“
wurde Werner
Finck
ausgeschlossen
und abermals
ein
Berufsverbot
verhängt.
„Flucht ins
graue Tuch“
nennt er
seine
freiwillige
Meldung in
die
Wehrmacht
bei
Kriegsbeginn.
Aber den
Funker Finck
verfolgt
auch hier
die
Staatsomnipotenz,
ein
Dreivierteljahr
trifft ihn
1942 eine
Untersuchungshaft.
Der
Wortkünstler
beginnt 1945
in München,
aus der
Kriegsgefangenschaft
entlassen,
von neuem
als
Kabarettist,
Schauspieler
und
Schriftsteller,
aber es ist
ein
Neubeginn
ohne das den
Angriff
herausfordernde
gegnerische,
ja
feindliche
Objekt. Mit
einem
„Schmunzelkolleg“
beginnt er,
und auf dem
Programmzettel
„Kritik der
reinen
Unvernunft“
wird eine
vierteilige
Conférence
angekündigt:
„Die
jugendliche
Unvernunft“,
„Die
uniformierte
Unvernunft“,
„Die totale
Unvernunft“,
„Die
siegreiche
Unvernunft“.
Seinen
Standort all
die drei
Jahrzehnte,
in denen er
in Freiheit
agieren und
wirken
konnte,
beschrieb er
so: „Und so
halte ich
auch zu
jeder
Regierung,
bei der ich
– wenn ich
mich selbst
zitieren
darf – ,bei
der ich
nicht sitzen
muß, wenn
ich nicht zu
ihr stehe’.“
Eigene
kabarettistische
Bühnen
wurden in
Stuttgart
und Hamburg
gegründet,
aber der
nachhaltige
Erfolg blieb
aus. Werner
Finck reiste
durchs Land,
auch mit
Abstechern
in die USA,
und hielt
pointenreichen
Rückblick
auf das
„dutzendjährige
Reich“, ein
Wort von
ihm, um zum
einen die
gottlob
versunkene
Zeit zu
spiegeln und
zum anderen
sich selbst
als der in
der Tat
tapfer
Überlebende
vorzustellen.
Als er
gefragt
wurde:
„Worin
liegen die
Hauptakzente
für eine
Kurzbiographie?“,
lautete die
Antwort: „Im
Mittelpunkt
meines
Lebens steht
die komische
Darstellung
eben dieses
Lebens in
Form einer
egozentrischen
One-man-show,
die trotz
unzähliger
Wiederholungen
nichts von
ihrer
ursprünglichen
Faszination
eingebüßt
hat. Alle
anderen
Arbeiten
leisten
Zubringerdienste
zu diesem
Lebenswerk.“
Bis zu zwei
Stunden
währten
diese Reisen
in die
allerjüngste
Vergangenheit
und die im
doppelten
Sinne
unmittelbare
Betroffenheit.
In einer
Würdigung
hieß es
einmal:
„Werner
Fincks
Lebenslauf –
zumindest
die Zeit von
der Geburt
in Görlitz
1902 bis zum
überfälligen
Zusammenbruch
der braunen
Herrschaft –
gehörte zu
den
bekanntesten
Lebensläufen
der Nation.“
Er war und
bleibt ein
lebendiges
Stück
Zeitgeschichte,
selbst
erfahren und
erlitten.
Einer der
dazu
geschmiedeten
Verse
lautete
jetzt so:
„Am seidnen
Faden hing
ein Schwert,
/ Sich auf
mein Haupt
zu laden. /
Glaubt ihr,
daß mich das
Schwert
gestört? /
Mich
schreckte
nur der
Faden.“
Zur
Autobiographie
„Alter Narr
– was nun?“,
mit dem
Untertitel
„Geschichte
meiner
Zeit“,
vorgelegt
mit 70
Jahren und
1972 rasch
zu einem
Bestseller
emporgeschnellt,
schrieb der
Berliner
Theaterkritiker
Friedrich
Luft
einleitend:
„Werner
Finck ist
ein
Phänomen,
vornehmlich
des
gesprochenen
Wortes. Er
ist ein
humoristischer
Rhetoriker.
Redend fällt
ihm das
Beste ein.
Wenn die
Leute vor
ihm unter
dem Stuhl
liegen und
sich vor
Lachen
schütteln,
gibt ihm
sein eigener
Gott zu
sagen, was
den gleichen
Leuten vor
Lachen und
lachender
Einsicht das
Zwerchfell
schädigt.“
Das ist
allerdings
zu
vordergründig,
ein wenig
überzeichnet,
denn Werner
Finck war
eher ein
Mann des
Schmunzelns
und wollte
andere dazu
einladen, es
ihm gleich
zu tun. Sein
Satz dazu:
„Lächeln ist
die beste
Art, den
Leuten die
Zähne zu
zeigen.“ Die
großartig
beherrschten
Wortspiele
wollten
nicht als
knallharte
Pointen
verstanden
werden,
sondern sie
sollten zum
fröhlichen
Mitdenken
animieren.
