Gustav
Freytag, der
große
schlesische
Schriftsteller,
beschließt
seine
Bilder aus
der
deutschen
Vergangenheit
mit einer
Charakterisierung
des
Schlesiers:
"Zu ernster,
versponnener
Anlage kam
dem
Schlesier
etwas von
der leichten
Sorglosigkeit
der Slawen
und von
ihrer
Virtuosität,
die ganze
Lebenskraft
im Genuß des
Augenblicks
zu
konzentrieren.
Daraus
entstand ein
lebhaftes
Volk von
gutmütiger
Art,
heiterem
Sinn,
genügsam,
höflich und
gastfrei,
eifrig und
unternehmungslustig
... sehr
geneigt,
Fremdes auf
sich wirken
zu lassen
... Alles,
was man auf
Erden werden
kann, wird
der
Schlesier
mit
Leichtigkeit:
Engländer,
Amerikaner,
Russe,
Minister und
Seiltänzer,
fromm und
gottlos,
reich und
arm!"
Diese
Palette
erweiterte
der
Schlesier
Horst
Fuhrmann um
eine
weitere,
nicht
unwichtige
Variante: Er
ist
Historiker
geworden,
genauer
gesagt:
Mittelalter-Historiker.
Mit der dem
Schlesier
eigenen
Leichtigkeit
stieg er in
den Olymp
der
Mediävistik
auf, als er
1971 zum
Präsidenten
des
bedeutendsten
Instituts
zur
Erforschung
des
Mittelalters,
der
Monumenta
Germaniae
Historica (MGH),
gewählt
wurde, zu
dessen
Gründungsvätern
im Jahre
1819 kein
Geringerer
als der
Reichsfreiherr
vom und zum
Stein gehört
hatte.
Dabei wollte
Fuhrmann gar
nicht
Historiker
werden.
Seine
naturwissenschaftliche
Ausrichtung
ließ ihn
zunächst
andere,
luftige
Höhen
anstreben:
eigentlich
wollte er
Flugtechnik
studieren,
was jedoch
nach 1945
völlig
undenkbar
war. Also
schrieb er
sich nach
seiner
Entlassung
aus
amerikanischer
Kriegsgefangenschaft
und Ablegung
des
"richtigen"
Abiturs zum
Sommersemester
1946 für die
Fächer
Rechtswissenschaft,
Geschichte
und
Klassische
Philologie
an der
Universität
Kiel ein.
Seine
Studien
schloß er
1952 mit der
Promotion
zum Dr. phil.
und 1954 mit
dem 1.
Staatsexamen
in den
Fächern
Geschichte
und Latein
ab. Im
selben Jahr
trat er als
erste
Station
seiner
wissenschaftlichen
Laufbahn die
Stelle eines
Mitarbeiters
am Institut
der
Monumenta
Germaniae
Historica in
München an.
Nach Kiel
zurückgekehrt,
übernahm er
dort 1957
eine
Assistentenstelle
am
Historischen
Seminar. Im
Wintersemester
1960/61
habilitierte
er sich für
die Fächer
"Mittlere
und Neuere
Geschichte
und
Historische
Hilfswissenschaften".
Sein erster
Ruf führte
ihn 1962 auf
den
Lehrstuhl
für Mittlere
und Neuere
Geschichte
an der
Universität
Tübingen.
Mit seiner
Berufung zum
Präsidenten
der MGH
übernahm er
1971/72 auch
eine
ordentliche
Professur
für
Mittelalterliche
Geschichte
an der
Universität
Regensburg,
die er bis
zu seiner
Emeritierung
im
Sommersemester
1993
innehatte.
