Mein Weg
als
Deutscher
und Jude
– unter
diesen
Titel, mit
dem Jakob
Wassermann
1921 seinen
eigenen
dornenreichen
Lebensgang
etikettierte,
hätte auch
Karl Emil
Franzos sein
curriculum
vitae
stellen
können. Er
war
Nachkomme
spanischer
Juden, die
über das
lothringische
Nancy in
das,
abgesehen
von einer
dünnen
kernösterreichischen
Oberschicht,
polnisch,
ostjüdisch
und
ukrainisch
besiedelte
Galizien
gekommen
waren und
seit Kaiser
Josephs II.
Einführung
von
Familiennamen
für die
jüdische
Bevölkerung
Franzos
heißen
mußten. Wie
sein Vater
in der
humanen und
toleranten
Gedankenwelt
Lessings und
Moses
Mendelssohns
erzogen und
von
Deutschland,
wo er diese
Traditionen
noch
lebendig
glaubte,
eine
Kultivierung
und
Humanisierung
Ostmitteleuropas
erhoffend,
konnte er
weder mit
seinen
zelotischen
Glaubensgenossen
noch mit den
eine
nationale
Wiedergeburt
erstrebenden
Polen, ja
nicht einmal
mit den nach
Wien
orientierten
deutsch-österreichischen
Honoratioren
seines
Heimatstädtchens
harmonieren.
Verwickelt
genug also
und zu
verwickelter
Darstellung
nötigend die
Herkunft
dieses
Mannes und
seine
Position in
der Welt –
extraordinär
aber auch
die Umstände
seines
Eintritts in
sie: Geboren
wird er
nicht im
galizischen
Czortkow, wo
der Vater
als
Stadtarzt
wirkt,
sondern in
Rußland,
jenseits der
österreichischen
Grenze,
damit die
Mutter
während der
revolutionären
Umtriebe im
Sturmjahr
1848 vor
polnischen
Insurgenten
geschützt
sei.
Czortkow, wo
Franzos die
ersten
schmerzlichen
Außenseiter-Erfahrungen
macht, und
das
bukowinische
Czernowitz
werden die
Stätten
seiner
Kindheit und
frühen
Jugend. Die
Gymnasialzeit
(1859 bis
1867) in der
vorwiegend
westlich
ausgerichteten
Hauptstadt
der Bukowina
beschert ihm
die
vielleicht
glücklichsten
Jahre seines
Lebens.
Konfliktreich
gestalten
sich dann
wiederum die
Universitätsjahre
in Wien und
Graz (1867
bis 1872).
Bereits die
Wahl der
Fakultät
bedeutet
einen
Verzicht.
Ein zunächst
in Aussicht
gestelltes
Stipendium,
das ihm ein
Studium der
klassischen
Philologie
ermöglicht
hätte, wird
ihm trotz
vorzüglicher
Vorleistungen
– er
präsentierte
eine
metrische
Übersetzung
von Vergils
Hirtengedichten
in das
dorische
Griechisch
des Theokrit
– als Juden
schließlich
doch
verwehrt.
Die
Juristerei,
der er sich
nun
enttäuscht
zuwendet,
betreibt er
als reines
Brotstudium.
Eine
Ansprache
als
Burschenschaftler
beim
Berliner
Burschentag
von 1868
sowie Grazer
Reden,
insbesondere
die zum
hundertsten
Geburtstage
Ernst Moritz
Arndts
(1869) und
zur Feier
Bismarcks
und der
deutschen
Siege über
Frankreich
(1870)
gehaltenen,
bringen ihn
in Konflikt
mit der k.
k.
Administration
und
versperren
ihm den
Eintritt in
den
österreichischen
Staatsdienst.
Stößt hier
sein Weg als
Deutscher
auf
unübersteigliche
Hindernisse,
so wird er
ihm in
anderer
Hinsicht
wieder
einmal durch
sein
Judentum
verlegt: Ein
von ihm
leidenschaftlich
begehrtes
christliches
junges
Mädchen kann
sich nicht
dazu
verstehen,
den seinem
angestammten
Glauben treu
bleibenden
Geliebten zu
ehelichen.
