Die
Überflutung der westdeutschen Kunstszene nach dem Zweiten
Weltkrieg mit Arbeiten von Künstlern aus den USA und deren
Epigonen ist seit längerem rückläufig. Andererseits wird auf dem
Gebiet der so genannten abstrakten Kunst von unkontrollierten
Zufälligkeiten und von Ausflügen in eine unbegrenzte Freiheit
immer mehr Abstand genommen. Sowohl Künstler wie Galeristen
orientieren sich immer mehr an Qualität und handwerklichem
Können. Dabei fällt der Trend zur gegenständlichen Darstellung
auf, die freilich nicht den Realismus des 19. Jahrhunderts
fortführt, sondern Gestaltungsgesetzen folgt, wie sie Kandinsky
in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ (1911)
dokumentierte. Dabei könnte man die Landschaften und Stilleben
unter die Überschrift „Bilder der Stille“ stellen, gleichsam als
Gegenpol zu unserer hektischen, lauten Gegenwart.
Ein
bedeutender Vorläufer dieser Stilrichtung ist der
Sudetendeutsche Richard Fleissner (geb. 1903 in Tuschkau) mit
seinen Wattenmeer-Landschaften (Aquarell, Mischtechnik,
Zeichnung, Druckgrafik), denen eine Ruhe entströmt, die den
Betrachter gleich gefangen nimmt. Diese Arbeiten entstanden
jedoch abseits des Großstadtlärms im stillen bayerischen
Gräfelfing, wohin sich der Künstler nach seiner Flucht aus der
CSSR zurückgezogen hat. Inspiriert wurden sie während seiner
Aufenthalte im Künstlergilde-Atelier des Ehepaares Prof. Franz
Rotter in Duhnen an der Nordsee. Eine Eintragung Fleissners ins
Gästebuch jenes Künstlerateliers, mit einer ganzseitigen
Zeichnung versehen, weist auf die Stille und Weite des
Wattenmeeres hin und dokumentiert den Ausgangspunkt jener
stillen Bilder.
Bis zu
Fleissners Flucht in den Westen, die ihm 1946 einer seiner
tschechischen Schüler vermittelte, verliefen sein Leben und
seine künstlerische Entwicklung keineswegs in ruhigen Bahnen. Er
widmete sich dem Porträt, schuf figurale Kompositionen, und nach
Studienreisen nach Frankreich und Italien begeisterte ihn die
Landschaftsmalerei. Nach einem Abstecher in die abstrakte Kunst
kehrte er wieder zur Natur zurück.
Schon
frühzeitig zeigte sich bei ihm eine künstlerische Begabung.
Während des Besuches der Realschule in Leitmeritz ermöglichte
ihm sein Vater den Unterricht an einer privaten Kunstschule
(1919-1921). Nach dem Abitur erfolgte das Studium an der Prager
Deutschen Akademmie der Bildenden Künste und an der dortigen
Deutschen Universität. In jener Zeit erhielt er auch die ersten
Kunstpreise der Akademie und den Rompreis.
Trotz
seiner deutschen Herkunft war er in tschechischen Verbänden eine
geachtete Persönlichkeit. Als Vorstandsmitglied gehörte er der
Prager Secession an und war von 1928 bis 1940 Professor an der
Staatlichen Kunstgewerbeschule zu Gablonz. 1934 nahm er an der
Ausstellung „Moderne tschechoslowakische Kunst“ in Wien teil,
1937 in Moskau und Leningrad, 1939 an der Biennale in Venedig.
Doch die Verfolgung durch das Nazi-Regime blieb ihm, dem
Antifaschisten, nicht erspart. Aus der sudetendeutschen
Ausstellung im Kronprinzenpalais in Berlin (1937) werden seine
Exponate in die Räume „Entartete Kunst“ verbannt. Während seiner
Kriegsdienstjahre 1941-1945 gelangt er zu keiner künstlerischen
Arbeit, und auch nach seiner Flucht in den Westen folgt – wegen
Krankheit und finanzieller Not – eine schaffenslose verlorene
Zeit.