Fuhrmanns
wissenschaftliches
Wirken ist
auf
vielfältige
Weise
anerkannt
und
gewürdigt
worden:
durch die
Verleihung
von Preisen
("Premio
Spoleto"
1962; "Cultore
di Roma"
1981), von
Ehrendoktoraten
(Dr. jur.
h.c.,
Tübingen
1981; Dr.
phil. h.c.,
Bologna
1982; Dr. in
letters
Columbia
University/New
York 1992)
und von
öffentlichen
Auszeichnungen
(Orden Pour
le mérite
1986;
Bundesverdienstkreuz
1987), durch
die
Mitgliedschaft
in
zahlreichen
in- und
ausländischen
Akademien,
Instituten
und
Historischen
Kommissionen
sowie durch
die
Übertragung
bedeutender
Ämter in der
Wissenschaftsorganisation
(Vorsitz des
Kuratoriums
der Stiftung
"Historisches
Kolleg"
1984;
Präsident
der
Bayerischen
Akademie der
Wissenschaften
seit
1.1.1992).
Die
inhaltliche,
zeitliche
und
räumliche
Bandbreite
seines mehr
als 200
Veröffentlichungen
umfassenden
wissenschaftlichen
Oeuvres
zeugt davon,
daß Horst
Fuhrmann in
allen
Epochen der
Geschichte
gleichermaßen
zu Hause
ist. Aus
seinen
Arbeiten zur
mittelalterlichen
Geschichte
ragen drei
Schwerpunkte
heraus:
Papsttum,
Kirche und
Recht im
Mittelalter.
Nicht ganz
zufällig
lautet so
auch der
Titel der
ihm 1991 zum
65.
Geburtstag
gewidmeten
Festschrift
seiner
Mitarbeiter
und Schüler.
Fuhrmanns
Interesse an
der
Geschichte
des
Papsttums
als "einer
ins
Transzendentale
reichenden
Institution"
ist vor
allem durch
einen
mehrmonatigen
Romaufenthalt
als
Mitarbeiter
der MGH und
Stipendiat
des
Deutschen
Historischen
Instituts
entscheidend
gefördert
worden. Er
ist ein
lebender
Beweis für
die große
Faszination,
die dieses
Thema auf
Protestanten
auszuüben
vermag, von
denen manche
dieses
historische
Phänomen -
erinnert sei
nur an
Leopold von
Ranke und
Johannes
Haller -
auf geradezu
kongeniale
Weise zu
erfassen und
zu
durchdringen
verstehen.
Fuhrmann hat
sich seinem
Gegenstand
methodisch
auf ganz
unterschiedliche
Weise
genähert:
quellenkundlich
-
durch eine
Analyse der
päpstlichen
Selbstzeugnisse,
der Briefe
und Urkunden
und ihrer
Wirkung,
ekklesiologisch
-
durch die
Frage nach
den
Grundlagen
und der
Entwicklung
des
päpstlichen
Kirchen- und
Amtsverständnisses,
rechtlich -
durch den
Nachweis der
Bedeutung
von Recht
und
Rechtswissenschaft
für die
Begründung
der
päpstlichen
Suprematie
und die
Durchsetzung
ihrer
politischen
und
religiösen
Forderungen.
Ein Papst
hat Horst
Fuhrmann vor
allen
anderen
immer wieder
als
historische
Persönlichkeit
fasziniert:
Gregor VII.
(1073-1085),
dessen Name
nicht nur an
den Bußgang
König
Heinrichs
IV. nach
Canossa und
an den
sogenannten
Investiturstreit
erinnert,
sondern auch
mit einem
fundamentalen
Eingriff in
die damalige
Weltordnung
verbunden
bleibt: der
Entsakralisierung
des
deutschen
Königtums.
Der Anspruch
Gregors VII.
und seiner
Nachfolger
auf den
Vorrang der
päpstlichen
vor der
weltlichen
Gewalt und
alleinige
Vertretung
Christi auf
Erden ("Der
wahre Kaiser
ist der
Papst")
erscheint
uns heute
als
antiquiert
und typisch
mittelalterlich.
Doch
Fuhrmann
betont in
seinen
Arbeiten zur
Papst- und
Kirchengeschichte
gleichermaßen
die
Kontinuität
und das
Fortleben
mittelalterlicher
Phänomene,
etwa bei der
Papstwahl,
die in
wesentlichen
Bestandteilen
(z.B.
Konklave,
Zweidrittelmehrheit)
auf das 12.
und 13.
