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Sein bürgerlicher Name war Philipp Müller; die Eltern väterlicherseits
stammten aus dem Elsaß. In Karansebesch, vormals Sitz eines
österreichischen Grenzerregiments, war die Müllersche Apotheke ein
kleiner Mittelpunkt. Fülöp-Miller, dessen Mutter, eine geborene
Brancovič, aus einer serbischen Familie kam, die in der Militärgrenze
eine bedeutsame Rolle gespielt hatte, setzte in seinem Erzählband
Endre (1951) seiner Geburtsstadt ein mythisierendes Denkmal. Auch
hat er bis 1945 den Kontakt zum Banat nicht abbrechen lassen.
Literarisch steht er in der Traditionslinie der aus dem Banat stammenden
enzyklopädisch gebildeten Polyhistoriker, ob sie nun wie Julius
Meier-Graefe kunstgeschichtlich oder wie Karl Kerenyi auf die Welt der
griechischen Antike fixiert waren. Fülöp-Miller wollte die Vielfalt der
nahen Gegenwart erfassen und deuten. Dies war nur möglich, weil er sich
auf jedem einzelnen Sachgebiet durch Leitgedanken und Leitmotive einen
Rahmen setzte, der alle überaus zahlreich zusammengetragenen Fakten
aufzunehmen vermochte. Hermann Broch, Sigmund Freud, Robert Neumann,
Romain Rolland, Upton Sinclair waren Briefpartner oder Freunde
Fülöp-Millers, seine Werke wurden oft in Übersetzungen zu europäischen
oder Welterfolgen (sein Rasputin-Buch wurde in elf, seine Arbeit über
die Jesuiten, das Werk über Lenin und Gandhi in je sechs Sprachen
übertragen). Während in Deutschland Sigmund Freuds Werk verschwiegen
wurde, hat Fülöp-Miller 1938 in seinem Buch Die Kulturgeschichte der
Heilkunde die Bedeutung der Psychoanalyse herausgestellt. Durch
Vortragsreisen von Moskau bis Budapest, von Paris bis Berlin, durch die
Mitarbeit an renommierten Zeitungen und Zeitschriften im ganzen
deutschen Sprachraum und durch Rundfunkansprachen war Fülöp-Miller in
der Zeit der Weimarer Republik ein angesehener Schriftsteller. Als
Entdecker und Herausgeber des Nachlasses von Lew Tolstoj und Fjodor
Dostojewski hat er viele wichtige Dokumente der russischen
Kulturgeschichte gerettet und, erstmals überhaupt, in deutscher
Übersetzung ediert.
In der kleinen Bergstadt am südöstlichen Rand des Banats hatte der
Apothekersohn die Schule besucht. In Wien, Berlin, Paris und Lausannne
hat Fülöp-Miller 1909-1912 Pharmazie, Anatomie und Psychiatrie studiert.
Europäische Berühmtheiten wie Forel, Babinski, Freud waren
seine Lehrer.
Nach dem Studium praktizierte Fülöp-Miller in der väterlichen Apotheke,
wo er es nicht lange aushielt. Während des Ersten Weltkrieges lernte
er die bekannte Budapester Opernsängerin
Hedy Bendiner kennen und heiratet sie. An ihrer Seite durchstreift er
Europa und arbeitet als Journalist in verschiedenen Sprachen: ungarisch
schreibt er für Budapester und Kronstädter Blätter, in Hermannstadt und
Temeswar erscheinen seine deutschen Artikel, und in Bukarest ist er
Mitarbeiter angesehener rumänischer Presseorgane. Neugier und
Forscherdrang führen ihn früh in die Sowjetunion, über deren kulturelles
Leben er in Berlin und Wien schreibt. Zum ersten großen Bucherfolg wird
seine Monographische Darstellung: Geist und Gesicht des Bolschewismus
(1926), die mehrere Auflagen und zahlreiche Übersetzungen erlebt.
