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In wichtigen Literaturgeschichten, auch solchen, die auf die
sudetendeutsche Literatur spezialisiert sind, fehlt
unverständlicherweise der Erzähler Ernst Wolfgang Freißler. Obwohl nach
dem Zweiten Weltkrieg seine wichtigsten Romane wieder aufgelegt wurden,
ist er heute zu Unrecht fast vergessen. Das mag mit darauf
zurückzuführen sein, daß seine Lebenswelt ganz das bäuerliche Milieu des
Altvaterlandes, seine Leserschaft, soweit sie sich noch seiner besinnt,
weit über den deutschen Sprachraum verstreut ist. Dabei sollten gerade
die sozialen Aspekte, ganz abgesehen vom literarischen Wert von
Freißlers Büchern, Anlaß zu einer Wiederbesinnung auf diesen originellen
Autor und zu einer Neuauflage seiner Hauptwerke sein.
Von Freißlers Lebensgeschichte ist nicht viel zu berichten. Der Sohn des
Direktors der Schlesischen Landes-Nervenheilanstalt war im Hauptberuf
Bankbeamter, dann Redakteur. Seine Werke hat er teils unter dem
Decknamen E. W. Günter veröffentlicht. Seine heute nicht zugänglichen
Novellen-Bände „Schwefelblüte“, 1913, und „Der Hof zu den Nußbäumen“,
1916, der Troppauer Schlüsselroman „Junge Triebe“, 1922, die Erzählungen
„Die Fahrt in den Abend“, 1926, mögen mehr Auftakt zu seinen beiden
Hauptbüchern, den Romanen „Der Glockenkrieg“, 1927, und „Das
Gewitterjahr“, 1936, gelten. Beide Bücher sind im Cotta-Verlag in
Stuttgart bald nach dem Zweiten Weltkrieg neu herausgekommen. „Das
Gewitterjahr“ hat der Autor mit der Widmung „Meiner Heimat“ versehen.
Historischer Hintergrund ist der Kampf der Waldarbeiter im oberen Tal
der Biele gegen die Willkür der Breslauer Bistumsherrschaft. Im
Klappentext der Neuauflage wird eine sachlich treffende Kennzeichnung
angeboten:
„Bitterarm ist das sudetendeutsche Gebirgsdorf und unfrei, hart sein
Ringen um Leben und Unabhängigkeit. Aus den Reihen der Gebirgler wächst
eine überlebensgroße Figur, ein Heiler, der nicht nur die Kranken pflegt
und in die Zukunft schaut, der auch die schwachen Geister stärkt und
leitet. Alle müssen sich vor dem Manne beugen: die Kampfgenossen und die
Neider, der sackgrobe, aber hilfsbereite Oberförster, der prächtige
Amtsarzt, der schurkische Bürgermeister. So gelingt es dem Opfermut des
Retters, der fremdes Unrecht auf sich nimmt und büßt, nach langer Fron
und einem bösen Gewitter jähr im Dorfe ein menschenwürdiges Leben zu
erringen.“
Mit großer Charakterisierungskunst, ohne falsche Heimattümelei, aber die
Würze der Sprache und der Handlung, die besondere Atmosphäre dieser
herben, fast verwunschenen Landschaft und die Zeichnung der einzelnen
Typen einsetzend, erreichte Freißler mit diesem Buch eine der schönen
zeitlosen Romanerzählungen, in denen schlesisches Wesen unverwechselbar
und doch ohne Enge weiterlebt. Dazu gehören auch Züge des Humors und
Elemente der Schlesischen Mundart. Die bäuerliche Welt, transponiert in
andere, südliche Landschaft, lebt auch in und aus dem vorausgegangenen
Roman „Der Glockenkrieg“, der „tragikomischen Feindschaft zweier
südländischer Bergdörfer“. Hier herrscht die heitere Note vor. In die
Welt miteinander konkurrierender Nachbardörfer bringt der Einbruch der
Sommerfrischler neue Konflikte. Das abendliche Glockengeläut, hörbares
Symbol des Wettstreits, hat schließlich nach manchen menschlichen
Umwegen zum Einklang der Nachbarschaft geführt. Dieses Buch erreichte
1957 das 58. Tausend. Der Erzähler aus bäuerlicher Welt hat, über seine
eigene Sprache hinaus, seine Sprachkraft unter anderem auch als
Übersetzer Joseph Conrads und George Bernard Shaws bewährt. Freißler war
auch Mitarbeiter des „Simplicissimus“ und des Königsberger Rundfunks.
Ernst
Schremmer
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