Ludwig Fischer steht in der
unglücklichen Tradition der permanenten
Assimilierung der Ungarndeutschen, die
nach dem Ausgleich zwischen Österreich
und Ungarn im Jahre 1867 offizielle
Staatspolitik war. Selbst Budapest war
zu dieser Zeit mehrheitlich deutsch,
wurde aber im Laufe der Jahrzehnte zu
einer rein ungarischen Stadt, weil das
deutsche Bürgertum, und besonders seine
Intelligenz, fast zur Gänze magyarisiert
wurde. Die deutsche Sprache lebte fast
ausschließlich in ländlichen Gegenden
und auch da in der Regel nur in der Form
von Mundarten weiter. Was Flucht und
Vertreibung anbelangt, hat Ludwig
Fischer persönlich allerdings bei allem
Unglück doch viel mehr Glück gehabt als
die Ungarndeutschen gemeinhin. Er stammt
aus dem jugoslawischen Teil des Banats
und mußte am Ende des Zweiten
Weltkrieges buchstäblich um sein Leben
rennen, um ins “rettende” Ungarnland zu
kommen, da die serbischen Terrorgruppen
der Tschetniks und andere an allen
Volksdeutschen grausame Vergeltung
übten, indem sie diese überall, wo sie
sie aufgreifen konnten, umbrachten. So
kommt es, daß Ludwig Fischer seiner
neuen Heimat Ungarn, die ihm das Leben
rettete, trotz aller Schwierigkeiten,
die das Deutschtum dort auszustehen
hatte, zeitlebens von ganzem Herzen
zugetan war und ist.
Darin
liegt wohl auch der Grund für die
Tatsache, daß Fischer meist eine
Vertreibungsliteratur in einem
allgemeingültigen, allgemeinmenschlichen
Sinne schreibt. Diese Thematik
impliziert von vornherein eine
Atmosphäre der Wehmut, der Nostalgie und
der Melancholie. Dabei ist der Autor in
Gefahr, in Larmoyanz und Wehleidigkeit
zu verfallen. Ludwig Fischers
“Grundgefühl” in den meisten seiner
Erzählungen ist eine verhalten
ausströmende Traurigkeit, die die
meisten Rückblenden und Überlegungen
seiner literarischen Helden
kennzeichnen. Das gilt ganz besonders
dann, wenn das Problem der für die
Ungarndeutschen so schweren ersten Jahre
der Nachkriegszeit behandelt wird. Hier
erscheint die Wehmut, die oft auch auf
eine Art Trauerarbeit einstimmt, als
eine nicht zu überhörende Grundmelodie,
die Rückblenden in jene Zeit
einschließt.
In
Fischers 1983 veröffentlichter Erzählung
Der Doktor wird der Hauptheld,
der an der Universität vom dörflichen
Ungarnschwaben zum ungarischen Doktor
der Turkologie avanciert ist, Opfer
einer universitären “Fehlplanung”. Er
erhält die ihm zugesagte Planstelle
eines wissenschaftlichen Mitarbeiters an
der Universität Fünfkirchen/Pecs, der
Hauptstadt der Branau/ Báránya, nicht.
Er muß statt dessen als Lehrer in eine
gottverlassene Kleinstadt an der Donau
ziehen. Er “flüchtet” in die
Erinnerungen seiner Schulerfolge, die
seinerzeit auch die Eltern glücklich
machten. Diese stark lyrisch gefärbten
Rückblenden sind die literarisch am
meisten durchgestalteten Stellen. Das
weitere Schicksal dieses “stillen
Runtergekommenen”, wie sich der
Hauptheld zu Beginn der Erzählung selbst
bezeichnet, ist das “Vergessensuchen im
Bier” (ein “deutscher Zug”, Ungarn
bevorzugen bei der gleichen Art der
“Vergangenheitsbewältigung” Wein und
Schnaps) und die Vertiefung der
Entfremdung von Frau und Sohn, der
schließlich Selbstmord begeht. Aber auch
jetzt, keine Rebellion, kein Aufschrei.
In abgrundtiefer Verzweiflung nur wankt
der ungarn-schwäbische Doktor der
Turkologie besoffen über das
Kleinstadtpflaster. In “schwäbischer”
Tüchtigkeit und Hartnäckigkeit hört er
nicht auf, sein Leid jedem, den er nur
erreichen kann, mitzuteilen, bis er
endlich einen Schulinspektor findet, der
ihm erstens zuhört und zweitens dann
auch noch hilft. Im übrigen wird hier
durch Ludwig Fischer die heile Welt des
dreisprachigen Dorfes im jugoslawischen
Banat der Vorkriegszeit
heraufbeschworen. Der Großvater wird in
lyrischen Rückblenden immer wieder ins
“Rampenlicht” der Erinnerung geholt als
eine Art männliche “Zauberfee”, die dem
kleinen Ungarnschwaben gewissermaßen
über die schwäbische Mundart den
Schlüssel zur deutschen Sprache und
Literatur vermacht hat. Im Pensionsalter
beginnt der Schwabenenkel, kurze
Geschichten zu schreiben. “Vor Jahren
bewundert er noch die deutsche Sprache,
jetzt mit grauen Haaren bemächtigte er
sich dieses Wunders. Das war das
Innigste seines Lebens. Es war sein
Leben.”