Trotz neuer Erkenntnisse bleibt das Buch eine tiefschürfende Analyse des
Scheiterns einer staatlich zensierten Kultur. In der Nachbarschaft des
Erstlings stehen die Bücher Lenin und Gandhi (1927), Der
heilige Teufel. Rasputin und die Frauen (1927), die in schneller
Folge Fülöp-Millers Auseinandersetzung mit revolutionären Umwälzungen
festschreiben, wobei sei Engagement für Gandhis friedliche Auflehnung
die Hinwendung zum Religiösen schon miteinschließt. Macht und
Geheimnis der Jesuiten (1929) war sein erfolgreichstes Buch, das
auch nach 1945 mehrmals aufgelegt wurde. Die Biographie von Papst Leo
XIII. (1935) und die Heiligenleben (Die die Welt bewegten, 1952)
gehen auf die Rolle beispielhafter Einzelpersönlichkeiten in der
Geschichte ein. Letztes Werk dieser Art ist eine englisch geschriebene
Franziskus-Monographie (1958).
Als absoluten Widergeist und als Gegenstück zur Welt des Glaubens
definiert Fülöp-Miller schon früh einen sogenannten „Amerikanismus". Die
Phantasiemaschine (1931), die zusammen mit Joseph Gregor
erarbeitete Geschichte des amerikanischen Theaters und Kinos, sind neben
dem englischen Essay Dehumanization in Modern Society (1955)
Belege für das Zerrbild einer Konsumwelt, die in Fülöp-Millers Deutung
einen Epilog zur europäischen Kulturwelt darstellen soll. Zusammen mit
Gregor hat Fülöp-Miller die Inszenierung russischer Dramen auf deutschen
Bühnen gefördert. 1925 veröffentlichte er die Lebenserinnerungen der
Gattin Dostojewskis, 1926-1929 zahlreiche Dokumente zum Werk des großen
russischen Erzählers. Die Memoiren der Hofmarschallin Narischkin-Kurakin
(1930) und Zeugnisse über die letzten Lebensjahre von Tolstoj (1925)
zeigen Fülöp-Millers Bestreben, Kulturgeschichte glaubwürdig zu
dokumentieren. 1936 erscheint eine erste Novelle von Fülöp-Miller in
Buchform Katzenmusik. Im selbstgewählten amerikanischen Exil, wo
er am Dartmouth College in Manöver und am Hunter College in New York
Vorlesungen über europäische Kulturgeschichte hält, müht sich
Fülöp-Miller um dichterische Bewältigung seiner Jugenderinnerungen (Endre,
Erzählband 1952, Der große Bär, Erzählung, 1952). Auch ein
Drama entsteht (Zwei Napoleons), dem aber ein Erfolg versagt
bleibt. Eine Gesamtdarstellung seines Lebenswerkes fehlt. Wie viele
Autoren der Weimarer Republik und der Exilgeneration ist er zu lange aus
der Erinnerung verschwunden.
Teilnachlässe:
Bayerische Staatsbibliothek München (für die Zeit vor 1938); Hanover/New
Hampshire, USA (vgl. John Spalek: Guide to the Archival Materials of the
German-speaking Emigration to the United States after 1933.
Charlottesville: University of Virginia 1978, S. 315-320).
Weitere Werke:
Das russische Theater (1931, zusammen mit Joseph Gregor); Führer,
Schwärmer und Rebellen (1934); Dostoevsky (1950, englisch); Der
unbekannte Tolstoj (1927); Die Urgestalt der Brüder Karamasoff (1929).
Lit.:
Kürschners Deutscher Literatur-Kalender (1928 bis 1934; 1963); – Wer ist
wer. Lexikon österreichischer Zeitgenossen, 1937, S. 106-107; – W.
Röder/H. A. Straus: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen
Emigration nach 1933; 1983, II/1, S. 349; – H. Fassel: Ein vergessener
Banaler deutscher Autor: René Philipp Müller aus Karansebesch, in:
Beiträge zur deutschen Kultur, I (1984), Nr. 3, S. 18-31.
Horst Fassel
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