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Franz Fühmanns Vaterhaus
stand im böhmischen Riesengebirge; es war die Apotheke (mit
pharmazeutischem Kleinbetrieb) Rochlitz. Das sensible Kind erfuhr seine
natürliche und soziale Umwelt mit wachen Sinnen und reger Phantasie, im
Heranwachsen auch bald die Krisenhaftigkeit der elterlichen Ehe. Bereits
vor dem Eintritt in die Volksschule des Lesens und Schreibens kundig
gemacht, empfing der Junge für sein tagträumerisches Treiben vielerlei
literarische Anregungen, und Dichten wurde ihm schon früh zu festen
Gewohnheit, die der Vater stolz förderte. Lange bevor er es ahnen
konnte, war damit sein beruflicher Weg entschieden, sowenig sich doch
die folgenreichen Wendungen des Lebenswegs absehen ließen.
Nach der Volksschule
wurde der begabte Fühmannsohn 1932 in die Obhut des jesuitischen
Konvikts Kalksburg bei Wien gegeben. Streng geführt, errang der
Ehrgeizige sehr gute Leistungen, bis die Minderung der väterlichen
Finanzkraft zum Wechsel zwang. Am Reichenberger Realgymnasium aber
geriet der Schüler weit unter seine Möglichkeiten und mußte ins nähere
Reformrealgymnasium
Hohenelbe umgesetzt werden, von wo
er sich im September 1939 am liebsten gleich in den Kriegsdienst begeben
hätte. Denn inzwischen war er ganz ins nationalsozialistische Fahrwasser
geraten. Nach dem Notabitur 1941 mußte er sich zunächst mit dem
Reichsarbeitsdienst begnügen, konnte aber noch im selben Jahr nach einer
Bruchoperation in die Rolle eines Nachrichtensoldaten überwechseln.
Hitlertreu bis zum letzten Kriegstag, schrieb er dennoch keine
Kampfgesänge, sondern eher besinnliche oder gar düstere Verse. Erste
Proben davon erschienen ab 1942, 1944/45 in der Wochenzeitung Das
Reich. In sowjetischer Kriegsgefangenschaft brachten harte
körperliche Arbeit und politische Umerziehung eine radikale Lebenswende.
Insbesondere von der ungeheuerlichen Judenvernichtung der Nazis
erschüttert, wurde er als Antifa-Schüler zum gläubigen Anhänger des
stalinistisch gefaßten Marxismus, der sich auf ein politisches Wirken im
sowjetisch besetzten Teil Deutschlands vorbereitete, wohin er Ende 1949
entlassen wurde. In der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands
(NDPD), die 1948 von er SED als Auffangbecken für reumütige Nazis sowie
ehemalige Beamte und Offiziere gegründet worden war, stieg er rasch zu
eiern führenden Kulturfunktionär auf, dabei immer mit eigenen
literarischen Arbeiten beschäftigt und publizistisch tätig. Nachdem sich
die kommunistische Führung in Moskau intern ausdrücklich mit
schweren Verbrechen Stalins befaßt und Anstöße zu ideologischen, vor
allem kulturpolitisch relevanten Wandlungen gegeben hatte, kam es auch
in der Spitze der NDPD zu Differenzen. In diesen Zusammenhängen unter
Kritik geraten, schied Fühmann 1958 aus dem Apparat der Partei aus (als
Mitglied erst Ende 1972).
