|
Friedländer,
gebürtiger Königsberger und aus Königsberger Familie – der Vater war
Ältester der dortigen jüdischen Gemeinde, die Mutter Tochter des
Kaufmanns Levin Fischel – ging in die Geschichte ein als
Anhänger,
Herausgeber und Nachfolger von Moses Mendelssohn, dem jüdischen
Philosophen der deutschen Aufklärung einerseits und als Vorkämpfer der
jüdischen Emanzipation in Preußen andererseits. 1771 gelangte er als
künftiger Schwiegersohn des Hofbankiers Daniel Itzig nach Berlin,
gründete dort eine Seidenfabrik und wurde bald einer der angesehensten
Kaufleute der preußischen Hauptstadt. Aber die kaufmännische Tätigkeit
genügte ihm nicht. Er hatte höhere Ambitionen. Er befreundete sich mit
Moses Mendelssohn, und diese Freundschaft trug bald schon geistige
Früchte, als Friedländer sich dem Verein der hebräischen
Literaturfreunde anschloß, der seit 1783 die hebräische Zeitschrift „Der
Sammler“ herausgab. Friedländer trug entscheidend dazu bei, die
hebräische Dichtung wiederzubeleben, indem er Jesaias und Hiob ins
Deutsche übertrug, ein Unterfangen, das trotz der Mendelssohnschen
Pentateuchübersetzung (der Fünf Bücher Moses) für die Zeit kein geringes
Wagnis darstellte und auf heftigen Widerstand, zumal in den eigenen
Reihen der Orthodoxen, stieß. Aber das war erst der Anfang. Friedländer
besaß, obwohl Jude, ein ausgeprägtes Nationalbewußtsein als Deutscher,
weshalb er sich mit zahlreichen historischen Aktenstücken und Editionen,
in den Jahren von 1787 bis 1812, für das Heimatrecht der deutschen Juden
einsetzte, und das mit Erfolg. So berichten seine „Aktenstücke, die
Reform der jüdischen Kolonien in den preußischen Staaten betreffend“
(1793) von den Verhandlungen, die unter seiner Ägide die
Generaldeputierten der jüdischen Gemeinden Preußens über die
Verbesserung ihrer bürgerlichen Rechte mit einer von Friedrich Wilhelm
II. eingesetzten Kommission führten. Während der Franzosenzeit
offenbarten Friedländer und sein Berliner Kreis eine so dezidierte
staatstreue Gesinnung, daß er 1809 als erster Jude von den Berliner
Stadtverordneten zum Stadtrat gewählt wurde. Das königliche Edikt vom
11.3.1812 war Friedländers Werk und brachte den preußischen Juden
schließlich die hart erkämpfte und lang ersehnte bürgerliche
Gleichberechtigung. Friedländer
aber, der eine gänzliche kulturelle Anpassung erstrebte, forderte eine
Reform des überlieferten Judentums, Einführung der deutschen
Gebetssprache, Aufgabe der nationalen Messiashoffnung usw., gründete
deshalb 1778 in Berlin eine „Jüdische Freischule“, die Modell für
moderne Schulen in anderen Städten wurde, gab ferner eine deutsche
Gebetbuchübersetzung heraus, ein deutsches Lesebuch für jüdische Kinder
und übertrug den Mendelssohnschen Kokelet-Kommentar ins Deutsche.
Aufsehen erregte 1799 sein „Sendschreiben an Propst Teller in Berlin,
von einigen Hausvätern jüdischer Religion“, in dem er so weit ging, das
jüdische Zeremonialgesetz, das den Umgang mit Christen bzw. die
Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten fast unmöglich machte, aufgeben,
mehr noch, die christliche Taufe annehmen zu wollen, sofern es nur „ohne
Beunruhigung ihrer Vernunft, ohne Verletzung des moralischen Gefühls“
geschehen könnte, denn alle Religionen enthielten nach Friedländer ein
und denselben Kern ewiger Vernunftgesetze. Doch der Berliner Propst
lehnte ab, auch Schleiermacher, dessen „Reden über Religion“ im gleichen
Jahr erschienen. Friedländers Vorschlag, ein rationalistisches
reformiertes Judentum mit einem entdogmatisierten Christentum zu
verschmelzen – eine kühne Vorwegnahme moderner ökumenischer Bestrebungen
– wurde als opportunistisch ausgelegt, kam, für seine Zeit, in der
rationalistische Aufklärungsideale von neuen irrationalistischen und
gegenreformatorischen Idealen einer ins katholische Mittelalter
zurückblickenden deutschen Romantik abgelöst wurden, zu spät.
Friedländers
Ernüchterung macht plausibel, warum sein Eifer mehr und mehr erlahmte
und er sich selbst mehr und mehr auf reine Repräsentationsaufgaben
beschränkte.
Doch
muß
hier auf seine spätere literarische Tätigkeit hingewiesen werden, auf
die editorische, als Herausgeber der Schriften seines Freundes
Mendelssohn: „Fragmente von ihm und über ihn“ (1818), der Neuauflagen
des „Phädon“; auf die schriftstellerische, ab Verfasser der 1819
veröffentlichten Schrift „Über die Verbesserung der Israeliten im
Königreich Polen“, die für die dort Unterdrückten sich einsetzte und
Bürgerrechte reklamierte, oder sein Beitrag „Zur Geschichte der
Verfolgung der Juden im 19. Jahrhundert“ (1820), der sich gegen
antisemitische Schriften richtete, oder seine letzte größere Arbeit „An
die Verehrer, Freunde und Schüler Jerusalems ...“ (1823), die der
ostdeutschen Schriftstellerin Elise von der Recke gewidmet war. Mit ihr,
wie mit vielen Gelehrten, Künstlern und Vertretern des öffentlichen
Lebens, pflegte Friedlander, neben Mendelssohn der bedeutendste jüdische
Vertreter der Aufklärungszeit und nach dem Tode seines Freundes das
geistige Oberhaupt der deutschen Juden, eine für alle Teile anregende
Freundschaft, so mit den Brüdern Humboldt oder mit Karl Friedrich
Zelter, dem Musiker und Goethe-Freund.
Lit.:
I. H. Ritter, Geschichte der jüdischen
Reformation II, 1861; L. Geiger, Geschichte der Juden in Berlin I, 1871;
E. Friedländer, Das Handelshaus Joachim Moses Friedländer und Söhne,
1913; B. Offenburg, Das Erwachen des deutschen Nationalbewußtseins in
der preußischen Judenheit, 1933. Der Große Brockhaus.
Ernst-Edmund Keil
nach oben
|