Jahrhundert
zurückgeht,
oder
hinsichtlich
der
Bedeutung
des
Ökumenischen
Konzils für
die
Universalkirche,
dessen
zwanzigstes,
das erste
Vatikanum
von 1869/70,
durch die
damals
verkündeten
Dogmen des
Universalepiskopats
und der
Unfehlbarkeit
des Papstes
"als
verwirklichtes
Mittelalter"
erscheint.
Daß die
geschilderten
päpstlichen
Ansprüche
auf den
innerkirchlichen
Primat und
den Vorrang
vor
jeglicher
weltlichen
Gewalt im
Kern auf
gefälschten
Rechtssätzen
basierten,
hat Horst
Fuhrmann
durch eine
Vielzahl
einschlägiger
Studien
vorgeführt
und
nachgewiesen.
Sein Vortrag
Die
Fälschungen
im
Mittelalter
auf dem
Deutschen
Historikertag
in Duisburg
1962 hat
eine
fruchtbare,
noch nicht
abgeschlossene
Diskussion
ausgelöst,
die vor
allem nach
der
"Wahrheit
der
Fälscher",
nach ihrem
Selbstverständnis,
der Funktion
und der
Wirkung
ihrer
Falsifikate
fragte. Als
vorläufiger
Höhepunkt
darf der von
ihm
angeregte
erste
internationale
Kongreß der
MGH über
"Fälschungen
im
Mittelalter"
im September
1986 gelten.
Am Beispiel
der beiden
berühmtesten
Fälschungen
des
Mittelalters
-
der 847/52
entstandenen
Pseudoisidorischen
Dekretalen,
einer
Sammlung
falscher
Papstbriefe
von Anaklet
I. († 88)
bis Gregor
II. († 731),
und der
zwischen 754
und 847/52
gefälschten
Konstantinischen
Schenkung,
die die
angebliche
Übertragung
Roms und der
westlichen
Hälfte des
Römischen
Reiches
mitsamt der
kaiserlichen
Insignien
durch Kaiser
Konstantin
auf Papst
Sylvester I.
dokumentiert
-
verdeutlichte
Fuhrmann,
wie das
Papsttum
diese zur
Untermauerung
und
Erweiterung
seiner
Autorität
gegenüber
Königtum und
Episkopat
seit etwa
1050
einsetzte.
Ihr Erfolg
beruhte
nicht auf
einer laxen
Wertung von
Lüge und
Betrug,
sondern
darauf, daß
sie -
gemäß der
Maxime "das
Geeignetere
gilt
uneingeschränkt"
-
einer
eigentlichen,
"höheren
Wahrheit"
dienten und
damit die
göttliche
Ordnung
bewahrten
oder
wiederherstellten.
Doch wer
glaubt,
Horst
Fuhrmann
habe sich
darauf
beschränkt,
"seine
Seriösität
nur durch
einige
schwer
lesbare
Bücher,
durch
diffizile
Texteditionen
und durch
die
Behandlung
abseitiger
Themen in
fachwissenschaftlichen
Organen"
unter Beweis
zu stellen,
irrt. Sein
schier
überschäumendes
Temperament
und die
Lust,
Geschichte
und
Geschichten
durch Wort
und Bild
anschaulich
zu machen,
haben ihn
immer wieder
leichten
Herzens
veranlaßt,
sich auf
unterschiedliche
Weise dem
allgemeinen
Interesse an
Geschichte
zu stellen.
In
zahlreichen
öffentlichen
Vorträgen
und populär
gehaltenen
Büchern hat
er einem
großen,
internationalen
Publikum
"sein"
Mittelalter
vorgestellt,
das in jeder
Zeile sein
sichtliches
Vergnügen an
Geschichte
widerspiegelt.
Kein anderer
deutscher
Historiker
hat durch
die ihm
eigene
Erzählkunst
und durch
treffend
ausgewählte
Beispiele so
den Leser
und Zuhörer
in seinen
Bann zu
ziehen und
sein
Verständnis
für die
Andersartigkeit
des
Mittelalters
zu erwecken
gewußt wie
er.
Das Bild von
dem
Historiker
und Menschen
Horst
Fuhrmann
bliebe
unvollständig
wenn wir
nicht auch
seine
Beziehungen
zu
Ostdeutschland,
insbesondere
Schlesien
erwähnten.