1948
wird er an die „Deutsche Meisterschule für Mode“ München als
Professor für Aktzeichnen berufen, und in seiner Freizeit widmet
er sich wieder seiner eigenen Kunst in der Stille seines
ländlichen Heimes. Von hier unternimmt er Reisen vornehmlich
nach Italien, die ihm neue Motive liefern. Ehrenamtlich ist er
für die Künstlergilde tätig, den Verband ostdeutscher
Kulturschaffenden in Esslingen, deren Landesleiter er in den
1960er Jahren ist. In den folgenden Jahren beschickt er wieder
zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen, namentlich in
Westdeutschland (München, Regensburg, Nürnberg, Lindau,
Stuttgart, Gräfelfing, Cuxhaven, Lüneburg, Rosenheim,
Bremerhaven, Bamberg, Darmstadt u.a.) sowie in Graz, Neu-Gablonz
und Santiago de Chile, teils im Verband Sudetendeutscher
Künstler teils im Rahmen der Künstlergilde und natürlich auf der
Großen Kunstausstellung im Haus der Kunst zu München.
Sein
bedeutendes Alterswerk beruht auf den Wattenmeerbildern und dem
Zyklus: „Watt unter dem Meerhimmel“, dem Fleissners Ausflug in
die abstrakte Theorie und Praxis voranging. Dazu der Künstler
selbst: „Ich mußte durch diese abstrakte Periode hindurch“. Und
so vereinen sich in diesen Bildern abolutes Formen und Gestalten
mit Erlebnissen der Natur. Fleissner sagte einerseits: „Ich
zeichne, was nicht zu sehen, aber zu spüren ist.“ Andererseits:
„Ich war von diesen Motiven am Wattenmeer wie besessen ... In
Cuxhaven und am Wattenmeer habe ich viel an meine frühere Heimat
und an die Moldau denken müssen und dabei das Wasser und den
Himmel wiederentdeckt ...“ In diesen stillen Bildern werden die
parallelen Waagerechten des Strandes und des Meeres betont und
im Rechteck darüber der leicht bewegte Himmel ebenfalls in
grauen, weißen und schwarzen Nuancen. Damit weist er suchenden
Künstlern einen Weg, wie sie aus der heutigen Sackgasse
herausfinden können. Wie manche Galerien in ihren Ausstellungen
beweisen, wird dieser Weg bereits von Künstlern der jüngeren
Generation beschritten.
Anlässlich des 85. Geburtstages veranstaltete ihm die
Künstlergilde in Esslingen eine Jubiläumsausstellung. Dazu
schrieb mir der Künstler im Mai 1988 u.a.: „Ich war bei der
Eröffnung anwesend, habe aber gemerkt, daß das Reisen doch nicht
mehr das richtige für mich ist ... Das alles strengt mich doch
sehr an ... mein Gedächtnis hat schon sehr nachgelassen, und
auch die Schaffenskraft ist erloschen ... Ich habe am liebsten
meine Ruhe zu Hause ...“ Genau ein Jahr danach stirbt der
Sudetendeutsche in Gräfelfing.
Fleissner wurde mit dem „Sudetendeutschen Kunstpreis“ geehrt.
Damit wurde nicht nur sein künstlerisches Werk ausgezeichnet,
sondern auch aufmerksam gemacht, wie wichtig der Anteil der
deutschen Künstler aus dem Osten ist, von denen bekanntlich
viele infolge des schrecklichen Krieges in den Westen geflüchtet
sind. Was wäre die moderne deutsche Kunstgeschichte ohne sie!
Daran, daß Richard Fleissner also ein profilierter Brückenbauer
der deutschen Ost-West-Kunst ist, daran sollte man an seinem
100. Geburtstag ebenfalls denken.
Lit.:
Günther Ott: Richard Fleissner, in: Künstlerprofile. Im Osten
geboren ... im Westen Wurzeln geschlagen. Düsseldorf 1980, S.
64-66. – Wir. Künstler in der zweiten Heimat. Schriften der
Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und der Künste,
München 1993, S. 56-64. – Ernst Schremmer: Ein Meister der
Stille, in: Kulturpolitische Korrespondenz 724 (1989), S. 25-27.
Bild: Privatarchiv des
Autors
Günther Ott