Doch just
sein Unglück
öffnet ihm
den Weg,
welchen er
fortan
einschlagen
wird: die
literarische
Laufbahn.
Seine
unglückliche
Liebe
liefert ihm
den Stoff
für seine
erste
Erzählung,
die als
Das
Christusbild
1870 in
Westermanns
Monatsheften
gedruckt
wird und die
Keimzelle
seiner
erfolgreichen
Novellensammlung
Die Juden
von Barnow
(1877)
bildet. Das
Buch ist dem
Bahnbrecher
der
Ghetto-Geschichte
Leopold
Kompert
gewidmet und
setzt dieses
jüngst von
Gabriele von
Glasenapp
umfassend
gewürdigte
Genre
meisterhaft
fort. Das
fiktive
Barnow,
worin
Realitätselemente
aus den
Ghetti von
Czortkow,
Czernowitz
und Sadagóra
enthalten
sind, wird
der
Schauplatz
vieler
epischer
Werke aus
dem
jüdischen
Volksleben,
bis hin zu
dem
nachgelassenen
Roman Der
Pojaz
(1905), der
Lebensgeschichte
eines
jüdischen
Wilhelm
Meister,
dessen
‘theatralische
Sendung’
jedoch durch
einen frühen
Tod keine
Erfüllung
findet.
Neben der
Belletristik
widmet sich
Franzos
einer
umfangreichen
journalistischen
Tätigkeit,
mit welcher
er seinen
Lebensunterhalt
bestreitet.
Ausgedehnte
Reisen
lehren ihn
die
Donaumonarchie,
aber auch
Deutschland
und die
Schweiz,
England,
West- und
Südeuropa,
das
russische
und das
osmanische
Reich
kennen.
Früchte
seiner
Erfahrungen
mit Ländern
und Leuten
sind
Reisefeuilletons
über
ostmitteleuropäische
und
osteuropäische
Zustände,
die in
angesehenen
Journalen,
vorwiegend
in der
Wiener
Neuen Freien
Presse,
publiziert
werden. In
Buchform
erscheinen
diese Texte
zwischen
1876 und
1888 in
sechs
starken
Bänden unter
dem von ihm
geprägten
Begriff
Halb-Asien.
Es zeigt
sich hier
eine
Verwandtschaft
mit dem
Fontane der
Wanderungen
durch die
Mark
Brandenburg
und der
Reiseberichte
aus
England und
Schottland;
allerdings
sind
Fontanes
Schilderungen
eher
zweckfreie
Kunst,
während
Franzos
ständig auf
Mißstände
hinweist und
die
‘Entasiatisierung’
des Ostens
durch
Übernahme
westlicher,
insbesondere
deutscher
Kultur
propagiert.
1877 läßt er
sich für ein
Jahrzehnt in
Wien nieder,
redigiert
dort das
Familienblatt
Neue
Illustrierte
Zeitung
und wird
1886
Herausgeber
der
ambitionierten
Halbmonatsschrift
Deutsche
Dichtung,
welche
Julius
Rodenbergs
Deutscher
Rundschau
nacheifert,
ohne doch
das Niveau
dieser
führenden
Revue des
deutschen
Kaiserreiches
ganz
erreichen zu
können.
Hauptsächlich
in Franzos’
Wiener Zeit
fällt auch
seine
Beschäftigung
mit Georg
Büchner,
deren
literaturgeschichtlich
bedeutendes
Resultat der
Erstdruck
von dessen
nachgelassenem
Dramenfragment
Woyzeck
bildet,
das er (nach
einem 1875
erfolgten
Vorabdruck
einzelner
Szenen in
der Neuen
Freien
Presse)
unter dem
Titel
Wozzeck
1878 in der
ephemeren
Zeitschrift
Mehr
Licht!
und ein Jahr
später
innerhalb
einer
Büchner-Gesamtausgabe
publiziert.