Seine
schlesische
Herkunft hat
er nie
verleugnet,
doch haben
seine
berufliche
Beanspruchung
und die
politischen
Zustände
lange Zeit
eine
Beschäftigung
mit
Geschichte
und Kultur
Schlesiens
verhindert.
Diese fast
50jährige
Pause hat er
in der
Folgezeit
mehr als
wett
gemacht.
Seiner
Geburtsstadt
Kreuzburg
hat er
gleich auf
zweierlei
Weise ein
Denkmal
gesetzt,
wobei ihm
sein
Spürsinn als
mittelalterlicher
Quellenforscher
zu Hilfe
kam. In
Breslau
entdeckte er
die lange
verschollene
Gründungsurkunde
Kreuzburgs
von 1253.
Ein im
Staatsarchiv
Basel
gefundenes
Konvolut von
30 Briefen
des
Schweizers
Johann Oeri,
Neffe des
berühmten
Historikers
Jakob
Burckhardt,
den es
zwischen
1868 und
1870 als
Lehrer ins
oberschlesische
Landstädtchen
Kreuzburg
verschlagen
hatte, nahm
Fuhrmann in
seinem Buch
"Fern von
gebildeten
Menschen".
Eine
oberschlesische
Kleinstadt
um 1870
(München
1989)
als
Grundlage
für einen
"köstlichen
Einblick in
das bunte
Leben
Kreuzburgs"
um 1870 aus
dem
Blickwinkel
eines
weitgereisten
Schweizers.
Möge Horst
Fuhrmann im
Sinne von
Gustav
Freytag noch
lange
"Fremdes auf
sich wirken
lassen" und
uns mit der
bekannten
schlesischen
"Leichtigkeit
des Seins"
und seiner
Virtuosität
im Umgang
mit der
Geschichte
immer wieder
in Erstaunen
versetzen!
Werke:
Studien zur
Geschichte
mittelalterlicher
Patriarchate,
T. 1, in:
Zeitschrift
der
Savigny-Stiftung
für
Rechtsgeschichte,
Kan. Abt.
39, 1953, S.
112-176; T.
2, 40, 1954,
S. 1-84; T.
3, 41, 1955,
S. 95-183. -
Konstantinische
Schenkung
und
abendländisches
Kaisertum.
Ein Beitrag
zur
Überlieferungsgeschichte
des
Constitutum
Constantini,
in:
Deutsches
Archiv für
Erforschung
des
Mittelalters
22, 1966, S.
63-178. -
Das
Constitutum
Constantini
(Konstantinische
Schenkung).
Text, hg.
von H.
Fuhrmann (Monumenta
Germaniae
Historica.
Fontes iuris
Germanici
antiqui 10),
Hannover
1968. -
Einfluß und
Verbreitung
der
pseudoisidorischen
Fälschungen.
Von ihrem
Auftauchen
bis in die
neuere Zeit.
3 Teile
(Schriften
der MGH 24,
1-3),
Stuttgart
1972-1974. -
Das
Reformpapsttum
und die
Rechtswissenschaft,
in:
Investiturstreit
und
Reichsverfassung
(Vorträge
und
Forschungen
17),
Sigmaringen
1973, S.
175-203. -
Deutsche
Geschichte
im hohen
Mittelalter
von der
Mitte des
11. bis zum
Ende des 12.
Jahrhunderts
(Deutsche
Geschichte
2),
Göttingen
31993.
- Von
Petrus zu
Johannes
Paul II. Das
Papsttum:
Gestalt und
Gestalten,
München
21984.
-
Papst Urban
II. und der
Stand der
Regularkanoniker,
München
1984. -
Einladung
ins
Mittelalter,
München
41989.
- Pour le
mérite. Über
die
Sichtbarmachung
von
Verdiensten.
Eine
historische
Besinnung,
Sigmaringen
1992.
- "Wer
hat die
Deutschen zu
Richtern
über die
Völker
bestellt?"
Die
Deutschen
als Ärgernis
im
Mittelalter,
in: Matinee
im
Bayerischen
Landtag 3,
München
1994, S.
12-27.
Hubertus
Seibert