War der Autor Fühmann in
der ersten Hälfte der fünfziger Jahre vorzugsweise mit Lyrik
hervorgetreten und zu novellistischem Verarbeiten seiner Kriegserfahrung
übergegangen, so suchte er als freier Schriftsteller endlich eigene
Einblicke in das tatsächliche Leben der Gesellschaft seiner Wahl zu
gewinnen. Das umfangreichste Ergebnis seiner Bemühungen wurde das Buch
Kabelkran und Blauer Peter (1961). Diese anschaulich genaue
Darstellung seines Eindringens in die Arbeitswelt der großen Rostocker
Schiffswerft brachte Fühmann laute Anerkennung, schien er doch als
Verfasser einer „sozialistischen Betriebsreportage“ beispielgebend dem
Bitterfelder Weg“ zu folgen (also der Linie Ulbrichtscher Kunstpolitik
seit 1959). Franz Fühmann jedoch, längst ungemein vielseitig bemüht,
ließ sich nicht auf Gewünschtes festlegen, sondern
trachtete vielmehr immer
entschiedener nach der Entfaltung aller seiner literarischen
Möglichkeiten. Die Folge der Kriegserzählungen, mit Kameraden
(1955) begonnen, fand durch die anspruchsvolle Novelle König Ödipus
(1966) ihren Abschluß, die Reihe der Kinder- und Jugendbücher, 1959
mit einem alltagsbezogenen Märchen eingeleitet, wurde durch erneuernde
Nacherzählungen überlieferter Werke der Weltliteratur fortgesetzt:
Reineke Fuchs (1964), Shakespeare-Märchen (1968), Das
hölzerne Pferd. Die Sage vom Untergang Trojas und von den Irrfahrten des
Odysseus (1968), Das Nibelungenlied neu erzählt (1971). Diese
Gruppe seiner Arbeiten krönte er mit dem mythologischen Roman
Prometheus (1974) und dem äußerst reichen Sprachspielbuch Die
dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel (1978). Im späten
Rückblick wertete der Autor seine Werke aus den fünfziger und sechziger
Jahren radikal ab, indem er das fiktive Tagebuch Zweiundzwanzig Tage
oder Die Hälfte des Lebens (1973) als seinen eigentlichen Eintritt
in die Literatur bezeichnete, weil er aus der Arbeit an diesem Buch
erstmals selbst gewandelt hervorgegangen sei. Neben manchem Gedicht und
den besten Kriegserzählungen hat aber auch der Novellettenzyklus Das
Judenauto (1961) trotz mancher Schwächen seine Gültigkeit als
Auskunft über den Weg des Autors zur Entscheidung für die DDR. Freilich:
das offene Diarium übertrifft den strikt geschlossenen Zyklus bei weitem
durch Qualitäten wie thematische Vielfalt und gedankliche Tiefe,
rigorose Selbstbefragung und stilistische Eleganz. Das Tagebuch, das
übrigens erste Traumerzählungen enthält und Einblick in die Werkstatt
des verdienten Nachdichters gibt, ist nicht zuletzt ein dynamischer
Anlauf zur Essayistik, die für Fühmann in der Folgezeit ein Hauptfeld
seiner Anstrengungen wurde. Der ersten Sammlung Erfahrungen und
Widersprüche (1975) mit gewichtigen Grundsatz-Erörterungen folgten
intensive Studien zu E. T. A. Hoffmann und 1982 als ein letztes
vollendetes Hauptwerk der Essay Vor Feuerschlünden (Rostock) bzw.
Der Sturz des Engels (Hamburg), schwer errungene, aber
überzeugende Einheit von Trakl-Deutung und sozialismuskritischer Bilanz
eigener Lebenserfahrung. Das letzte Jahrzehnt Franz Fühmanns stand im
Zeichen eines immer weniger auszugleichenden Dissenses mit dem
SED-Regime. Allmählich zum scharfsichtigen Kritiker des Realsozialismus
geworden, setzte er sich mutig für politisch unterdrückte Begabungen ein
und stimmte entschieden für eine Frieden schaffende Weltinnenpolitik
von unten (Rede bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung
1981). Viele in dieser schweren Zeit entstandene, fast allen Gattungen
zugehörige dichte Texte vermögen dem Leser erlebbar zu machen, welche
humanen Maße und Werte dem geläuterten Franz Fühmann als unbedingt
verbindlich galten: Wahrheit und Wahrhaftigkeit, kritische
Selbstbefragung und Toleranz, Würde und Verzicht, einen anderen Menschen
zum Mittel eigener Zwecke zu machen.
Das über zehn Jahre hin
aufwendig angestrebte Opus magnum mit dem Arbeitstitel Das Bergwerk,
mit dessen Ausführung erst der schon vom Tode gezeichnete Dichter
begann, blieb ein Fragment, dem nur wenig von der vorbedachten
metaphorischen Substanz eignet. Doch nicht nur deshalb erklärte sich
Franz Fühmann in seinem Testament von 1983 für gescheitert. Bereits
vordem hatte er die Überzeugung gewonnen, Schreiben sei immer ein
Scheitern; und vor allem empfand er äußerst schmerzhaft, gescheitert zu
sein in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, „wie wir sie alle
einmal erträumten“.
Gesammelte Werke:
9 Bände, Rostock
1977 - 1988. - Kirke und Odysseus. Ein Ballett, Rostock 1984. - Das Ohr
des Dionysios. Nachgelassene Erzählungen, Rostock 1985. - Die
Schatten. Ein Hörspiel, 1986. - Alkestis, Rostock 1989. - Im Berg, Texte
und Dokumente aus dem Nachlaß,
Rostock 1991.
Lit.:
Zwischen Erzählen und
Schweigen. Ein Buch des Erinnerns und Gedenkens.
Franz Fühmann zum 65. Rostock 1987.
- Uwe Wittstock: Franz Fühmann. München f 1988. - Hans Richter: Franz
Fühmann - ein deutsches Dichterleben. Berlin 1992.
Bild:
Franz Fühmann 1975 in
Berlin; Aufbau-Verlag Berlin und Weimar.
Hans Richter
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