Der leicht
entstellte
Dramentitel
und (im
wesentlichen)
der Text des
ersten
Editors
leben in
Alban Bergs
1921
vollendeter
Oper
Wozzeck
fort. In der
Büchner-Nachfolge
steht
Moschko von
Parma
(1880), die,
wie der
Untertitel
besagt,
Geschichte
eines
jüdischen
Soldaten,
einer wie
der arme
Soldat
Woyzeck
geschundenen
Kreatur, den
nur seine
Enaksgestalt
von seinem
Elendsgenossen
scheidet.
Drei anderen
Größen aus
der Welt der
Literatur
ist der
Roman Ein
Kampf um’s
Recht
(1882)
verpflichtet:
Schiller,
Kleist und
Gogol. Den
ukrainischen
Helden Taras
Barabola
verbindet
nicht nur
sein Name,
sondern auch
sein Kampf
gegen
polnische
Unterdrückung
und Willkür
mit Gogols
Kleinrussen
Taras
Bulba,
und Taras
Barabola
erleidet ein
Kohlhaas-Schicksal
wie Karl
Moor. Der
Titel des
Romans ist
Rudolf von
Jherings
Wiener
Vortrag
Der Kampf
ums Recht
(1872)
entlehnt,
und die
Thematik des
Werkes läßt
den
geschulten
Juristen
erkennen.
Neben
‘halbasiatischen’
Sujets
behandelt
Franzos
während
seiner
Wiener Zeit
auch Stoffe
aus seiner
unmittelbaren
Umgebung, so
in den 1881
erschienenen,
ganz
altösterreichisch
Stille
Geschichten
betitelten
kleinen
Erzählungen.
Sie sind mit
einer
Ausnahme
konventionell
im
Gartenlaube-Stil
gehalten und
zurecht
vergessen.
Den Inhalt
von „Sophie!“
aber, diesem
Dukaten
inmitten von
Konventionsmünze,
soll uns
Theodor
Fontane
erzählen,
wie er ihn
für die
Leser der
Vossischen
Zeitung
vom 15. Juni
1883 zu
Papier
gebracht
hat: „Unter
leichtem und
gefälligem
Geplauder
wird in
einem Wiener
Salon die
Frage
angeregt, ob
die Liebe,
um echt,
tief und
dauernd zu
sein, einer
Art
Reifezeit
bedürfe oder
ob sie
umgekehrt
auch
plötzlich
auftreten
könne.
Professor X.
nimmt das
Wort und
plädiert für
die
Plötzlichkeit.
Er habe,
damals noch
Student, bei
Gelegenheit
einer in
Greifswald
stattfindenden
Arndt-Feier
einen
öffentlichen
Vortrag zu
halten
gehabt und
sei dabei
geniert,
befangen und
mit sich
selber
unzufrieden
gewesen, bis
er durch den
Blick und
das
freundlich
zustimmende
Kopfnicken
eines
schönen
jungen
Mädchens,
einer
Fremden in
der
Versammlung,
derartig
elektrisiert
worden sei,
daß er ex
tempore zu
sprechen
begonnen und
beim
Schlusse
seiner Rede
sich von
einer
innigsten
Liebe
durchdrungen
gefühlt
habe. Das
junge
Mädchen zu
sehen und zu
sprechen,
hab’ er am
selben Abend
noch in
allen Hotels
angefragt,
aber nur, um
endlich zu
hören, daß
sie samt den
Ihrigen
Greifswald
mit dem
letzten
Bahnzuge
wieder
verlassen
habe. Und
die tiefe
Neigung
jener Stunde
habe ihn nie
verlassen
und erfülle
ihn noch.
Ein Zufall
will es, daß
ein Bruder
der jungen
Dame mit
unter den
Gästen ist,
aus dessen
Munde nun
der
Professor
auf dem
Heimwege
konfidentiell
erfährt, daß
seine
Schwester
dieselbe
tiefe
Sehnsucht
empfunden
und durch
Jahre hin
alle Anträge
zurückgewiesen
habe. Seit
kurzer Zeit
erst sei sie
glücklich
verheiratet.
Damit
schließt die
Novelle“.