Deutlicher hätte man die Grenzen dieser
lyrischen “Vergangenheitsbewältigung”,
die in einem zu schönen Bild geschieht,
kaum fassen können. Hier wird die
Spannung “künstlich” gelöst und dabei
gleichzeitig “wieder unkünstlerisch”,
weil nicht typisch, weil rein subjektiv,
mag es teilweise auch autobiographisch
auf Fischer zutreffen. Die überwiegende
Mehrheit der jungen Ungarndeutschen
konnte diesen Weg gar nicht gehen, weil
er nur für Leute, die mit einer
spezifischen Begabung dafür ausgestattet
sind, gangbar ist. So kann der Autor
hier nicht als repräsentativ gelten,
sondern muß als glücklicher Ausnahmefall
verstanden werden. Es spiegelt dies auch
die Verhältnisse im dogmatischen
sozialistischen Realismus wider, der es
eben nicht vermochte, der Wirklichkeit
realistisch ins Auge zu sehen. Trotz
vieler schöner, gut lesbarer Stellen ist
die in Rede stehende Erzählung Fischers
darüber hinaus gerade in ihrem Schluß
ein Beispiel für die Gefahr, in der die
ungarndeutsche Literatur, aber auch jede
andere Minderheitenliteratur steht,
nämlich aus mangelnder
Problemorientierung die Wirklichkeit
ganz oder zumindest teilweise aus dem
Auge zu verlieren.
Fischers bisher vielleicht beste
Erzählung trägt den Titel: Im
Weingarten des Herrn Notar. Hier ist
die Spannung von Anfang an vorhanden.
Eine ungarnschwäbische Familie arbeitet
von früh bis spät im Weinberg des
Notars, um, auf diese Weise versteckt,
der Vertreibung aus der Heimat zu
entgehen. Die im Vergleich zum Vater
realistischere Mutter hält den Preis an
Mühe und Plackerei für viel zu hoch. Die
Begegnung des 17jährigen Haupthelden mit
einem 19jährigen ungarischen Mädchen, in
das er sich verliebt, läßt, im übrigen
schnörkellos und nie ohne eine kleine
humoristische Note geschildert, auf
einen Neuanfang hoffen. Denn gerade die
19jährige Ungarin ist es, die die
menschenschinderische Ausbeutung der
Familie beenden hilft, indem sie die
Versteckten darüber aufklärt, daß die
Vertreibung der Ungarnschwaben
inzwischen eingestellt worden ist. Die
Liebe des Ich-Erzählers zu der jungen
Ungarin symbolisiert die Liebe Fischers
zu seiner neuen Heimat Ungarn. Die junge
Frau steht für die Mutter Ungarn, die
allen ihren Kindern ein gerechtes und
lebens- wie liebenswertes Leben zu
bieten bereit ist. Der dankbare Traum
eines von seiner “neuen” Heimat
geretteten Angehörigen einer nationalen
Minderheit findet hier seine
glaubwürdige literarische Gestaltung.
Fischer hat den Verlust der Heimat mit
tiefen seelischen Verletzungen überlebt
und die Fähigkeit entwickelt, diese
literarisch fruchtbar zu machen. Wenn er
die ausgetretene breite Straße des
oberflächlichen Optimismus’ verläßt und
die wesentlicheren Nebenwege der
Zweifel, Enttäuschungen, unerfüllten
Träume und unstillbaren Sehnsüchte nicht
scheut, dann sind seine Erzählungen
ausgesprochen gute, aussagestarke
Regionalliteratur, die eine ganze Menge
über ihn selbst, seine Volksgruppe,
seine Heimat Ungarn und das Leben
schlechthin im inzwischen verblichenen
Ostblock mitzuteilen imstande ist. Mit
seiner stillen, leisen, häufig leicht
wehmütigen, aber immer
mitteilungsbereiten und von Herzen
kommenden gefühlsdurchpulsten Sprache
hat der heute 70jährige Ludwig Fischer
ein Leben lang gegen Kälte und
Verdrängung in Ungarn und in der Welt
gekämpft, sich zum mitunter flüsternden
Fürsprecher von Menschlichkeit,
Herzenswärme und Geborgenheit in seiner
nicht immer gerade bequemen Heimat
Ungarn gemacht. Wo er nur konnte, hat er
oft trotz Trauer und Enttäuschung für
sie geworben, hat sie ihm doch als Kind
das Leben gerettet, was er nie vergessen
hat und was aus allen seinen Werken
hervorschimmert. Als reifer Mann kann er
seiner ungarischen Heimat nun danken,
indem er durch seine Erzählungen
mithilft, deren Kultur und
Menschlichkeit, nicht zuletzt
hoffentlich endlich auch ihren
Minderheiten gegenüber, in ein neues
demokratisches Europa einzubringen.
Ingmar Brantsch