Der in eine
Lehrerfamilie
geborene
Wolfram
Fischer
gehört der
sog.
„Luftwaffenhelfergeneration“
an. Nach
Grundschul-
und
Gymnasialausbildung
in seiner
schlesischen
Heimat wurde
er anfangs
des Jahres
1944 zur
Flak
einberufen.
Wie
zahlreiche
„Flakhelfer“
wurde er
während der
Endphase des
Krieges in
den
Untergang
der
kämpfenden
Truppe
hineingezogen.
Am 2. Mai
1945 geriet
er in
München in
amerikanische
Kriegsgefangenschaft.
Noch am
gleichen Tag
entwich er
seinen
Bewachern.
Zu Fuß
machte er
sich auf in
Richtung
Schwarzwald,
um bei
Bekannten
seiner
Familie
unterzukommen.
In Landsberg
am Lech
wurde er
jedoch
erneut durch
amerikanische
Truppen
aufgegriffen.
Wiederum
konnte er
ihnen
entkommen.
Am 8. Mai
1945, dem
Tag der
deutschen
Gesamtkapitulation,
kam er bei
seinen
Bekannten in
Tuttlingen
an. Nach
Wochen bot
sich ihm
hier zum
erstenmal
wieder die
Möglichkeit,
in einem
Bett zu
schlafen,
doch mehr
schlecht als
recht, denn
die
Siegesfeiern
der
Franzosen,
die die
Schwarzwaldregion
besetzt
hielten,
ließen eine
geruhsame
Nacht nicht
zu. Am 9.
Mai, Wolfram
Fischers l7.
Geburtstag,
wurde er auf
dem Weg von
Tuttlingen
nach
Schwenningen
von
französischen
Truppen
aufgegriffen,
denen er
ebenfalls
entkam, als
sie
Mittagspause
machten,
während der
sie ihre
Aufsicht
vernachlässigten.
Einen
vorläufigen
Aufenthalt
fand er auf
einem
Bauernhof in
der Nähe der
Uhrenstadt
Schramberg.
Bis zum
Herbst 1945
verdingte er
sich dort
als
landwirtschaftlicher
Arbeiter.
Dann begann
er eine
Gärtnerlehre
in Öhringen.
Inzwischen
hatte er
auch wieder
Kontakt mit
seiner
Familie
aufnehmen
können, die
es aus
Schlesien
nach
Westdeutschland
verschlagen
hatte. Gegen
den Willen
der Mutter
gab er die
Gärtnerlehre
auf, um ab
Januar 1946
in Böblingen
wieder die
Schulbank zu
drücken.
Nach
bestandenem
Abitur 1946
bewarb er
sich beim
Kultusministerium
in Stuttgart
um einen
Studienplatz
an einer
Lehrerbildungsanstalt.
Seine
Bewerbung
wurde jedoch
mit der
Begründung
abgewiesen:
„Für die
nächsten 20
Jahre werden
wir
Lehrerüberschuss
haben, und
Leute wie
Sie können
wir schon
gar nicht
gebrauchen.“
Dieser
abschlägige
und
obendrein
entmutigende
Bescheid
veranlasste
Wolfram
Fischer,
sich um
einen
Studienplatz
an einer
Universität
zu bemühen.
Er fand ihn
schließlich
in
Heidelberg,
wo er das
Studium der
Geschichte,
Philosophie,
Germanistik
sowie der
Wirtschafts-
und
Sozialwissenschaften
begann. An
den
Universitäten
Tübingen,
Göttingen,
London und
an der
Freien
Universität
Berlin
setzte er es
fort. 1951
promovierte
er in
Tübingen, wo
zu seinen
Lehrern und
Förderern
der aus der
Emigration
zurückgekehrte
Hans
Rothfels
(1891-1976)
gehörte, zum
Dr. phil. Im
Jahre 1954
wurde er in
Berlin zum
Dr. rer.
pol.
promoviert.
Nach
wissenschaftlichen
Tätigkeiten
in Karlsruhe
und Dortmund
erfolgte
1960 die
Habilitation
in Berlin.
Als
Universitätsdozent
wirkte
Wolfram
Fischer seit
1961 in
Münster, als
Wissenschaftlicher
Rat und
ordentlicher
Professor
seit 1963
bzw. seit
1964 in
Berlin. Von
1987 bis
1990 gehörte
er der
Berliner
Akademie der
Wissenschaft
als
ordentliches
Mitglied an;
seit 1992
ist er
ordentliches
Mitglied der
Berlin-Brandenburger
Akademie der
Wissenschaft.
Die Acad.
Europaea und
die American
Philosophical
Society
zählen ihn
ebenfalls zu
ihren
Mitgliedern.
1956
heiratete er
Elisabeth
Nungesser.
Aus der Ehe
gingen vier
Kinder
hervor.
Wolfram
Fischer
gehört zu
den weltweit
führenden
Wirtschafts-
und
Sozialwissenschaftlern.
Sein
Renommee
trug ihm ein
Ehrendoktorat
sowie
zahlreiche
Einladungen
von
Universitäten
und
wissenschaftlichen
Einrichtungen
in Europa,
Amerika und
Asien ein.
Wie für die
meisten
seiner
Generation
waren die
Anfänge
seiner
Laufbahn
außerordentlich
beschwerlich
und
entsagungsreich.
Seinen
Erfolg
verdankt er
neben seinen
Fähigkeiten
seiner
Zähigkeit
und seinem
Fleiß. Die
ihn nicht
zuletzt
auszeichnende
Bescheidenheit
macht ihn zu
einem ebenso
sympathischen
wie
liebenswerten
Menschen und
Kollegen.
Werke
(Auswahl):
Die
Bildungswelt
des
deutschen
Handwerkers
um 1800
(1955). –
Handwerksrecht
und
Handwerkswirtschaft
um 1800
(1955). –
Die
wirtschaftspolitische
Situation
der Weimarer
Republik
(1960). –
Die
Wirtschaftspolitik
des
Nationalsozialismus
(1961; 3.
Aufl. 1968
u.d.T.
Deutsche
Wirtschaftspolitik
1918-1945).
– Die
Bedeutung
der
preußischen
Bergrechtsreform
von 1851 für
den
industriellen
Aufbau des
Ruhrgebiets
(1961). –
Der Staat
und die
Anfänge der
Industrialisierung
in Baden, I:
Die
staatliche
Gewerbepolitik
(1962). –
Unternehmerschaft,
Selbstverwaltung
und Staat
(1964). –
Wirtschaft
und
Gesellschaft
im Zeitalter
der
Industrialisierung
(1972). –
Die
Weltwirtschaft
im 20.
Jahrhundert
(1979). –
Weltwirtschaftliche
Rahmenbedingungen
für die
ökonomische
und
politische
Entwicklung
Europas
1919-1939
(1980). –
Armut in der
Geschichte
(1982). –
Germany in
the World
Economy
during the
19th Century
(1989). –
Expansion,
Integration,
Globalisierung.
Studien zur
Geschichte
der
Weltwirtschaft
(1998). –
Europa.
Wirtschaft,
Gesellschaft
und Staat
1914-1980 (russ.)
l999.
Lit.:
C.-L.
Holtfrerich
(Hrsg.),
Interactions
in the World
Economy
(1989).
Bild:
Privatarchiv
des Autors.
Konrad Fuchs