Das war der
Grund, warum
Bekanntes
reizvoll
verfremdet
wurde. Hier
einige
Stichworte:
„Sie werden
lachen – mir
ist es
ernst“,
„Sire, geben
Sie
Gedanken“,
„Am Besten
nichts
Neues“, „Der
brave Soldat
schweigt“,
„Der
Stillvertreter“.
Mit seiner
Bemerkung
hat
Friedrich
Luft leider
Recht
behalten:
„In jedem
anderen
Lande – in
einem
angelsächsischen
gewiß –
hätte man
Finck längst
in den
Parnaß
eingebracht,
hätte ihn in
den
Schulbüchern
gedruckt,
ihn mit
Adelstiteln
und Orden
versehen. So
weit kann es
auch in der
zweiten
deutschen
Republik
eine
grundsätzlich
heitere
Natur nicht
bringen.“
Zwar wird
Werner Finck
eine
mehrzeilige
Notiz in der
letzten
Ausgabe der
Brockhaus-Enzyklopädie
eingeräumt,
aber in der
jüngsten
umfassenden
Anthologie
ist keine
Verszeile
von Werner
Finck für
aufnahmewürdig
erachtet
worden. Ein
Gedicht sei
herausgegriffen,
sein Titel:
„An meinen
Sohn Hans
Werner“ von
1943: „Du
brauchst
dich deines
Vaters nicht
zu schämen,
/ Mein Sohn.
/ Und wenn
sie dich
einmal
beiseite
nehmen / Und
dann auf
manches zu
sprechen
kämen, / Sei
stolz mein
Sohn. // Sie
haben deinem
Vater
reichlich
zugesetzt, /
Mein Sohn. /
Ihn ein- und
ausgesperrt
und
abgesetzt, /
Sie haben
manchen Hund
auf ihn
gehetzt – /
Paß auf,
mein Sohn.
// Dein
Vater hat
gestohlen
nicht und
nicht
betrogen, /
Er ist nur
gern mit
Pfeil und
Bogen / Als
Freischütz
auf die
Phrasenjagd
gezogen – /
Und so, mein
Sohn. /
Kannst du
den Leuten
ruhig in die
Augen
gucken, /
Mein Sohn. /
Brauchst,
wenn sie
fragen,
nicht
zusammenzucken.
/ Ich ließ
mir ungern
in die Suppe
spucken. /
Das war’s,
mein Sohn. /
Wie vieles
hat der Wind
nun schon
verweht. /
Mein Sohn. /
Der Wind,
nach dem ich
mich noch
nie gedreht
– / Daß dir
mein Name
einmal nicht
im Wege
steht, / Geb
Gott, mein
Sohn.“
Von den
Publikationen,
die nach dem
Ende des
Krieges in
regelmäßiger
Folge
erschienen
sind – denn
Werner Finck
wollte sich
auch
schriftlich
und gedruckt
mitteilen,
nicht nur
als
Ein-Mann-Kabarett,
auf der
Theaterbühne
und in rund
50 Filmen
als Haupt-
und
Nebendarsteller
– seien
genannt:
„Aus der
Schublade“,
„Fin(c)kenschläge“,
„Wortschritte
– Gefaßte
Prosa und
zerstreute
Verse“,
„Witz als
Schicksal –
Schicksal
als Witz“,
„Alter Mann
– was nun?“,
„Heiter –
auf
verlorenem
Posten“.
Auch als
einer, der
bereit wäre,
Politiker zu
werden, trat
er in den
50er Jahren
als Gründer
einer
„Radikalen
Mitte“, mit
der
Sicherheitsnadel
unter dem
Rockaufschlag
als
Parteiabzeichen,
sowohl ganz
bewußt als
auch
selbstironisch
auf. Zur
unmittelbaren
Gegenwart
sein Satz:
„Was die
Freiheit uns
gibt,
stiehlt sie
dem
Sozialismus,
und was der
Sozialismus
gibt,
stiehlt er
der
Freiheit.“
Sich selbst
versah er
mit
dem
Fragezeichen:
„War ich ein
zaghafter
Held oder
ein mutiger
Angsthase?“
Nicht ohne
Grund darf
man Werner
Finck den
größten
Kabarettisten
im
deutschsprachigen
Raum nennen.
Er war Poet
und
Sprachkünstler
als
Kabarettist,
der Weise im
Narren, ein
Schauspieler
der
gestotterten
Halbsätze,
ein
streitbarer
Mann des
Widerstandes,
ein beredter
Kritiker der
Zeit, ein
Mann zu
Hause in
unserer
Sprache in
ihrer
Doppelbödigkeit
und mit
ihrem
Hintersinn,
ein des
Ruhmes
würdiger
Zeitzeuge.
Für seinen
Grabstein
dichtete er
die Worte:
„Noch stehst
Du hier, /
Und ich bin
hin. / Bald
bist Du
dort, / Wo
ich schon
bin.“
Lit.:
Das Beste
von Werner
Finck. Ein
historisches
Glossar zur
Zeitgeschichte,
zusammengestellt
v. Bartel F.
Sinhuber,
München
1988.
Bild:
Werner
Finck, Alter
Narr – was
nun? Verlag
Herbig,
1972.
Herbert
Hupka