Fontane fügt
eine knappe
Würdigung
der kleinen
Meisterschöpfung
an, der auch
ein
empfänglicher
Leser von
heute seine
Beistimmung
nicht
versagen
dürfte: „Sie
hat nichts
von Handlung
und stellt
sich
lediglich
die Aufgabe,
psychologische
Vorgänge, so
namentlich
auch den
geheimnisvollen
Einfluß
eines
Auditoriums
auf den
Redner, zu
schildern,
was alles
dem Dichter
und Erzähler
in einem so
hohen Grade
gelungen
ist, daß man
vollkommen
hingerissen
die
Stimmungen
des jungen
Studenten
mit
durchzumachen
glaubt“. Wir
möchten
ergänzend
darauf
hinweisen,
daß es auch
das aparte
Motiv einer
ganz
singulären
und doch
glaubhaften
Glücksverfehlung
ist, das
unsere
Anteilnahme
in so hohem
Maße erregt.
Seinen
letzten
Lebensabschnitt,
von 1887 an,
verbringt
Karl Emil
Franzos in
Berlin. Es
entsteht nun
auch sein
letztes
großes Werk,
Der Pojaz,
das er zwar
im Jahre
1893
vollendet,
aber aus
unbekannten
Gründen
seinen
deutschen
Landsleuten
vorenthält.
Schienen sie
ihm der
Idealisierung,
die er ihnen
auch in
diesem
Spätwerk
angedeihen
läßt,
angesichts
eines
wachsenden
Antisemitismus
nicht mehr
würdig zu
sein? Trotz
möglicher
resignativer
Anwandlungen
bleibt sein
Schaffensdrang
ungebrochen.
1895 wird er
Mitbegründer
der
Concordia
Deutsche
Verlags-Anstalt,
im Jahre
zuvor hat er
unter dem
Titel Die
Geschichte
des
Erstlingswerks
selbstbiographische
Aufsätze
von
so
bedeutenden
Autoren wie
Marie von
Ebner-Eschenbach,
Theodor
Fontane und
Conrad
Ferdinand
Meyer
herausgegeben.
Auch über
seine eigene
Jugend- und
Werdezeit
berichtet er
dort. Neue
Reise-
und
Kulturbilder
knüpfen an
seine
donauländischen
Schilderungen
an. Doch
nunmehr
bereist er
die Mitte
und
Westgrenze
des
Deutschen
Reiches.
Zwei Bände
mit dem
Obertitel
Deutsche
Fahrten
werden
veröffentlicht.
1903 Aus
Anhalt und
Thüringen,
1905 Aus
den Vogesen.
Den zweiten
Band kann er
jedoch nicht
mehr selbst
herausgeben.
Mitten aus
rastlosem
Leben und
Wirken reißt
ihn vor
knapp
einhundert
Jahren, am
Beginn des
nun zu Ende
gehenden
Säkulums,
der Tod.
Werke:
Eine
Gesamtausgabe
der Werke
von Karl
Emil Franzos
existiert
nicht. So
ist man auf
die
Einzelausgaben
seiner
zumeist
vergriffenen
Schriften
angewiesen.
Lieferbar
sind nur:
Der Pojaz.
Nachwort von
Jost Hermand.
eva-Taschenbuch.
Hamburg:
Europäische
Verlagsanstalt
1994. –
Judith
Trachtenberg.
Nachwort von
Helmuth
Nürnberger.
Ullstein-Taschenbuch.
Darmstadt
1992. –
Erzählungen
aus Galizien
und der
Bukowina.
Hrsg. v.
Joseph P.
Strelka (=
Deutsche
Bibliothek
des Ostens.
Hrsg. v. K.
K. Polheim
u. H.
Rothe).
München:
Langen
Müller 1996.
Lit.:
Gabriele von
Glasenapp:
Aus der
Judengasse.
Zur
Entstehung
und
Ausprägung
deutschsprachiger
Ghettoliteratur
im 19.
Jahrhundert
(= Conditio
Judaica 11).
Tübingen
1996. – Dort
auch weitere
Literatur
über
Franzos. –
Das
Fontane-Zitat
ist der
Nymphenburger
Ausgabe
seiner
Sämtlichen
Werke
entnommen.
Bd. XXI/2.
München
1974, S. 252
f.
Bild:
Nach einer
Photographie
aus dem
Jahre 1878.
Burkhard
Bittrich